Leben in Bayern

Noch am Wochenende bildete sich vor dem Impfzentrum auf der Münchner Theresienwiese eine lange Schlange. Kleines Bild: Jetzt geht es dort ruhiger zu. Geimpft wird nur mehr mit Termin. (Fotos: Goetsch, dpa/Hoppe)

19.11.2021

Ein Piks trotz Skepsis

In München ist der Andrang auf die Impfzentren so hoch wie nie – gefragt sind keineswegs nur Booster-Impfungen

Die steigenden Infektionszahlen, die jetzt in Bayern geltenden 2G-Regeln und die anstehenden Auffrischungsimpfungen sorgen für eine große Nachfrage nach Impfungen. Auch viele Spätentschlossene sind unter den Menschen, die diese Woche zur Münchner Theresienwiese kamen für den Piks. Was sie umgestimmt hat? Die BSZ hat sich dort umgehört.

So ganz überzeugt ist Konstantin S., 25, nicht. Trotzdem steht der junge Mann jetzt vor dem Impfzentrum auf der Münchner Theresienwiese. Der Himmel ist november-grau, die ersten Christbäume stapeln sich am Verkaufsstand. Unter der Bavaria hat die Stadt ein schmuckloses, beheizbares Zelt errichtet. 240 Wartende passen rein, wie der Herr von der Security erzählt. Nicht mehr als eine Handvoll hat sich darin eingefunden.

Noch am Sonntag, als man eine Impfung hier noch ohne Termin bekam, zog sich die Schlange der Wartenden quer über den Platz. Kleine Grüppchen in dunklen Mützen, Kapuzen, Winterjacken. Dem Eindruck nach mehr junge Menschen als ältere. Darunter auch zwei, die es sich auf einem Klappstuhl bequem machten. Auf dem benachbarten Tollwood-Gelände schmückten ein paar Unbeirrte ihre Buden. Es war kalt, es war zugig, und doch standen sich die Leute auf der Wiesn die Beine in den Bauch. Die Wucht der steigenden Infektionszahlen, der nachlassende Schutz der Geimpften und die Einschränkungen für Ungeimpfte haben die Zahl der Impfungen in wahre Höhen schießen lassen.

Warum sie erst jetzt komme, wird eine 63-Jährige unfreundlich gefragt

17 885 Impfungen haben im Verlauf einer einzigen Woche im Impfzentrum Riem und in den vier Impfaußenstellen stattgefunden, davon 4768 Erst-, 4487 Zweit- und 8630 Drittimpfungen. Ein neuer Rekord. Insgesamt haben in Bayern 8 870 083 Menschen ihre erste, 8 870 083 Menschen ihre zweite, 678 497 Menschen ihre dritte Impfung bekommen. Auch das klingt nach viel. Vollständig geimpft sind allerdings noch immer nur klägliche 65,6 Prozent.

Die 63-jährige Sozialpädagogin Renate B. gehört trotz ihres Alters zu den Spätentschlossenen. Sie war an ihrem freien Freitag hier. Zwei Wochen ist das her. Dreieinhalb Stunden hielt sie die Warterei aus, ohne Toilette.

Als sie endlich dran war, habe sie der impfende Arzt ziemlich unfreundlich gefragt, warum sie sich erst jetzt impfen lasse. Ja, warum? Ihr Zögern, sagt sie, hat vor allem mit Erfahrungen zu tun. Da war dieser Schock, den sie mal nach einer Medikamenteneinnahme hatte. Die Atemnot, die damit verbunden war. Umgekehrt sei sie „sehr angstfrei“, was das Virus betrifft, schließlich war sie noch nie schwer krank. „Ich hatte ein bisschen mehr Angst vor den Nebenwirkungen der Impfung als zu erkranken.“

Also hat sie die Entscheidung erst mal vertagt. Sich medizinisch untersuchen lassen, Allergietests gemacht, versucht, herauszufinden, wo in ihrem ganz speziellen Fall die Risiken liegen. Ihre Ängste, was die Nebenwirkungen betrifft, haben sich zwar, wie sie heute weiß, nicht bewahrheitet. Skeptisch ist sie allerdings noch immer. „Ich finde nach wie vor, dass es doch eine sehr spezielle individuelle Entscheidung ist, auf der einen Seite, und auf der anderen Seite will man halt sein Umfeld auch nicht belasten dadurch, dass man nicht geimpft ist.“ Also hat sie sich in die Schlange gestellt. „Ich wollte das jetzt einfach durchziehen“, erzählt sie ein paar Tage später.

Hätte sie gewusst, dass man schon bald würde geimpft werden können, ohne lange Schlange zu stehen: Sie hätte die Sache sicher verschoben. Denn anders als zuvor bekommen Impfwillige seit Dienstag dieser Woche auf der Theresienwiese Termine – und sparen sich so die Ansteherei.

