Leben in Bayern

Das Klimacamp auf dem Sebalder Platz in Nürnberg. (Fotos: Nikolas Pelke)

12.11.2021

Glühwein versus Klimarettung

Ein Protestcamp in der Nürnberger Altstadt mahnt seit mehr als 400 Tagen mehr Engagement beim Klimaschutz an – jetzt soll das Camp dem Christkindlesmarkt weichen

„Wir bleiben, bis ihr handelt!“, lautet das kämpferische Motto des Klimacamps in Sichtweite des Nürnberger Rathauses. Doch das Ende scheint nah: Denn die Stadt braucht den Platz für ihren weltberühmten Weihnachtsmarkt. Gegen einen Umzug auf einen Parkplatz hinter dem Rathaus sperren sich die Klimaschützer*innen – und hoffen noch immer auf eine Lösung in ihrem Sinne.

Das Christkind kommt und die Klimacamper sollen gehen: Weil die Stadt Nürnberg die Rettungskräfte während ihres weltbekannten Christkindlesmarkts, – er soll nach aktuellem Stand trotz der steigenden Corona-Zahlen stattfinden –, auf dem Sebalder Platz in der Altstadt stationieren will, sollen die Protestierenden dort zum 25. November ihre Zelte einpacken. Ist das das Ende des Protests nach über 400 Tagen?

Im Klimacamp in der Nürnberger Altstadt ist die Stimmung gedrückt. Daran kann auch die Sonne nichts ändern, die der übermüdeten Besatzung unter den Plastikplanen an diesem Novembermorgen Licht und wärmende Strahlen spendiert. In dem Partyzelt, das die Klimaschützenden zu einem kleinen Wohnzimmer-Pavillon mit Sofa- und Leseecke umgebaut haben, sitzt Janni gerade vor einem tragbaren Computer. „Ich checke nur gerade mal alle Mails“, sagt die 23-Jährige und erzählt, dass die Protestmannschaft dringend Verstärkung für das notorisch nach Nachwuchs suchende Team sucht. „Wir sind seit 426 Tagen rund um die Uhr hier“, sagt Janni und zupft die schwarze Kapuze über der violetten Mähne zurecht. Damit die Dauerdemo in Sichtweite des Nürnberger Rathauses nicht aufgelöst werden kann, müsse der Platz mindestens von zwei Personen pausenlos besetzt werden. „Jeden Tag, 24 Stunden“, betont Janni und macht ein frostiges Gesicht. Auf einer alten Schiefertafel bitten die Camper*innen aktuell auch um gebrauchte Sachspenden. Neuware ist verpönt im Camp. Ganz oben auf der Liste stehen Wärmflaschen. Besonders gefragt sind derzeit auch große Tassen für den heißen Tee.

Derweil ist die zweiköpfige Nachtschicht aus den Feldbetten gekrochen und macht sich bereit zum Abmarsch in den Feiermorgen. Die nächsten Stunden wollen Flora und Julian die Stellung halten im Klimacamp. „Ich bin ganz neu dabei“, sagt die 25-jährige Flora ein wenig schüchtern und gesteht, spätestens zum Mittagessen wieder daheim in der warmen Studentenwohnung sein zu wollen. Julian macht es sich derweil auf dem Sofa neben der Leseecke gemütlich.

Über Eilanträge der Camper ist noch nicht entschieden

Auf politische Diskussionen scheint die Besatzung an diesem Morgen keine Lust zu haben. Stattdessen ärgert sie sich darüber, dass die Feldküche kalt bleiben muss. Das Ordnungsamt der Stadt Nürnberg hat den Klimacampern erst kürzlich das Kochen untersagt. Auch Lebensmittel sollen in dem Zeltlager nicht mehr aufbewahrt werden dürfen. Im Camp ist man sich sicher, dass die Stadt die Daumenschrauben anziehen will, um die jungen Leute endlich von dem zentralen Platz zu vergraulen. „Wir sollen hier verschwinden und auf den Parkplatz beim Fünferplatz hinter das Rathaus umziehen“, sagt Janni und schaut dabei überhaupt nicht glücklich.

