Leben in Bayern

Teilnehmende des Online-Programms Talent Take Off. (Screenshot: BSZ)

16.04.2021

Berufswunsch Astronautin

Die Studienwahl ist in Corona-Zeiten besonders schwierig – mit dem „Talent Take Off“ will die Fraunhofer-Gesellschaft jungen Männern und vor allem Frauen Orientierung geben

Ein paar Ideen haben sie schon. „Physik ist voll mein Ding“, sagt Julia, 17 Jahre, „am liebsten würde ich Astronautin werden.“ Alyssa, 16, mag Mathe und Astronomie, Und Sinja, 18, liebt nicht nur Musik, sie löst auch gern Matheaufgaben – zur Entspannung. Alle drei teilen eine besondere Leidenschaft. Sie mögen MINT-Fächer, die von vielen Schüler*innen rundheraus abgelehnt werden: Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften, Technik.
Die drei jungen Frauen nehmen an dem einwöchigen Studienorientierungsprogramm „Talent Take Off“ (TTO) der Fraunhofer-Gesellschaft in Kooperation mit der Femtec GmbH teil – coronabedingt findet sie online statt. In den vergangenen elf Jahren haben bereits rund 1200 Schüler*innen und Studierende das Programm mit seinen verschiedenen Modulen durchlaufen. Die Hälfte davon ist weiblich.

„Es ist kein Programm, das versucht, Interessen wachzurufen“, erklärt Koordinatorin Anke Streckfuß aus der Münchner Fraunhofer-Zentrale. „Zu uns kommen Schülerinnen und Schüler, die bereits Interesse an MINT-Berufen haben, aber noch ein bisschen schwanken. Vielleicht, weil sie unheimlich viele Talente haben. Oder weil sie sich ein MINT-Studium nicht zutrauen.“

Die Corona-Pandemie macht die Wahl eines Studienfachs noch kniffliger. Präsenzveranstaltungen zur Studienorientierung sind schon seit einem Jahr unmöglich. Und auch dem Orientierungsjahr, das junge Leute nach dem Abi gerne mal einschieben, um sich der elenden Studienfrage ganz allmählich zu nähern, steht Corona oft im Weg. Ein Jahr USA oder Brasilien – das fällt gerade aus. Jobs, Praktika oder Work and Travel gehen wohl frühestens im Spätsommer. Wenn überhaupt. Umso wichtiger sind Formate, die den jungen Menschen ganz persönlich Rat und Orientierung bieten. Denn so niedrigschwellig und selbsterklärend die vielfältigen Angebote im Netz auch gestaltet sein mögen, letztlich sind es vor allem Gespräche mit Studierenden und Berufstätigen, die vielen helfen, sich dem Thema Studienwahl zu nähern.

Klar, dass es da nicht nur (aber auch) um die minutiöse Auflistung einzelner Wahl- und Pflichtmodule im Bachelorstudium gehen kann, sondern dass das ganz individuelle Interessen- und Talenteprofil herausgearbeitet werden muss. Information über das, was Bildungs- und Arbeitsmarkt zu bieten haben einerseits, Selbsterkundung andererseits. Je besser beides zusammenspielt, umso sicherer fällt die Entscheidung aus, welchen Studiums- oder Berufsweg man einschlägt.

Das Talent Take Off beginnt darum an der Basis mit den Fragen: „Was ist das eigentlich: Studieren?“ und „Was wird da verlangt?“ Trainer Baris Ünal klärt über die Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten auf, die Teilnehmenden lernen die Vor- und Nachteile eines dualen Studiums kennen und erfahren, auf welche Fähigkeiten es im Studium generell ankommt: Dass man sich gut strukturieren und selbstständig arbeiten können sollte, dass man Durchhaltevermögen braucht, Kommunikationsfähigkeit und Kreativität. Das Topkriterium: „Interesse am Studienfach“.

An diese Fragen schließt sich eine Traumreise an, in der man sein imaginäres Leben abrollen lässt. Das Ergebnis: Viele wollen beruflichen Erfolg, aber auch Zeit für Freunde und Familie haben. Auffällig auch: Die meisten möchten einen bleibenden Eindruck in der Welt hinterlassen.

Alles nur Träume? Von wegen, meint Teamerin Cornelia Fleck. „Realistisch zu sein heißt zu überlegen: Was ist mein Traum?“ Und wie er Realität werden kann. Fleck: „Das Leben besteht aus mehr als Arbeit. Es ist wichtig, das mitzuplanen.“

Hilfreich ist es bei der Studiumssuche auch, sich mit der Bildungs- und Berufsgeschichte der eigenen Familie zu beschäftigen, wie Trainerin Tanja Berger erklärt. „Man folgt Pfaden – oder geht sie bewusst nicht.“ Dabei fällt den Schüler*innen zum Beispiel auf, dass es ganz viele Lehrkräfte in der Familie gibt. Die Mutter die Einzige ist, die studiert hat. Oder alle studiert haben – außer der Mutter. Dass man zu Hause erlebt hat, wie belastend körperliche Arbeit sein kann. Wie wichtig Jobsicherheit ist. Oder wie schwierig, Arbeit und Familie zu verbinden.

Erfolgreiche Forscherinnen geben Einblick in die Arbeit

Die jungen Leute schauen sich auch Online-Vorlesungen an – in Physik, Weltraumforschung oder Chemie. Manche fassen die Inhalte souverän zusammen. Andere stellen aber auch fest, dass sie manches nicht auf Anhieb verstehen. „Das kommt auch im Studium auf euch zu, darum sind Lerngruppen extrem wichtig, in denen man nacharbeitet, was man nicht verstanden hat“, erklärt Anke Streckfuß während der Online-Konferenz. Dass es an der Uni unpersönlicher zugeht als in der Schule, die Inhalte einer Vorlesung indes erkenntnisreiche Highlights sein können: alles kostbare Erfahrungen. Und noch etwas wollen die Veranstalter zeigen: „Dass der Ingenieurberuf total kreativ sein kann“, wie Streckfuß erklärt.

Eine große Bandbreite unterschiedlicher Persönlichkeiten kennenlernen, Role Models finden – das ist eines der erklärten Ziele des TTO. Darum lernen die Teilnehmenden Katrin Dietmayer vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen, der größten von insgesamt 75 Forschungseinrichtungen, kennen. Dietmayer baut Empfänger, mit deren Hilfe Satellitendaten abgegriffen werden. Oder die Medientechnikerin Eva Hasenberger, die am IIS als Quereinsteigerin 3D-Soundanlagen fürs Auto entwickelt.

Am Ende einer erkenntnisreichen Woche weiß Julia nun ziemlich genau, was sie tun muss, um Astronautin zu werden. Nämlich erst mal Physik und Astrophysik studieren und sich körperlich fit machen. Alyssa ist klar, dass sie Mathe studieren will.

Und Sinja weiß jetzt, „dass ich mich nicht von Anfang an auf eine Richtung festlegen muss, sondern während des Studiums jederzeit überall abbiegen kann“. Was sie vor allem genossen hat? „Neue Leute kennenzulernen.“ Denn manchmal, erzählt die 18-Jährige, hat sie sogar in den Ferien das Bedürfnis, eine Matheaufgabe zu rechnen. „Ich dachte immer, das wäre ein bisschen sonderlich. Aber im Kurs habe ich zwei Leute gefunden, denen es genauso geht.“
(Monika Goetsch)

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