Leben in Bayern

Schlange stehen für Kaffee, Tee und Brote: Der Andrang bei der Münchner Bahnhofsmission ist jeden Tag riesig. (Foto: Stumberger)

12.02.2021

Ein heißer Kaffee am Gleis 11

Bei der Münchner Bahnhofsmission hat sich mit der Krise die Zahl der Hilfesuchenden fast verdoppelt – denn Corona bringt immer mehr Menschen in Not

Obdachlose und Arme betrifft die Corona-Pandemie besonders. Die einen haben nicht einmal ein Heim, in dem sie sich isolieren könnten. Für viele ärmere Menschen fiel mit Corona der kleine Nebenjob weg, mit dem sie sich bislang über Wasser hielten. „Wenn ich mir die Gesichter ansehe“, sagt Bettina Spahn von der Bahnhofsmission, „dann haben viele schon aufgegeben.“

Der Münchner Hauptbahnhof, Gleis 11, kurz vor Mittag: Oben leuchtet auf gelben Hintergrund der Schriftzug „Bahnhofsmission“ auf, darunter stehen Menschen in einer Schlange an. Alle paar Minuten geht es ein paar Schritte vorwärts, bis man an einer Glastüre steht, rechts davon ist ein Fenster geöffnet. Dahinter steht Vincent, ein 18-Jähriger, der hier sein Freiwilliges Soziales Jahr verbringt. Er reicht Tee, Kaffee und Schmalzbrote nach draußen, manchmal sagt er: „Hallo, die Maske bitte über die Nase.“ Bahnhofsmission – eine Sozialstation in Corona-Zeiten.

Wer die Sozialstation betritt und an den Beratungsbüros vorbei ganz nach hinten durchgeht, findet dort in einem Raum Bettina Spahn und Barbara Thoma. Sie sitzen an ihren Schreibtischen, die durch eine Plexiglasscheibe getrennt sind. Die beiden Frauen leiten die Bahnhofsmission, die von der katholischen und evangelischen Kirche getragen wird. Im Raum sind die Schränke vollgestellt mit Kisten, eine trägt die Aufschrift „Einmalhandschuhe“, an der Wand stehen Plastikkörbe voll mit Gesichtsmasken.

Zu Beginn der Pandemie war es gespenstisch ruhig

Obdachlosigkeit und prekäre Lebensverhältnisse in Corona-Zeiten – wie schlägt sich das in der Bahnhofsmission nieder? „Die Zahl der Hilfesuchenden hat sich verdoppelt“, sagt Bettina Spahn, die hier seit 26 Jahren arbeitet. 2019 gab es an Gleis 11 an die 117 000 „Kontakte“, wie man das hier nennt, also hilfesuchende Menschen, von denen manche auch zweimal am Tag kommen. 2020 waren es dann mit rund 207 000 fast doppelt so viele. Dabei war es zu Beginn der Pandemie im März „gespenstisch ruhig“ am Bahnhof. Viele Arbeitsmigranten hatten ihre Jobs am Bau verloren und waren in die Heimatländer zurückgekehrt, der Zugverkehr war nahezu eingestellt. Spahn: „Da waren noch wir, die Polizei und die Tauben.“ Anders als manche Einrichtungen hat das Team der Bahnhofsmission – 140 Ehrenamtliche und 25 Hauptberufliche – weitergemacht und ein Hygienekonzept entwickelt. „Es geht, wenn man will“, sagt Bettina Spahn. In der ersten Woche der Pandemie hat die Bahnhofsmission nahezu alleine die Notversorgung der Münchner Armutsbevölkerung übernommen.

