Leben in Bayern

Die Familie wollte ihn heimholen, aber Mehmet Emre Durgut blieb. (Foto: Privat)

31.07.2020

Auslandssemester im Lockdown

Mehmet Emre Durgut und Daria Nikitina kamen im Frühjahr zum Studieren nach München – und wurden hier von der Corona-Pandemie kalt erwischt

180 Studierende aus aller Welt waren für das Sommersemester 2020 an die Hochschule München gekommen. Die meisten sind trotz Corona-Pandemie geblieben. Der Istanbuler Mehmet Emre Durgut und Daria Nikitina aus St. Petersburg sind zwei von ihnen. Und auch wenn sie die Hochschule kaum von innen gesehen haben, sagen sie: Der Aufenthalt in München hat sich gelohnt.

Der Eisbach und der Englische Garten haben es Mehmet Emre Durgut angetan. Dort genießt der 22-jährige Austauschstudent aus Istanbul die Sommertage in München – bevor er zurück in seine Heimat Türkei fliegt. Und auch die 20-jährige Daria Nikitina aus St. Petersburg „kombiniert derzeit Urlaub und Studium“, bis sie Mitte August wieder nach Russland heimkehrt. Durgut und Nikitina sind zwei von 180 Austauschstudierenden, die für das Sommersemester an die Hochschule München gekommen waren. Und sie sind wie 130 andere trotz Corona geblieben. Beide sind froh darüber, auch wenn die Zeit anfangs nicht ganz einfach war, wie sie sagen.

Nikitina: „In München durfte man immerhin raus – anders als in St. Petersburg“

Leicht fiel ihnen der Entschluss nicht, trotz Lockdown in München zu bleiben. Durgut studiert im sechsten Semester Wirtschaftsingenieurswesen und kam Ende Februar mit dem Erasmus-Plus-Stipendium nach Bayern. „Ich hatte noch die Einführungstage, an denen ich die Universität von innen gesehen habe, und das war es dann“, erzählt Durgut. „Der Lockdown war erst ein Schock für mich, aber ich wollte nicht in die Türkei zurück, weil ich dachte, dass es hier in ein bis zwei Monaten wieder besser wird. Und so war es ja auch“, sagt er. Allerdings musste der Student erst seine Familie, die ihn heimholen wollte, überzeugen. Durgut: „Aber sie haben schließlich meinen Entschluss akzeptiert.“

Dass sich Durgut für München bewarb, hatte mehrere Gründe, wie er sagt. Zum einen, weil die Hochschule einen sehr guten Ruf habe. „Außerdem liegt München im Herzen von Europa und es sind so viele Nachbarländer, die mich interessieren, ob Österreich, die Schweiz oder Frankreich“, sagt er. Tatsächlich hat er es nach dem Lockdown noch geschafft, einige Städte im Turbotempo zu besichtigen: Wien, Prag, Budapest, Salzburg und Amsterdam. Doch erst einmal war Durguts Geduld gefragt. Denn statt des üblichen Uni-Programms – mit persönlichen Kontakten und Sightseeing-Unternehmungen – saß der junge Mann in seiner WG in Schwabing fest. „Zum Glück hatte ich sehr nette Mitbewohner, mit denen ich die Küche teilte. Wir haben uns auch oft Filme zusammen angesehen oder geredet.“ Und Durguts WG befindet sich in der Nähe des Alten Nördlichen Friedhofs, der von vielen Anwohnern als Park genutzt wird. „Dass die Menschen in einem Friedhof joggten, hat mich sehr überrascht, denn das ist in der Türkei unvorstellbar“, erzählt er. Bald drehte er dort ebenfalls regelmäßig seine Runden. „Das war eigentlich der größte Spaß zu der Zeit.“ Dank Online-Kursen kam aber auch die Uni nicht zu kurz. Durgut fühlte sich von der Hochschule gut unterstützt. „Die Verantwortlichen haben das Problem sehr gut gelöst“, sagt er.