Impfwillige: Noch so ein Wort aus dem Corona-Alphabet. Wunderbar passt der Begriff auf all die älteren Menschen, die am Dienstagmorgen schnurstracks ins Wartezelt spazieren, um sich die Booster-Impfung abzuholen. Auch die paar Leute, die ein bisschen verloren außen vor bleiben, sind „willig“, haben nur leider nicht mitgekriegt, dass von einem Tag auf den anderen neue Regeln gelten. Alexander R. etwa, ein Mann mittleren Alters. Er wollte richtig früh dran sein mit seiner dritten Impfung, weil er für die nächsten Wochen großen Andrang befürchtet, kommt aber ohne Termin nicht rein. Geschlagene zwanzig Minuten hängt er erfolglos über seinem Handy und versucht, einen Termin auszumachen, was irgendwie kniffliger ist als bei den vorigen Malen. Man muss sich ja wieder ganz neu anmelden. Alexander R. trägt es mit Fassung. „Ich finde gut, dass man sich impfen lassen kann“, sagt er schließlich ohne jedes Anzeichen von Ärger, „aber die Organisation ist fragwürdig“.

Impfwillig ist auch die 70-jährige Inge K., die sich eher für ihre Kinder und Enkelkinder boostern lassen will als aus Sorge um sich selbst. Ihr Hausarzt, erzählt sie, habe ihr einen Termin im Januar angeboten. Das war ihr zu spät. Jetzt tippt sie die Nummer der Impfhotline in ihr Handy, die auf einem Schild am Zelt prangt. Viel Glück hat sie nicht: Sie landet auf Platz 70 in der Warteschleife.

Auch die Mutter eines Kitakindes ist impfwillig. Sie kreuzt sogar anderthalb Stunden vor ihrem Termin auf, weil sie solche Horrorgeschichten über die Warteschlangen vor den Impfzentren gelesen hatte. Was tun mit all der Zeit? Auf der Homepage der bayerischen Impfzentren wird sehr fein unterschieden: „Bitte erscheinen Sie pünktlich, aber nicht überpünktlich zu Ihrem Termin. Das erleichtert uns die Abläufe.“

Der Herr von der Security lässt sie netterweise trotzdem durch. Müsste man nicht eigentlich sowieso alle reinlassen, die hier aufkreuzen, egal ob mit oder ohne Termin? Es sind doch sowieso nicht viele. Heißt es nicht, das Impfen solle unbedingt niedrigschwellig, unkompliziert und schnell gehen?

Aber Bürokratie und Improvisation passen leider noch immer nicht zusammen. Ein paar kleine, mutige Einzelentscheidungen vonseiten der Security, etwa zugunsten eines alten Mannes, der zwar keinen Termin hat, sich aber auch nicht ganz so gut auf den Beinen hält – mehr ist nicht drin. Also bleiben die jungen Frauen mit Kinderwagen, die kaum Englisch und kein Deutsch sprechen, enttäuscht außen vor. Inge K. steigt wieder aufs Fahrrad, um sich zu Hause in die Warteschleife der Impfhotline zu hängen. Und das junge Pärchen, das sich mit wachsender Verzweiflung über sein Handy beugt, um einen Termin zu machen? Noch so eine verpasste Chance.

Konstantin S. dagegen hat seinen Termin schon vorab gemacht. Aber so richtig impfwillig ist er nicht. Er sagt: „Ich hab immer noch Zweifel.“ Bekannte hätten erzählt, dass in den Krankenhäusern sehr viele Betten frei seien. Den Medien und der Politik vertraue er sowieso nicht. Immer höre man widersprüchliche Sachen, „einen Tag so, einen Tag so“. Aus seiner Sicht fehlt es der Politik an Konsequenz. Wenn man schon strenge Maßnahmen einführe, findet er, sollte man sie bitte schön auch überprüfen. Die ganze Testerei der vergangenen Wochen, „und dann wird man bei zehn Besuchen in Gasthäusern nur einmal kontrolliert“! Das nervt ihn schon.

Aber was soll’s. Konstantin S. ist trotz aller weltanschaulichen Skepsis doch ein echter Pragmatiker. Feiern müsse er zwar nicht unbedingt, sagt er. Aber Essen gehen, etwas mit der Freundin unternehmen, seine Oma besuchen, die in einem sächsischen Krankenhaus liegt: Das will er schon. Also hält er dem Herrn von der Security sein Handy hin, zeigt ihm den Impftermin und stapft dann durch das lange, leere, gut beheizte Zelt auf seine erste Corona-Impfung zu.

Schon eine Viertelstunde später ist er wieder draußen. Nein, es war natürlich nicht schlimm. Ist er erleichtert? „Ne!“, sagt er. „Vielleicht in drei Wochen, nach der zweiten Impfung, wenn alles rum ist.“
(Monika Goetsch)

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