Leben in Bayern

150 Euro bringt ein Kilogramm der Arnikablüten, die man beispielsweise gegen müde Muskeln einsetzen kann. (Foto: dpa/Daniel Karmann)

09.02.2024

Arnika aus Niederbayern

Ein Gartenbauer im Landkreis Straubing hat sich auf den Anbau von Heilkräutern spezialisiert – ein boomender Markt

Gegen manches Wehwehchen lässt die Natur ein Kraut wachsen. Doch nicht alle Kräuter und Medizinpflanzen sprießen unbegrenzt wild und können ohne Limit geerntet werden, um Mensch und Tier zu behandeln und zu heilen. Ihre Existenz ist endlich. So herrscht derzeit zum Beispiel Mangel an Arnika. Hier kommt Fred Eickmeyer ins Spiel. Der promovierte Gartenbauer hat 2010 die Firma Eskusa gegründet, die in Parkstetten (Landkreis Straubing-Bogen) eine Heimat gefunden hat. Er stellt mit elf Beschäftigten Saatgut für Pflanzen her, die teils sehr selten geworden sind, betreibt Jungpflanzenanzucht, lässt Arnika im Vertragsanbau produzieren und züchtet im Auftrag Arznei- und Biogaspflanzen sowie Löwenzahn als Kautschuk- und Latexlieferant. Dabei sind auch die Landwirt*innen mit im Boot.

In einem der großen Gewächshäuser in der Dorfmitte in Parkstetten ist es schwül. Was dem Menschen Schweißperlen auf die Stirn zaubert, taugt der Arnikapflanze. Üppig hellgrün wächst die Arzneipflanze und sieht selbst kerngesund aus. Eickmeyer lässt den Blick prüfend über seine Jungpflanzen schweifen und ist hochzufrieden. Geht weiter alles gut, dann können die Pflanzen aufs Feld, dort wachsen und gedeihen und hoffentlich im Jahr darauf auch goldgelb blühen, bevor dann reich geerntet werden kann.

10 Hektar werden in ganz Bayern angebaut

Genau diese Blüten nämlich sind rar und gefragt. Im Lager nimmt Eickmeyer einen Ein-Kilo-Sack in die Hand und hält ihn hoch. 150 Euro bringt ein Kilo dieser Blüten, die er zum Beispiel an die Phytopharmaindustrie verkauft. 100 Euro davon bekommt der Landwirt, der sich um die Kulturen auf den Feldern kümmert. Denn diese Aufgabe legt die Firma Eskusa vertrauensvoll in die Hände der Anbauspezialisten. 10 Hektar Arnika baut die niederbayerische Firma derzeit in ganz Deutschland an, zusammen mit Landwirt*innen. Diese werden speziell geschult, damit sie sich um die Pflanzen fachgerecht kümmern können.
„Arnika ist sehr empfindlich. Die Pflanze geht schnell kaputt“, sagt der Firmengründer. Das hat er schon leidvoll erfahren müssen. Die vorherige Arnika-Kultur war nicht erfolgreich. „Wir haben versucht, 10 Hektar zu pflanzen. Es hat aber nicht funktioniert, weil die Jungpflanzen in den Anzuchtbetrieben zu wenig Nährstoffe zur Verfügung hatten.“ Die geplanten 10 Hektar konnten nicht bepflanzt werden – ein großer finanzieller Schaden.

Diesmal aber ist alles gut gegangen und die Extraktionsfirmen konnten mit erster Ware bedient werden. Bis zu 50 Hektar will Eskusa in Zukunft allein an Arnika anbauen, auf Gebieten von Bayern bis Flensburg. Dazu werden noch Landwirt*innen gesucht, die in den Vertragsanbau einsteigen wollen.
Der Bedarf an der Heilpflanze, die zum Beispiel müde Muskeln wieder munter machen soll, ist groß. „Es kann immer weniger Arnika wild gesammelt werden“, erklärt Eickmeyer. Das Vorkommen weltweit wird immer kleiner. Wer Blüten liefern kann, der wird deswegen hoch gehandelt: „Als bekannt wurde, was wir anbauen, lief das Telefon heiß.“ Dennoch will der Unternehmer keine Wucherpreise aufrufen, sondern lieber ein verlässlicher Lieferant für die entsprechende Industrie sein.

