Leben in Bayern

Die Mainfähre „Schorsch“ fährt über den Main und bringt ein Auto an das gegenüberliegende Flussufer. Dort wartet bereits ein Fahrradfahrer auf die Überfahrt. Fährmann Philipp Jäger fährt mit der Mainfähre namens „Schorsch“ Pendler und Touristen über den Main. Der Betrieb der Mainfähren in Franken ist immaterielles Kulturerbe Bayerns und soll auch Unesco-Kulturerbe werden. (Foto: dpa/Daniel Vogl)

03.08.2022

"Schorsch" tanzt Walzer

Wegen einer neuen Auflage droht den traditionsreichen Mainfähren in Franken der Untergang

Wie eine stählerne Ballerina dreht sich die Fähre auf dem Main um die eigene Achse - tanzt den sogenannten Mainschleifenwalzer. Auf dem offenen Deck säuselt der Fahrtwind durch die Haare der Passagiere. "Das Manöver ist einzigartig auf dem Main. Manchmal tanzen Fahrgäste im Walzertakt mit", sagt Fährmann Philipp Jäger, während das motorisierte Schiff über den Fluss brummt. ""Schorsch" ist die schönste Fähre auf dem Main - und die lauteste."

Der 40-Jährige trägt eine Sonnenbrille, dunkle Hose und ein Poloshirt mit der Aufschrift "Stadt Volkach Fährmann Philipp". Vor drei Jahren zog es den gebürtigen Thüringer und ehemaligen Lkw-Fahrer vom Land aufs Wasser. Mit "Schorsch" war es Liebe auf den ersten Blick, wie er erzählt. Er sei an der Mainfähre im Volkacher Ortsteil Fahr (Landkreis Kitzingen) vorbeigelaufen, sprach den Verwaltungschef an, sie gingen etwas trinken, Jäger absolvierte die 180 Praxis-Stunden, heute ist er Hauptfährmann, Vollzeit, angestellt im öffentlichen Dienst.

"Schorsch" ist nach einem Fährmann benannt, der das Schiff fast 50 Jahre steuerte. Nach Angaben der Regierung von Unterfranken gibt es derzeit sieben Mainfähren, auch "fahrende Brücken" genannt - in Fahr, Wipfeld, Eisenheim, Dettelbach, Mainstockheim, Stadtprozelten und Nordheim am Main. Anwohner pendeln mit den Schiffen zur Arbeit oder zum Arzt auf der anderen Uferseite, Winzer bringen Fracht zu ihren Parzellen und Touristen genießen die Fahrt mit Blick auf die Weinberge. Auf "Schorsch", rund 20 Meter lang, passen zudem zwei Autos, Fahrräder, Roller oder ein Traktor.

Einbäume, Kähne, Motorfähren

Am Mast weht die Fahne vom Volkacher Ortsteil Fahr. Auf dem Wappen: ein Schelch-Paddel. "'Fahr' hat den Namen von der Fähre", erzählt Jäger. Seit dem 9. Jahrhundert ist der Fährbetrieb am Main dokumentiert - die Menschen schipperten im Mittelalter mit Einbäumen, später mit Kähnen und heute mit den Motorfähren über den Main.

Am Ufer wartet eine Frau. Nach dem Anlegen kurvt sie mit einem Cityroller aufs Deck. Sie müsse schnell zum "Wiesensprinter", so nennt sich der Bus, der auf der anderen Seite abfährt. Jäger wartet, bis zwei Schwäne vorbeigleiten, dann legt er ab. Etwa 15 Kilometer Umweg spare sie sich, schätzt die Anwohnerin. Die Überfahrt dauert etwas mehr als eine Minute. Das lohnt sich, doch der Erhalt der Mainfähren ist kostenintensiv.

Ohne staatliche Subventionen gäbe es die traditionsreichen Schiffe vielleicht nicht mehr, vermuten Anwohner. "Mit den Mainfähren lässt sich schwer Geld verdienen und die Kommune zahlt jährlich Tausende aus dem Gemeindehaushalt darauf", erzählt ein Fahrgast. Die Mainfähren werden deshalb immer wieder zum Politikum. Und wegen einer bundesweiten Verordnung droht das Aus.

Holzdeck statt geschlossener Stahl-Schwimmkörper

Ab 2030 sind nur noch Fähren mit geschlossenem Stahl-Schwimmkörper erlaubt. "Schorsch" hat, wie auch andere Mainfähren, ein knarzendes Holzdeck. Sollte der Schiffskörper volllaufen, könnte durch die Holzplanken Wasser dringen. Jäger nennt die Fähre daher seine "fahrende Badewanne", da dann das Wasser an den Seiten überschwappen würde.

Ein Umbau sei bei den "teilweise fast 100 Jahre alten Fähren nicht möglich, beziehungsweise unwirtschaftlich", sagt Volkachs Bürgermeister Heiko Bäuerlein (CSU). "Wenn der geschlossene Schiffskörper tatsächlich benötigt wird, kann dies nur durch einen Neubau erfolgen." Dies würde Millionen kosten und sei für die kleinen Kommunen kaum zu stemmen. Neben der neuen Verordnung und den Kosten kommt eine weitere Herausforderung, die viele Branchen betrifft: Personalmangel.

Damit das Wissen über Natur, Technik und Handwerk, das über Generationen weitergegeben wurde, nicht untergeht, haben die Gemeinden sich zu einer Interessensgemeinschaft zusammengeschlossen. Die "IG Mainfähren" kämpft für den Erhalt der geschichtsträchtigen Schiffe.

Immaterielles Kulturerbe

Mit Erfolg: In diesem Jahr wurde der Betrieb der Mainfähren in das Landesregister des Immateriellen Kulturerbes (IKE) der Unesco aufgenommen. Die Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen will "lebendige Traditionen schützen". Traditionen, die einer Gemeinschaft ein Gefühl der Identität und Kontinuität vermitteln - wie etwa Bräuche, Feste, überliefertes Wissen oder Handwerkstechniken.

"Für den Betrieb der Mainfähren in Franken wird von den Fährleuten umfangreiches Wissen über spezifische Strömungen, Wind und Sog, Hoch- und Niederwasser, Schiffsverkehr und Freizeitnutzung am jeweiligen Mainabschnitt von Generation zu Generation weitergegeben", schrieb das zuständige Staatsministerium der Finanzen und für Heimat in Bayern bei der Verkündung im März. "Als Direktverbindungen unterstützen die Mainfähren die soziale Verbundenheit der Einwohner der flussnah gelegenen Ortschaften."

Mit der Aufnahme in die Liste des Immateriellen Kulturerbes hoffen die Kommunen, Förderungen zu erhalten. "Es ist ein Wunsch und wir hoffen entweder auf eine Bestandsregelung oder großzügige Übergangsregelungen und/oder eben großzügige Förderungen, da eine neue Fähre mehrere Millionen kostet", sagt Bürgermeister Bäuerlein.

Wie lange Jäger noch mit dem alten "Schorsch" über den Main schippern kann, ist daher ungewiss. Ob mit alter oder neuer Fähre: Am liebsten würde er bis zur Rente und danach als Aushilfe als Fährmann arbeiten. "Doch bis dahin fließt noch viel Wasser den Main runter", sagt er. Solange genieße er die Überfahrten. "Das Schönste sind die Sonnenaufgänge und -untergänge im Winter." Und: der Mainschleifenwalzer. "Wenn zum Beispiel Großeltern mit ihrer Enkelin kommen, sage ich: 'Prinzessin, für dich!'" Dann dreht "Schorsch" seine Pirouetten.
(Carolin Gißibl, dpa)

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