Leben in Bayern

Seit dem Wochenende dürfen Bars wieder öffnen, auch am Thierschplatz im Lehel. (Foto: Karl Stankiewtz)

21.09.2020

Corona-Tagebuch: Bussi-Uschi ja, Clubs nein

Der Münchner Autor Karl Stankiewitz (91) über seine Erlebnisse und Gedanken in der Corona-Krise

Er hat schon viel erlebt. Karl Stankiewitz ist 1928 geboren und einer der ältesten aktiven Journalisten in Deutschland. Doch die Corona-Krise stellt auch den Münchner Autor vor viele neue Herausforderungen. Sein Corona-Tagebuch, das auf bayerische-staatszeitung.de regelmäßig aktualisiert wird, gibt spannende Einblicke in das Leben in München während der Corona-Krise - aus ganz persönlicher Sicht.

21. September
In jener Zeit, als rebellisch gewordene Stadtbürger gegen den Kapitalismus kämpften, widersetzte sich die ideologisch stramme SPD-Sektion Altstadt-Lehel hartnäckig der am idyllischen Thierschplatz geplanten U-Bahn-Station. Begründung: Dadurch wäre dort Wildwuchs von Konsum und Kommerz zu erwarten. Ganz so schlimm ist es dann, wie oft bei derlei Ängsten, doch nicht gekommen. 

Vier Locations für Speis und Trank und Z'ammhocken sind es dann geworden, alle direkt am U-Bahn-Ausgang Ost, alle mit exotischen Namen und Angeboten. Das hat einen kosmopolitischen, um nicht zu sagen komischen Flair in unser braves Vorstädtchen gezaubert. Gottlob blieb, einen Steinwurf entfernt, der Tattenbachhof erhalten, in dessen „Altdeutscher Weinstube“ einst Chorsänger der Staatsoper nach der Vorstellung ihre Gesangskünste solo und gratis dargeboten hatten.

Am 15. März 2020 war Schluss mit Essen und Trinken und mit lustig erst recht. Am Thierschplatz hatte wochenlang nur noch die systemrelevante Apotheke auf, und der 115 Jahre alte Schnitterin-Brunnen plätscherte ungehemmt weiter. Langsam aber hob sich Corona-Söders Eiserner Vorhang. Erst öffneten wieder der Italiener Pepenero und der Inder Sitar, beide reklamierten noch einige der eh ungeliebten Parkplätze als Freischrankflächen hinzu.

Am 18. Mai wurden sämtliche Freischankflächen Bayerns, Biergärten inklusive, wieder freigegeben. So durfte auch das Ca Ba Lu seine Tische und Stühle erneut neben die U-Bahn-Rolltreppe stellen. Obwohl Kneipen wie eben diese noch gar nicht an der Reihe waren. Doch der clevere Jungwirt, den die Gäste nur als Mike kennen, drängelte sich flugs in die bevorzugte Abteilung Restaurant, indem er Snacks zu seinen Cocktails servierte, und zwar die „Best Burgers in Town“.

Obendrein könnte die kleine Kneipe mit einem Traditiönchen locken, so es denn das aktuelle Jungvolk interessieren würde. Haus Nr. 5 am Thierschplatz war nämlich in den fröhlichen 1970er-Jahren ein Ort, den man heute Hotspot nennen würde. In der ersten Helmut-Dietl.-Serie „Münchner Gschichten“ hatte Charly Häusler, der windige Stenz vom Lechl, seine Oma dort ausquartiert, nach Neu-Perlach, um ihre Wohnung in einen Shop zu verwandeln: „Tscharlies Tscchiens“.

Seit diesem Wochenende nun stehen auch die speiselosen Bars auf dem staatlichen Phasenplan. Deshalb durfte auch der Nachbarladen den Vollbetrieb wieder aufnehmen. Eigentlich wollten Joe und Ashni den Neustart laut Aushang mit einer „Big Party“ feiern. Wegen der neuen Viren-Welle begnügten sie sich spontan mit „Soft Opening Hours“ für Stammgäste („Famiglia“) und andere - „vom Studenten über den Bauarbeiter bis hin zum Anzugträger“. Natürlich achten die beiden „Baristen“, wie sie sich bezeichnen, ganz streng auf Masken und Abstände zwischen den Hockern rund um den Tresen. Diese Bar hat gleich zwei fremdartige Namen: „Celento & Stenz“ sowie „Bussi Uschi“. Mit dem einen sollen Mittagsgäste angesprochen werden, mit dem anderen junge Nachtschwärmer.

Jetzt warten nur noch die Betreiber von Clubs und Discos auf das erlösende Wort aus der Staatskanzlei. Die Zeit drängt, Freischankflächen sind bald nicht mehr gefragt. „Winter is coming“, sinnierte der Landesvater. „Nur Alkohol, keine Speisen, unglaublich laute Musik, Singen, Schreien im Zweifelsfall, auf engstem Raum – große Vorsicht und Vernunft sind da sicher nur ganz schwer durchsetzbar.“ Wirte, wartet noch ein Weilchen, will Söder wohl sagen. Aber wie tröstet sich doch der Monaco Franze, ein anderer Dietl-Held, in der vollen Tanzbar: „A bisserl was geht immer.“

 

Das Tagebuch von Karl Stankiewitz in chronologischer Reihenfolge:

Januar
In der SZ lese ich eine Kurzmeldung, deren Überschrift aus drei Wörtern besteht: „Lungenkrankheit in China“. Corona: Im katholischen Altbayern denkt man dabei vielleicht an die Heilige Corona. Die 16-jährige Christin aus Damaskus, die buchstäblich zerrissen wurde, wird als Schutzherrin gegen Seuchen verehrt. Mehrere Wallfahrtskirchen sind ihr hierzulande geweiht.

Ein 33-jähriger Angestellter der Autozulieferfirma Webasto in Stockdorf bei Mün­chen hat sich bei einer Schulung bei einer Kollegin aus Shanghai mit SARS-CoV-2 angesteckt.  Später wird bei weiteren Angestellten und deren Familienmitgliedern eine Infektion festgestellt. Alle Erkrankten müssen in Quarantäne. Die Firmenzentrale schließt.

Anfang März
Die Hiobsbotschaften überstürzen sich. Mehrere Länder, voran Italien, Israel und die USA, verfügen Reisebeschränkungen. Erste Veranstaltungen werden abgesagt: die wichtige Weltmesse des Tourismus, die ITB in Berlin, die internationale Handwerksmesse in München oder auch das Startbierfest auf dem Münchner Nockherberg. Die Wirte anderer Bierpaläste hingegen schenken ihr Frühjahrsstarkbier weiter aus.

Die Zahl der Infizierten in München klettert auf insgesamt 60 Fälle. Die Staatsregierung beschließt, dass keine Veranstaltungen mehr mit mehr als tausend Teilnehmern stattfinden dürfen. Das trifft vor allem die großen Münchner Theater, die Fußballstadien und etliche Bierhäuser. Nur die Vorbereitungen fürs Oktoberfest laufen vorerst weiter.

11. März
Die Weltgesundheitsorganisation erklärt die neue SARS-Epidemie zur Pandemie, zur weltweiten Seuche. Bayern zählt 558 und München 39 Infizierte. Von nun an trifft es auch Bayern und München Schlag auf Schlag. Erste Schulen schließen. Veranstalter, Reisebüros und Hotels melden Absagen. Personal wird gekündigt oder in Kurzarbeit geschickt, Angestellte wechseln ins Home-Office.

15. März
Ein sonniger Sonntag. Kommunalwahlen in Bayern. Frühmorgens ist das Wahlzimmer in der Ker­schensteiner Schule noch leer. Alle Wahlhelfer tragen Handschuhe. Ein Wasserbecken mit Seife und Handtuch steht für die Wähler bereit. Für einige der 775 Münchner Wahlloka­le mussten am Abend zuvor noch Lehrer gewonnen werden, weil ein Viertel der Wahlhelfer aus Vorsicht abgesagt hat. Man sieht auch Mundschutz; eine Maske mit langem Schnabel gleicht, wie ein Zeitungsbild zeigt -  ähnlich der grausigen Pestmasken des Mittelalters.

Corona zum Trotz fahren wir nach der Wahl hinaus ins Oberland. Die Züge der BOB nach Bad Tölz sind gut besetzt, noch ist der Eisenbahnverkehr nicht eingeschränkt. Und die besonnten Vorplätze der Cafés am Isarskai bersten schon am Vormittag von Besuchern. Jemand zitiert Goethe: „Aus dem hoh­len, finstern Tor drängt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heut so gern...“ Man könnte bei Spaziergang allerdings auch an eine andere Faust-Szene denken: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er es am Kragen hätte ,..“

Das teuflische Virus hat bis zu diesem schönen Sonntag in Bayern bereits über tausend Menschen gepackt. Aus Würzburg wird der dritte Todesfall aus einem Seniorenheim gemeldet.

16. März
Für Bayern gilt der Katastrophenfall. Am Nachmit­tag folgen die anderen deutschen Landesregierungen an. Konkret bedeutet das die sofortige und unbefristete Schließung aller Freizeitstätten wie Schwimmbäder, Kinos oder Clubs. Die christlichen Kirchen haben schon von sich aus ihre Gottesdienste eingestellt. Man erwägt, dies verpflichtend allen Religionsgemeinschaften vorzuschreiben. Der Dom ist den­noch gut besucht. Viele Münchner beten und bitten, das Unheil abzuwenden. Überall brennen Ker­zen in der Dunkelheit.

In meinem Altstadtviertel Lehel scheint das gewohnte Gewimmel an diesem Werktag deutlich nachgelassen zu haben. Immerhin sind ja alle Schulen und Kitas schon seit Freitag geschlossen. Am Eingang meiner Bank hängt ein Zettel mit einem rührenden Angebot von Schülern, die anbieten, Mitbürgern bei Einkäufen zu helfen.

Auch jedem zweiten Tisch meines Stammlokals liegt ein Zettel. Jeder Tisch soll aus hygienischen Gründen frei bleiben. Abgesehen von einem Pärchen bin ich der ein­zige Mittagsgast in dem großen Restaurant. Die junge Kellnerin ist noch eine Spur aufmerksamer als sonst, sie bittet zum Händewaschen an die Theke („Da müssen Sie nicht extra in die Toilette ge­hen“) und reicht ein Fläschchen zum Desinfizieren.

Per Rundfunk und Computer werde ich den ganzen Tag über von Negativmeldungen heimge­sucht. Ununterbrochen hagelt es Absagen von allerlei Veranstaltungen - auch meine eigene Lesung aus meinem Buch „Münchner Meilensteine“ entfällt. Eine E-Mail spuckt Verhaltensregeln aus. „Das Virus ist nicht hitzebeständig, trinken Sie viel heißes Wasser“, so der Tipp angeblich von einem in China forschenden italienischen Arzt. Ich leite sie zur Information weiter, muss aber bald erfahren, dass es sich um eine von vielen Fake News handle. Allerlei Gauner sind bereits in Sachen Corona auf Dummenfang.

17. März
Eigentlich wollte ich mir Sigmar Gabriel anhören. „Mehr Mut“ heißt das Buch, über das der manchmal krisengeschüttelte SPD-Politiker im Café Luitpold reden wollte. Die Diskussion ist natürlich auch gestrichen. Doch viel mehr als die Politiker sind die vielen Künstler von der verordne­ten Kulturpause betroffen. „Das Geldverdienen wird sich wohl in der Zukunft für Jungs wie mich anders gestalten müssen“, schreibt mir mein Freund, der Isar-Indianer Willy Michl. Trotzdem schreckt ihn der „Supergau“ wenig. „Ich hab was zu bieten, und die Zwischenphase werd ich auch übersteh‘n, man muss immer guter Dinge sein.“

Etwas weniger gelassen gibt sich ein anderer Freund, Dietmar Holzapfel – obwohl er, „Münchens Regenbogen-Regent“, schon während der als „Schwulenseuche“ verschrienen AIDS-Epidemie ähnliche Eingriffe ins Private erlebt hat. Dass er sein Restaurant Deutsche Eiche jetzt sofort zugesperrt hat, macht ihn nicht ganz so „sehr traurig“ wie das Verbot, seine Mutter im Altersheim zu besuchen. „Wenn das Ende kommt und kein Verwandter ist dabei, möchte man so von der Welt gehen?“

Auch meine eigene Enkeltochter Tania will mich bis auf weiteres nicht mehr besuchen. Als Flugbegleiterin der Lufthan­sa, die 700 ihrer 723 Maschinen am Boden hält, hatte sie Kontakt mit vielen Ausländern, jetzt hätte sie viel freie Zeit.

18. März
Jetzt leeren sich die auch die zuvor noch vollen Biergärten sowie die Straßen zusehends. Wenige Passanten, offensichtlich Touristen aus Asien, tragen eine Binde vor Mund und Nase. Am Viktualienmarkt ist Ausverkauf angesagt. Auf Fischgerichte beispielsweise gibt es 60 Prozent Rabatt. Das weltweit berühmte Hofbräuhaus hat bereits geschlossen; einige Traditionshäuser folgen ihm bald, obwohl sie ja bis 15 Uhr offenhalten dürften. Der Augustinerwirt schätzt, dass in den nächsten Tagen etwa 80 Prozent aller Gaststätten in der Altstadt zumachen. Es lohnt einfach nicht mehr, zumal höchstens noch 30 Gäste gleichzeitig mit je 1,5 Meter Abstand bewirtet werden dürfen.

Auch die Mehrzahl der kleinen Händler will die Rollos runterlassen. Einige hoffen, durch Online-Verkauf oder Kurzarbeit über die Krise zu kommen. Andere verlangen Kreditkarten statt Bargeld.  Die Münchnerinnen und Münchner kaufen ein wie wild auf Vorrat.

Mich erinnert dieser Kaufzwang an eine noch schlimmere Zeit. Im Herbst 1946, als München hungerte, hatte mich die Mutter öfter mitgenommen zum „hamstern“. Mit einem Löffel in der Hand hatten wir Bauernhöfe in der Umgebung abgeklappert, waren froh und dankbar für einen Batzen Butter oder eine Tüte Mehl. Bieten konnten wir für solch kleine Spenden nichts. Andere brachten Teppiche oder Silberteller mit aufs Land.

Desinfektionsmittel werden rar. Ein Apotheker mixt sie selber. Kein Engpass, alles vorrätig, versichert dagegen meine Apothekerin. Freundlicher als gewohnt reicht sie mir als einzigem Kunden die verordneten Medikamente unter einer nagelneuen Wand aus Kunstglas durch.

19. März
In Großhadern ringt einer der ersten Viruspatienten schon seit 29. Februar mit dem Leben; der 65-Jährige wurde beim Skifahren in Ischgl angesteckt. Auch drei Ärzte, sechs Schwestern und ein Medizinstudent wurden bereits infiziert.

Im Übrigen geht der ärztliche Dienst in der Stadt offenbar seinen gewohnten Gang. Ich erfahre, dass meine für morgen terminierte Augenoperation keineswegs abgesagt ist. Seit Tagen leistet ein großer Teil des medizinischen Personals freiwillige Überstunden. Viele Ärzte stellen sich zum Testen bei Verdachtsfällen zur Verfügung, da die beiden vom Gesundheitsamt eingerichteten Drive-in-Teststationen bereits überlaufen sind. Karl Steffen Gerhard zum Beispiel hat den Kleinbus, mit dem er sonst in Urlaub fährt, vor seine Praxis geparkt, um darin Abstriche anzubieten. Das hat den Vorteil, dass die Testperson gar nicht erst ein Wartezimmer betreten muss und eventuelle Viren an andere Patienten weitergibt.

Vor einem Weingeschäft im Lehel steht ein Rudel nicht mal ganz junger Frauen und Männer unter der Mittagssonne, ziemlich fröhlich wie in Party-Stimmung und ziemlich nah zusammen. „Social Distancing“ scheint ihnen unbekannt zu sein. Mein Begleiter meint, das müsse doch nicht sein. Der immer gut aufgelegte Kellner vom nahen Esslokal ruft einer jungen Frau zu, sie möge nicht so nahe herankommen, „wegen Ebola“. Es soll wohl ein Witz sein. Später, in einer Fernsehrunde, kursiert das Söder-Wort „Charaktertest“.

Um dem "Lagerkoller" vorzubeugen, der mit dem Home-Office befürchtet wird, lassen sich die Medien allerlei einfallen. Die Abendzeitung bringt Tipps für das ungewohnte Leben „dahoam“, die aber, obwohl von Promis unterfüttert, nicht viel mehr bie­ten als Kartenspiele und Kreuzworträtsel. Der Münchner Merkur legt nach mit König-Ludwig-Fragen und Kochrezepten zur Immunstärkung. Sinnvoller erscheinen mir die von der Süddeutschen Zeitung aufgelisteten Kultur-Darbietungen, die über verschiedene Streaming-Kanäle laufen, und die neue Kolumne „Alles zu, Zeitung auf“. Sie will die zuhause bleibenden Kinder täglich mit Rätseln, einem Witze-Duell und sonstigen Krimskrams unterhalten

In Deutschland gibt es nun 10 999 Virus-Träger, wobei mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet wird.

20. März
Der Präsident des tonangebenden Robert-Koch-Instituts sagt nüchtern voraus: „Die Zahl der Toten wird weiter steigen.“ Dieser Tage erst sind drei meiner Freunde gestorben, wenn auch nicht wegen irgendwelcher Viren. Der Horst in Berlin, der Franz in Bad Feilnbach und der Oskar in München. In solchen Stunden, da der Tod plötzlich aus dem Hintergrund hervortritt, macht man sich seine Gedanken. Mit meinen 91 Lebensjahren, hohem Bluthochdruck und Vorerkrankung gehöre ich ja zur Hochrisikogruppe. Unwillkürlich klicke ich den Sound-Titel „Mein Testament“ und höre das wunderbare Lied von Reinhard Mey mit dem tröstlichen Schluss: „Dieser ist mein letzter Wille, doch ich hoffe sehr dabei, dass der Wille, den ich schreibe, doch noch nicht der letzte sei...“ Indes, die Epidemie trifft sogar die Toten. Auf Münchens Friedhöfen sind Umarmen, Weihwasser und das Werfen von Erde ausdrücklich verboten. Empfohlen wird „online kondolieren“.

Heute ist übrigens der „Welttag des Glücks“. Außerdem wäre der 200. Geburtstag von Friedrich Hölderlin zu feiern. Da passt es doch gut, dass Buchhändler, die nur noch online verkaufen, das aufmunternde Dichterwort plakatieren: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Die Gefahr ist überall. Kein Wunder, dass das Straßenbild jetzt deutlich ausgedünnt ist. Wenig Autos, wenig Radler, noch weniger Passanten. Und auch weniger Patienten als sonst in der Augenklinik. „Das Angstniveau ist unterschiedlich,“ begründet der Anästhesist die Terminabsagen. Mein Makula-Eingriff verläuft schnell und problemlos. „Scheißgeschäft,“ schimpft dann der Taxifahrer, der mich auf den Hintersitz platziert. Sein Gewerbe wurde auf vier Standorte in der Stadt reduziert.

Und wieder prescht Bayern im Corona-Krieg vor. „Wir sperren nicht das Land zu, aber wir fahren das öffentliche Leben völlig herunter,“ erläutert Krisen-Kommandant Söder. Das heißt: Verlassen der Wohnung nur noch bei Vorliegen „triftiger Gründe“, nur alleine oder in Begleitung von Personen aus dem eigenen Haushalt.

