Leben in Bayern

Georg Wieland: Der 75-Jährige stellte immer wieder unbequeme Fragen – der Bürgermeister grüßt ihn längst nicht mehr. (Foto: Dominik Baur)

14.02.2020

Dem keine Ehre gebührt

Georg Wieland kämpft seit Jahren gegen die Erinnerungsstätte des Nazi-Verbrechers Alfred Jodl

Auf der Fraueninsel im Chiemsee steht seit Jahrzehnten ein Kreuz, das einen Nazi ehrt: Alfred Jodl, der in Nürnberg als einer der Hauptkriegsverbrecher verurteilt wurde. Und doch kriegt man es nicht los. Jetzt hat zumindest der Innenausschuss im Bayerischen Landtag ein Signal gesetzt.

Georg Wieland steht auf dem Friedhof und lacht. „Das ist einfach nur abartig“, sagt er und schüttelt den Kopf. Grund für die Fassungslosigkeit des 75-Jährigen ist dieses fast mannshohe Kreuz. Es ist massiv, kantig, aus Stein, das größte Ehrenmal auf dem Friedhof der Fraueninsel, das einzige, dessen Inschrift man schon vom Eingang aus lesen kann. „Fred Odl“ liest man. In Wirklichkeit heißt es natürlich „Alfred Jodl“, doch ein Teil des Namens wird von zwei kleinen Thujen verdeckt, ebenso der militärische Rang. „Generaloberst“ steht da noch, außerdem das Geburts- und Sterbedatum. Darüber ist ein Eisernes Kreuz eingraviert.

Alfred Jodl? Richtig, der Alfred Jodl. Der Wehrmachtsgeneral, den der Spiegel mal als den „Organisator des Vernichtungskrieges“ bezeichnete, der für die Zerstörung Nordnorwegens in der Operation Nordlicht und auch für die Deportation von Juden verantwortlich war. Am 1. Oktober 1946 wurde er in Nürnberg als einer der Hauptkriegsverbrecher verurteilt, zwei Wochen später durch den Strang hingerichtet.

In dem Familiengrab der Jodls sind die beiden Ehefrauen des Nazis begraben, sein Bruder, dessen Frau. Nur: Alfred Jodl selbst liegt nicht hier. Seine Asche wurde in einen Zufluss der Isar gekippt. Die Alliierten wollten vermeiden, dass ein Gedenkort für Unverbesserliche entsteht. Und hier auf der Fraueninsel im Chiemsee ist er nun: der Gedenkort, der nicht sein darf.

Am Mittwoch hat sich der Innenausschuss im Bayerischen Landtag mit einer Petition in der Sache befasst. Das Denkmal müsse unverzüglich beseitigt werden, verlangt darin der Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner. „Es ist unerträglich, wenn 75 Jahre nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur Protagonisten dieser verbrecherischen Diktatur immer noch öffentlich gehuldigt wird.“

In der Ausschusssitzung passierte dann etwas durchaus Bemerkenswertes: Die Abgeordneten, auch die der Regierungsfraktionen, gaben sich nicht mit der Empfehlung des Innenministeriums zufrieden und wiesen die Petition ab. Stattdessen beschlossen sie einstimmig, die Regierung aufzufordern, ihren Beitrag zu leisten, dass das Kreuz wegkommt – oder zumindest die Inschrift, die an den Nazi erinnert.

Seit Generationen ist Wielands Familie auf der Insel beheimatet

Von einem „klaren Bekenntnis, diesen Gedenkstein nicht gutzuheißen“, sprach der CSU-Abgeordnete Matthias Enghuber, und sein SPD-Kollege Stefan Schuster ergänzte: „Gedenksteine für Kriegsverbrecher sind nicht akzeptabel.“ Auch Katharina Schulze von den Grünen forderte ein „klares Signal“, dass hier etwas geschehen müsse. Zuständig ist zwar nicht der Freistaat in der Angelegenheit, sondern die Gemeinde, aber den Mitgliedern des Innenausschusses war es wichtig zu zeigen, dass sie hinter dem Anliegen der Petenten stehen. Schuster brachte sogar eine Änderung des Bestattungsgesetzes ins Spiel – als Ultima Ratio, falls die Gemeinde partout nicht tätig werden wolle.'

