Landtag

Eine sanierte Wohnsiedlung. (dpa/Frank Rumpenhorst)

14.01.2022

Klimaneutrale Häuser bis 2040

Die Gebäudesanierung kommt in Bayern nur schleppend voran – die Grünen fordern daher ein bayerisches Wärmegesetz

Gerade im Gebäudebereich schlummert ein enormes Potenzial zur Einsparung von Treibhausgasen und von Rohstoffen, sagen die Grünen. Sie haben daher ein bayerisches Wärmegesetz vorgelegt, das vor allem auf die Unterstützung des Handwerks setzt.

Beim Stichwort „schlafender Riese“ mag mancher an eine Figur aus einem Märchen denken: einen dickbäuchigen Hünen, der selig vor sich hin schnarcht. Martin Stümpfig jedoch dürften bei dieser Formulierung ganz andere Bilder vor Augen stehen: von Zahlen, Grafiken und vor allem von Häusern. Genauer gesagt, von unsanierten Häusern, die mit Öl und Gas beheizt werden. Mehr als 80 Prozent der Energie, die in Bayern für die Gewinnung von Wärme eingesetzt wird, stamme von fossilen Energieträgern, sagt der Grünen-Politiker, Sprecher für Energie und Klima in der Landtagsfraktion. Und: Von den rund drei Millionen Wohngebäuden in Bayern weise der überwiegende Teil eine schlechte Energieeffizienz auf. 

Das soll sich nach dem Willen der Grünen ändern: Anfang Dezember präsentierten sie im Landtag ihren Entwurf für ein Wärmegesetz, der unter anderem einen klimaneutralen Gebäudebestand bis zum Jahr 2040 vorsieht. Die Grundzüge des Papiers erläuterte Stümpfig vor wenigen Tagen bei einem Webinar unter dem Titel Bayerisches Wärmegesetz + Starkes Handwerk = Wärmewende. 

Was das alles mit einem dickbäuchigen Hünen zu tun hat? Sehr viel, sagte der Grünen-Politiker bei der Online-Veranstaltung. Denn im Bereich Gebäudesanierung und Wärmeplanung sei bisher viel zu wenig passiert. „Wir müssen den schlafenden Klima-Riesen Wärme wecken“, forderte er. Immerhin entstünden im Wärmesektor rund 35 Prozent der bayerischen Treibhausgas-Emissionen. Eine Zahl, die sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert habe. Auch deshalb, weil es in Sachen Gebäudesanierung nur schleppend vorangehe. Auf weniger als ein Prozent belaufe sich die Sanierungsrate in Bayern. Viel zu wenig, kritisierte Stümpfig: „Da muss etwas passieren.“ 

Damit sieht er sich auf einer Linie mit Vorgaben von der EU und vom Bund. Erstere strebt nämlich eine Verdoppelung der Sanierungsrate bis zum Jahr 2030 an. Der Bund wiederum plant, dass bis 2030 50 Prozent der Wärmeenergie klimaneutral erzeugt wird. Darüber hinaus soll ab 2025 jede neu eingebaute Heizung auf Basis von 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden. 

Nun lassen sich schlummernde Riesen selbst im Märchen nicht einfach durch sanftes Anstupsen wecken. Das wissen auch die Grünen. Ihr Vorschlag deshalb: ein Dreisprung in Sachen Wärmeversorgung. Zum einen durch Energieeinsparung, etwa durch eine Optimierung der Gebäudehülle. Zum Zweiten durch mehr Energieeffizienz, beispielsweise durch verbesserte Wärmeverteilung und effizientere Heizungen, und zum Dritten durch den Einsatz erneuerbarer Energien – also Wärmepumpen, die mit Ökostrom betrieben werden, Geo- und Solarthermie, Abwärme, Biomasse. 

Bei den Sanierungen setzt man auf eine Kombination aus Energieeinsparung und Nutzung klimafreundlicher Energieträger: Je höher der Anteil erneuerbarer Energien bei der Wärmeversorgung, desto größer solle der Spielraum bei der Sanierung der Gebäudehülle sein und umgekehrt, erklärte der Grünen-Experte. Besonders im Fokus hat er dabei vermietete Wohnhäuser. Für sie müssten höhere Anforderungen gelten, sagte Stümpfig. Denn wer zwei oder mehr Häuser sein Eigen nenne, habe für gewöhnlich breitere Schultern als der normale Eigenheimbesitzer. Dennoch müssten die Kosten gerecht zwischen Vermietern, Mietern und Staat aufgeteilt werden. Was im Übrigen kein Widerspruch zu einer gerechten Sozialpolitik sei. Denn Heizen mit Öl und Gas werde in Zukunft immer teurer werden, betonte der Sprecher. Eine vorausschauende Wärmepolitik sei deshalb sogar eine Voraussetzung für faire Mieten. Auch der Staat sei gefragt: Nach dem Willen der Grünen soll ein Wärmefonds mit 300 Millionen Euro pro Jahr eingerichtet werden, zur Unterstützung von Menschen mit Wohneigentum, aber ohne finanzielle Mittel. 

"Es muss einiges passieren, um mehr Leute ins Handwerk zu bringen"

Eine wesentliche Rolle bei der angestrebten Wärmewende soll das bayerische Handwerk spielen. Das nämlich sei „der wichtigste Partner für den sozialökologischen Umbau unserer Wirtschaft“, sagte Barbara Fuchs, wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag, die ebenfalls an dem Webinar mitwirkte. Von zentraler Bedeutung sei es daher, das Handwerk zu stärken. Zum Beispiel durch eine bessere Ausstattung der Berufsschulen. Oder durch eine Modernisierung der oft veralteten Ausbildungsprofile. Oder durch die Gleichstellung von beruflicher und akademischer Bildung, „damit junge Leute Lust auf eine Ausbildung im Handwerk bekommen“. 

Punkte, die Franz Xaver Peter-anderl, Präsident der Handwerkskammer München und Oberbayern, unterschreibt – ebenso wie die Forderung nach einer höheren Sanierungsquote. Darum bemühe sich das Handwerk seit Jahren, sagte er bei dem Webinar, sei damit aber immer auf taube Ohren gestoßen. Ebenfalls auf Peteranderls Wunschliste: mehr Flexibilität für die Betriebe, etwa bei den Arbeitszeiten. Statt der starren Begrenzung auf höchstens zehn Stunden pro Tag solle man doch eine Wochenarbeitszeit vorschreiben. Und man brauche mehr Zuwanderung. „Hier muss einiges passieren, um mehr Leute ins Handwerk zu bringen“, sagte der Handwerkskammerpräsident. Letzteres ist ganz im Sinne der Grünen. „Es ist Blödsinn, dass Geflüchtete jahrelang in Einrichtungen herumsitzen“, sagte Barbara Fuchs zu. Stattdessen solle man ihnen lieber eine Ausbildung im Handwerk ermöglichen. Um auch auf diese Weise dafür zu sorgen, dass das Wachrütteln des schlafenden Klima-Riesens kein Märchen bleibt. Denn, sagte Martin Stümpfig, „wenn wir das nicht schaffen, dann werden die bayerischen Klimaziele niemals erreicht“. (Brigitte Degelmann)

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