Ich lasse mir von Meister Martin schnell noch die Haare schneiden, so kurz wie möglich, denn ein neuer Termin ist nicht in Sicht. So wie jetzt habe ich zuletzt als Pimpf im Hitler-Staat ausgesehen. Überhaupt erinnert mich jetzt manches an jene finsteren Zeiten: die Reglementierung, die Abhängigkeit von amtlichen Anordnungen, die Angst vor dem Ungewissen. Als im März 1940 die ersten englischen Brandbomben in München fielen, grassierte zugleich eine gefährliche Frühlingsgrippe.

21. März
Ein grauer, nasskalter Samstag. Trotzdem treibt es immer noch Ahnungslose, Hemmungslose und Dummköpfe in Grüppchen auf die leeren Straßen. Die Polizei meldet bis Mittag bei 60 Kontrollen bereits zehn Verstöße gegen die neuen Regeln. Die Gesamtzahl der Corona-Kranken hat in München erstmals die Tausender-Marke überschritten.

22. März
Die Stadt scheint nun völlig ausgestorben zu sein. Und erstarrt. Keine Menschenseele begegnet mir am Morgen auf dem Weg zum St.-Anna-Platz. Vielleicht liegt es an der klirrenden Kälte. Unsere große Pfarrkirche ist geöffnet, aber menschenleer. Ein paar Kerzen flackern. Ausgehängt ist ein Dekret von Reinhard Kardinal Marx, wonach alle öffentlichen Gottesdienste in der Erzdiözese München und Freising bis 1. April abgesagt sind. Ebenso Hauskommunion, Krankensalbung und sogar Totenmessen. Doch sollen die Kirchen für das persönliche Gebet offenstehen. Die Weihwasserbecken sind leer. Die Matthäuspassion ist „verschoben“. Ein Anschlag klingt tröstlich: „Wir sind da – gerade jetzt“.

Wie wäre es, schießt es mir durch den Kopf, in dieser Zeit der Monotonie, da doch alle Museen zu haben, einige der sonst nicht so beachteten Kunstschätze in Münchens Kirchen zu besuchen? Man könnte sich auch an frühere Katastrophen erinnern, die in so manchem Gotteshaus dokumentiert sind, im alten Haidhauser Kircherl etwa zur Cholera-Epidemie von 1836 mit 2994 Toten.

Um 10 Uhr läuten die Glocken aller katholischen Kirchen der stillgelegten Stadt. Sie rufen zum Gebet und wohl auch zum Gedenken an die bisher 21 Toten der Corona-Pandemie in Bayern. An diesem Sonntag stirbt im Klinikum Großhadern der erste Münchner, ein 56-jähriger Mann, der eine Vorerkrankung hatte.

25. März
Das tägliche Leben pendelt sich auf einem niederen Niveau ein. Stadt auf Sparflamme. Leben am Limit - Life light. Im Amtsdeutsch heißt das „Reduktion der sozialen Kontakte“. Die Menschen schleichen wie scheu aneinander vorbei, gehen sich aus dem Weg, damit der gebotene Abstand von 1,50 bis zwei Meter gewahrt bleibt. Manche lächeln sich zu, reden aber kaum. Im Großmarkt ein ähnliches Bild: Warten, bis Distanz möglich wird, Ware aus dem Regal greifen und zahlen - alles möglichst mit dünnen Handschuhen. Trotzdem bleiben die Verkäuferinnen und Verkäufer, die einer gewissen Gefahr ausgesetzt. Helden hinter der Kasse, lobt eine Zeitung.

Wir Alten aber können mit dem Wort „Helden“ wenig anfangen, wenn sie zurückdenken an die Kriegsjahre, als die Menschen „Volksgenossen“ genannt, still und selbstverständlich ihre verdammte Pflicht taten.

Damit wir, die Risikogruppe also, nicht den in Supermärkten eventuell grassierenden Viren ausgesetzt sind, hat der Münchner OB Dieter Reiter dazu aufgerufen, Senioren eigene Einkaufszeiten zu ermöglichen. Mein Asiate drüben liefert abends sogar komplette Menüs „to go“, den Preis hat er leicht angehoben. Fortan beschränken sich meine Ausgänge aufs Essen holen und Luft schnappen, wie es uns die Kanzlerin empfohlen hat. Wenig Unterschied zu Knast und Kaserne. Allmählich kommt man sich tatsächlich etwas eingesperrt vor, wenn man so am Stück „dahoam“ hockt.

 „Was mich an der Krise am meisten beschäftigt, ist die Zwangsisolierung“, schreibt mir Gerd, mein alter Freund aus der Abendzeitung. „Wir beugen uns allen Auflagen, die tief in unsere Privatsphäre einschneiden, weil wir keinen besseren Schutz vor der unsichtbaren, aber schrecklich erkennbaren Bedrohung sehen. Ich spreche von den Opfern, die um Atem ringend in ihren Sterbebetten liegen, von nächtlichen Lastwagenkonvois mit Corona-Leichen auf dem Weg zur Sammelstelle. Von unserem angstvollen Verkriechen in die letzte private Schutzzone, dem eigenen Heim.“

Allmählich kommt man sich tatsächlich etwas eingesperrt vor, wenn man so am Stück „dahoam“ hockt. Man fühlt sich isoliert oder, falls in Quarantäne, sogar stigmatisiert. In manchen Familien, die in kleinen Wohnungen gepfercht sind, scheint sich aus dem Nichtstun eine Art Feiertags-Grant zu entwickeln. Sozialhelfer befürchten, dass häusliche Gewalt zunehmen könnte.

26. März
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“  Rilkes elegischen „Herbsttag“ kommt mir in den Sinn, als ich diese Menschen beim Frühlings-Spaziergang an der Isar sehe: eine Gruppe von Obdachlosen mit erbärmlichem „Hausrat“ sucht Schutz am angestammten Lagerplatz, dem Kiosk mit seinem ausragenden Pilzdach. Ja, wer jetzt kein Heim hat und allein ist, den trifft es besonders hart. Wo bekommen sie nun was zu essen? Wo sollen sie sich waschen? Wie sollen sie bei nächtlichen Minusgraden schlafen, ohne sich aneinander kuschelnd zu wärmen? Restaurants, auch Suppenküchen, Tafeln und sogar Notunterkünfte sind ja zu.

Vor der evangelischen Lukaskirche treffe ich Toni aus Fürstenfeldbruck, 60 Jahre alt, zerzaust, struppig, freundlich. Den Geldschein nimmt er mit knappem Dank an, die festen Schuhe nicht. Sie sind zu klein. Punkt 14 Uhr wird das Tor geöffnet. Toni schiebt den Einkaufswagen mit seinem Hausrat die Treppe hoch und verschwindet im dunklen Gotteshaus. Er will sich, nach schlechter Nacht, noch ein bisschen hinlegen. Corona fürchtet er nicht.

27. März
Nicht nur für Wohnungslose wird die Grundversorgung immer mehr zu einem praktischen Problem, sondern auch für alleinstehende Senioren, wie ich einer bin (und sechs Millionen Bundesbürger). In den viel zu engen Gängen zwischen den Regalen der kleinen Edeka-Filiale drängen sich die Leute nach wie vor ängstlich aneinander und an den immer noch ungeschützten Kassierern vorbei.  In anderen Vierteln sind die Verkäuferinnen schon durch eilig gezimmerte und mit Klarsichtfolie bespannte Verschläge abgeschirmt.

„Auch die überall sichtbaren Klebestreifen mit der Eineinhalb-Meter-Abstand-Markierung werden uns womöglich in Zukunft erhalten bleiben,“ meint Gerd, mein alter Kollege. Ihm ist außerdem aufgefallen, „dass immer wieder besonders eifrige Menschen in guter alter Blockwart-Manier ihre Mitbürger auf das Einhalten der Anstandsregel aufmerksam machen, da schwillt mir wieder der 68er-Kamm.“

Ich werde mich nach einem größeren Laden oder nach einem Lieferdienst umschauen müssen. Mit dem Nötigsten versorgt mich heute noch mein Sohn Thomas, der seine freie Zeit als Fotograf ohne Aufträge zum Sortieren und Digitalisieren uralter Negative nutzt respektive totschlägt.

„ALLES WIRD GUT. WIR BLEIBEN ZUHAUSE“ hat ein Kind auf Papier gemalt, das es mit einem Regenbogen verziert und ins Fenster gehängt hat. Nach den viel gerühmten Beispielen in Italien hat auch im Münchner Glockenbachviertel der 28-jährige Chorleiter Kilian Unger begonnen, seine Nachbarn von Haus zu Haus zum Mitsingen oder Musizieren einzustimmen. Begonnen hat das trotzige Hofkonzert am Sonntag mit „Freude, schöner Götterfunke“; es folgte der Beatle-Song „All you need is love“.

Die Zahl der Infizierten in Bayern hat heute die magische Marke 10 000 übersprungen.

28. März
Wieder herrliches Ausflugswetter. „Sport und Bewegungen an der frischen Luft“ sind ja ausdrücklich erlaubt, wenn auch nur allein oder im gebotenem Abstand zu Haushaltsmitgliedern.  So überleg ich die Möglichkeit, eine der bayerischen Corona-Kirchen zu besuchen. Die nächstgelegene soll sich bei Sauerlach befinden, nur 22 Bahnkilometer vom Hauptbahnhof München entfernt. Aber: Wie voll sind die Waggons, wird man darin die nötige Distanz wahren können? Verkehren überhaupt BOB-Züge, nachdem der Fahrplan stark ausgedünnt wurde? Ist die Kapelle im Wald zu Fuß zu erreichen? Ist sie überhaupt auf? Gottlob ist die Inschrift, die jene Kapelle birgt, schließlich auch im World Wide Web zu finden: „Müder Wanderer stehe still, mach bei Sankt Corona Rast. Dich im Gebet ihr fromm empfiehl, wenn Du manch‘ Kummer und Sorge hast." Wie aktuell alte Kirchentafeln doch sein können!

So verzichte ich halt lieber auf den Ausflug. Ich will die Frühlingssonne an diesem Wochenende einfach auf dem häuslichen Balkon genießen. Und lesen.

Drunten an der Isar mache ich eine weniger verstörende, wunderliche Wahrnehmung: Viel mehr Joggerinnen und Jogger als gewöhnlich traben durchs Grüne. Die Botschaft der Kanzlerin, in Bewegung zu bleiben, scheint mindestens bei jüngeren Bürgern angekommen zu sein. 

Abends leuchtet aus allen Wohnungen das Licht, denn alle Leute sind zuhause. Ob wohl die Geburtenziffern zu Anfang nächsten Jahres zunehmen werden? Ich suche nach einem kleinen Lichtblick im offiziellen Tagesbericht, werde aber enttäuscht. Wieder gibt es 293 Neuinfizierte in München, die Gesamtzahl steigt somit auf 2080 Fälle. 

29. März
Nun doch, da Sonntag ist, ein kleiner Abstecher in einen ruhigen, eigenständigen Villenvorort. An der Einfahrt nach Planegg hängt, allen Auto- und Radfahrern gut sichtbar, ein Schild am Zaun mit der Aufforderung: „Bleibt's dahoam“.  

1. April
Seltsam, wie die aktuelle Politik von der Krankheit überlagert wird. Corona von früh bis spät, Corona hier, Corona dort. Die Kanzlerfrage, gestern noch Schlagzeile? Vergessen. Die Aktienkurse? Lächerlich. Sogar die durchaus spannenden Ergebnisse der bayerischen Kommunalwahlen sind in den Hintergrund gerückt. Klar, dass die populären Macher der Großparteien und ihr Anhang begünstigt und die populistischen Miesmacher abgebremst wurden.

Dies ist die Stunde der leistungs- und entscheidungsstarken Politiker. Sie alle verdienen Hochachtung und Dank für den unermüdlichen Einsatz an der Corona-Front mit wenig Schlaf. Geduld, Tapferkeit, Empathie aber auch im Volk, bei Groß und Klein. „Ich arbeite an Designprojekten und mache viel Sport, ansonsten gehen mir soziale Kontakte ab“, schreibt auf einer bemalen Karte meine Enkeltochter Tania, die mich aus Ansteckungs-Sorge nicht mehr besuchen will, auf ihren Dienst bei der Lufthansa verzichten muss und zuhause Yoga übt. Aus Mexiko berichtet Nichte Elsa, die ihre Arbeit in der Schweizer Botschaft abbrechen musste.

Die 2000er-Grenze an Infizierten ist in der Stadt überschritten. Und zu allem Unglück sind noch einmal zwei Münchner, beide über 66 Jahre alt, der grausamen Seuche erlegen. Die hat München jetzt härter im Griff als alle anderen deutschen Städte.

Die Menschen aber zeigen ein neues, anderes Gesicht. „Seid nett zueinander,“ lautete einmal eine in Hamburg ausgegebene Parole. Wirklich, man ist merklich „nett“ zueinander, ich nehme das vor allem bei den Frauen in meiner Nachbarschaft wahr. Unaufgefordert schenkt mir die Chefin meiner Wäscherei eine richtige Mundschutzmaske, eine mit Luftfilter und Ausbuchtung für die Nase.

Bei meinen Spaziergängen und Einkäufen lege ich das Ding an. Und merke, dass ich weit und breit noch fast der Einzige bin, der derart vermummt ist. Was vielleicht daran liegt, dass diese Masken noch nicht leicht zu haben sind. Etliche Ärzte sollen deshalb ihre Praxis geschlossen haben und Münchner Krankenhäuser mussten sich Tausende von Atemschutzmasken aus China besorgen.

Zweitens fällt mir auf, dass mich manche Passanten scheu, fast ängstlich anschauen., wie ein Gespenst. Was vielleicht an mangelhafter Aufklärung liegt. Daran, dass diese Leute meinen, nur Infizierte würden oder müssten ihr Gesicht dergestalt einhüllen. Österreich hat Masken bereits für Einkäufe zur Pflicht gemacht. Jedenfalls will ich, mit oder ohne Mundschutz, weiterhin auf die Zwei-Meter-Distanz achten.

Recht nett ist die Idee eines Nachbarn vom „Osterkorb“. Bei mehreren Läden kann jedermann einen Gutschein erwerben für Geschenkkörbe, die dem Personal in Münchens Krankenhäusern und Pflegeheimen als kleines Dankeschön überreicht werden sollen. Vielleicht sollte man aber erst mal die hart geforderten Helfer ausreichend mit Schutzartikeln ausrüsten.

2. April
Was tun "dahoam", wenn man nicht zum Homeoffice verbannt ist? Christian Ude will endlich die Bücher lesen, „die man das Jahr über geschenkt bekam“. Wie unser kulturbestrebte Alt-Oberbürgermeister, so dürften jetzt viele der Eingeschlossenen in ihren Regalen stöbern, Spitzwegs „Bücherwurm“ lässt grüßen. Ich selbst suchte gestern nach Lektüre, die das Leben im Ausnahmezustand schildern oder gar erklären, und stieß auf drei Romane, die alle mal Furore gemacht haben.

Diese drei Thriller könnten auch heute noch mehr Furcht als Fakten vermitteln: Die Pest vom Franzosen Albert Camus, Zentrum des Schreckens vom Engländer Graham Green und Hot Zone vom Amerikaner Richard Preston. „Tödliche Viren aus dem Regenwald“, so der Untertitel. Auf Seite 343 lese ich: „Sie sitzen auf Türgriffen und Telefonhörern, Büchern und Betten, Geldscheinen und Kaffeetassen, hocken auf Schuhen und Fingerspitzen, lauern auf Tieren und Pflanzen, schweben auf dem Wasser und im Wind. Zu Abermyriaden bevölkern sie den gesamten Globus ...“

Zeit der Literatur also? Eine Autorin liest ihren Fans ihre Gedichte am Telefon vor. Andere Schriftsteller nutzen Streaming-Kanäle als Transportwege. Buchhändler empfehlen ihre Lieblingsschmöker per Print oder Online-Plattform, notfalls bringen sie den Kunden die Bestellungen persönlich ins Haus. Chefredakteur Kurt Kister von der Süddeutschen berichtet heute aus seinem „Heimatbüro“ von einem Sinologen in Niederbayern, der nicht nur ihm fast jeden Tag selbst übersetzte chinesische Gedichte mit Bezug zur Gegenwart mailt.

Es sieht tatsächlich danach aus, dass die Literatur ausgerechnet in dieser Zeit einer „geschlossenen Gesellschaft“ (Sartre) mit Hilfe neuer Medien neue Dimensionen aufspürt. An einen langfristigen Gewinn glaube ich allerdings nicht. Abgesehen davon, dass die Vorstellung auch meines neuen Buches Münchner Meilensteine letzten Freitag dem Virus zum Opfer gefallen ist, erscheinen mir alle diese „Streamings“ (Strömungen) für die Hersteller und die Händler von Büchern zunächst nur als Not- oder Auswege, bestenfalls als Experimentierfelder.

Die Lage sei gerade für die Kulturschaffenden extrem bedrohlich, eröffnet mir ein Verlagsleiter aus dem „temporären Exil“. Von den Großhändlern kommen ganze Paletten retour. Derzeit unverkäuflich. Verkaufen lässt sich fast nur noch über den Superkonzern Amazon, den mein Verleger „Krisengewinnler“ nennt. Jener konzentriert seine Buch-Lieferungen aber erst mal auf Güter des täglichen Bedarfs. Ein anderer Verlag nennt mir einen Absatzrückgang von aktuell 80 Prozent. Ganz schlechte Aussichten haben für ihn Reiseführer und „Titel zu Ferndestinationen“. Ein Kleinverleger fragt mich schier verzweifelt: „Wer könnte in diesen Tagen schon von sich behaupten, diese 'biblische Plage' und ihre Konsequenzen annähernd zu begreifen?“ Tenor all der Mail-Mitteilungen: Buchhonorare sind bis auf Weiteres nicht zu erwarten.

Witzig klingt indes die heutige Meldung, der PEN-Club verlange die sofortige Wiederöffnung der Buchhandlungen. Die Begründung: “Der Mensch lebt nicht von Brot und Klopapier allein, er braucht auch geistige Nahrung!”

Gut, dass die periodischen Medien keinerlei Einschränkung erkennen lassen. Zeitungen, Radio und Fernsehen erleben geradezu eine Hochkonjunktur, denn der Nachrichtenstoff lässt wahrlich nicht nach, das Interesse der Leser, Hörer und Zuschauer auch nicht.

Freilich gibt es nur ein Thema. Dieses wird am späten Nachmittag als Kurzmeldung aus dem Gesundheitsamt zusammengefasst: Binnen 24 Stunden 173 Neuinfizierte in München und 2002 in Bayern, das nunmehr unter den Bundesländern die meisten Corona-Fälle hat, von rund 80 000 ziemlich genau ein Viertel.

Söder erkennt einen „leicht positiven Trend“, der aber noch nicht ausreiche, um die Beschränkungen zu lockern.

3. April
Täglich - wie  Thomas Mann mit  seinem Hund Bauschan - raffe ich mich mit Binde vorm Mund zu Spaziergängen an der Isar auf. Sie sind inzwischen ritualisiert. Einmal rechts und  einmal links am Flussufer entlang, über eine der Brücken, durch die Anlagen drüben und auf einer anderen Brücke zurück. Ich gehe langsamer  als  früher. Das Niedrigwasser hat Kies-Zungen geformt, die von ersten Sonnenanbetern besetzt sind. Tag für Tag öffnen sich die Knospen ein bisschen. Der Frühling ist da.

Und der Leierkastenmann ist wieder da. Was war das doch für ein Spaß, wenn unten im Hof ein Mann mit einer Drehorgel oder einer Quetsche erschien und volkstümliche Lieder spielte, bis in die graue Kriegszeit hinein. Die Mutter wickelte dann ein Zehnerl oder mehr in Papier, das wir dem oder den Hofmusikanten vom Balkon runterwarfen. Vergelt's  Gott, dankten die. Gestern nun gab es eine Erscheinung aus der Vergangenheit. Im Hof einiger Seniorenheime ließ der - gerade 100 Jahre alt gewordene Münchner Schausteller-Verein eine alte Jahrmarktsorgel schieben und bespielen. Was für eine Abwechslung für die alten Leute, die nicht mehr besucht werden dürfen.