Ob das Signal ankommt? Georg Wieland hofft es. Auch die Kommunalwahlen könnten für etwas Bewegung auf der Insel sorgen. Die Petition, die unter anderem auch von dem Schauspieler Josef Bierbichler, der Moderatorin und Autorin Amelie Fried und der Bundestagsabgeordneten Simone Barrientos (Linke) unterzeichnet wurde, ist indes nicht die erste in der Sache. Die erste hatte vor sechs Jahren Wieland selbst gestartet. Sie wurde damals noch mit der Begründung abgewiesen, die gesamte Grabstelle werde im Januar 2018 ohnehin aufgelassen.

Wieland ist einer der knapp 250 Bewohner der Fraueninsel, dieses herrlichen Flecks purer bayerischer Idylle mitten im Chiemsee. Hier gibt es keine Autos, keine Fahrräder, nicht einmal Füchse. Im Sommer dafür jede Menge Touristen und frischen Fisch. Gemeinsam mit der Herreninsel, auf der noch eine Handvoll Menschen lebt, und der unbewohnten Krautinsel bildet sie die Gemeinde Chiemsee, die kleinste Gemeinde Bayerns. Erich Kästner soll auf der Fraueninsel 1948 Das doppelte Lottchen vollendet haben. Nebenan auf der Herreninsel wurde gerade das Grundgesetz beraten.

Seit Generationen ist Wielands Familie auf der Insel beheimatet. Seine Eltern sind hier begraben, auch seine Großeltern. Für den Großvater mütterlicherseits, der eines Tages im See verschollen ist, haben sie eine Gedenksäule aufgestellt. Alles nur ein paar Schritte von dem Kreuz entfernt. Auch die Angehörigen der Verstorbenen im Grab gleich neben dem Jodl-Grab seien erschüttert, dass es noch immer steht, erzählt Wieland.

Georg Wieland hat das Jodl-Kreuz lange Zeit nicht bewusst wahrgenommen. Aber irgendwann hörte er dann seine Mutter schimpfen: „Warum ist der denn immer noch da oben, der alte Nazi?“ Vor rund 30 Jahren war das. Da habe er begonnen, sich zu informieren und unbequeme Fragen zu stellen, erzählt Wieland nach dem Friedhofsbesuch in seinem Haus. Auf dem Esstisch liegt schon ein dicker Aktenordner. Darin hat der Architekt alles gesammelt, dessen er in Sachen Jodl habhaft werden konnte. Vom Tisch aus kann man auf den See blicken.

1953 ließ Jodls Witwe Luise das Kreuz errichten. Zuvor lag hier lediglich seine erste Ehefrau Irma. Sie war im März 1944 in Königsberg gestorben, ihre Asche wurde in einem Sonderzug zum Chiemsee gebracht. Als Luise Jodl 1998 mit über 90 Jahren stirbt, wird auch sie auf der Fraueninsel begraben. Kinder hat sie keine, das Grabnutzungsrecht geht an verschiedene Angehörige über, zuletzt ist einer ihrer Großneffen alleiniger Inhaber.

Wieland macht sich mit seinen ständigen Nachfragen nicht gerade beliebt auf der Insel. Georg Huber, der Bürgermeister, der zwei Häuser weiter wohnt, grüßt ihn schon längst nicht mehr. Andere sind freundlich, wenn sie ihm alleine begegnen, sobald sie aber in der Gruppe sind, schauen sie weg. Die Schlösser der Haustür wurden schon einmal mit Sekundenkleber zugeklebt, die Leinen des Bootes nachts losgemacht.

Solange das Kreuz steht, will Wieland sich dort nicht begraben lassen

Kurz nach Wielands Petition tritt Wolfram Kastner auf den Plan. Er verleiht dem Anliegen auf seine Art Nachdruck. Und Kastners Art ist gern mal provokativ. So folgen im Laufe der nächsten Jahre Aktionen, bei denen Kastner ein Schild mit der Aufschrift „Keine Ehre dem Kriegsverbrecher!“ an dem Kreuz anbringt, es mit blutroter Farbe überschüttet oder das bronzene „J“ entfernt, sodass dort nur noch „Odl“ steht. Das „J“ schickt er an das Deutsche Historische Museum nach Berlin, das mit der Gabe aber wenig anzufangen weiß.

