Leben in Bayern

Die Hausbesetzer von einst: 40 Jahre nach ihrem Häuserkampf hängen Utz Benkel (links) und Michael Paraszcuk noch mal ihr Transparent aus den Fenstern. (Foto: Dominik Baur)

23.04.2021

Häuserkampf auf Allgäuerisch

Vor 40 Jahren stiegen in Memmingen Jugendliche in ein leer stehendes Haus ein – es wurde Bayerns einzige erfolgreiche Hausbesetzung

Da sitzen sie nun also, die Rädelsführer von damals. Der Utz und der Micha. Sie haben sich an den Holztisch in der Wohnküche von Michas kleinem Hof in Woringen gesetzt, einem Dorf vor den Toren von Memmingen. Micha hat gerade noch die Pferde raus aufs Paddock gebracht, Kaffee und Süßes aufgetischt, Utz packt den Tabak auf den Tisch, dann geht es los mit der Zeitreise in die Achtziger. Utz und Micha schwelgen in Erinnerungen an ihre Hausbesetzerzeit.

Es ist Sonntag, der 11. April. Vor genau 53 Jahren feuerte Josef Bachmann auf dem Ku’damm in Berlin drei Schüsse auf Rudi Dutschke ab. Das gehört jetzt natürlich überhaupt nicht hierher, es geht ja um einen ganz anderen Jahrestag – wobei: Der Dutschke, der war natürlich schon auch prägend, und Utz Benkel erinnert sich noch genau, wie er als Teenager mit seinem Spezl und einem Kassettenrekorder nach Aarhus getrampt ist, aufs Geratewohl, um Dutschke für die Schülerzeitung zu interviewen. Der war zwar nicht da, doch sie durften bis zu dessen Rückkehr ein paar Tage in seinem Haus warten. Dann schließlich kam er und gab ihnen das Interview; sie verstanden kein Wort, aber natürlich erschien es in der Schülerzeitung. Mitte der Siebzigerjahre war das.

Brave Revoluzzer: Sie legten die Hausbesetzung extra in die Osterferien

Eine schöne Geschichte, aber es geht ja um diesen anderen Jahrestag, für den Utz Benkel extra aus Vorpommern an seine alte Wirkungsstätte Memmingen gekommen ist. 40 Jahre ist es her, dass in Memmingen die erste Hausbesetzung im Allgäu stattfand. Wohlgemerkt: die bisher einzige erfolgreiche Hausbesetzung Bayerns.

„Wir mussten die Brötchen backen, die auf Memmingen passen, verschtehscht?“, erklärt Micha alias Michael Paraszcuk, Jahrgang 1953 – Typ Allgäuer Catweazle, aber einer, der zupackt. Die Hände sind ölverschmiert, er trägt einen Ring im linken Ohr und ein gelbes T-Shirt mit einem aufgedruckten Bud Spencer, dessen Faust dem Betrachter ins Gesicht fliegt. „Ver-schtehscht?“ Mit dieser Frage beendet Micha meist seine Sätze.

Micha stammt aus Franken, hatte bereits eine bewegte Kindheit und Jugend hinter sich, als er nach Memmingen kam: Schulschwänzer, Ausreißer, Heimkind, abgebrochene Lehre, Rocker. Aus dem Heim haben sie ihn mit dem Kürzel „UVB“ entlassen, „unverbesserlich“. Schließlich landete er in der linken Szene.

Utz und er, sagt Micha, seien „Mama und Papa des Ganzen“ gewesen, in jedem Fall die treibenden Kräfte der Hausbesetzung. Auf der einen Seite der mehr intellektuelle Zivi Utz, gelernter Schriftsetzer, der auch die Redaktion der Memminger Stadtinfo machte und dem örtlichen Anti-Strauß-Komitee angehörte, auf der anderen Seite Micha, ohne den „wir nie zur Tat geschritten wären“, wie Utz zugibt.

Kennengelernt haben die beiden sich im Mohren, einer Szenekneipe, wo sich „die Hippies, die Kommunisten und alle, die anders waren“, getroffen haben. Hier hörte man Janis Joplin und Jimi Hendrix, hier war die Generation Woodstock noch am Leben, als draußen schon die Neue Deutsche Welle wogte.