Die öffentlichen Spaßmacher leiden selbst arg unter der Krise. Alle traditionellen Termine sind abgeblasen; das Frühlingsfest im April, die Dult im Mai, das Magdalenenfest im Juli. Und sogar dem Oktoberfest im September, das der Stadt immer eine ungeheure Bürde aufgehalst, ihr aber auch viel Geld gebracht und Millionen von Menschen aus ihrem Alltag gelöst hat, droht das Aus. Um den Standl-, Fahrgeschäft- und sonstigen Betreibern sowie den Marktfrauen ein wenig beizustehen, hat die  Stadt heute eine Aktion „Dult ist Kult“ verkündet. Für neun Euro kann man sich Gutscheine kaufen, die zu einem Wert von zehn  Euro auf jedem künftigen Jahrmarkt umgesetzt werden können. Irgendwann, irgendwo in München.

4. April
Ein sonniges Wochenende liegt vor uns. Wir wollen es wieder durch erlaubte Spaziergänge nutzen. Erste Erfahrungen zeigten: der Englische Garten, die Stadtparks, die Isarpromenaden – überall „drängt sich ein buntes Gewimmel hervor“, wie auch schon Meister Faust bei seinem Osterspaziergang bemerkte. Deshalb lenken wir unsere Schritte in den totenstillen Waldfriedhof. Wir finden das Grab von Frank Wedekind. Bei seiner Bestattung im Kriegsjahr 1918 - als die Spanische Grippe über München herfiel - hatte unser Skandaldichter letztmals einen Skandal verursacht; Im Beisein berühmter Trauergäste wie der Mann-Brüder und des Jungdichters Brecht setzte der junge Autor Lautensack zum Sprung ins offene Grab an.  


5. April
Am Sonntag wollen wir die Spurensuche im Totenreich fortsetzen. Im leeren und pünktlichen Bus fahren wir zum Friedhof von Planegg und finden das Grab vom Karl Valentin, das gelbe Frühlingsblumen bedecken. Im Kriegsjahr 1942 - als eine andere Plage, der Bombenhagel, die Stadt regierte - hatte unser notorischer Schwarzseher vom Herrgott gefordert: „Die Welt, die Du geschaffen hast, die sollst Du auch regieren! Wenn Du die Menschheit nicht ersäufst, so lass sie halt erfrieren.“ Das Eis am Kiosk in der Bahnhofstraße bringt uns auf positivere Gedanken. Cool, trotz Warteschlange unter brennender Sonne.

Am Samstag ist in München die Zahl der Neuzugänge auf 145 gefallen, um am Sonntag wieder auf 195 Fälle anzusteigen.

6. April
Heute würden die Osterferien beginnen, aber, nachdem Bayern vorgeprescht war, sind die Schultore ja schon seit drei Wochen geschlossen. Unterrichtet wurde trotzdem, indem die Lehrer den vorgeschriebenen Stoff per E-Mail oder Whatsapp vermittelten. Arbeiten ohne „social contacting“. Auch in diesem Bereich haben neue Anglizismen wie „Homeschooling“ oder „Homelearning“ den deutschen Sprachschatz angereichert. Dabei handelt es sich doch nur um das gute alte „Hausaufgaben machen“.

Auch zu meiner Schulzeit war der Unterricht im Schulhaus oft ausgefallen. Zunächst schon deshalb, weil eine Lehranstalt nach der andern in Trümmer fiel. So entwickelte sich eine regelrechte Wanderschule. Als der Krieg dann – genau 75 Jahre ist es her! – zu Ende ging, ging auch der Schulbesuch zu Ende.  Wir wurden quasi zu Zwangsarbeitern „umgeschult“, nur so gab es Lebensmittelmarken. Den Sommer 1945 „genoss“ ich in einer Münchner Marmeladenfabrik und auf zwei oberbayerischen Bauernhöfen. Erst im September waren diese Notferien beendet und ich durfte mich im Gymnasium, wie die Oberrealschulen nun hießen, aufs Abitur vorbereiten.

 

7. April
München hat jetzt 16 Corona-Tote. Täglich und genau melden alle Medien die Neuinfizierten sowie die Gesamtzahl der erkannten Virusträger, der Genesenen und der Toten, manchmal auch die der Getesteten und der intensiv betreuten Patienten. Ich selbst aber möchte jetzt die Wiedergabe dieser Statistik einstellen, denn die Zahlen werden zum Zahlengewirr. Von mehreren Instituten für unterschiedliche Zeitspannen auf Grund unterschiedlicher Kriterien - aus München, Bayern, Deutschland und der Welt - werden die Meldungen zusammengetragen, hochgerechnet und durch farbige Kurven markiert.

Allmählich wird das medizinische Problem auch ein mathematisches Problem. Eine Rechenaufgabe mit vielen Unbekannten ist sie jedenfalls für den Laien. Er kann wenig anfangen mit diesen neuen Werten, etwa der „Basisreproduktionszahl“. So erfährt man täglich den Zeitraum, in dem sich die neu bestätigten Infekte da und dort verdoppeln, was letztlich über die Kontaktsperre entscheiden soll. Mich erinnert das an die ominöse „Halbwertszeit“, die bei Atombombentests und Reaktorkatastrophen für radioaktive Luftpartikel galt.

Nicht die Statistik, sondern der menschliche Faktor findet unser Alltagsinteresse. Vorhin rief mich mein alter Freund Hans N. aus dem Seniorenheim an. Er fühle sich gut versorgt und langweile sich kein bisschen, versichert er. Nur dürfen ihn halt seine Kinder nicht mehr besuchen. Und wenn ihm die Apotheke seine Medikamente bringt oder wenn er einen Handwerker baucht, muss er beim Klingeln erst eine Pflegerin rufen, die dann behandschuht die Tür öffnet. Als Reisejournalist war Hans einst in der ganzen großen Welt zuhause.

8. April
Beim Überlesen der Lokalseiten in den Zeitungen irritieren neuerdings nicht nur die wechselnden, meist wachsenden und recht unterschiedlichen Fallzahlen, sondern auch die polizeilichen Maßnahmen, die dagegen ergriffen werden. Offenbar werden vom Polizeipräsidium und vom Innenministerium fast stündlich neue Parolen ausgegeben, die sich in Details unterscheiden und teilweise sogar widersprechen.

Die uniformierten Kontrolleure werden daher von halb informierten Spaziergängern laufend befragt: Darf ich mich jetzt eigentlich auf einer Parkbank ausruhen und wie lange und mit wie vielen Begleitern? Darf ich auf der Wiese liegen oder dort gar die Brotzeit auspacken, die ja wohl zum „täglichen Bedarf“ zählt? Darf ich einfach nur eine Weile stehen oder muss ich ohne Pause gehen? Die Hauptfrage lautet: Was bitte sind triftige Gründe?

Die Reaktionen sind so unterschiedlich wie die Verlautbarungen. Meist wird man freundlich belehrt, mal wird hart durchgegriffen, manchmal auch abkassiert. Da kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass polizeilicherseits eine gewisse Willkür obwaltet. Schon hagelt es böse Leserbriefe von Leuten, die an die DDR erinnern, oder gar an die Nazi-Zeit, als polizeilicherseits jegliches „Rasen betreten verboten“ war.

Meine Begleiterin aber äußert aus anderthalb Meter Entfernung durchaus Verständnis für die ungeklärte Zwangslage: „Lieber a bisserl z'vui aufpassen als z'wenig.“ Mindestens sollte das für jenen Zeitgenossen gelten, der trotz mehrmaliger Ermahnung und einer vorläufigen Festnahme immer wieder seine sieben Sachen im Englischen Garten ausbreitete, weil es ihm um die Freiheit geht.

Nebeneffekt: Die Aufmerksamkeit des Publikums hat sich ein wenig von den Patientenzahlen auf die öffentlichen Parks verlagert, von den Betten auf die Bänke.

9. April
Heute vor 75 Jahren wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg ermordet. Die Evangelische Jugend Bayerns hat eine ungewöhnliche Gedenkfeier organisiert: Jugendliche in ganz Europa haben das große Lied hochgeladen, das der Todgeweihte in der Zelle geschrieben hat: "VON GUTEN MÄCHTEN WUNDERBAR GEBORGEN; ERWARTEN WIR GETROST; WAS KOMMEN MAG". Heute soll das Lied - gemeinsam, vielstimmig und mehrsprachig gesungen, gesprochen oder musiziert werden und über die sozialen Medien gesendet.

Wenn einem nach drei Wochen „Hausarrest“ die Decke des Wohnzimmers auf den Kopf zu fallen droht, dann bleibt nur ein Fluchtweg: hinaus ins Freie. Open air erwartet uns ja immer noch so viel von dem Schönen, das die Dichter künden: Vogelgezwitscher, linde Lüfte, blauer Himmel, Frühlingsgrün. Und weil Karfreitag bevorsteht, zieht es uns aus grauer Städte Mauern wieder zu einem Friedhof, dem in Penzberg. Auch hier ist zu erinnern an ein 75 Jahre zurück liegendes Ereignis – an das furchtbare Ende einer politischen Seuche.

Am 28. April 1945, zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in München und im südlichen Bayern, wurden 15 Penzberger Männer und eine schwangere Frau von Männern der Wehrmacht und des „Volkssturms“ auf Befehl erschossen oder erhängt, weil sie ihr Bergwerk vor der Sprengung retten wollten und mehrere Nazi-Bonzen festnahmen. Ihre 16 Gräber sind unter einer Hecke aufgereiht, gegenüber eine Steintafel mit der Inschrift: VERWEILE IN GEDENKEN VOR UNSEREM GRABE UND KUENDE DEN DEINEN WIE WIR STARBEN IN TREUE ZUR HEIMAT.

Kreuz und quer durch die oberbayerische Heimat fahren wir zurück nach München. Alle Züge und Busse verkehren pünktlich, in den Wagen sitzen höchstens vier Fahrgäste im gebotenen Abstand voneinander. Keine Kontrolle, alle Auskünfte freundlich, Ansteckungsgefahr gleich null. Corona ist weit entfernt. Ein Hoch auf den Öffentlichen Personennahverkehr. „Wenn es in der übrigen Welt drunter und drüber geht, dann bleiben Euch in Deutschland immer noch Ordnung und Fleiß, und deshalb werdet ihr bestimmt besser als andere aus dem Schlamassel rauskommen", tröstet mich meine Schwester in ihrem Ostergruß aus Mexiko.

12. April
Zu Ostern wage ich einen Blick in die mögliche Zukunft. Wenn das alles vorbei ist - was dann? Die schon lange kursierende Standardfrage dürfte zum Fest der Auferstehung das Thema zahlreicher virtueller Predigten sein, es wird wohl auch familiäre Kaffeetische und soziale Netzwerke beherrschen.

Ja, was wird sein „nach Corona“?. Bisherige Spekulationen, die sich auf Hochrechnungen, Erfahrungsberichte und Analysen berufen können, bewegen sich zwischen düsterem Fatalismus. Geduldsübungen und schierem Optimismus. Die übergreifende Antwort lautet: Alles wird anders sein, wirklich alles: das Individuum, die Politik, die Gesellschaft.

Von all den Visionen gefällt mir eine besonders. Der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx sagt ein Zurück zum ein­fachen Leben voraus, welches ohnehin längst fällig wäre. Alte Kulturtechniken sowie das Handwerk würden eine Renaissance erleben. Man werde wieder von Mensch zu Mensch kommunizieren. Aus der körperlichen Di­stanz werde eine neue Nähe - was ja eigentlich ein Paradox ist. „Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Taten­drang.“ So weit die Horx-Hymne. Das wäre dann eine echte Kulturrevolution, ja, es wäre die Ansage einer neuen Gesellschaft, wie sie Philosophen und Ideologen seit Urzeiten erträumen.

Sollte die Causa Sars Covid-19 wirklich ein derart zündender Götterfunke sein? Meine vorläufige Antwort klingt banal: „Nix G'wiß woas ma net.“. Oder, um es im bayerisch-chinesichen Mix eines Münchner Spielers und Denkers auszudrücken: „Schau ma moi.“

Für mich ist die Ostern-Bilanz jedenfalls ein Anlass, zur Kurzarbeit überzugehen - wie 2,7 Milliarden arbeitende Menschen auf diesem Globus, die laut Internationaler Arbeitsagentur vom 8. April von den Corona-Maßnahmen betroffen sind. Dieses Tagebuch soll nur noch sporadisch fortgeführt werden.

20. April
Die offizielle Maskenpflicht beginnt in Bayern zwar erst kommende Woche, noch herrscht nur ein regierungsamtliches „Gebot“, also eine dringende Empfehlung. Jedenfalls bewegen sich aber jetzt schon immer mehr Menschen mit Masken in München. Dabei sind selbst die einfacheren Modelle zum Beispiel in Apotheken kaum unter 19.90 Euro zu haben. Obendrein scheint der Massenbedarf trotz der Importe und gern kolportierter Firmengeschenke noch längst nicht gedeckt zu sein. Noch sind Masken Mangelware.

Darum gehen kreative Münchner, Frauen zumal, selbst ans Werk. Aus Kleiderstoffen, Schals oder sogar aus Schlüpfern werden allerlei Mundnasenschutztücher geschneidert. Viele sind nicht weiß wie Windeln, sondern ziemlich bunt. Manche Damen haben sie ganz ihrer Garderobe angepasst. Und manche Männer sehen aus wie Seeräuber oder, mit schwarzem Gesichtsvorhang, wie gefährliche Wüstenkrieger. Ein Trachtengeschäft ließ die Konterfeis des Märchenkönigs Ludwig, der Märchenkaiserin Sisi und des Macherkönigs Markus auf weiß-blau kariertes Tuch drucken.

Ob  alle diese Leute wissen, dass man mit derartigen Modellen Marke  „Community“ in der Regel zwar die anderen vor den teuflischen Teilchen schützen kann, kaum aber sich selbst? Dieses leisten angeblich nur höherwertige Ausführungen und natürlich der für das medizinische Personal gefertigte Nasen-Mund-Schutz Marke FFP, der keinerlei Viren durchlassen soll. Egal, Masken sind Mode geworden. Und diesbezüglich marschiert München allemal in der Avantgarde.

Die staatlich gewünschte Maskerade hat allerdings einen dunklen Hintergrund. Nach jüngstem Stand lebt jeder Vierte der 142 180 bisher in Deutschland bekannten Corona-Infizierten in Bayern, entweder im Krankenhaus oder in Quarantäne oder er gilt als genesen. Noch höher ist ein anderer Anteil: Bayern betrauert 1271 der 4396 Toten in Deutschland. In diesem Nachbarland von Tiroler Virusherden war vor drei Monaten (24. Januar) der erste Deutsche positiv getestet worden, hier auch war vor vier Wochen (20. März) erstmals – bevor die übrige Republik nachzog - „das öffentliche Leben runtergefahren“ worden, wie sich Ministerpräsident Söder deutlich ausgedrückt hatte.

Noch düsterer wird das Bild, wenn man in der Süddeutschen Zeitung eine erschütternde Reportage liest, die aus dem Krankenhaus des – wegen der Grenznähe besonders betroffenen - Landkreises Rosenheim berichtet: von Ärzten, Schwestern und Pflegern, die Unmenschliches leisten müssen, und von Corona-Patienten, die dennoch qualvoll sterben.

Mit wachsender Ungeduld erwartet man nun allseits die angekündigten Lockerungen. Am gestrigen Sonntag habe ich aus dem Netz einen Bing-Crosby-Song geholt, der mich in der Besatzungszeit sehr begeistert hatte: „Don't fence me in“ - Sperrt mich nicht ein.

21. April
Sehr schmerzt ausnahmslos alle das von Söder und Reiter sichtlich wehmütig verkündete Aus für das Münchner Weltsymbol, welches Wiesn heißt und weit mehr ist als eine große Gaudi. Zwar haben Seuchen und Kriege dieses Oktoberfest schon mehrmals verhindert, jetzt aber hatten viele Bürger und Betroffene bis zur Stunde auf ein Wunder gehofft: dass sie und die übrige Welt die ganze Misere, den Frust, die Angst der letzten Monate auf dem größten Volksfest der Welt doch noch „obischwoam“ können, dass sie neuen Lebensmut feiern können wie einst die tanzenden Schäffler nach der Pest.

27. April
Haidhausen war von jeher das Stadtviertel mit den vielen kleinen Häusern, kleinen Leuten und kleinen Läden. Erstere, die von Krieg und Wiederaufbau übrig gebliebenen Herbergen, wirken jetzt, da keine Autos und kaum Menschen in Sicht sind, wirklich wie Kulissen der Vergangenheit. Letztere, die seit heute wieder geöffneten Läden, offenbaren das, was man neuerdings „neue Normalität“ nennt.

Fortan wird es also normal sein, vor Geschäften zu warten, bis man - natürlich nur mit Mundnasenschutz - eingelassen wird. Denn auf einer Grundfläche von 20 Quadratmetern darf sich jeweils nur ein Kunde aufhalten. Dem Geschäftsinhaber drohen bis zu 5000 Euro Bußgeld, wenn er nicht auf die entsprechenden Distanzen achtet. Und der Kunde soll 150 Euro zahlen, wenn er in einem öffentlichen Verkehrsmittel nicht wenigstens einen Schal vors Gesicht gebunden hat. Das kann ja noch kompliziert werden.

Friederike Wagner vom „Buchpalast“ in der Kirchenstraße ist jedenfalls heilfroh, dass sie ihre Bücher nun nicht mehr selbst austragen muss. Sechseinhalb Wochen lang hat sie bestellte Titel bis zu ihren Kunden gebracht und an der Haustür geklingelt, wie telefonisch oder per Mail vereinbart. Was für Bücher waren denn gefragt? „Die einen wollten Corona durch Unterhaltung verdrängen, aber viele verlangten extra einschlägige Literatur,“ sagt die Buchhändlerin. „Die Pest“ von Albert Camus sei derzeit vergriffen. Auf die beliebten Lesungen muss der „Buchpalast“ - ein ironisch übertriebener Firmenname - bis auf weiteres verzichten.

Geschlossen bleibt in der Kirchenstraße das nicht weniger beliebte Haidhausen Museum, während der Friedhof ein Stück weiter oben besucht werden darf. Gleich am Eingang, umwuchert von Efeu, zwei Gedenksteine für die 3246 Toten der beiden Cholera-Wellen, die vor allem diesen Vorort im 19. Jahrhundert heimgesucht hatten, und noch ein drittes Mahnmal mit einer Inschrift von 1984: „Vor Seuchen, Krieg und Katastrophen, vor der Zerstörung der Umwelt, vor Unglaube und geistiger Verwirrung bewahre uns oh Herr.“

Auch mein Friseur Martin darf noch nicht wieder aufmachen. Er mag auch gar nicht. „Ich arbeite nicht. Ich renoviere. Ich habe Respekt,“ hat er trotzig an die Tür geschrieben. Daneben hängen Vorschriften, wie sie für die im Mai erwartete Wiedereröffnung gelten sollen: Kunden und Friseure nur mit Maske. Rasieren, Wimpernfärben und Bartpflege vorerst nicht erlaubt. Markierungen für die „einzelnen Bewegungsräume“. Keine Zeitungen. Desinfizierung nach jedem Besuch. Der Hair Stylist vis-à-vis scheint indes mit den Auflagen klar zu kommen. „Don't panic“, plakatiert er, und „Modelle" sucht er auch.