Der Streit beginnt zu eskalieren. Einmal versucht eine Abordnung der NPD, das Kreuz zu reinigen – vergeblich. Mehrfach verklagt der Großneffe der Witwe Jodl den Künstler – mit Erfolg. Kastner wiederum geht nach Karlsruhe. Eine Entscheidung des Verfassungsgerichts steht noch aus.

Dass das Ehrenkreuz überhaupt noch steht, liegt an einer Beschwerde des Großneffen gegen die für 2018 geplante Beendigung des Grabnutzungsrechtes. Da es noch genügend freie Grabstellen gebe, könne die Gemeinde die Verlängerung der Grabnutzung nicht aus Platzgründen ablehnen, befand das Verwaltungsgericht München und regte einen Vergleich an: Der Schriftzug auf dem Kreuz sollte mit einer Platte verdeckt werden, auf der sich nur ein allgemeiner Hinweis auf die „Familie Jodl“ findet. Zunächst nahmen beide Parteien den Vergleich an, doch dann widerrief ihn die Gemeinde, woraufhin das Gericht zugunsten des Klägers urteilte. Gegen dieses Urteil legte die Gemeinde keine Berufung ein.

Kastner und Wieland vermuten deshalb ein abgekartetes Spiel: Die Gemeinde habe mit Absicht einen nicht stichhaltigen Grund angegeben, um damit vor Gericht nicht durchzukommen. Fragt sich nur: Warum? Aus Trotz? Überhaupt herrscht ein eklatanter Mangel an plausiblen Erklärungen für das, was in den letzten Jahren in der Causa Jodl geschah – und nicht geschah. „Es muss da Verbindungen geben, Seilschaften“, mutmaßt Wieland.

Natürlich ist die Fraueninsel kein Nazi-Nest. Auch wenn es schon mal einen geben soll, der stolz ein Exemplar des Buches zeigt, in dem Luise Jodl auf schwülstige Weise die Ehrenrettung ihres Mannes versucht – mit einer persönlichen Widmung der Autorin. Und auch wenn eine Schwester des einflussreichen Benediktinerinnenklosters auf der Insel von ihren interessanten Erfahrungen mit der Jungen Alternative erzählt. Schon zweimal habe man die AfD-Jugend im Kloster zu Gast gehabt.

Doch die Fragen bleiben. Auch diese: Was bewegt den Großneffen von Luise Jodl? In seiner Hand läge es, das Kreuz von heute auf morgen verschwinden zu lassen. Nur einmal, nach einer Demonstration gegen das Kreuz im vergangenen Sommer, meldet er sich mit einer Stellungnahme zu Wort. Von einem „Aufmarsch“ der Demonstranten spricht er darin, die Grabstätte sei „ein normales gemeinsames Familiengrab“ und ein „stiller Rückzugsort für mich und meine Familie“. Er sei „gewillt, alles dafür zu tun, dass gerade keine ,Wallfahrtsstätte’ für Neo-Nationalsozialisten entsteht“. Nachfragen der BSZ, warum er dann nicht beispielsweise – wie vom Gericht vorgeschlagen – einfach den Namen Alfred Jodls mit einer Platte verdeckt, bleiben unbeantwortet. Auch Bürgermeister Huber ist nicht erreichbar.

Für Georg Wieland jedenfalls steht fest: Solange dieses Kreuz oben auf dem Friedhof steht, will er dort nicht begraben werden.
(Dominik Baur)

Foto im Text (Dominik Baur): Das Jodl-Kreuz auf der Fraueninsel.

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Kommentare (1)

  1. WerWenn Nicht Du am 15.02.2020
    Über die Taten und das Wirken des Alfred Jodl kann ich nicht urteilen.
    Alfred Jodl wurde zum Tode verurteilt, bezahlte mit dem höchsten Gut für seine Taten, nämlich seinem Leben. Noch nach seinem Ableben wurde er zusammen mit seiner Familie gedemütigt, indem seine Asche in die Isar verstreut wurde, anstatt diese der Familie zu übergeben.

    Wie groß muss der Hass sein, wenn Menschen über den Tod hinaus verfolgt werden.

    Ich sage Euch, vor Leuten, wie dem "Künstler" und den Politikern, die sich mit diesem Grabschänder gemein machen, habe ich mehr Angst, wie vor den Nazis.

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