Löwenzahn liefert Kautschuk für Autoreifen

Arnika ist aber beileibe nicht die einzige Pflanze, deren Saatgut die Firma entwickelt und zum Wachsen bringt. Enzianwurzel und Johanniskraut, Blaue Lupine oder Russischer Löwenzahn – das Repertoire ist umfangreich. Vieles ist für die Arzneimittelproduktion und Phytopharmaindustrie, aber nicht alles. So liefert der Russische Löwenzahn zum Beispiel Kautschuk für die Produktion von Autoreifen. Dazu musste er aber von Eickmeyer und seinem Team optimiert werden.

Der Experte nimmt ein Büschel Wurzelwerk dieser Pflanze in die Hand und bricht eine Wurzel. Im Inneren sind deutlich die Kautschukfäden zu erkennen. Das war aber nicht immer so – das Unternehmen entwickelt die Pflanzen so weiter, dass sie mehr Ertrag bringen, sei es nun ein höherer Kautschukgehalt bei den Industriepflanzen oder ein höherer Wirkstoffgehalt bei Arzneipflanzen. Wie das geht? „Man kreuzt über mehrere Generationen immer wieder die Besten mit den Besten“, erklärt er.

In diesem Bereich bringt er große Erfahrungen mit. Der gebürtige Cuxhavener entwickelte bereits bei anderen Firmen Saatgut und kam so nach Niederbayern. Sein früheres Unternehmen versuchte sich neben seinem eigenen Geschäftsfeld im Medizinpflanzenanbau, aber laut Eickmeyer eher halbherzig, und so kam er auf seine Geschäftsidee. 2010 machte er sich selbstständig, 2015 hat die Firma in Parkstetten eine Heimat gefunden. Das Unternehmen wächst stetig, soll aber nicht riesig werden – lieber holt Eickmeyer Partner wie zum Beispiel Landwirt*innen ins Boot.

Zum Teil selbst gebaute Maschinen

Das A und O ist für ihn das Saatgut: „Mit dessen Qualität steht und fällt jedes Anbauprojekt“, sagt er. Eng ist die Verzahnung mit der Wissenschaft wie zum Beispiel dem Bereich der nachwachsenden Rohstoffe. Auch die Technik spielt eine wichtige Rolle: Die Saatgutproduktion und Saatgutaufbereitung erfolgen mit Spezialmaschinen, die zum Teil selbst gebaut wurden. Neben der Saatgutreinigung hat Eskusa auch verschiedene Verfahren der technischen Saatgutveredelung zur Verbesserung von Keimfähigkeit und Feldaufgang im Angebot.

Heilpflanzen wie Arnika sind zurzeit gefragt wie nie. Aber auch Textilpflanzen gehört in Deutschland möglicherweise wieder die Zukunft. „Die Textil- und Papierindustrie verlangt nach Faserpflanzen wie Flachs, Hanf und Co. Der Anbau könnte in Deutschland wieder heimisch werden“, sagt Eickmeyer und lässt seinen Blick dabei auch über eine bewusst gepflanzte Kolonie Brennnesseln schweifen, die ebenfalls für die Textilherstellung infrage kommen.

Es gibt noch viel zu tun für ihn und sein Unternehmen. Und dabei ist vor allem eines gefragt: Geduld. Denn es dauert in der Regel Jahre oder Jahrzehnte, um Saatgut weiterzuentwickeln und schließlich Ertrag zu erhalten. Das Geschäft mit der Pflanze erfordert einen langen Atem. Rückschläge gehören dazu. Aber auch viele Erfolge. (Melanie Bäumel-Schachtner)
 

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