Beim Bezirksausschuss Haidhausen-Au hängt noch die Einladung zur nie stattgefundenen Bürgerversammlung aus. Dabei wäre es eher um Lappalien gegangen wie um die Ampelregelung und die Anschaffung einer Schaufel für die – seit sechs Wochen geschlossene – Kita. Auch um die Gastronmie im Viertel hätten sich die BA-Mitglieder gekümmert, zum Beispiel um eine Sperrzeitverlängerung und die Erweiterung einer Freischankfläche. Die benachbarte Escobar bittet die – nicht mehr vorhandenen Gäste – immer noch, „nach 23 Uhr nicht mehr so laut zu sein.“ Probleme, die von einem größeren Problem verdrängt wurden.

Ruhe herrscht in den Geschäfts- und Aufenthaltsräumen der Straßenzeitung BISS. Die letzte Ausgabe, die den Rassismus aufs Korn nahm, wird nicht mehr verkauft. Und die Trauerfeier für einen Verkäufer wurde abgesagt. „Aber alle unsere Leute sind stabil, sie bekommen ihr kleines Gehalt weiter,“ sagt Geschäftsführerin Karin Lohr draußen auf der unbelebten Straße. Und all die anderen „Bürger in sozialen Schwierigkeiten“ (abgekürzt: BISS), die Hunderte von Obdachlosen in München? „Denen geht’s schlecht.“ 

Neue Normalität auch am Wiener Platz. Alle Kioske nach wie vor geschlossen, es sind ja keine kleinen Geschäfte, sondern gastronomische Betriebe. Doch der Hofbräukeller hat sein eisernes Tor geöffnet, obwohl im Biergarten sämtliche Tische und Stühle weggeräumt sind. Mehr als ein halbes Jahrhundert verbindet mich mit dieset Bierburg. 1944 hatten Militärärzte uns Oberschüler hier auf Kriegstauglichkeit gemustert. Bald nach Kriegsende hatten im selben noch intakten Festsaal die US-Besatzer erste Popkonzerte für die Münchner Jugend arrangiert. Das war uns wie ein letzter Akt der Befreiung nach langer Knebelung erschienen.

Dann saß ich dort viele Sommer lang mit meinen Spezln unter den Kastanien, wir amüsierten uns über das alte Weiberl mit dem Brotzeitkörberl und dem immer gleichen Sprücherl: „Frische Brezen, scheener Herr.“ Tief unten im Keller lockte bis in jüngste Zeit hinein ein Tanzlokal mit exotischem Namen und nostalgischen Melodien, und noch ein Stockwerk tiefer spielte die beste Karl-Valentin-Truppe Bayerns den Ritter Unkenstein und andere Stückerl in köstlicher Neufassung.

Was wird - außer der Erinnerung - von alledem bleiben? Friedrich Steinberg, der Wirt, plant längst für eine vielleicht doch noch bald mögliche Saison. Unverändert guter Service bei strikter Hygiene, Distanz und personeller Verknappung – das soll die Geschäftspolitik bestimmen. Vom derzeitigen Stamm, 95 Mitarbeiter, würde wahrscheinlich ein Drittel „wegbrechen“ und von den 800 Sitzplätzen im Biergarten fast die Hälfte, kalkuliert Steinberg. Immerhin hat die Brauerei, das staatliche Hofbräu, großzügig von Fest- auf Umsatzpacht umgestellt.Dabei verkauft HB derzeit 40 Prozent weniger Bier auf dem deutschen Markt und in anderen Ländern fast gar nichts mehr.

Um wenigstens seine Stammgäste zu halten, lässt Pächter Friedrich Steinberg an den offenen Theken jeden Mittag zehn verschiedene Gerichte ausgeben. Darunter natürlich auch jenes Schmankerl, das sein Großvater, der „Hendlkönig“ Friedrich Jahn, einst der halben Welt schmackhaft gemacht hatte. Schön und gut, aber wo essen? Auf dem Betriebsgelände darf man sich nicht aufhalten, Bier gibt's sowieso nicht dazu. Und auf dem Wiener Platz sind die Bänke schnell besetzt. So kauf ich mir statt des Brathendls lieber eine Büchse mit Saurem Lüngerl, das ich mir zuhause warm machen werde.

4. Mai
„Die Wirtschaft wird ungeduldig“ titelt heute die Süddeutsche Zeitung. Die Ungeduld erfasst aber nicht nur die nach wie vor einflussreichen Verbände von Handel und Industrie, die hart betroffenen Gewerbetreibenden von den kleinen Kneipiers bis zu den Bossen der großen Konzerne. Ungeduldig, ja unruhig werden am Beginn des zweiten Monats nach den ersten Hiobsbotschaften auch Teile des bis dato folgsamen Bürgertums. Immer häufiger meldet die Münchner Polizei seit dem 1. Mai „stationäre Veranstaltungen“, wie sie jetzt das unangemeldete, unerwünschte Zusammenrotten von Bürgern ein bisschen verharmlosend bezeichnet. 

Erst sind es ein paar Gesinnungsfreunde, die sich per Netz oder Telefon zu Kundgebungen verabreden. Neugier vergrößert dann den Kreis. So kamen vor dem Nationaltheater immerhin 320 Münchner zusammen, um gegen die „Aufhebung von Grundrechten“ zu protestieren. Offenbar waren auch Pegida-Anhänger darunter, ihr Schlachtruf „Wir sind das Volk“ deutete darauf hin. Vor dem Rathaus versammelten sich etwa 200 Menschen. Hier hatten Impfgegner das Wort und man hörte allerlei Verschwörungstheorien über „geheime Kräfte“, die das Virus ins Abendland eingeschleppt haben sollen wie vor Kurzem noch die Flüchtlinge. Ähnliche, organisierte oder spontane Pseudo-Demonstrationen gab es auf anderen repräsentativen Plätzen der Landeshauptstadt. Dort aber überwogen eher diffuse Ängste vor einer dauerhaften Stornierung der Versammlungs- und Meinungsfreiheit.

In der Regel begnügt sich die Polizei zunächst damit, die versammelten Menschen zu informieren und auf die Abstandsregeln hinzuweisen. In einigen Fällen kam es aber auch zu Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz. Überhaupt scheinen viele Ordnungshüter über die ihnen zugewachsene Rolle der Spaßverderber nicht recht glücklich zu sein, wenngleich sie nicht mehr gegen Buchleser auf Bänken einschreiten müssen. Peter Schall, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, äußerte sich jedenfalls kritisch über die anhaltend strikten Kontaktbeschränkungen; er hält sogar eine gewisse Öffnung der Biergärten für machbar und vertretbar.

Nach weiterer, allerdings nur geringer Lockerung der rigorosen Einschränkungen zu Wochenbeginn – sie betreffen vor allem den Kirchgang, den Sport, Versammlungen und Kinderbetreuung - setze ich meinen Erkundungsgang im Münchner Osten fort und komme zum Klinikum rechts der Isar, der Technischen Universität München - so der offizielle Name mit dem etwas rätselhaften Logo MRI. Auch hier gilt strenges Besuchsverbot, Notfälle und dringende Operationen natürlich ausgenommen. Zur Zeit werden 60 Covid-19-Patienten stationär, teilweise intensiv versorgt.

Mehrere wichtige Studien zur Erforschung und Eindämmung der Pandemie haben soeben im Klinikum rechts der Isar begonnen. Die 1834 gegründete „Haidhauser Armen- und Krankenanstalt“ hat sich längst nicht nur zu einer großen Krankenstadt entwickelt, sondern auch zu einem international beachteten Forschungszentrum. Immer wieder sind deren Ärzte in neue Bereiche der Medizin vorgestoßen. Bei namhaften Chirurgen lag ich dort selbst unter dem Messer, meist nach Ski-Unfällen, einmal nach einem Gleitschirm-Absturz und noch 2019 nach zwei besonders bösen Unfällen (Fahrrad und Kajak).

Einige meiner Operateure spielten auch in Politik und Gesellschaft eine Rolle. Thomas Zimmermann, der meine kaputte Schulter wiederherstellte, saß für die CSU im Landtag. Simon Snopkowski, bei dem ich mein rechtes Bein nach einem komplizierten Drehbruch drei Wochen lang in Gips hing, war Präsident der Israelitischen Kultusgemeinden Bayerns und Senator. Chefarzt Professor Georg Maurer war einflussreicher CSU-Stadtrat. Er wurde berühmt, als er die beim Flugzeugunglück im Februar 1958 schwer verletzten britischen Fußballstars betreute. Maurer organisierte auch alljährlich den Chirurgen-Kongress mit oft sensationellen Themen – und überwarf sich 1969 mit rebellischen Assistenzärzten.

Mithin war das äußerlich etwas altmodische, immer wieder angestückelte Krankenhaus für mich sowohl Station einer Art Überlebensschule als auch eine Quelle interessanter Berichte über Fortschritte in der Medizin. Jetzt steht „Rechts der Isar“ im Kampf gegen die weltweit grassierende Lungenkrankheit wieder einmal mit an der Spitze der weltweiten Forschungsgemeinde. Zwei große Studien haben dieser Tage begonnen.

Nicht weniger als 7000 freiwillige Mitarbeiter des Haidhauser Krankenhauses und anderer Einrichtungen sollen innerhalb der nächsten zwei Jahre auf Antikörper, die sich bei Infektion gebildet haben, serologisch untersucht werden. Die Professoren Percy Knolle und Paul Lingor wollen dadurch herausfinden, welchen Risiken das Klinikpersonal ausgesetzt war und wie lange Antikörper gegen eine erneute Infektion schützen können. Auch für die Entwicklung eines Impfstoffes soll diese Arbeit hilfreich sein.

Ein weiteres, dank Spenden beschleunigtes Forschungsprojekt am Klinikum soll klären, ob ein Monitoring von Covid-19-Infizierten durch Ohren-Sensoren die Überlebenschancen verbessern und Intensivstationen entlasten kann. Erkrankte über 60 Jahre, die sich in häuslicher Quarantäne befinden, können freiwillig teilnehmen. Die rund um die Uhr gemessenen Daten sollen Auskunft darüber geben, wie gut der Körper die Auswirkungen der Erkrankung kompensieren kann. Münchens Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs verspricht sich eine zusätzliche Sicherheit für Erkrankte der älteren Generation, die mit leichten Symptomen zuhause bleiben könnten und nicht im Krankenhaus behandelt werden müssten. Das wäre die große Mehrzahl, denn bisher haben nur 13 Prozent der Infizierten so schwere Symptome, das eine stationäre Behandlung erforderlich ist.

11. Mai
Plötzlich ist sie wieder da, die beinahe schon vergessene Kultur. Der sogenannte Bayernplan der Staatsregierung, der sie neben Zoos und Botanischen Gärten unter ”Freizeit” listet, erlaubt ihr ab heute wieder die Öffnung. Wenn auch nur in Teilbereichen. Zeitgleich mit Großkaufhäusern, Golfen, Segeln und Reiten. Nach einer Zwangspause von fünfzig Tagen startet am Wochenende die Abteilung Musik und Theater. Allerdings nur mit einem ersten kleinen öffentlicher Auftritt. Denn einen offziellen Öffnungstermin gibt es für diese beiden Bereiche noch nicht.

Für die angemeldete Veranstaltung hat das Kreisverwaltungsreferat ein Stück Kapuzinerstraße autofrei gemacht. Penibel halten sich die Urbanauten, die sonst wegen ihrer Isarlust- und Isarbad-Projekte oft mit den Behörden streiten, an die strengen Auflagen für ihre Veranstaltung. Je eine Person, möglichst aus einer benachbarten „häuslichen Gemeinschaft“, darf auf einem der aufs Pflaster gemalten Kreidekreise stehen oder herum hüpfen, die vorgeschriebenen Distanzen sind gewahrt. Für die Rockband von Dr. Will ist sogar ein Abstand von fünf Metern vorgesehen, „denn die Aerosole von Musikern könnten etwas weiter sprühen“, sagt Oberurbanaut Benjamin David. Das klinge lustig, habe aber einen ernsten Hintergrund.

Eine gute Stunde lang schwitzen nicht nur Musikanten, sondern auch Tänzer, Trommler und eine bunte Stelzenläuferin für eine freie, offene Kunstausübung. Auf Autospuren und Gehsteigen ist Platz für maximal 50 Personen, die Polizei drückt ein Auge zu. Auf Balkonen beobachten weitere Zuschauer die demonstrative Darbietung, die so recht in das immer etwas alternative Glockenbachviertel passt. Sie läuft unter dem Motto „Kulturlieferdienst“. Der sammelt – auch hier – Spenden für Auftritte von arbeitslosen Künstlern vor Senioren-, Pflege- und Flüchtlingsheimen.

Sogar der Lebensbereich, den Markus Söder jetzt gern als „Gastro“ listet, spielt ein bisschen mit bei dem Straßenspektakel. Eine italienische Eisdiele bietet Gelati in allen Farben des Regenbogens, während die „Speis Sisters“ nebenan Speis und Trank ausgeben, natürlich nur „take away“. Am Rand des improvisierten Open-Air-Stage rauscht indes der Verkehr über die Kreuzungen am Baldeplatz, gleich dahinter rauscht die Isar. Alles beinahe wie eh und je.

Musiker mit Visieren zur Virenabwehr

Zur gleichen Stunde bietet Sabine Rinberger im Turmstüberl des Karl-Valentin-Musäums eine virtuelle, aktuelle Bühne. Bekannte Volksschauspieler und Kabarettisten lesen – jeder an einem eigenen Tischchen - aus Dokumenten über München nach der Befreiung vor 75 Jahren. Die Zitate lassen das Leben in Corona-Zeiten relativ erträglich erscheinen. Manches ist bisher kaum bekannt, zum Beispiel die von Selbstmitleid triefenden Bekenntnisse des Komikers Weißferdl und des Komponisten Richard Strauss, die der unermüdliche Christian Springer gefunden und sortiert hat.

Indes entwirft der nicht weniger kreative Christian Stückl in seinem Volkstheater ein Konzept, um der Bühnenkunst noch vor der Wiedereröffnung der Häuser auf die Bretter zu helfen. Er will in seinem großen Haus jede zweite Sitzreihe und jeden vierten Platz entfernen und die Musiker im Orchester mit Visieren zur Virenabwehr ausrüsten. Die Spielzeit, die eigentlich bis Ende September pausiert, soll auf Mitte Juli vorgezogen werden. Die fünf Stücke des Spielplans will Stückl zeitlich kürzen, auf die Gefahr hin, „dass die Corona-Aufführungen furchtbar fad werden“.

Deutlich geringere Erwartungen hegen Dietmar Lupfer und Christian Waggershauser. „Die Politik hat uns vergessen,“ klagen die Manager der Münchner Hallenkultur. Wird man jemals wieder auch nur annähernd solche Menschenmassen wie früher unterbringen und unterhalten können in der riesigen Muffathalle und anderen Relikten der alten Industriezeit, deren Umwidmung und Unterhalt, vor allem zugunsten jüngerer Bürger, die Stadt sich sehr viel Geld kosten ließ? Ist dort Verkleinerung samt konsequenter Hygiene technisch möglich? Wohin sonst mit den großen Popkonzerten, mit Poety-Slam, Tanz-Performance, Installationen, Diskussionen, Clubabenden? Bricht etwa ein Stück Alternativ-Kultur einfach weg? Geisterspiele wie beim Fußball wären hier jedenfalls keine Lösung.

Ausstellungshallen und Museen dagegen haben - in der „neuen Normalität“ - wieder eine Zukunft. Zuerst kann das Haus der Kunst, das keine Montagsruhe kennt, das Ventil öffnen. Andrang wäre zu erwarten. Doch zunächst ist das eigens geschulte Personal unter sich: der Personenzähler am Eingang, die Kassendamen hinter Plexiglas, die maskierten Saaldiener. Unbeachtet liegen die vielfarbigen Baumwollballen von Franz Erhard Walther in der großen Halle, ungehört bleibt die akustisch belebte Raumkapsel namens „Zugzwang“ von Sung Tieu. Vielleicht ist es der Maskenzwang, der potenziellen Besuchern den Kunstgenuss verdrießt, zumal wenn die Brille beschlägt. Jedenfalls starten in den nächsten Tagen alle Münchner Kunsthäuser guten Mutes. Einige der laufenden Ausstellungen wurden sogar verlängert. Einzelne Museumsteile bleiben geschlossen, etwa die engen historischen Räume der Villa Stuck. Auf den gewohnten Imbiss muss überall verzichtet werden.

18. Mai
Großalarm wegen einer Großdemo. Nicht weniger als 10 000 Menschen wollte die Veranstalterin, eine Immobilienmaklerin, für Samstag anmelden. Erlaubt wurden nur tausend, mit strengen Auflagen, nachdem eine "Hygiene-Kundgebung" auf dem Marienplatz von zugelassenen 80 auf 3000 Teilnehmer angewachsen war. Tatsächlich wird an den Zugängen genau gezählt und lange vor Demo-Beginn hermetisch abgesperrt. Auf einem Geviert der Theresienwiese, von der heuer das Oktoberfest verbannt wurde, sind kleine Kreuze aus Papier auf dem Boden geklebt, in Abständen von anderthalb Metern. Freundliche junge Ordner dirigieren die Andrängenden dorthin, wo sie auch brav bleiben. 

Verschwörungsprediger und rechte oder linke Radikalinskis sind nicht in Sicht, nur ein paar Impfspinner. Aber haufenweise Coronagefahr-Leugner und Zahlen-Zweifler, Wutbürger der anderen Art, viele bewaffnet mit Protestplakaten gegen "Notstandsgesetze" und die Abschaffung von Bürgerrechten auf Dauer. Frauen sind deutlich in der Überzahl. Eine, die sich als Ossi bekennt, erinnert an die Hongkong-Grippe vor 20 Jahren mit etwa 40 000 Toten in beiden Deutschlands. Damals hätten Politiker und Medien auf Panikmache verzichtet, im Gegensatz zu heute, da Depressionen und Existenzängste in noch nicht abzusehendem Maße systematisch erzeugt würden. Ähnlich bedenkenswert dann Argumente weiterer Redner. 

Große schwarze Blocks säumen den Bavariaring. Offenbar gilt die Parole: So viele Protestler - so viele Polizisten. Alle vermummt, einige hoch zu Ross. Nur mit Ach und Krach gelingt den Einsatzkräften die Auflösung von Grüppchen ausgesperrter, unmaskierter und eng zusammenstehender Zaungäste, deren Zahl ihr Chef auf 2500 schätzt. Auch die Würde von Polizistinnen und Polizisten gelte es zu achten, mahnt die Hauptrednerin einzelne Buh-Rufer. Fast friedlich endet nach einer guten Stunde das Spektakel, das ein Modell sein könnte für das Demonstrieren in Corona-Zeiten.

Eher unbeachtet bleiben indes die immer noch laufenden, meist privat organisierten Veranstaltungen zum Gedenken an die Befreiung von der Nazi-Herrschaft vor 75 Jahren. Dabei ergäben sich einige Parallelen: So wie jetzt ein Stück Normalität nach dem anderen wiederkehrt, so war ab Mai 1945 in diesem "lebendigen Schutthaufen", wie München vom spätere OB Thomas Wimmer bezeichnet wurde, das richtige Leben neu erwacht, nur, dass dies damals nicht unter der Losung "Lockerung" lief: Nach und nach machten Behörden, Buchhandlungen und Banken, Kirchen, Kinos und Krankenhäuser wieder auf. Im Juni gab es das erste Fußballspiel (FC Bayern gegen FC Wacker), im Juli folgten Trambahn, Post und das erste große Konzert. Im Bürgerbräukeller, den hungrige Münchner und befreite "Fremdarbeiter" eben noch geplündert hatten, wurde bald sogar wieder Bier ausgeschenkt - allerdings nur an amerikanische Soldaten.