Auch Daria Nikitina kam kurz vor dem Lockdown nach München – am 1. März mit einem Stipendium des Deutschen Austauschdienstes. Nikitina, die im sechsten Semester Wirtschaftsmanagement studiert, konnte gerade noch an den Einführungsveranstaltungen teilnehmen, dann kamen die Ausgangsbeschränkungen. Sie erinnere sich sehr gut an den Moment des Lockdowns, als sich alle Gaststudierenden überlegten, ob sie wieder in ihre Heimatländer zurückkehren sollten. 50 Austauschstudierende der Hochschule München entschieden sich dafür. Einige besuchten nach ihrer Rückkehr aber weiterhin die Online-Kurse der Hochschule und legten auch Online-Prüfungen ab.
„Aber ich dachte mir, wenn es eine Pandemie ist, ist sie ja schließlich überall“, erklärt Nikitina. „Und in München gibt es eine sehr gute medizinische Versorgung, ich fühlte mich deshalb hier besser geschützt.“ Ebenfalls ein wichtiger Grund für ihre Entscheidung: In München konnte man während der Ausgangsbeschränkung zum Spazierengehen oder Radfahren nach draußen – und musste nicht wie in St. Petersburg in der Wohnung bleiben. „Ich versuchte die Krise aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, denn Krise bedeutet ja auch Chance“, erzählt Nikitina. Und so nutzte sie die Zeit zum Beispiel zur Intensivierung von Beziehungen. „Das stützte mich in der Zeit des Lockdowns.“ Mit ihren Freund*innen und ihrer Familie kommunizierte Nikitina hauptsächlich über Messengerdienste, aber auch mit den Mitbewohner*innen in der Wohngemeinschaft des Studentenwerks hatte sie guten Kontakt. „Und mit der Uni lief es viel besser als ich dachte“, betont die 20-Jährige. „Die Professoren versuchten für uns zu tun, was sie konnten. Manche kommunizierten auch über Zoom und andere Programme mit uns.“

Allerdings: Nach einem Monat sei Nikitina plötzlich bewusst geworden, dass sie bislang noch kein einziges Wort deutsch gesprochen habe. Denn auch ihre WG-Genoss*innen kamen aus anderen Ländern, man verständigte sich deshalb auf Englisch. „Ab dem Moment suchte ich dringend nach Möglichkeiten, deutsch zu sprechen“, erzählt sie und lacht. Also suchte sie über die Dating-App Tinder Kontakte in München. „Natürlich vor allem Männer. Mit denen habe ich gechattet oder sie eben nach den ersten Sätzen gelöscht“, erzählt sie und grinst.

Groß war die Erleichterung, als immer mehr Bereiche des Lebens wieder öffneten. Nikitinas Lieblingssport ist Schwimmen. „Ich gehe jetzt oft ins Freibad“, sagt sie. Außerdem habe sie München besichtigt und sei auf der Zugspitze gewesen. „Alle warnten mich, dass es dort überlaufen sein würde, aber es war gar nicht voll.“ Aber auch im Englischen Garten ist Nikitina gerne. „Hier trifft man so viele Kulturen, hier sind Studierende aus den unterschiedlichsten Ländern, das ist eine bereichernde Erfahrung für mich“, sagt sie. Bevor die Russin heimkehrt, stehen noch ein paar Prüfungen an, aber auch für einen kurzen Urlaub bleibt noch Zeit.

Durgut besuchte erst kurz vor der Abreise erstmals die Uni-Bibliothek

Auch Durgut ist oft im Englischen Garten anzutreffen – jeden Sonntag springt er dort mit Freunden in den Eisbach. Besonders begeistert ihn, dass dort so viele junge Menschen zu finden sind. Am Anfang habe er sich über das hohe Durchschnittsalter der Leute in München gewundert, in Istanbul gebe es viel mehr jüngere Menschen. „Anfangs habe ich ja kaum Menschen gesehen“, betont er.
Beeindruckt haben den jungen Türken aber auch die Münchner Museen. „Nachdem alles wieder geöffnet war, haben wir das Deutsche Museum besucht und es war so ein unglaublich toller Ort, wir haben dort sechs Stunden zugebracht.“ Völlig baff sei er über die Größe des Museums gewesen. Aber auch die Alte Pinakothek habe ihm gut gefallen, sagt er.

Vor seiner Abreise wollte Durgut aber auch noch einmal etwas von der Uni sehen. „Ich habe jetzt die Bibliothek besichtigt, sie hat mir gut gefallen“, erzählt er. Bücher habe er aber nicht mehr ausgeliehen. „Ich bin wirklich froh, dass ich geblieben bin“, sagt Durgut. „Ich werde gute Erinnerungen an München haben.“ > Lucia Glahn

Foto (Johannes Lesser): Daria Nikitina suchte über Tinder Kontakt zu Münchnern.

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