Corona-Zeiten sind für jeden eine harte Erfahrung, für Obdachlose aber noch mehr. „Das war eine vergessene Gruppe“, sagt Co-Leiterin Barbara Thoma, „wie wollen Sie denn Quarantäne bei Obdachlosen durchführen?“ Und: „Wo lässt man sich testen, wenn man keine Krankenversicherung hat?“

Ein großes Problem für die betroffenen Menschen war und ist, dass viele Organisationen und Behörden geschlossen und nur telefonisch oder online erreichbar sind. Aber wer auf der Straße lebt, hat nicht unbedingt ein Handy oder einen Laptop dabei. Die Bahnhofsmission bietet hier Hilfe an, erledigt anstehende Telefonate oder stellt das Telefon zur Verfügung. Hilfe nehmen hier vor allem Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten in Anspruch, vergangenes Jahr waren das rund 179 000 von den insgesamt 207 000 Kontakten der Bahnhofsmission. „Es handelt sich einfach um die Armutsbevölkerung“, sagt Bettina Spahn. „Die konnten vor Corona noch etwas dazuverdienen, das geht nun nicht mehr.“ Was aber, wenn man Medikamente benötigt, die Waschmaschine kaputt ist oder das Geld am Monatsende grundsätzlich alle ist?

So wie bei Oliver. Der 56-jährige Münchner ist eine von drei Personen, die im Aufenthaltsraum auf eine Beratung warten. Vor Corona konnten sich hier die Hilfesuchenden hinsetzen, ausruhen, einen Tee trinken. Das geht in der Pandemie nicht mehr, nur in der Nacht ist der Raum für obdachlose Frauen als Schlafstätte geöffnet. Oliver lebt von Hartz IV, aber es „reicht von hinten bis vorne nicht“, sagt er. Deshalb sei er gezwungen, ab und zu um Lebensmittel nachzufragen, deshalb komme er zur Bahnhofsmission. „Die Leute sind ok“, sagt er, bevor er mit einem Essenspaket, gefüllt unter anderem mit Tee, Konservendosen und Schokolade, wieder nach Hause geht.

Zwei Zimmer weiter sitzt Schwester Claudia-Maria an einem Küchentisch und schmiert die Schmalzbrote. Warmes Essen kann in der Mission nicht ausgegeben werden – das gibt es bei der Caritas vor dem Bahnhof an der Bayerstraße. An Gleis 11 beginnt die Frühschicht um 6.45 Uhr mit der Beratung für die Frauen, die dort übernachtet haben. Ab acht Uhr werden warme Getränke und die Brote abgegeben, auch Süßigkeiten, gespendet von den Läden im Bahnhof. „Der größte Andrang ist zwischen acht Uhr und halb zehn“, sagt Vincent.

Gerade werden Mützen verteilt – und Masken

Vincent hat drei Brüder, von denen die beiden älteren bereits ein Freiwilliges Soziales Jahr hinter sich haben. Er selbst wusste nach dem Abitur im vergangenen Jahr noch nicht, was er machen wollte, und so fing er nach einem Schnuppertag bei der Bahnhofsmission an. An diesem Tag geht seine Schicht von sieben bis 15.30 Uhr. Seine Aufgabe: „Zuhören.“ Um zu erfahren, was die Leute brauchen und wollen, sagt er. Einige der Menschen vor dem Glasfenster kennt er schon, die kämen öfters. Manchmal, wenn jemand am vierten Tag hintereinander einen Rasierer will, sagt er auch schon mal Nein, wenn er die Hygienepakete mit Seife, Shampoo und Nagelfeile verteilt. Im Winter werden auch Kleidungsstücke wie Mützen oder Handschuhe ausgegeben. Gesichtsmasken sind immer dabei.

Zur sozialen Arbeit der Bahnhofmission gehören auch „normale“ Aufgaben wie Umsteigehilfen oder die Betreuung von reisenden Kindern. Mit Corona aber sind Armut und Bedürftigkeit noch weiter in den Vordergrund getreten. Keiner wisse, wie lange die Pandemie noch gehe, sagt Spahn und ergänzt: „Aber man braucht doch Ziele.“ Draußen stehen die Menschen weiter an Gleis 11 um einen heißen Kaffee an. „Wenn ich mir die Gesichter ansehe“, sagt die Missionsleiterin, „dann haben viele schon aufgegeben“
(Rudolf Stumberger)

Fotos (Rudolf Stumberger) im Text:
Leiten die Bahnhofsmission: Bettina Spahn und Barbara Thoma.
Gegen den Hunger: Schwester Claudia-Maria schmiert Schmalzbrote.

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