19. Mai
Bier her – das ist neben den Demos das zweite Großthema aktuell. Am Montag dürfen die „Freischankflächen“ in ganz Bayern wieder öffnen. Doch so einfach lässt sich das urbayerische Verlangen nicht verwirklichen. Beim Viktualienmarktbiergarten, einer meiner Stammlokale, muss man Schlange stehen, um einen der reduzierten Plätze unter den Kastanien zugewiesen zu bekommen. Auch darf man die mitgebrachte Breze am Tisch nicht verzehren, und zu essen gibt’s sonst weit und breit nichts. Darob vergeht mir erst mal der Appetit. 

Indes sind vor dem Holz-Bistro am Stadtmuseum gerade noch zwei Stühle leer. Der Wirt hat sein Freigelände penibel vermessen. Erst nachdem wir Name, Adresse und Telefonnummer eingetragen haben, reicht uns der Wirt eine in Folie eingeschweißte Speisenkarte, die er danach desinfizieren soll. Lieber wäre ihm, dass man den QR-Code am Eingang scannt und vorzeigt, und dass man bargeldlos bezahlt. Die Preise hat er etwas angehoben, jetzt kostet der Flammkuchen 15 Euro. Die Senkung der Mehrwertsteuer gelte erst ab 1. Juni, brummt der Chef hinter seiner Maske. Die meine müsste ich bei einem Gang zur Toilette auch anlegen. An den Getränkepreisen ändere sich eh nichts. Ob es ihm hilft, dass neun bayerische Großbrauereien, wie diese in Großanzeigen werben, eine Million Maß Gratisbier an „unsere Wirte“ spendieren wollen?

Bleibt den monatelang zugesperrten Gastronomen immerhin die etwas vage Zusage der Stadt München, bei einer Verbreiterung von Freischankplätzen großzügig zu verfahren und das Aufstellen von Kiosken, Karussells und anderen, vorerst nicht nutzbaren Jahrmarktattraktionen dulden zu wollen, wozu jeweils Parkplätze geeignet wären. Fraglich, ob all das den mit Mehrkosten und Mehrarbeit verbundenen Hygiene-Aufwand auch nur ein wenig aufwiegen kann. Einer der Traditionswirte im Tal hat bereits das Handwerk geworfen. Und wir alle, die wir gern Gäste waren, werden uns wohl oder übel an eine neue Normalität auch in der Gastronomie gewöhnen müssen.

25. Mai
Auch bei der Mobilität werden wir uns an eine neue Normalität gewöhnen müssen. Beizeiten vor dem Neustart des Ausflugs- und Urlaubsverkehrs zu Pfingsten - aber auch im alltäglichen Stadtverkehr - zeigen sich zu Lande und in der Luft deutliche Verlagerungen an. Was bisher vor allem die Grünen angestrebt und nur teilweise erreicht haben, scheint nunmehr einer unsichtbaren Mikrobe zu gelingen. Politiker und Planer sehen sich vor vielfache Herausforderungen gestellt.

Von meinem Arbeitszimmer aus kann ich beobachten, wie der breite Isarradweg von Tag zu Tag stärker bevölkert wird. Das heißt, immer mehr Münchnerinnen und Münchner steigen um, schwingen sich auf den Sattel und strampeln sich frei von der so lange verordneten Immobilität. Die Radler-Kreuzung an der Maximiliansbrücke (wo ich vor 75 Jahren den Einmarsch der Amerikaner miterlebt habe) ist auch für Fußgänger gefährlich geworden, zumal hier obendrein Jogger übersetzen und Kraftfahrzeuge rechts abbiegen. Wie dicke Werbebeilagen beweisen, boomen Fahrrad-Verkauf, -Verleih und -Reparatur. Neu im Angebot sind Lastenräder für Besorgungen, Cargo-Bikes genannt. Sie erinnern an die „Roten Radler“ aus Ludwig Thomas „Münchner im Himmel“.

In und um München belebt sich der Verkehr nur langsam

Deutlich abgenommen hat dagegen der Autoverkehr, zum Beispiel auf meiner sonst sehr belebten Widenmayerstraße, die mal eine Stadtautobahn werden sollte. An der Flaute auf den Fahrbahnen hat sich wenig geändert, seit Söder das öffentliche Leben wieder „hochfahren“ ließ. Selbst auf den Autobahnen rund um München belebt sich der - zunächst stark zurückgegangene - Verkehr nur langsam, Obwohl doch, wie die Autobahndirektion Südbayern meldet, viele Leute „Schritt für Schritt aus dem Home-Office zurückkommen“ und die Züge des Öffentlichen Personennahverkehrs immer noch mieden. Dabei heben Deutsche Bahn und Privatbahnen schon am 18. Mai den Regelbetrieb auf allen südbayerischen Netzen wiederaufgenommen.

„Corona hat unser Mobilitätsverhalten verändert,“ beschreibt der Münchner Stadtrat Nikolaus Gradl die noch kaum absehbare Entwicklung. Seine SPD-Fraktion hat deshalb beantragt, Autospuren bestimmter, viel befahrener Straßen in Radlfurten, sogenannte Pop-up-Lanes umzuwandeln. Mein Bezirksausschuss Altstadt-Lehel hat eine „Entleerung des Zentrums“ festgestellt; Er fordert auf Antrag der Grünen eine „Neuordnung und mögliche Umwidmung des Straßenraums“. Nach dem Vorbild von Brüssel. Endziel der rot-grünen Stadtregierung ist jetzt eine autofreie City.

Natürlich erhebt sich Widerstand gegen derart radikale Veränderungen, vor allem seitens CSU, FDP, Bayernpartei und ADAC. Neue Fronten im Ringen um Freiheits- und Bürgerrechte tun sich auf. Einigen Autofans sind dabei offenbar die Sicherungen durchgebrannt. Das zeigt sich etwa daran, dass die Polizei immer öfter illegale Rennen meldet. Was wiederum den Bundesverkehrsminister nicht hindert, auf eine Lockerung der Sanktionen für Autoraser zu drängen. Am selben Tag verdeutlichen zwei Meldungen in der Abendzeitung, dass die Nerven nach längerer Demobilisierung nicht nur bei frustrierten Autofahrern blank liegen: “Rentner bedroht Frau und Tochter mit Pistole“. Und: „Mann zielt mit Waffe aus dem Fenster.“

Eine andere Verkehrsebene: der Flughafen Franz Josef Strauß. Oft und oft habe ich über das „Monster im Moos“ berichtet, über seine leidvolle Vorgeschichte, über die vielen Probleme und großartigen Prognosen. Immer seltener dann habe ich mich, nachdem ich meine Reisen auf die mitteleuropäische Umgebung Münchens beschränkt habe, in die Warteschlagen an einem Check-in-Desk, vor der Sicherheitskontrolle und draußen vor dem Gate gedrängt. Und jetzt? Ich will mich mal umschauen.

27. Mai

Gespenstisch: Riesige, fast menschenleere Hallen, die vor Kurzem noch Drehscheiben der Welt waren. Ungewohnte Ruhe, keinerlei Hektik wie früher. Leere Schalter und Geschäfte. Die Sparkasse hat auf, vier Damen sitzen hinter Glas, wollen aber nicht verraten, wie viele Kunden an so einem Tag abgefertigt werden. Auch die paar sonstigen Läden sind leer. Nichts los im Erdinger Moos. In Terminal 1 und im neuen Satellitengebäude ruht jeglicher Betrieb. Sogar der Besucherpark ist geschlossen, soll aber an Pfingsten wieder zugänglich sein; „Tante Ju“ bietet dort dann sogar Speisen und Getränke „to go“ an.

Abgefertigt wird nur im Terminal 2. Theoretisch. Fluggäste oder Flugbegleiter sind jedenfalls nicht zu erblicken. Immerhin zeigt die Anzeigetafel ein paar Abflüge an, von Amsterdam bis Riga. Pfingsten naht, normalerweise eine große Reisezeit. „Zurzeit zählen wir etwa 2000 Passagiere pro Tag,“ verrät mir Ingo Anspach, der Pressesprecher des Münchner Flughafens. Er hält die Stellung, sein Team ist teilweise in Kurzarbeit. Zum Vergleich: Vor Corona waren hier täglich 120 000 bis 150 000 Personen abgeflogen und angekommen.

Im März noch, als die Zahl der Fluggäste schon um 65 Prozent gesunken war, arbeiteten mehr als 38 000 Menschen aus aller Herren Länder für Deutschlands zweitgrößtem Airport. 13 000 allein bei der Lufthansa, die jetzt nur noch 3000 Frauen und Männer stationiert hat. Eine einsame Stewardess in Zivil huscht vorbei und hofft, bald wieder eingesetzt zu werden, statt ein Logo zu basteln für die künftige zweite Stammstrecke der S-Bahn; auch die fährt momentan so gut wie leer heraus

Die Lufthansa leidet, trotz des Milliarden-Deals mit Berlin. Höchstens 50 Starts und Landungen fertigt sie nun täglich ab. Die meisten jener über hundert Flugzeuge, die weit draußen abseits des Rollfelds geparkt sind, tragen das Kranich-Logo. Orangerote Planen oder Folien schützen Triebwerke und andere Teile. Regelmäßig müssen die Maschinen zum Check-in den Hangar. Für Juni aber hoffen alle auf ein einigermaßen normales Take-off. Noch freilich sind große Teile der Start- und Landebahnen aufgerissen - gute Gelegenheit zum Ausbessern der strapazierten Betondecke und der Befeuerung.

Die Flughafenleitung ist überzeugt, „dass der globale Mobilitätsbedarf auf mittlere Sicht steigt“. Der Marketingspruch meint, dass der Luftverkehr wieder Höhen gewinne. Immerhin kam soeben die Zusicherung, dass die größte Fluggesellschaft Europas den Flughafen München als einzigen Standort für das größte Passagierflugzeug der Welt - 500 Plätzen auf zwei „Etagen“ - auserkoren hat. Alle acht bestellten Exemplare des Airbus 380 sollen künftig das Kreuz des deutschen Südens neu erstrahlen lassen. In einem Rundschreiben an die Mitarbeiter schätzen die Personalmanager der Lufthansa allerdings, dass die Corona-Krise noch bis 2023 den Flugverkehr belasten werde.

Halbwegs in Betrieb ist auf dem Flughafen, den die Statuen von Ludwig I. und von Franz Josef Strauß zieren, zurzeit allein der Airbräu. Mittags versammelt sich ein Teil des vor Ort verbliebenen Airport-Personals im Biergarten, der natürlich nach allen Regeln der Hygiene und der Social Distance funktioniert. Wieder zwitschern die Vögel in den Bäumen. Nur auf die Weißwürste, die mich früher nach jeder Heimkehr von fernen Zielen erquickt haben, muss vorerst verzichtet werden.

Um hiermit die Krise der Mobilität abzurunden: Flaute herrscht momentan auch noch auf Bayerns Ausflugsseen. „Wir gehen aber heute schon davon aus,“ meldete die Starnberger Personenschifffahrt zu Pfingsten, „dass die Beförderungskapazitäten reduziert werden müssen.“ Auch sei damit zu rechnen, dass die gesetzten Rahmenbedingen Auswirkungen auf den Fahrbetrieb haben werden. Das würde unter anderem Verspätungen und ein verzögertes Ein- und Aussteigen bedeuten.

2. Juni
Liedermacher und Spaßmacher, Stehgeiger und Straßenmusikanten, Disk-Jockeys und Barmixer, Party- und Eventmanager – sie und viele andere Zubringer des vorwiegend abends oder nachts ausgeübten Unterhaltungsgewerbes fühlen sich nun schon allzu lange ausgegrenzt, vergessen von staatlicher und städtischer Fürsorge für bedrohte Existenzen. Alles nicht so wichtig? Kleinkunst, Kleinkram im Vergleich jedenfalls mit der noch bis 15. Juni geschlossenen Hochkunst (Theater, Konzertsäle und Kinos)? Vermisst allenfalls von notorischen Nachtschwärmern?

Vielleicht gelten aber doch andere Maßstäbe in einer Stadt, die sich immer, manchmal geradezu penetrant gewisser Traditionen (Stichwort: Schwabing) und ihrer besonderen „Freizeitqualität“ gerühmt und weltweit damit geworben hat. Als Korrespondent auswärtiger Zeitungen habe ich mich früher selbst gern an derlei Lobpreisung beteiligt.

Das von Kultusminister Bernd Sibler verkündete Hilfsprogramm, das bayerischen Künstlerinnen und Künstlern nach begründetem Antrag drei Monate lang je tausend Euro verheißt, findet nur wenig Applaus. Ein Künstlerverbund hält es für praxisfern und diskriminierend. Die Einnahmeverluste würden sich bis weit ins nächste Jahr auswirken. „Unverschämt“ nennt der Strauß-Kabarettist Helmut Schleich die Meinung des Strauß-Nachfolgers Söder, damit gäbe es nun kaum noch Einschränkungen im Kulturbetrieb. Sibler sieht indes nur ein „Konzept für einen Neustart von Kunst und Kultur unter veränderten Bedingungen“.

Ganz klein haben die Kleinkünstler inzwischen auf eigene Faust und Kosten und unter veränderten Bedingungen den Neustart gewagt. Kreativität, Mut, ja Idealismus sind da gefordert. In Wohnzimmern, Tonstudios oder auf Bühnen, beispielsweise im „Stemmerhof“, werden immer öfter und perfekter Programme veranstaltet und per Livestream bisweilen mit Spendenbitte oder Bezahlschranke in die Wohnzimmer gesendet. Dafür bedarf jeweils der Anmeldung, die von der Landeszentrale für neue Medien stets unbürokratisch und kostenfrei genehmigt wird. Digitale Angebote dieser Art, meint Münchens Kulturreferent Anton Biebl, könnten künftig die Kulturszene bereichern.

Technische und vor allem rechtliche Fragen wären aber noch zu klären. Kunst auf Antrag, Kleinkünstler als Rundfunkanbieter – wie geht das zusammen? Etliche Probleme tauchen auf. So musste das winzige „Hofspielhaus“, das die Falkenturmstrasse im Hofbräuhausviertel jeden Abend bespielt hatte, das schnell beliebt gewordene Programm zu Pfingsten stornieren, „da eine rechtliche Klärung der Rahmenbedingungen erforderlich ist“. Dagegen dürfen fortan die „Urbanauten“, die mit einem Straßenkonzert wie einst angeblich die Schäffler den Pest-Bann gebrochen hatten (siehe Notiz vom 8. Mai), allabendlich auf autofreien Straßenstücken ihren „Kulturlieferdienst“ darbieten, demnächst den „Flying Circus“. Einzige behördliche Bedingung: Zuschauer müssen sowohl in Abstand wie auch in Bewegung bleiben.

Die Schwabinger und Münchner Nächte sollen und könnten endlich wieder ein bisschen heller werden.

8. Juni
Der Marienplatz ist wieder voll, die Menschen eilen und drängen wie einst. Auch Stadtführungen sind erneut angesagt. Vier Frauen und zwei Männer wollen „Liebe, Lust und Leidenschaft“ im alten München kennen lernen. Treffpunkt ist die von der Sparkasse der Schwesterstadt Verona gestiftete Statue der Julia. Carmen Finkenzeller von „Stattreisen“ verteilt Schokoherzerl und macht gleich auf eine zeitbedingte Veränderung aufmerksam. Der Bronzebusen der schönen Braut des Romeo ist deutlich nachgedunkelt und nicht mehr so goldig poliert wie früher. Ein Indiz für das mehrwöchige Ausbleiben von Touristen, die – so die Mär - durch Berühren just dieser Brust ihr Liebesleben aufbessern konnten.

Auf dem Marienplatz. im Rathaushof und im Alten Hof erzählt die Stadtführerin noch andere „Münchner Liebesgeschichten“, jeweils mit Hinweis auf Figuren und Inschriften. Schöne und grausige Geschichten. Auf weitere Assoziationen zu Seuche-Zeiten, die ja wenig mit Liebe zu tun haben, verzichtet sie aber. Immerhin befindet sich das bekannteste Symbol der Pest an der Südwestecke des neuen Rathauses: ein Gift sprühender Drache, und am Sockel der 1638 eingeweihte Mariensäule erscheint der  Schwarze Tod in Gestalt eines mit Hahn und Schlange bestückten Basiliken.

Da die „Stattreisen“ und andere Führungen nach wie vor noch ohne Touristen stattfinden, kann Frau Finkenzeller ihre Erklärungen in waschechtem bairisch vortragen, ohne übersetzen zu müssen, wie gewohnt. Vorerst bleiben die Münchner unter sich. Die Stimmung sei gut, wird mir aus der Geschäftsstelle mitgeteilt. Eine 82-jährige Dame habe sich gefreut, dass sie jetzt wieder „sinnvoll unterwegs“ sein könne. Leider mache das Hygienekonzept persönliche Gespräche nicht ganz einfach.

„Gästeführer sind oft die Einzigen, mit denen die Besucher einer Region intensiv in Kontakt kommen. Sie prägen das Bild, das Gäste mit nach Hause nehmen. Mit ihrem Sachverstand, ihrer Vermittlungsfähigkeit und ihrer Authentizität tragen sie entscheidend zum touristischen Erfolg einer Region bei.“ So begründete der Münchner Gästeführerverein, dessen 200 Mitglieder in 30 Sprachen führen, in einem Brief an Ministerpräsident Söder die Bitte um Einbeziehung in das Künstlerhilfsprogramm (siehe Notiz vom 2. Juni).

Max Zeidler, der am Wochenende zum Thema „Migration“ führte, legte einen Meterstab auf den Boden, um das Abstandsgebot zu verdeutlichten. Am 30. Juni führen die „Stattreisen“ durchs Münchner Klinikviertel, das sich zur Zeit sehr verändert. Für das DGB-Bildungswerk recherchiert Heini Ortner einen Rundgang mit dem Thema „Gesundheitliche Versorgung in München im Mittelalter“, die mörderische Pest und die aus Afrika eingeschleppte Infektionskrankheit Lepra eingeschlossen. (Schon 1213 erwähnt die Stadtchronik das erste Leprosenhaus auf dem Gasteig).

Dezentralisierte Wiesn: Nicht jeder findet das gut

Das anhaltende Ausbleiben von Touristen, die üblicherweise ab Mai die bayerische Hauptstadt bevölkern, offenbart sich auch beim anschließenden Dämmerschoppen im Hofbräuhaus. Die Restaurants, Trinkstuben und der Festsaal in den oberen Stockwerken sind geschlossen. Leere Tische in der Schwemme, keine Blaskapelle, kein Oans-zwoa-gsuffa, kein Lärm fröhlicher Zecher, kein Aneinandervorbeidrängen, alle Kellner maskiert und ausnehmend freundlich, fast alle sind Ausländer. In den zehn Stunden, die das berühmteste Wirtshaus der Welt mit den bekannten Auflagen derzeit wieder geöffnet hat, kommen jetzt täglich etwa 600 Gäste, verrät der Mann am Eingangspult, der Namen und Telefonnummern notiert und Plätze zuweist. Gemütlichkeit geht anders.

In verschiedenen Phasen glaubt der Münchner Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU), dem die Organisation der heurigen Wiesn entgangen ist, den für München nicht ganz unwichtigen Tourismus im zweiten Halbjahr wieder ankurbeln zu können. Erst will er in der Großregion München werben lassen, dann in Österreich und der Schweiz, dann im übrigen Europa und schließlich wieder weltweit. Eine der Attraktionen soll ein vom Stadtrat beschlossenes Programm namens „Sommer in der Stadt“ sein, das auch der Gastronomie aus der Patsche helfen könnte. In Parks, vor Wirtshäusern, auf Parkplätzen, in verkehrsberuhigten Zonen und wo auch immer es möglich ist, sollen sich Schausteller und Standlbetreiber entfalten können. Ein dezentralisiertes Oktoberfest gewissermaßen, nicht von allen Traditionalisten gutgeheißen.

