Leben in Bayern

Mario Schrader fischt mit seiner Magnetangel im Main. Eine Fund von ihm und Walter Linder: ein altes Verkehrsschild (kleines Bild). (Fotos: Nicolas Armer/dpa)

02.12.2019

Auf lebensgefährlicher Schatzsuche

In Flüssen und Teichen nach Schätzen und Schrott suchen: In den vergangenen zwei Jahren ist das Magnetfischen in Bayern immer beliebter geworden. Doch ungefährlich ist das neue Hobby nicht

"Hinter jedem Fund steckt eine eigene Geschichte", erzählt Mario Schrader und wirft seinen Magneten erneut ins Wasser. Er steht am Würzburger Ludwigskai. Mit dabei ist Walter Linder. Seit etwa eineinhalb Jahren teilen die zwei ein Hobby, das in Bayern kaum bekannt, aber schon jetzt umstritten ist: Magnetangeln. An diesem Tag mussten sie dafür früh aufstehen. Als sie am Mainufer ankommen, liegen noch leichte Nebelschwaden über dem Fluss.

Schrader befestigt einen silbern glänzenden, zwei Kilo schweren Magneten an einem etwa 20 Meter langen Kunststoffseil. Das andere Ende bindet der 22-Jährige an einer im Boden verankerten Metallstrebe fest. Dann nimmt er den Magneten in die Hand, holt aus und wirft ihn etwa fünf Meter Richtung Flussmitte. Die beiden suchen nach Schätzen und Schrott, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten auf dem Grund des Mains liegen.

Für Magnetangler kommt jetzt der spannendste Moment: Mit langsamen Bewegungen zieht Schrader an dem Seil und versucht den Magneten wieder aus dem Wasser zu angeln. Beim ersten Wurf haben sie heute nicht so viel Glück: ein alter, verrosteter Haken. "Könnte zur Uferbefestigung gehören", überlegt Schrader. "Oder von einem Schiff", sagt Linder. Als sie wenig später ein Verkehrsschild aus dem Wasser ziehen, werden die beiden von zwei neugierigen Rentnerinnen beobachtet. Immer wieder werden sie gefragt, ob sie denn mit dem Magneten Fische angeln. Klare Antwort: Nein.

Facebook-Gruppen mit mehreren Tausend Mitgliedern

Obwohl das Hobby noch recht unbekannt ist, ist das Magnetfischen in den vergangenen zwei Jahren immer populärer geworden - auch weil es günstig ist. Einen brauchbaren Magneten inklusive Seil gibt es schon für unter 40 Euro. Zwar gibt es keine Vereinsstrukturen, doch auf Facebook sind zwischenzeitlich Gruppen mit mehreren Tausend Mitgliedern entstanden, in denen die Hobbyangler Bilder ihrer Funde miteinander teilen und über die richtige Ausrüstung diskutieren. Eines der größten Infoportale im Internet ist die Seite www.magnetfischen.net. Das Interesse sei deutlich gestiegen, erzählt Lukas Maaß, der die Homepage seit 2016 betreibt. Die Seitenbesuche hätten sich in den vergangenen Jahren auf 55 000 verdoppelt.

Doch was treibt Magnetangler an? "Man hofft immer darauf, etwas Altes und Wertvolles zu finden", antwortet Schrader, der in seinem Keller mittlerweile einen eigenen Schatz-Schrank hat. Die Liste von Dingen, die er aus dem Wasser gezogen hat, ist lang: ein Autoradio, ein Fahrrad, ein Bügeleisen, ein Einkaufswagen, Münzen und vieles mehr. "Manche Leute entsorgen ihren Müll eben einfach im Main", sagt er.

Doch nicht immer finden sie nur Nägel oder Kronkorken. Schon drei Mal haben die Männer Sprenggranaten aus dem Wasser gezogen. Sie betonen, dass sie nicht gezielt danach suchen. Trotzdem spricht das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) eine explizite Warnung aus. Noch deutlicher wird der erfahrene Sprengexperte Andreas Heil: "Kampfmittel sind gebaut, um zu töten - und das tun sie bis heute." Viele Brunnen, Teiche und Flüsse seien bis heute nicht untersucht worden.

Eine Gefahr: stark angerostete Granaten

Durch den Magneten könnten etwa Granaten, die über die Jahre stark angerostet sind, bewegt werden und innerhalb kürzester Zeit detonieren - gerade wenn sich der Zünder löst oder der Sprengstoff mit Wasser in Verbindung kommt. Bei einer Explosion riskierten Magnetangler ihr Leben und das ihrer Mitmenschen. Eine Granate, wie sie Schrader und Linder aus dem Main gezogen haben, könne zur Erblindung führen und einem die Hände wegsprengen. Splitterteile im Bauch seien lebensgefährlich. Mit solchen drastischen Beispielen versucht Heil auf die Magnetangler-Szene einzuwirken.

Ein weiterer Punkt seien die steigenden Kosten. Es habe in diesem Sommer Wochenenden gegeben, da mussten Heil und sein Team zu sieben Einsätzen ausrücken, an denen fünf Mal ein Magnetangler beteiligt gewesen sei. "Das tut dem Steuerzahler richtig weh", kritisiert Heil.

Einige Kommunen haben wegen der Granatenfunde Verbote ausgesprochen. Das Innenministerium bestätigt, dass Städte und Gemeinden Magnetfischen untersagen können. Wer das Hobby betreiben will, muss sich grundsätzlich eine Genehmigung beim Landratsamt holen.

Gerade in sensiblen Gewässerbereichen und während der Laichzeiten einheimischer Fischarten meldet das Landesamt für Umwelt Bedenken an. Zwar holen die Magnetangler auf der einen Seite Müll aus dem Wasser, trotzdem könnten Krebse, Muscheln und andere Organismen am Boden geschädigt werden. Untersuchungen gibt es dazu aber bisher nicht. Wie bei jeder anderen Fundsache müssen auch Magnetangler Gegenstände, die sie finden, die aber nicht ihnen gehören, bei der Gemeinde anzeigen. Bei archäologischen Funden sind die Denkmalschutzbehörden zuständig.

Besonders heikel wird es laut Sprengexperte Heil bei Kampfmitteln. Weil Magnetangler die Sprengkörper automatisch aus dem Wasser heben, bewegen sie sich schnell in einer rechtlichen Grauzone. In jedem Fall müsse man direkt die Polizei alarmieren. Wer allerdings Waffen oder Sprengkörper mit nach Hause nimmt, begeht laut LKA eine Straftat. Zwar sei die Zahl solcher Fälle in Bayern bisher gering, doch es habe in der Magnetangler-Szene auch schon Hausdurchsuchungen gegeben.
(Moritz Baumann, dpa)

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