Leben in Bayern

Im Wohnzimmer der guten Stube: Steffi Leitz und Michael Berndt mit zwei Besucherinnen. (Foto: Stumberger)

26.11.2021

Die gute Stube von Schwabing

In München bringt ein Nachbarschaftsprojekt nicht nur die Menschen zusammen, sondern bietet ihnen auch kreativen Freiraum – dafür gab’s jetzt eine Auszeichnung

Schleißheimer Straße 278 in München: Während der nahe Mittlere Ring mit seinen Verkehrsgeräuschen zu hören ist, gehen in dem einstöckigen Gebäude in der Dämmerung die Lichter an. „Die gute Stube“ steht in Neonleuchtschrift an der Fassade und „Für Senioren und alle, die es werden wollen“. Vor den Fenstern stehen noch die Blumenkästen. Eine Seniorin kehrt den Weg.
Drinnen sieht die gute Stube aus wie ein geräumiges, gemütliches Wohnzimmer. An einem großen Tisch wird Kaffee getrunken, es gibt selbst gemachten Kuchen. Es flackert ein elektrischer Kamin und in der Ecke schläft das Hündchen Chili auf einer Decke.

„Das hier ist unser Zweitwohnsitz“, sagt Steffi Leitz, „nur ohne Übernachtung.“ Vor drei Jahren hat die 42-Jährige zusammen mit drei Mitstreiter*innen den Nachbarschaftstreff aus der Taufe gehoben. Das Projekt hat gerade den Deutschen Nachbarschaftspreis der Stiftung nebenan.de gewonnen, er ist mit 5000 Euro dotiert. „Die gute Stube e.V. ist ein Begegnungsort in der Nachbarschaft, der mit seinen niedrigschwelligen und kreativen Angeboten bereits Hunderte Menschen erreichen konnte. Nachbar*innen jeden Alters kommen hier zusammen, um gemeinsam neuen und alten Hobbys zu frönen. Die Idee dieses Ortes ist einfach wie genial“, heißt von der Nachbarschaftspreis-Jury.

„Der Preis ist toll“, sagt Steffi Leitz. Warum sie den Verein ins Leben gerufen hat? „Wenn die Leute in Rente gehen, dann fallen die zusammen.“ Und viele Menschen seien alleine und wünschten sich mehr Kontakt zu anderen. Für Mitgründer Michael Berndt (47) steht im Vordergrund, wie man sinnvoll seine Freizeit gestalten kann. Wer in einer kleinen Wohnung lebe, habe oft nicht viele Möglichkeiten, seinen Hobbys nachzugehen.

Im Haus in der Schleißheimer Straße geht das. Es beherbergte bis 2013 Schwestern der „Karmelitinnen vom Göttlichen Herzen Jesu“, bis der Orden das Kloster an einen Bauträger verkaufte. Die gute Stube nutzt nur einen kleinen Teil des weitläufigen Gebäudes. Neben dem zentralen „Wohnzimmer“ mit seinen Bücherregalen und Lehnstühlen gibt es auch eine Bastel- und eine Sportstube mit Fitnessgeräten. Und eine Musikstube mit einem Schlagzeug und anderen Instrumenten. Im Keller befindet sich sogar ein Theater.

Der Nachbarschaftstreff wird normalerweise rege besucht. Von Angelika B. zum Beispiel. „Hier gefällt es mir“, sagt die 67-Jährige, die früher als Chefarztsekretärin gearbeitet hat und seit zwei Jahren in Rente ist. Die Tage seien lang und es gebe zu viel Zeit, die „um die Ecke gebracht“ werden müsse, sagt sie. So kommt sie meist nachmittags, trifft andere Senior*innen. Abends isst man auch zusammen.

Zehn bis 20 Leute kommen aktuell, sagt Steffi Leitz noch beim BSZ-Besuch. Kurze Zeit später muss der Treff pandemiebedingt wieder schließen. Vor der Pandemie seien es bis zu 30 Besucher*innen am Tag gewesen.

Leider ist der Nachbarschafts- und Seniorentreff nur eine Zwischennutzung im Haus. Der Bauträger plant auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Wohnungen zu errichten. Bei Baubeginn muss der Verein ausziehen. Wann das sein wird, ist unklar. „Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten zwei oder drei Jahren raus müssen“, gibt Steffi Leitz ihrer Hoffnung Ausdruck. Jedenfalls lässt derzeit der Verein auf eigene Kosten neue Heizkörper einbauen. Denn in einer guten Stube. muss es natürlich schön warm sein.
(Rudolf Stumberger)

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