16. Juni
Fast alle Münchner Museen haben wieder regulär geöffnet. Viele haben umgeräumt, alle haben hygienische Vorrichtungen und Führungslinien eingebaut, einige haben ältere Ausstellungen verlängert oder neue eröffnet. Doch auch in der vergangenen Zeit der Stille wussten sie ihre Schätze per Internet ansprechend, oft in nie gekannten Zusammenhängen, zu präsentieren. Die neue digitale Methode der Kulturvermittlung hat durchaus Zuspruch gefunden. Ich meine: Sie sollte nun – wie manch andere „Notlösung“ - systematisch weiterentwickelt werden.

Ein hervorragendes Beispiel dafür ist ein vom NS-Dokumentationszentrum gestalteter Rundgang. Vor Hinterlassenschaften des ehemaligen Parteiviertels und anhand bisher kaum bekannter Archivbilder berichtet die Direktorin Mirjam Zadoff über die Befreiung Münchens vor 75 Jahren. Interessant selbst für Zeitzeugen und Zeitungsmenschen, die den Einmarsch der Amerikaner am 30. April 1945 miterlebt und öfter über die Nachkriegszeit geschrieben haben. So wird der virtuelle Besucher in die sonst unzugänglichen Keller der beiden erhalten gebliebenen Nazipaläste am Königsplatz geführt, wo seinerzeit mindestens 600 wertvolle Gemälde sowie die Karteikarten von elf Millionen Parteigenossen und große Mengen Wein geplündert wurden. Das Virus als Schlüssel für ein Stück Zeitgeschichte.

Das Virus als Schlüssel für ein Stück Zeitgeschichte

„Das Museum wird als Raum sozialer Interaktion wieder lebendig", heißt es zu einer Aktion namens „1:1 mit Kunst, Design und Architektur“, die nunmehr jeden Sonntagnachmittag gespielt wird. An festen Standorten in der Pinakothek der Moderne sprechen Kunstvermittler jeweils zehn Minuten lang mit einer Person, einem Paar oder einer Familie über ausgestellte Werke: ihre Wirkung, ihre Geschichte und ihre Besonderheiten. Ein vorläufiger Ersatz für die noch nicht wieder möglichen Führungen. Die Warteschlangen am Haupteingang sind trotzdem nicht zu vermeiden.

Manches Kreative hat die Krise erzeugt, aber auch Initiativen, die man unter dem Stichwort „Corona-Kuriosa“ bündeln könnte. Interessenvertreter aller Art sehen sich veranlasst, ins allgemeine Klagekonzert einzustimmen. So haben 50 Hochzeitsdienstleister, denen ihr Geschäft derzeit etwas entschwunden ist, vor dem Rathaus eine 40 Meter lange Hochzeitstafel in Weiß aufgebaut, um ebenfalls „konkrete Staatshilfe“ zu erbitten. Vielleicht hilft da auch die Aktion „Socialmatch“: Fünf Frauen und fünf Männer treffen sich ab 22. Juni, nach Online-Vereinbarung, im Park-Café und lernen sich durch ein speziell entwickeltes Spiel kennen, möglicherweise fürs Leben.

Zwar dürfen jetzt in Bayern auch Hobby-Musiker wieder proben - höchstens jedoch zehn Personen inklusive Leitung, ohne Publikum, möglichst im Freien, Bläser drei Meter Abstand, Querflöten „auf Grund der höheren Luftverwirbelung“ am Rand platziert, alle 20 Minuten gründlich lüften. Besonders erzürnt sind die Chöre, die traditionelle Gemeinschaften bilden; sie dürfen überhaupt nicht üben, weil „lautes Singen mit erhöhter Infektionsgefahr verbunden ist“. Deutsche Präzision.

„Poesie gegen Corona Blues“ will eine Aktion der Künstlerin Katharina Schweißgut vermitteln. In einen rot lackierten Briefkasten in Giesing kann jedermann – fast nur Frauen machen mit - sein Empfinden von der Krise als „Getipptes, Gekritzeltes oder Kalligrafiertes“ einspeisen. Per YouTube-Video werden auch Gedichte gelesen, ernste und heitere. Zum Beispiel: „Stürmische Zeiten, Unruhe ist in der Welt. Kehrt Ruhe zurück?“ Oder: „Neuerdings herrscht überall, nicht nur in Bayern, Maskenball.“

Auf den Besuch bayerischer Biergärten werde ich bis auf Weiteres verzichten. Abschreckendes Beispiel: Chinaturm, sonniger Samstag. 12.30. Suchen des verschobenen Radstellplatzes sowie des einzigen Eingangs. Maske auf, Schlange stehen, Abstand. An Stehtisch ausgehändigten Meldezettel beschriften. Durch ein mit Signalbändern und Bodenpfeilen markiertes Labyrinth zu den Theken. Keine Weißwürst, nur große, zähe Brezn - und doch erhöhte Preise. Klaglos zahlen angesichts des Aufwands. Tisch 61 mit ausgehändigter Nummer suchen. Maske ab - zum Krug stemmen. Suche nach Desinfektion, weil inzwischen etliche Dinge angefasst. Umzug auf schattigen Platz nicht möglich. Einzige Lichtblicke: das tadellose Bier und das merklich gedrillte Personal. Stumm und allein betrachtet man die Tische rundum. Die meisten mit einzelnen oder gar keinen Gästen. Kein Wunder – auch nicht, dass ein Wirt nach dem anderen das Tischtuch wirft. Ach, wie war es doch vordem ...

22. Juni
Heute endet der am 16. März von Ministerpräsident Markus Söder verkündete Katastrophenfall. Zeit also für weitere „Lockerungen“ der lästigen Corona-Zwänge. Gut, dass in den bayerischen Ministerien offenbar Brigaden von Beamten am Werk sind, um immer wieder neue Regeln auszutüfteln, wobei auch nicht das kleinste Detail vergessen wird. Auf minutiöse Arbeit deuten jedenfalls einige der Neuigkeiten hin: So dürfen künftig 100 statt nur 50 Personen miteinander feiern, Theater und Orchester im Freien vor 200 statt nur vor 100 Zuschauern spielen und Urlauber auch ohne eigenes WC im Wohnwagen campen. Und: Die Sperrstunde in Gaststätten wurde um eine Stunde auf 23 Uhr verlängert und der Mindestabstand in Kirchen von zwei auf anderthalb Meter verkürzt.

Nicht ganz so locker, aber ebenso genau wird die Krise in städtischen Behörden aufgearbeitet. Mit ihrem Team vom Statistischen Amt Münchens hat meine Nichte Angelika im monatelangen Home-Office aufgeschlüsselt und grafisch dargestellt, was sich im Wesentlichen im vergangenen Vierteljahr der Katastrophe im öffentlichen Leben geändert hat. Diesem „strukturellen Daten und Auswirkungen im Bereich der Gesellschaft“ kann ich beispielsweise entnehmen, dass die Arbeitslosenquote seit Jahresbeginn von 3,2 auf 5,1 Prozent im Mai gestiegen ist oder dass ich einer der 83 308 Münchner bin, die zur Risikogruppe gehören, weil sie älter als 80 Jahre sind.

Die Bilanz des Münchner Stadtmuseums ist eher optischer und haptischer Art. Zu sehen gibt es zum Beispiel einen Corona-Hut Nicki Marquart mit einer Spannweite von 1,5 Metern. Gesammelt wurden aber vor allem Dokumente, die Bürgerinnen und Bürger, junge und alte, zum leidvollen Thema des Jahres eingeliefert haben. Da dominieren natürlich die oft komischen, liebevoll angefertigten Mundschutzmasken sowie die Fotos von der großen, ungewohnten Leere: auf Autobahnen, im Straßenbild, in Biergärten, auf dem Flughafen, im zunächst ausverkauftem Supermarkt. Polizisten mit Motorrädern kontrollieren ein einsames Pärchen im Englischen Garten. „Stop! Ausgangssperre. Tötliches Virus,“ plakatierte eine Steffi etwas fehlerhaft vor ihrer Behausung. Superoptimistisch verkündet jemand: „Ois werd guad.“ 

Dem Hin und Her bei den staatlich angeordneten Einschränkungen und Lockerungen für Kita- und Schulkinder begegnet die Stadt München mit einem schönen Programm. Anstelle des früheren Kinder-Kulturfestivals (KiKS) auf der Schwanthalerhöhe mit Massenbesuch wurden am vergangenen Wochenende an 80 Plätzen in verschiedenen Stadtteilen über 250 Angebote für die Sommerferien samt Stadtplänen und Spielmaterialien in Tüten verteilt. Verkauft wurden Karten für eintägige Erlebnisreisen. Obendrein können Jugendliche online über www.ak-kinderundjugendbeteiligung.de ihre Wünsche zur Freizeitgestaltung zur Kenntnis bringen.

29. Juni
In allen acht städtischen Hallen- und Freibädern darf jetzt wieder geschwommen und geplanscht werden; auch Sauna und Fitness haben wieder auf, und sogar die Erdinger Thermen. Aber ach: Erst muss man online buchen, dann bekommt man per Mail einen QR-Code, der zum befristeten Besuch in einem bestimmten Bad berechtigt. Wie umständlich! Und derzeit auch unnötig. Denn direkt unter dem Volksbad lockt Münchens schönster Strand: eine täglich anders geformte Kiesbank mit Sträuchern, gefahrloser Strömung, spritzigem Wasserfall an der Schleuse, Steg für Schaulustige und nahem Biergarten, wo die Leute allerdings bis zum Bad hin anstehen. Mein Lieblings-Lido seit Jugendzeiten. Natürlich wird er in diesen Sonnentagen massenhaft genützt. Ein Schnappschuss zeigt, dass das Abstandsgebot durchaus eingehalten wird.

Die Krise hat natürlich auch die Medienwelt erschüttert und wohl nachhaltig verändert. Deshalb ein paar Worte in eigener Sache: Zwar ist die Nachfrage nach aktueller Information und damit die Anforderung an uns Zeilenschreiber deutlich gewachsen, gleichzeitig aber ist der existenzsichernde Anzeigenmarkt deutlich geschrumpft, so dass 14 bayerische Verlage Kurzarbeit anmelden mussten. Nicht wenige Redakteure wurden ins Homeoffice geschickt. Große Textteile der Blätter waren – und sind immer noch – allein vom Thema Corona blockiert. Pressekonferenzen und andere Veranstaltungen sind ausgefallen. Folge: Vielen freien, oft unterbezahlten Journalisten sind Themen und redaktionelle Aufträge weggebrochen. Ich kenne Kolleginnen, die sich deshalb einen neuen Job zum Beispiel in der Altenhilfe suchten.

Mit der Schreibmaschine aufgewachsener Digital-Azubi

Staatliche Soforthilfe greift eher selten. weil manche Freie keine eigene Betriebsstätte oder keinen „Liquiditätsengpass“ vorweisen können. Dazu kommt, dass in unserer Branche nun weniger von Mensch zu Mensch kommuniziert wird als vielmehr über allerlei neue Medien. Bisher traf man sich regelmäßig am Stammtisch oder bei einem Termin. Jetzt „traf“ ich zwei Mal Kolleginnen und Kollegen bei Video-Konferenzen, was für einen älteren, mit der Schreibmaschine aufgewachsenen Digital-Azubi gar nicht so einfach ist. Trotz Zoom konnte ich mich weder optisch noch akustisch ins Gespräch über Sozialfragen und über Pressefreiheit einbringen (beim nächsten Mal sollte es aber klappen).

Am gestrigen Sonntag interviewte mich ein aus NRW angereister Filmemacher. Er arbeitet an einer Dokumentation über Bruno Gröning, den ich im Juni 1949 in Herford als „Wunderdoktor“ entdeckt und dann als Reporter der Abendzeitung jahrelang kritisch beobachtet hatte. In Krisenzeiten „wärmte man sich an Wahrsagern und Wunderheilern“, schrieb neulich der Historiker Norbert Frey in der Süddeutschen Zeitung und erwähnte den „Stanniolkugeln verteilenden Schreiner“.

Auch die Autoren von Büchern rappeln sich wieder auf, nachdem sie wegen geschlossener Buchhandlungen und ausgefallenen Lesungen auf Verkäufe verzichten mussten. Die Stadt hat einen ihrer Läden im Rathaus-Parterre an sieben kleine Verlage günstig vermietet. Mindestens ein Jahr lang will der „Münchner Buchmacher“ ein literarisches Schaufenster und Verkaufsstandl der Stadt sein. Auch Vorträge und Lesungen sind vorgesehen. Für mich ein Lichtblick, nachdem die Vorstellung meiner Stadtchronik „Münchner Meilensteine“ dem Virus zum Opfer gefallen war. Kommunalreferentin Kristina Frank stellte in Aussicht, dass die Stadt noch weitere eigene Immobilien Künstlern zur Zwischennutzung bereitstellen wolle. Und Kulturreferent Anton Biebl verriet, dass sein Amt derzeit 14 000 Hilfsanträge aus dem Kulturbereich zu bearbeiten habe.

6. Juli
„Masken ab!“ Je höher die Temperaturen steigen, desto lästiger wird der vorgeschriebene Mundschutz und desto lauter erflehen immer mehr Bürger oder ganze Gruppen, auch Prominenz darunter, ein schnelles Ende eben dieser Zwangsmaßnahme. Söder aber bleibt hart. Er fürchtet, dass die allgemein für Herbst erwartete zweite Infektwelle früher und heftiger kommen könnte. Er wird ja von Virologen beraten. Vielleicht genügt auch ein Blick in die Medizingeschichte. In Militärakten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs zur Spanischen Grippe konnte ich bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit der heutigen Corona-Pandemie entdecken: Plötzlich, Ende August 1918, waren zunächst in den USA viele Neu-Infektionen gemeldet worden, nachdem das damalige Influenza-Virus bereits deutlich auf dem Rückzug war. Sein Stamm war nämlich mutiert, hatte sich nur ein wenig verändert. Und die Gegenmaßnahmen waren ebenso deutlich fast überall gelockert worden. In einigen Großstädten kam es zur öffentlichen Verbrennung der verhassten Masken. Die Schützengräben des noch flackernden Weltbrands boten diesbezüglich alles andere als Schutz. Mann auf Mann lagen auf beiden Seiten der Front. Im revolutionstrunkenen München wurden Soldaten als Pfleger in die Lazarette kommandiert.

In gewisser Hinsicht sind damit Szenen vergleichbar, die sich zurzeit hierorts an Sommerabenden abspielen. Besonders an drei beliebten und laufend beobachteten „Hotspots“ tobt ein Tänzchen auf dem Vulkan: An der Isar zwischen Reichenbach- und Corneliusbrücke, auf dem Gärtnerplatz und rund um den Wedekindplatz, wo Ende Juni 1962 aus heiterem Himmel die „Schwabinger Krawalle“ begonnen hatten. Damals griff die Polizei sehr hart zu. Das wagt sie heute nicht mehr. Die strategischen Möglichkeiten, das Völkchen zur gebotenen Distanz untereinander und zum Vermummen anzuhalten, sind begrenzt. Ebenso ratlos wie die Ordnungshüter, stöhnen die jungen Leute, die sich zu lange schon eingeengt fühlen: „Wo sollen wir denn sonst hin?“

Einige Experten vermuten einen möglichen neuen Virenherd weniger in Open-Air-Milieus als in eher geschlossenen Orten der Geselligkeit, Musterbeispiel: das Tiroler Après-Ski-Eldorado Ischgl. Gemeint sind die immer noch geschlossenen Bars und Kneipen sowie die längst wieder offenen Biergärten und Restaurants. Nun hat Bayerns Wirtschaftsminister nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er ein Freund von Wirtschaften aller Art ist. Das weiß wenigstens die weiß-blaue Welt spätestens seit dem 25. Mai, als Hubert Aiwanger in schönstem Stoiber- oder Loriot-Stil der Presse klarmachte, wie viele „Kumpel“ mit einsfünfzig Abstand an einem bis zu 15 Meter langen Tisch beinander hocken dürfen.

Dieser Tage hat der Freie-Wähler-Führer sein Herz für die kleinen Wirtshäuser geöffnet, für die Kneipen, wie die Kumpels sagen, respektive für die Boazn, wie man in Altbayern sagt (anderswo wiederum kennt man dergleichen als Beisl, Pubs oder Bistros). Wieder dachte er vor Journalisten laut nach, als die Frage nach Wiederöffnung aufkam. Klar doch: „Je eher, desto besser“. Schnell aber wies, wieder mal, der fränkische Ministerpräsident Söder seinen niederbayerischen Stellvertreter Aiwanger in die Schranken: Klar, man könne auch über offene Schankwirtschaften reden, „aber nur nicht überstürzen“. So überstürzten sich also im bayerischen Corona-Kabinett die Ereignisse.

Auch eine Lockerung der Maskenpflicht lehnt Söder strikt ab. Auf die allgemeine Demaskierung, auf eine Art Befreiung, werden wir im Freistaat Bayern also wohl noch eine Weile warten müssen. Und wie lange auf die zweite Welle?

14. Juli
Die Kinos dürfen nun auch in Bayern wieder spielen, das freut nicht nur die in München besonders zahlreihen Cineasten. Mich hat die flimmernde Leinwand, diese virtuelle Welt mit ihren Menschentypen, Landschaften und Fantasien, ein Leben lang begleitet und oft begeistert. Angefangen mit amerikanischen Importen, der Mickymaus und dem Kinderstar Shirley Temple, die auch die humorlosen Nazis nicht verhindern konnten, über die Mach- und Schmachtwerke der UFA, mit denen uns die Kriegshetzer einlullten, danach mit Western, Krimis, Komödien, Katastrophenthriller. Bevorzugt: historische, literarische und biografische Stoffe sowie der Neue Deutsche Film. Etliche Stars und namhafte Filmmacher, das Schwabinger Junggenie Rainer Werner Fassbinder ebenso wie den Pasinger Porno-Produzenten Alois Brummer oder den französischen Naturforscher und -filmer Cousteau, konnte ich Interviewen.

Einer jener Erneuerer war es auch, der mich jetzt, gleich nach dem staatlich genehmigten „Klappe hoch“, in den Keller des Werkstattkinos lockte. „800 Mal einsam“ heißt der Filmneuling, der Edgar Reitz als Mensch und durch sein Lebenswerk würdigt. Eine Liebeserklärung an eine alte Kunst, die so oft totgesagt wurde, die aber auch Corona nicht sterben ließ. Allzu lange hat die Pause gedauert, in der das Publikum ausgeschlossen war. Die Kinobetreiber, echte Idealisten darunter, entließen ihre Angestellten in Kurzarbeit und bangten um ihre Existenz. Sie bangen noch.

Maskenpflicht (außer auf dem Sitzplatz), maximal 100 Zuschauer in Abständen von anderthalb Meter, also halbleere Säle, kontaktlose Ticketkontrolle, mehr Personal, größere Pausen zwischen den Vorstellungen, häufiges Öffnen der Türen zwecks Durchzug und Erfassung von Besucherdaten – von derlei hygienischen Vorschriften fühlen sich die Filmleute härter betroffen als die Betreiber von Bahnen und Flugzeugen. Geschäftlich kommt dazu, dass der lange Ersatz durch Streaming im Internet viele vom Kinobesuch entwöhnt haben könnte. Und dass Verleiher mit ihren teuren Produktionen zögern, zum Beispiel mit dem neuen James Bond: „Keine Zeit zu sterben“. Zwanzig Mitglieder der Münchner Art-House-Kinos drängen deshalb auf weitere Lockerungen.

