Leben in Bayern

Anja Piwonski (links) geht mit ihrer Helferin Christel Mäusbacher zum Einkaufen. Piwonski ist wegen eines Schlaganfalls auf Hilfe angewiesen. (Foto: Nicolas Armer/dpa)

28.01.2020

Gegen die "Alterskrankheit Einsamkeit"

Früher hat die Großfamilie mit angepackt. Aber wer hilft heute, wenn ältere oder kranke Menschen im Alltag nicht mehr alles schaffen?

Einkaufen, zum Arzt fahren oder den Gefrierschrank abtauen - das kann Anja Piwonski nicht mehr allein. Mit Anfang 40 hatte sie einen Schlaganfall, seitdem traut sie sich ohne Hilfe nicht aus dem Haus. Zu groß die Angst, sie könnte das Gleichgewicht verlieren. "Das ist bitter", sagt die 51-Jährige. Ihre Tochter will sie nicht ständig um Hilfe bitten, also kommt nun jeden Montag Christel Mäusbacher.

Sahne, Pecorino und Tomatenmark stehen schon auf dem Einkaufszettel. "Für die Katz noch was, für deinen Eddi?", fragt Mäusbacher, während sie sich Notizen macht. Die 51-Jährige nickt. "Dann schreib ich Leckerli auf." Wenn sich die beiden über den Einkaufszettel beugen, wirken sie ganz vertraut. Dabei kennen sie sich erst seit ein paar Wochen. Bianca Fischer-Kilian von der Seniorengemeinschaft Kronach hat die beiden zusammengebracht.

Die Seniorengemeinschaft versteht sich selbst als Ersatz für die Großfamilie, aber nicht für Arbeiten, die Pflegedienstleister oder Handwerksbetriebe anbieten. "Wir wollen die Alterskrankheit Einsamkeit bekämpfen", meint Fischer-Kilian. Die Mitglieder helfen sich gegenseitig beim Wischen des Küchenbodens, Schneiden der Gartenhecke oder beim Auswechseln der Glühbirne.

Eine Stunde Hilfe kostet acht Euro. Denn nur auf Freiwilligkeit zu setzen, funktioniere nicht. Außerdem sinke so die Hemmschwelle, Hilfe anzunehmen, glaubt die Gründerin der Seniorengemeinschaft. Die Helfer könnten dann selbst entscheiden, ob sie das Geld nehmen oder die Stunden als Zeitguthaben aufschreiben lassen wollen - für den Fall, dass sie selbst einmal Hilfe brauchen. "Das ist wie eine Riester-Rente, nur nicht mit Euro sondern mit entgegengebrachter Zeit."

Seit 2010 gibt es den Verein in Kronach, fast tausend Mitglieder hat er inzwischen. "Vor zehn Jahren war das wirklich eine Spinnerei." Bianca Fischer-Kilian kennt die Überforderung nur zu gut, die bei pflegebedürftigen Eltern, Kindern, Haushalt und Job vorprogrammiert ist. Sie ließ sich für die Pflege ihre Vaters damals beurlauben, aber das Pflegegeld reichte hinten und vorne nicht. Schon gar nicht für ambulante Pflege und in ein Heim wollte sie ihren Vater nicht bringen. In einer Zeitschrift las sie schließlich von einer Seniorengenossenschaft in Baden-Württemberg - und gründete die erste in Bayern.

In Bayern gibt es um die 25 Seniorengenossenschaften

Mittlerweile gebe es im Freistaat um die 25 Seniorengenossenschaften, schätzt Doris Rosenkranz, Professorin an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Nürnberg. Immer noch viel zu wenige, bundesweit seien es mehr als 300 Seniorengenossenschaften. Mit bis zu 30 000 Euro Anschubfinanzierung versucht das Sozialministerium in München die Gründung von neuen Seniorengenossenschaften im Freistaat zu unterstützen.
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Doch dafür braucht es jemanden wie Bianca Fischer-Kilian. "Eine Abladestelle, wenn etwas nicht klappt", wie sie selbst sagt. Jemand, der Regeln aufstellt und für deren Einhaltung sorgt. Der Leute vermittelt, die Abrechnung übernimmt und Urlaubs- oder Krankheitsvertretungen organisiert. Aber vor allem braucht es jemanden, der ständig neue Mitglieder anwirbt.

Denn Seniorengenossenschaften seien zwar eine Lösung für veränderte Familien-, Lebens- und Arbeitsstrukturen, meint Georg Kamphausen, der an der Universität Bayreuth zu Seniorengenossenschaften forscht. Aber gleichzeitig kämpfen sie mit denselben Problemen. Wie soll eine Seniorengenossenschaft Helfer finden, wenn Jüngere wegziehen oder keine Zeit haben? "Selbst bei Älteren ist der Egotrip angekommen, nicht jeder will helfen", sagt der 65-Jährige. Sie seien eher ansprechbar, wenn sie selbst Hilfe brauchen. "Zum Beispiel beim Rasenmähen. Wer das nicht mehr schafft, kommt ins Grübeln und bietet eigene Stärken an."

So wie bei Birgit Bechler. Nach einem Unfall beim Kirschenpflücken musste sie aufhören zu arbeiten. Eine Qual, sagt die 67-Jährige. "Wenn du dein Leben lang gearbeitet hast und dann braucht dich niemand mehr - da fällst du in ein Loch." Herausgeschafft habe sie es nur, weil sie bei der Seniorengemeinschaft Kronach eine neue Aufgabe gefunden hat. Ältere Menschen zum Arzt fahren, für sie die Gräber der Angehörigen bepflanzen oder Marmelade einkochen. 35 Leuten habe sie in den vergangenen Jahren schon geholfen, erzählt Bechler. Momentan seien es sieben, eine davon Waltrud Fug.

Jeden Dienstag wischt sie bei der 85-Jährigen Staub, saugt und wischt den Fußboden. Ihr Mann Gerd werkelt währenddessen im Garten, schneidet die Hecke oder streicht die Gartenhütte. Manchmal bringt ihre Tochter Ramona auch die 15-jährige Enkelin Hanna vorbei. Sie putzt dann den Gartenzaun und verdient sich so ein bisschen Taschengeld. Die ganze Familie hilft, wenn woanders keine Familie helfen kann. "Die Leute haben Tränen in den Augen aus Dankbarkeit, das ist mehr Lohn als alles andere", sagt Birgit Bechler. Und irgendwann sei sie selbst froh um Hilfe.
(Mirjam Uhrich, dpa)

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