Auf den Umzug haben sie und ihre Mitstreitenden überhaupt keine Lust. „Da auf dem Parkplatz gibt es sicher auch keinen Strom. Und wo sollen wir dann die Wasserkocher für die Wärmflaschen anschließen?“, fragt sich die zierliche Aktivistin mit der roten Schminke unter den Augenlidern. Vor allem aber: Welche Botschaft würde ein Umzug an die Öffentlichkeit aussenden? Käme ein Abbau nicht einem Einknicken vor der Obrigkeit gleich? Und wie wäre ein Nachgeben mit dem kämpferischen Camp-Motto „Wir bleiben, bis ihr handelt!“ vereinbar? Der Forderungskatalog der Klimaaktivist*innen an die Stadt umfasst zwölf konkrete Punkte. Darunter der sofortige Ausbaustopp des Frankenschnellwegs, ein 365-Euro-ÖPNV-Ticket für alle und eine autofreie Innenstadt.

Mittlerweile gibt es Eilanträge und Klagen der Camper beim zuständigen Verwaltungsgericht. Der Gerichtssprecher berichtet von zurückgezogenen Anträgen und ausstehenden Entscheidungen. Nicht nur die rechtliche Lage scheint nach rund vierzehn Klimacamp-Monaten etwas verworren. Robert Pollack vom Ordnungsamt der Stadt Nürnberg verweist darauf, dass sich die Ansprechpartner*innen des Camps ständig ändern würden. Trotzdem gibt sich Pollack gelassen und optimistisch. „Ich glaube nicht, dass eine Zwangsräumung des Klimacamps notwendig wird.“ Bis zum 25. November sei ja noch etwas Zeit.

Die Idee im Camp: warum sich den Platz nicht teilen?

CSU-Rathausfraktionschef Andreas Krieglstein fordert bereits seit Längerem ein Ende der Dauerdemonstration. Noch mehrere Jahre am Sebalder Platz ausharren zu wollen, wie von den Aktivisten in einem Interview geäußert, sei für Krieglstein weder zielführend noch zumutbar. „Der Sebalder Platz gehört allen Nürnbergerinnen und Nürnbergern und sie sollen ihn auch wieder nutzen und genießen können, genauso wie Tourismus und Gastronomie. Es ist in Ordnung, wenn zentrale Plätze oder Straßen für Kundgebungen genutzt werden, aber es gibt Grenzen in der Zumutbarkeit“, sagte Krieglstein kurz vor der Bundestagswahl. Von der SPD-Fraktion erntete er dafür prompt „scharfe Kritik“. Während die CSU im bevorstehenden Christkindlesmarkt ein „natürliches Ende“ des Dauercamps sieht, sprach die SPD von einem fruchtbaren Dialog und stärkte den Campenden demonstrativ den Rücken.

Unter den Zeltplanen will man sich auch deshalb ein nahes Ende des Camps immer noch nicht richtig vorstellen. Man verfolgt stattdessen eher belustigt Angriffe und Solidaritätsbekundungen aus dem benachbarten Rathaus. „Vielleicht können wir uns den Platz ja auch mit den Rettungskräften teilen“, schlagen Janni und ihre Mitstreitenden aus dem Klimalager an diesem Novembermorgen vor. Sie hoffen, den drohenden Camp-Abbau und schweißtreibenden Wiederaufbau der zusammengezimmerten Zeltstadt auf dem Parkplatz beim Fünferplatz „basisdemokratisch“ doch noch irgendwie abwenden zu können. Schließlich wollen sie als Klimaretter und nicht als Dauercamper in die Geschichte Nürnbergs eingehen.
(Nikolas Pelke)

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