Natürlich konnte es nicht ausbleiben, dass die neueste Weltkrise – wie früher schon Cholera und Ebola – selbst zum Filmthema wird. Doris Dörrie, die auch ein Corona-Tagebuch schreibt, hat vor der Filmhochschule zwei Telefonzellen aufgestellt, wo sich beliebige Leute fernmündlich, also ohne Körperkontakt, Geschichten über ihr Leben in der Pandemie erzählen können. 

Vier Monate nach jenem „Schwarzen Freitag“, als die Aktienkurse in den Keller stürzten und Teile der Wirtschaft zu kollabieren drohten, ist wieder mal Zeit für eine Zwischenbilanz. Zum leichteren Merken etwas auf- oder abgerundet, sah die Covid-19-Statistik an diesem Wochenende seit Beginn der Pandemie so aus: 7000 Infizierte mit 220 Toten in München, 50 000 Erkrankte mit 2600 Toten in Bayern, 200 000 getestete Fälle mit 9000 Toten in Deutschland. Und weltweit wurde bisher das Leben von 570 000 Menschen – eine Stadt wie Dortmund – durch die Seuche ausgelöscht.

20. Juli
Dass die Bayern gerne feiern, haben sogar so bedeutende Münchenbesucher wie Napoleon und Lenin bestätigt. Und alljährlich Millionen von Oktoberfestgästen. Leider ist das große, rauschige Nationalfest heuer einer Mikrobe zum Opfer gefallen, ebenso das Tollwood-Festival und die Dulten. Macht fast nichts, es gibt jetzt Ersatz. Auf der so leeren Wiesn und einigen anderen schönen Stadtarenen und Höfen sollen von Ende Juli bis zum Ende der Sommerferien lauter kleine, alternative, kostengünstige Volksfeste improvisiert werden. Der Stadtrat und die darbenden Schausteller haben dem Projekt, das sich nun doch etwas verzögert hat, freudig bis begeistert zugestimmt.

„Sommer in der Stadt“ heißt – so wie ein Hit der Spider Murphy Gang - das umfangreiche Programm, das unter anderem der Festring München e.V. gemeinsam mit dem Bayerischen Trachtenverband organisiert. Ein dezentralisiertes Oktoberfest also: „Mit Tanz, Schuaplatterln und Goaßlschnalzen", so der Veranstalter Festring München. Ein Sommerfest mit komödiantischer Wanderbühne, vielen Standln, zwei Riesenrädern, Riesentrampolin, Karussells, Schaukeln, Kletterwand, Biker-Polo, Bier- und anderen Buden. Wie gewohnt also.  Mit dabei sind weitere Vereine und Veranstalter sowie die Stadt selbst. Als Neuheit kreierte „Green City“ eine Mini-Oase: 70 Kubikmeter Sand wurden aufgeschüttet und ein paar Palmen in die Theresienwiese gerammt, rundum Liegestühle, Beachvolleyball- und Tennisplatz.  

Soweit die eine, die helle Seite des bürgerlichen Lebens in der Corona-Zeit. Die andere, die Schattenseite, nehme ich durch telefonischen Kontakt mit zwei alten Freunden wahr. Beide heißen Hans. Beide leben in Pflegeheimen und fühlen sich dort einsam, sie sind regelrecht interniert. Der eine war einmal Stadtrat in München und leitete einen Dienstleistungsbereich. Der andere war Reisejournalist und Herausgeber eines in der Touristikbranche viel beachteten Informationsdienstes.

Hans B. haben die coronabedingten Einschränkungen vollends zermürbt, in Apathie und Depression fallen gelassen. Hans N. war in der Anfangszeit der Krise recht gelassen, fast fröhlich, er war ja gut versorgt und mit der übrigen Welt, die er so oft bereist und beschrieben hat, immer noch vernetzt; nämlich durch Kleincomputer und Internet. Das funktioniert nun nicht mehr - und ein Mechaniker darf nicht ins Heim. Alle leben dort in strenger Quarantäne. Das heißt, erst nach Anmeldung dürfen sie von einem – und zwar nur von einem - Angehörigen besucht werden, nicht länger als eine halbe Stunde und getrennt durch eine Glaswand. Seine Hausärztin darf überhaupt nicht kommen.

Die Zeit fließt träge dahin. Sämtliche Veranstaltungsprogramme, vom Gedächtnistraining bis zum Konzert, sind gestrichen. Noch mehr aber nervt den von Natur aus toleranten Traveller a.D., dass die Demenzpatienten im Haus ohne Schutzmaske rumlaufen. Man belehrt sie zwar immer wieder, aber es hilft kaum. Auch die Pflegekräfte sind längst mit ihrem Latein am Ende. Manche wohl auch mit ihrer Kraft oder gar mit dem guten Willen.

Dabei leiden alt gewordene Menschen anderswo noch um ein paar Grad mehr. Zum Beispiel in Mexiko (bisher über 35 000 Covid-19-Tote). Meine Schwester Irmgard darf in ihrem schönen Heim am Stadtrand mit überwiegend Deutsch sprechenden Bewohnern nicht mal von ihren eigenen drei Kindern besucht werden. Die Alten – sie sind die fast Vergessenen der großen Krise, über deren fatale Folgen man hierzulande am liebsten wegen der Erschwernisse und Belästigungen in Biergärten oder Unterhaltungsstätten lamentiert.

28. Juli
Die Geselligkeit lässt zur Zeit doch sehr zu wünschen übrig. Nach längerem Stillhalten war ich mal wieder beim Verein der Rheinpfälzer in Bayern, der bisher immer sehr aktiv war. Kaum 20 Mitglieder wagten sich in den schönen Biergarten im Ostpark. Allgemeine Frage an den Vorsitzenden: Wann endlich geht es mit den Vortrags-, Ausflugs- und Wanderprogrammen weiter? (Ich hatte mich selbst auf eine Lesung und eine Führung vorbereitet). Herr Müller wiegte den Kopf: Immer noch diese Probleme, Abstand halten und so ... Nicht wenige der 180 Mitglieder, überwiegend Rentner, haben ihn wissen lassen, dass sie immer noch - mehr oder weniger - Angst vor derartigen Zusammenkünften haben.

Das Vereinsleben, das ja nicht ganz unwichtig ist im Dasein älterer oder einsamer Bürger, findet offenbar keinen Nährboden in dieser Zeit der Einschnürung. Wie lange soll das denn noch dauern? Eine Dauerfrage ohne Antwort. Vagen virologisch-politischen Prognosen folgend, richtet sich auch unser kleiner Verein erst mal auf den Herbst ein. Vielleicht kann dann wieder gemeinsam gewandert, eingekehrt und gebechert werden.

Manche Leute erwarten mehr Aktivität, mehr freie Freizeitgestaltung, auch erst zum Winter. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger zum Beispiel, dem die Wirte sehr am Herzen liegen, denkt jetzt bereits an Weihnachten. Alles in seiner Macht stehende will der Freiwähler-Führer tun, damit heuer wieder die beliebten Traditionsmärkte stattfinden: vom weltberühmten Christkindlesmarkt in Nürnberg, wo Social Distance allerdings ganz unmöglich wäre, bis zum romantischen "Märchenbasar" in München. „Das wird wie Weihnachten", frohlockte jetzt schon mal Peter Bausch vom Verband der Schausteller und Marktkaufleute, als soeben der „Sommer in der Stadt“ quasi als Wies'n-Ersatz eröffnet wurde. (Siehe Tagebucheintrag vom 20. Juli)

Fast schon in Winterstimmung versetzt, höre ich aus dem Radio ein Interview mit dem Sprecher des Deutschen Skiverbandes. In dessen Vorstandssitzung ging es um die kommenden wintersportlichen Ereignisse. „Die ganze Woche, von Montagfrüh bis Freitagabend, sind wir mit Corona beschäftigt“, versichert der DSV-Mann. Besondere Sorge machen die Nordischen-Ski-Weltmeisterschaften, die Ende Februar 2021 in Oberstdorf beginnen und auch ein Jugendcamp bekommen sollen. “Hoffentlich wird diese WM wieder so, dass sie wenigstens ansatzweise den Begriff ,märchenhaft’ verdient.“ - Hoffentlich aber nicht wieder so märchenhaft, wie in der Ski-Hochburg Ischgl erlebt.

3. August
Nach langer Zeit wieder mal ein Ausflug zur Alten Villa in Utting, wo einst an warmen Wochenenden der beste Dixilandjazz im Voralpenland gespielt wurde. Der Biergarten ist gut besetzt. Die Kastanien spenden immer noch Schatten. Nur die Musik ist verstummt. Der Mann am Steckerlfischgrill schnauzt mich an, weil ich das rotweiße Absperrband übersehe: „Kost mi a paar Tausender.“ Tatsächlich hat die Staatsregierung Verstöße gegen die Hygienevorschriften auf maximal 25.000 Euro erhöht. Die Brotzeitfräuleins aber sind sehr freundlich.

Von der Alten Villa zu den jungen Vitalen am Ammersee. Ich setze mich, mit Abstand, auf eine Bank neben eine alte Dame und ihre blutjunge Betreuerin. Belustigt betrachten wir alle das bunte Treiben am Ammerseestrand. Unbeschwert gibt sich das Völkchen, darunter wohl viele Ausflügler aus München und Augsburg, dem Sonnenbaden und Ballspielen hin. Kinder planschen im aufgeheizten See. Abstand ja, Maske nein.

„Mir schaffens scho,“ sagt plötzlich die freundliche alte Frau; es hört sich an wie das mutige Merkel-Motto auf Bairisch. Maria Marx, so heißt meine Nachbarin, meint ihr und unser gemeinsames Leben zur Corona-Zeit. Spontan fängt sie an, von noch schlimmeren Zeiten zu erzählen, von Ereignissen, die sie überstanden hat, etwa im Zweiten Weltkrieg. Lange vorher, als Finale der ersten Kriegs-Pandemie, hatte das kleine Utting, wo Maria 1921 geboren wurde, Auswirkungen der Spanischen Grippe erlebt.

Mit dem neuen Bähnle waren damals Badegäste aus der 40 Kilometer entfernten Großstadt Augsburg gekommen, wo Seuche und Tod umgingen. Sanitätsautos mit Grippeopfern – so kann man im bayerischen Militär-Archiv nachlesen - verstopften die Straßen; deshalb und wegen Benzinmangels kamen die Ärzte nicht zu den Kranken, die Stadt stellte Gutscheine für Kraftdroschken aus.

Unter den Stadtflüchtlingen war ein widerspenstiger Augsburger Abiturient mit seinen Freundinnen und Freunden. „Im bleichen Sommer“ des Grippejahres 1919 schrieb er eines seiner schönsten frühen Gedichte: „Vom Schwimmen in Flüssen und Seen“. Und 1929 kaufte er sich vom Dreigroschenoper-Ertrag in Utting ein Häuschen, dem er ebenfalls ein Gedicht widmete: „Sieben Wochen meines Lebens war ich reich.“ Danach kam er, so viel man weiß, nie wieder an den Ammersee. Ein Sträßchen trägt seinen Namen: Bert Brecht.

Maria Marx hat jahrzehntelang die örtliche Segelschule geleitet. Jetzt lebt sie in „im Austrag“ in einem alten Fischerhäuschen. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie in fünf Monaten – Corona hin, Corona her - ihren hundertsten Geburtstag noch erleben wird. Und zwar „g'sund“, wie sie hinzufügt. Sie verrät mir auch ihr Lebenselixier: „I hab net vui g'essen, war nia dick, und a weng gsportelt hab i aa.“ Direkt vor uns üben zwei Mädchen das Stehpaddeln.

Drei Tage vorher, ebenfalls 40 Kilometer Luftlinie entfernt, Presseclub am Marienplatz München: „So schön wars noch nie,“ zitiert Angela Inselkammer einen beliebigen Bayern-Besucher. Die Gastro-Präsidentin bekräftigt diese starke Aussage mit Hinweisen auf den „Sommer in der Stadt“, welcher mehrere, oft eher öde Plätze durch Standln und allerlei Gaudi befristet belebt und einige aufhübscht. Das Gespräch mit den Obersten des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands gilt eigentlich der Frage, ob wegen der Corona-Beschränkungen ein „Wirtshaussterben“ zu erwarten sei - das eh schon begonnen hat.

So schön? Nanu - wieder alles paletti? Schau'n wir mal. Tatsächlich brodelt und boomt da unten die gute Stube der Stadt. Shopping- und Schaulust fast wieder wie vordem. Scheinbar ziellos schlendern die Leute über den Marienplatz. Die meisten wahren den nötigen Abstand und lassen die Maske in der Tasche oder am Ohr baumeln. Sie starren hoch zum Glockenspiel am Rathaus, das aber stumm bleibt. Sie steigen eilig in die unterirdische Bahn. Sie lassen sich von Stadtführern beschwatzen. Sie kaufen und knipsen und konsumieren vor Buden oder Bierhäusern. Alles wie gehabt.

Auf den Bänken aus Blech aalen sich nicht nur müde, ältere Bürger. Menschen allen Alters, aller Geschlechter und offenbar auch wieder Besucher aus fernen Ländern blinzeln da in die Sonne des Münchner Sommers Einige blättern in Büchern oder Zeitungen. Aktuelle Fotos zeigen die nun auf Parkplätzen erlaubten „Freischankflächen.“ Dorthin und dahin hat sich also das „dolce far niente“ verlagert, zum „süßen Nichtstun“ muss man derzeit nicht unbedingt nach Italien reisen.

„Oh, wie schön ist München“, flötet die Schlagzeile des Lokalteils. Ein Blick jedoch auf die Frontseite desselben Leitmediums belehrt uns eines Besseren, das heißt Schlechteren. Die Hauptschlagzeile zitiert den deutschen Chefvirologen Lothar Wieler: „Die Entwicklung macht große Sorgen.“ Es folgen die neuesten Zahlen. In der Grafik dazu ist die rote Kurve der Neu-Infektionen in Deutschland wieder deutlich angestiegen, die im streng reglementierten Freistaat Bayern auch. An Begründungen mangelt es den Robert-Koch-Forschern nicht, sie müssten inzwischen jedem Mediennutzer hierzulande hinreichend bekannt sein. Am Samstag aber gibt die Süddeutsche noch einmal Zucker mit der Zeile: “So schön ist der Urlaub daheim.”

Viele Zitate – zwei Wahrheiten in dieser ungewissen neuen Zeit: Da der Schrecken – dort die Schönheit; da Lebensbedrohung – dort Lebenslust und Lebensbehauptung; da die Angst – dort Mut und Hoffnung.


10. August

Sie können einem jetzt richtig leidtun, unsere Freunde und Helfer. Ich denke das mal ohne Häme, auch ohne großen Respekt vor hoheitlicher Gewalt. Was sich derzeit in manchen Großstädten tut, ist nicht mehr das seit den Schwabinger Krawallen gewohnte Katz-und-Maus-Spiel, sondern offene Konfrontation. Über die Ursachen dieser Entwicklung zerbrechen sich Psychologen, Soziologen, Polizeisprecher und Medienkommentatoren die Köpfe.

Unsere Polizei, das neue Feindbild? Berlin, Stuttgart und Frankfurt liegen zwar nicht in Bayern, doch auch hierzulande eskaliert ein gewisser, neuartiger Konflikt. Mindestens an regenfreien Wochenendabenden müssen in München ganze Hundertschaften ausrücken, um Massen von Maskenverweigerern, vorgeblichen Grundrechte-Schützern, Krakeelern und als solche erkennbaren Provokateure, oft mit rechtsextremen Schreiern durchsetzt, bei elementarer Missachtung der Hygiene-Regeln aufzuklären, an den „Hotspots“ einigermaßen zu bändigen oder notfalls zu zerstreuen. Künftig sollen uniformierte Ordnungshüter auch noch Auslandsheimkehrer zum Corona-Test zwingen.

Das alles natürlich mit den beschränkten Mitteln der „Verhältnismäßigkeit“, die ihnen auch Gerichte immer öfter auferlegt. Wie denn nun? Mit höflichem Hinweis? Dann wird eine Polizistin schon mal blutig gebissen, wie in Landshut geschehen. Vielleicht mit Hausverbot wegen Beharren auf „Mundfreiheit“? Oder hilft schließlich nur noch das Wegtragen, wie in einem Günzburger Hotel geschehen? Der gut geschulte Polizeigriff, als „Achter“ bekannt, darf allenfalls bei Widerstand gegen die Staatsgewalt angewandt werden.

Nicht einfach auch, Gruppen von tausend oder mehr fröhlich feiernden Menschen „wegzusprechen“, wie Münchens Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins die Taktik Nr.1 benennt. Körperlichen Zwang? Die Polizeigewerkschaft hält es manchmal für nötig, Bayerns Innenminister, eigentlich einer harten Linie nicht abgeneigt, ist grundsätzlich dagegen. Zeitlich und örtlich begrenzte Aufenthalts- oder Alkoholverbote? Hat der Münchner Stadtrat abgelehnt; die CSU-Fraktion würde dem Party-Rummel lieber durch eine Aktion mit nett formulierten Postkarten begegnen.

Solche Ratlosigkeit frustriert ­- auch Teile der Polizei. „Es ist mehr als notwendig, der Bevölkerung eine klare Linie vorzugeben und diese Linie auch ebenso konsequent um- und durchzusetzen“, schrieb mir ein Beamter, den ich als freundlichen, historisch gebildeten Polizisten gut kenne. Die Polizei, klagt er, „wagt“ nicht zu agieren wie in den 60er Jahren. Insofern habe sich tatsächlich viel in der Ausbildung zum Positiven gewendet. Leider aber gleiche der Einsatz gegen die Corona-Leugner und der Party-Freaks oftmals einem Kampf gegen Windmühlen. Während sich die Polizei beim Bewältigen solcher Einsatzlagen weiterentwickelt habe, bleibe der Respekt gegenüber den Kollegen und das Verständnis für die nicht unberechtigten Vorgaben der Staatsregierung auf der Strecke.

Warum sich das Verhalten in Teilen der Gesellschaft dermaßen entwickelt hat, kann mein Polizist auch nur vermuten: Der gemeine Bürger denke: „Man liest nichts mehr, man sieht nichts mehr, man hört nichts mehr, man ist selbst bislang davongekommen - dann ist auch nichts mehr in Bezug auf Corona zu erwarten.“ Dieses Denken, gepaart mit der Rücksichtslosigkeit, Oberflächlichkeit und vor allem Dummheit Einzelner, werde noch Folgen haben.

Dem möchte ich nichts hinzufügen.

 

17. August
Noch schnell ein paar Ferientage im Teutoburger Wald und in den reizvollen alten Städtchen am Rande des in Bayern wenig bekannten Mittelgebirges. Kein Corona-Hotspot weit und breit, kein gefährlicher Overtourism, aber Möglichkeiten zum Vergleich. Nordrhein-Westfalen scheint jetzt, nachdem die Infektionskurve stark angestiegen war, den Freistaat Bayern in der Hygiene-Politik überholen zu wollen. Keine Spur von „Lockerungen“, wie sie dem Landesvater Armin Laschet vorgeworfen wurden. Streng wird das Maskentragen und Abstandhalten in Bussen, Geschäften, Hotels, Museen und so weiter überwacht. Sogar beim Aufstieg zum Hermann-Denkmal werden Wanderern 150 Euro Bußgeld angedroht.

Natürlich trifft man auch hier, in Ostwestfalen, auf die üblichen Verweigerer oder Besserwisser. So mussten wir uns im wunderschönen Schwalenberg mit einem jüngeren, zunächst ganz vernünftigen Taxifahrer herumstreiten, der sich absolut nicht abfinden mag mit der vermeintlich von lügenhaften Medien manipulierten „Volksverdummung“. Seine Argumente: Zahlen von Grippeopfern in früheren Jahren („damals gab's noch mehr Tote“) und angebliche Meinungen von Medizinern.

In der Hauptstraße von Warburg, das sein Fachwerk und Bollwerk zauberhaft über die Hügel streut, sind zwei Schaufenster mit Kindermasken drapiert. Alle farbig, lustig, zierlich. In NRW müssen nämlich seit Ende der Ferien alle Schüler ab der fünften Klasse einen Mund-Nasen-Schutz anlegen und Abstand halten, nicht nur beim Betreten des Schulhauses oder beim Austreten, sondern dauerhaft auch im Klassenzimmer. Eine staatliche Bestimmung, die möglicherweise auch den Schulkindern in Bayern bevorsteht. Am 1. September will unsere Söder-Regierung darüber entscheiden, am 7. September wird es ernst.

Tausende von Lehrerinnen und Lehrern, von Müttern und Vätern bangen jetzt der Entscheidung entgegen. Manche mögen sich fragen: Wie bringt man kleine Kinder dazu, in einem geschlossenen Raum stundenlang Mund und Nase zu verhüllen? Meine nicht repräsentative Erkundung im Urlaubs- und Probe-Ort: Betroffene stöhnen besonders wegen der Hitze im Gesicht, fügen sich aber ins Unvermeidliche, ältere Schüler natürlich eher als die jüngeren. Und eine Lehrerin klagt, sie müsse sich bemühen, fortan mit der Maske viel deutlicher und langsamer zu sprechen - und des gleichen ihren Schülern aufzuerlegen.

Eine nicht ganz ernst gemeinte Anregung: Vielleicht ließe sich die Stimmung fördern, wenn man, die fröhlichen Angebote nützend, in den Unterricht eine Art Maskenfest mit Prämierung einspielen würde. Kleinere Kinder kennen so was vom Karneval respektive Fasching und vom Nikolaus. Dazu eine makabre Erinnerung: An einem 1. September vor langer Zeit machte man uns Fünftklässler in einem Münchner Waisenhaus mit dem Beginn eines Krieges vertraut, indem man uns diese seltsamen Gasmasken über den Kopf stülpte und Marsmännchen spielen ließ. Für Kinder kann Krisengeschehen auch komisch sein.

24. August
Wie komisch Corona sein kann, konnte ich zufällig am Wochenende bei einem Ausflug an den Starnberger See wahrnehmen. Im Buchheimmuseum läuft (noch bis 11. Oktober) eine Ausstellung, die dem weltbekannten Cartoonisten Peter Gaymann gewidmet ist. Die Ausstellung „Virus Visionen“ wurde improvisiert, nachdem die zum 70. Geburtstag des Künstlers geplante Retrospektive samt Riesenparty der Pandemie zum Opfer gefallen war.

Seit Mitte März hat sich Gaymann, plötzlich isoliert, in seinem Atelier nahe dem Kloster Schäftlarn fast täglich mit einem „Trostpflaster“ beholfen, indem er einen witzigen Kommentar zur Krise aufs Papier warf. Die achtzig Aquarelle bespötteln so ziemlich alle Aspekte des pandemischen Geschehens: den Vorratskauf an Klorollen ebenso wie das Maskentreiben, die Verschwörungsspinner ebenso wie die beschwerliche Kommunikation von Balkon zu Balkon („Immer auf den Abstand achten“).

Ein Treppchen führt ins absonderliche Corona-Kabinett hinauf vom Hauptdeck des schiffartigen Museums, wo die großen Expressionisten des Gründervaters Lothar Günther Buchheim wieder mal neu gehängt sind (und die Bildlegenden auf dem Boden besser zu lesen sind als klein an der Wand). Und wo nebenan, auch noch bis Oktober, die vom Münchner Fernsehmacher Joseph Hierling gesammelten erstaunlichen Werke des deutschen „Expressiven Realismus“ die Entdeckung wert sind.

Es konnte ja nicht ausbleiben, dass Corona ein Thema der Kunst wurde. Das World Wide Web ist bereits voller Beispiele. Beliebtestes Motiv ist die Mona Lisa mit Maske – die weltberühmte Dame hat ja schon öfter zur Persiflage bei allerlei Ereignissen herhalten müssen. Und aus dem bekrönten Virus lässt sich allemal ein Schreckgespenstchen machen. Jetzt scheint die Corona-Kunst auch die Ausstellungshäuser zu infizieren. Und sogar den öffentlichen Verkehr. In Londoner U-Bahnen sollen Bilder des Streetart-Sprühers Bansky von Ratten – Gaymann lässt seine beliebten Hühner lästern - im Auftrag der Regierung an die seit Juli geltende Maskenpflicht erinnern.

31. August
Die Kanzlerin hatte gewiss gute Gründe, in ihrem jüngsten Corona-Statement das Wohl und Wehe der Kinder an die Spitze zu rücken: Deren Bildung müsse „mit das Allerwichtigste sein“, sagte sie. Das klang fast so anspruchsvoll wie jener berühmte Satz, den Angela Merkel genau fünf Jahre zuvor auch vor der Presse gesprochen hat: „Wir schaffen das.“

Zeitgleich, zum Neustart der Kitas in Bayern im September, verkündete das Gesundheitsreferat der Stadt München einen konkreten, zwar etwas komplizierten Drei-Stufen-Plan, der eine Balance zwischen dem Bedarf an pädagogischer Betreuung und dem notwendigen Infektionsschutz herstellen soll. Eine Richtlinie für alle Kinderkrippen, Kindergärten, Horte,  Tagesheime und Häuser für Kinder im Stadtgebiet.

Die systematische Bildung von Vorschulkindern ist immer noch ein umstrittenes Problem. Besonders in Bayern, wo einst regelrechte Kulturkämpfe um Kindergartenbusse und um die sogenannte christliche Gemeinschaftsschule geführt wurden. Kindertagesstätten gar galten vielen Verantwortlichen als Teufelszeug aus der DDR. Da war natürlich Ideologie im Spiel. Mehrmals berichtete ich über Forschungen des Münchner Psychologie-Professors Heinz-Rolf Lückert über Möglichkeit und Notwendigkeit frühkindlicher intellektueller Bildung. Derlei Thesen stießen auf Widerspruch.

Inzwischen sind die Kitas allgemein anerkannt - nicht nur als Aufbewahrungsanstalten für noch nicht schulpflichtige Kinder berufstätiger Eltern Doch die Pandemie hat nun wieder alles verändert. Inzwischen mehren sich Warnungen von Wissenschaftlern und Pädagogen, wonach längere Pausen oder Pannen bei außerhäuslicher Betreuung der Kinderseele extrem schaden; das Kuschelbedürfnis widerspricht den Abstandsgeboten. Dazu kommen erhebliche materielle Defizite.

"Es wird immer deutlicher, dass die Auswirkungen der Pandemie den Kindern mehr Schaden zufügen als die Krankheit selbst", warnt das Kinderhilfswerk der UN. Vermehrte Armut, Versorgungsengpässe und steigende Lebensmittelpreise führten zum Hungertod von mehr als 10 000 Kindern pro Monat. Bis Jahresende, so eine UN-Prognose, werden weltweit weitere 6,7 Millionen Mädchen und Jungen unter fünf Jahren von akuter Mangelernährung betroffen sein. Psychische Belastung und Bildungslücken wurden noch gar nicht abgeschätzt 

Möge unseren Kindern erspart bleiben, was in anderen Ländern unvermeidlich erscheint. In Mexiko zum Beispiel, höre ich von meinen dortigen Angehörigen, finden Kindergarten und Schule weiterhin nur per Fernsehen und Radio statt. Aber nicht nur in ärmeren Ländern wäre regelmäßiger Milieuwechsel, wie ihn Kindertagesstätten bieten, von Nutzen für die frühkindliche Entwicklung. Dazu gehört nicht zuletzt das Zusammensein mit gleichaltrigen Spielgefährten.

7. September
Die fortlaufenden Corona-Chroniken verschiedener Medien fesseln mich immer wieder. Sie lassen mich staunen und rätseln und rechnen. Sie bieten viel mehr als die übliche Information. Sie spiegeln ein farbiges Bild von einer persönlich miterlebten Krise, die so viele und ständig neue Facetten hat. Dabei konzentriere ich mich auf drei Quellen: die Süddeutsche Zeitung mit einer täglichen Sonderseite, die Apotheken-Umschau mit fast täglichen konkreten Ratschlägen und den Norddeutschen Rundfunk mit regelmäßigen Podcasts des Virologen Christian Drosten.

Unter „Wissen“ läuft die spezielle Corona-Folge der SZ. Ein Blatt voll farbiger Grafiken und aktueller Texte. Schwarz auf Weiß steht da zum Beispiel am 3. September 2020: „Die Mutation D614G, oder kurz G614, verändert möglicherweise die Zahl der Andockstellen auf dem Erreger und könnte damit eine Ansteckung begünstigen.“ Mit den Andockstellen sind die Zacken oder Krönchen gemeint, die der Sars-CoV-2-Mikrobe den Namen „Corona“ (Krone) geben. Jenseits solcher Satzungeheuer erfährt der Leser durchaus Neues aus der Forschung zum ungeklärten Virus-Problem, die nach übereinstimmenden Berichten „fieberhaft“ betrieben wird, und zwar überall in der Welt.

Wie es auf der Welt draußen und zuhause mit der täglichen Ausbreitung der Infektionen momentan aussieht, lässt sich indes aus den vielen Kurven und Statistiken leichter erkunden als aus manchen wissenschaftlich fundierten Texten. Doch auch hier wundert sich der verunsicherte Leser. Etwa darüber, dass sich die Zahlen des Robert-Koch-Instituts und des bayerischen Gesundheitsamtes deutlich unterscheiden. Dass die Städte Landshut, Ingolstadt und Memmingen plötzlich den als gefährlich geltenden Wert überschritten haben. Dass sich auch München an diesem Wochenende der Alarmstufe 1 nähert, Dass Laschets Land bei der Gesamtzahl der Infizierten das Söder-Land überholt hat. Dass Indien die USA überholt hat. Dass Deutschland und Italien jetzt gleichauf liegen. Und so weiter. Ein Wechsle-das-Bäumchen-Spiel, nur weniger lustig. Mehr Fragen als Klarheit.

Sehr viel praktischer informiert mich zur gleichen Zeit der Online-Dienst der Apotheken-Umschau. Spätestens nach drei bis vier Stunden Tragezeit sollte die Maske getauscht werden, rät ein Virologe. Sie könnte auch, einer Studie zufolge, nach einmaliger Benutzung bei 95 Grad, mindestens aber bei 60 Grad gewaschen und anschließend vollständig getrocknet werden. Allerdings bieten „einfache Alltagsmasken“ keinen nachgewiesenen Schutz gegen das Virus, dienten aber als „Barriere für den Tröpfchenauswurf des Maskenträgers“ und könnten somit die Gefahr einer Übertragung „zumindest ein Stück weit verringern“.

Nicht sehr zuversichtlicher stimmt mich auch der Chef-Virologe Christian Drosten, dessen Berliner Charité eine Art Andockstelle für aktuelle globale Medizinrätsel geworden scheint. Die Infektionshäufigkeit werde aus unterschiedlichen Gründen unterschätzt, stellte er zum Start seiner neuen Podcast-Serie fest. Viele junge Leute würden ihre meist harmlosen Symptome verstecken, um nicht diagnostiziert zu werden. „Wenn ich auf 'ner illegalen Techno-Party war, dann hab‘ ich ja noch mehr die Tendenz“, meinte Drosten verständnisvoll. Trotzdem meint er jetzt, dass fünf statt bisher 14 Tage Quarantäne genügen könnten.

Auch die Süddeutsche zitiert oft und gern den 48-jährigen Berliner Virenpapst. Und fand es einmal angemessen, ihn als „Posterboy der Stunde“ zu porträtieren. Insbesondere von dessen „geradezu spitzbübischer“ Haartracht schien die Stil-Beschreiberin entzückt zu sein. „Seit Wochen hängen wir an seinen sinnlichen Lippen“, hieß es in dem feuilletonistischen Fauxpas. Wobei noch anzumerken wäre, dass Christian Drosten von Corona-Leugnern mit Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen bombardiert wird. Auch das gehört zum Spiegel einer Pandemie.

14. September
München müsste jetzt eigentlich voll sein. Jeweils 6,3 Millionen Gäste waren in den beiden Jahren vor Corona zum Oktoberfest schon Mitte September gekommen, hatten alle Hotels und Restaurants gefüllt und die Stadt um einige Millionen Euro bereichert. Wie wird sie nun dastehen - nach dem Einbruch, den die Absage des weltgrößten Volksfestes erzwang?  Wie wird sich der durch die Pandemie gebotene Verzicht, der nicht nur einen wirtschaftlichen Ausfall bringt, langfristig auswirken?

 „Die Reiselust ist ungebrochen.“ Oft habe ich diesen Satz in den vergangenen Jahrzehnten gelesen oder – als Reisejournalist – selbst geschrieben. Noch keine Krise hat den deutschen und internationalen Tourismus auf Dauer gelähmt, immer mehr und immer wieder hat sich das Reisen zum Zweck der Erholung oder Bildung als ein Grundbedürfnis des heutigen Menschen erwiesen, vergleichbar dem Bedürfnis nach Arbeit und Obdach.

Anfang der 90er-Jahre zum Beispiel hatten Terroraktionen, Bürgerkriege, Naturkatastrophen und auch Seuchen (Ebola) klassische Reiseziele in aller Welt gefährdet. Im bayerischen Fremdenverkehr indes schlugen damals andere Entwicklungen zu Buche: Rezessionen in Nachbarländern, der Abzug von NATO-Truppen und ganz besonders die – im Ausland mit Sorge beobachteten – Umtriebe von Neonazis.

Wohl aus diesen Gründen wurden im Jahr 1993 in München, dem mit 1,3 Millionen Ankünften führenden Reiseziel, immerhin 6,6 Prozent weniger Gäste registriert, die Ankünfte aus dem Ausland brachen sogar um 11,3 Prozent ein. Augsburg führte sein Minus von 9,4 Prozent ausdrücklich auf „ausländerfeindliche Ausschreitungen“ zurück. Und auch Nürnberg meldete einen „nie dagewesenen Tiefstand“. Dann kam die globale Verunsicherung nach dem Terror-GAU vom 11.9.2011.

Und dann kam Corona: Wie wirkt sich die Pandemie auf den heimischen Tourismus aus? Da aus klassischen europäischen Urlaubsgebieten, etwa in Spanien und Kroatien, plötzlich wieder hohe Infektionsraten gemeldet wurden, konnten die heimischen Touristik-Anbieter eine Wiederbelebung erwarten. Einer vermeintlichen Trendumkehr wurde auch schnell Nachdruck verliehen durch Parolen wie „Urlaub dahoam“ oder – so der Seniorenbeirat der Stadt München - „Nichts wie raus“.

Dies führte zwar zu einer gewissen Entlastung der Städte, aber auch zu einer Belastung anderer Orte und Regionen. Die neue Massenwanderung von Ausflüglern und Feriengästen hin zu den eh beliebtesten Zielen im Alpenvorland trieb viele Einheimische auf die Palme. Plakataktionen in einigen Seegemeinden wirkten indes so unsympathisch und unsolidarisch, dass andere Bürgergruppen die „lieben Münchner“ nun wiederum umwarben. Wohl auch mit Blick auf bessere Zeiten.

Indes herrscht in großen Teilen Bayerns weiterhin Ruhe, bedingt durch Corona. Das erlebte ich sogar in den attraktiven Städtchen entlang der Romantischen Straße; hier fehlen halt die Traditionsgäste, die Japaner.

In den Großstädten ist der einträgliche Messe- und Geschäftsreiseverkehr total eingebrochen. Daher lag die Zahl der Übernachtungen in München während der eigentlichen Hochsaison um 35 Prozent und die der gemeldeten Ankünfte sogar um 77 Prozent unter dem vergleichbaren Vorjahresstand.   Die früher dominierenden Amerikaner bleiben fast ganz aus. Nur aus den Nachbarländern zeigt sich zaghaft eine Wiederbelegung an. Noch aber hat Münchens touristischer Hotspot, das Platzl, seine gewohnte Geschäftigkeit nicht zurückgewonnen. Leer sind die Souvenirshops, halbleer die Hallen des Hofbräuhauses, wo schon am Eingang eine Wand voller Warnungen und Verhaltensanweisungen eher abschreckt als zur legendären Gemütlichkeit einlädt. 

Fotos: Karl Stankiewitz, Thomas Stankiewicz, Münchner Stadtmuseum, Münchner Buchmacher im Rathaus und dpa

 

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Kommentare (4)

  1. Helmut am 23.07.2020
    Danke für das wunscherschöne Tagesbuch.Meine Einschätzung, über das Leben mit Corona: das Virus ist da und man muss damit leben, so normal wie möglich! Ohne Panik, ohne Angst und entspannt.Warum? hier das Argument:
    Im Winter 2017/2018 starben laut RKI 25000 Menschen und im Winter 2012/2013 20000 Menschen trotz Impfung an der Grippe, Winter 2005/2006 ca 30000. Ich denke, dass man mit dem Virus so normal wie möglich leben muss. Deshalb redet man manchmal von einer Grippe-Welle. Jedes Jahr sterben tausende Menschen an der Grippe, mal mehr mal weniger (Quelle RKI, PDF Tabelle, Auflistung der jährlichen Sterblichkeit an der Grippe).
  2. Andreas Schmidt am 16.07.2020
    In österreich, in Dänemark, in Schweden, in Finnland, in den Niederlanden, in Norwegen, in der Schweiz und in vielen anderen Ländern gibt es keine Maskenpflicht.Dort gibt es das gleiche Virus wie bei uns! Ich frage mich dann, was hat Maskenpflicht mit der Pandemi zutun?
    Sind wir die Deutschen zu gutgläubig und naiv, dass wir alles glauben, das die Regierung uns über die Pandemie erzählt? Wenn tatsächlich COVID-19 so gefährlich wäre, warum haben andere Länder andere Entscheidungen getroffen? Ich glaube, dass die anderen Länder schon die richtige Entscheidung getroffen haben und unsere Regierung völlig auf dem Holzweg ist. Der Preis dafür zahlen die Bürger*innen täglich...!
  3. Heini am 25.05.2020
    Seit der „Spanischen Grippe“ 1918 ist „Corona“ die erste große Pandemie die die Münchner und Münchnerinnen nun 102 Jahre später erleben. Ein hervorragend geschriebenes Tagebuch über die Ereignisse, die Reaktionen der Politik und der Menschen in dieser Stadt, geschrieben ganz im Stil der vielen interessanten Bücher über das Zeitgeschehen der Nachkriegszeit bis heute in München die vom Journalisten von Karl Stankiewitz erschienen sind. Spätere Historiker und Geschichtsinteressierte werden sich sicherlich auch an dieser Chronik orientieren.
    Danke Karl.
  4. HUgo am 03.04.2020
    Ja so sans die Bayern,
    es ist schon sehr erhüpflich,wie sich die Mentalität bei unseren Bürgern änderte.Vor dieser Miserie,kannte keiner ,das kleine Wörtchen ICH wurde wie eine Monstrans vorn getragen.Nun tauchte ohne viel Palaver das leider schon sehr lange verpönte Wörtchen WIR wieder sehr stark an vorderster Front auf.Hoffentlich,wenn alles vorüber ist,nicht wieder total vergessen.
    Übrigens auf dem Vikt
    Viktualienmarkt gibt es auf einem Stand,Kraut gegen Dummheit.
    Servus und bleibts gsund
    Hugo

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