Der Häuserkampf war das Verbindende zwischen Micha und Utz, da müsste man doch mal was unternehmen, waren sich die beiden schnell einig. 15. April 1981, ein Mittwoch. Da sind sie in das alte Mesnerhaus am Martin-Luther-Platz eingestiegen. Mitten im Zentrum von Memmingen. Der Marktplatz ist nur einen Steinwurf entfernt. Wobei natürlich kein einziger Stein flog.

Die Revoluzzer aus Memmingen waren aber auch wirklich brav. Die zweiwöchige Hausbesetzung haben sie sogar absichtlich in die Osterferien gelegt, damit die Schüler unter ihnen auch ja keinen Unterricht verpassten.
Es wird so vier oder fünf Uhr in der Früh gewesen sein, als die Besetzer kamen. Kurz darauf hing dann das Transparent aus den oberen Fenstern. Ein Bettlaken war es. „Dieses Haus ist besetzt!“ hat der Utz in roter Schrift draufgeschrieben. „1. demonstrative Hausbesetzung in Memmingen!! Für 2 Wochen“. Das Transparent hat er aufgehoben. Jetzt, 40 Jahre später, hat er es noch einmal mit nach Memmingen gebracht.

„Demonstrativ“, das war ein Schlüsselwort. Denn die 20 bis 30 Besetzer*innen wollten zwar schon auf die Wohnungsmisere in Memmingen aufmerksam machen, aber es ging ihnen nicht in erster Linie um Wohnraum für sich selbst. Sie hatten vielmehr ein anderes konkretes Ziel: Sie wollten ein Haus für ein Projekt, das die drei Säulen Wohnen, Arbeiten und Freizeit unter einem Dach verwirklichen sollte. Selbstverwaltet, mit Kneipe, Werkstätten, Ausstellungsräumen. Ein Traum mehr, als ein Konzept. Doch die Stadt wollte ihnen keines ihrer leer stehenden Häuser vermieten; die jungen Leute hatten den Eindruck, man wolle sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen. „Da haben wir uns gesagt: Wir müssen jetzt ein bisschen Druck machen.“

Ein Hausmeister der evangelischen Pfarrgemeinde war einer der ersten Zeugen des Häuserkampfs, informierte sofort den Dekan, Hans Braun. Schließlich gehörte das leer stehende Gebäude der Kirche. Der Kirchenvorstand kam umgehend zusammen, beriet, was zu tun sei.

Unten am Rathaus kam indes gerade Oberbürgermeister Ivo Holzinger von einer Dienstreise aus München zurück, wurde informiert, was sich da in der Nacht für unglaubliche Dinge mitten in seinem beschaulichen Memmingen zugetragen hatten.

Holzinger ist zum Treffpunkt am Brunnen vor dem Rathaus gekommen. Ein freundlicher, älterer Herr mit Krawatte. 36 Jahre lang war er Oberbürgermeister – so lange wie keiner sonst in Deutschland. Damals aber war er 33 Jahre alt und gerade mal ein paar Monate im Amt. Er fürchtete, dass die Sache eskalieren könnte. „Ich wollte auf jeden Fall verhindern, dass es zu einer Zwangsräumung kommt“, erzählt Holzinger. Er habe sich sofort mit dem Dekan in Verbindung gesetzt, war froh, dass auch dieser keinen Strafantrag stellen wollte. Mit nur einer Stimme Mehrheit entschied der Kirchenvorstand, die Hausbesetzer in Ruhe zu lassen.

Es war eine schöne, friedliche Zeit rund um das besetzte Haus: Handwerkermarkt, Müsliverkauf, Bardenfest und natürlich Diskussionen ohne Ende. Während es einer Handvoll Besetzer um Utz und Micha wirklich ernst war – „Ich fühlte mich schon ein bisschen wie im Kriegszustand“, erzählt Utz –, machten die meisten anderen wohl eher zur Gaudi mit. Einfach mal zwei Wochen Woodstock-Feeling, was will man mehr?

Dass es überhaupt zwei Wochen wurden, hat natürlich mit dem Wohlwollen der evangelischen Kirche zu tun. „Da sind junge Menschen, die haben Wünsche; Wünsche und Vorstellungen, die sicher nicht verwerflich sind, die zum Teil notwendig, zum Teil für uns ungewohnt sind“, schrieb Dekan Braun damals in einer Kirchenzeitung. „Da kommt eine ganz neue Kultur, eine ganz neue Lebensweise auf uns zu. Da sind Menschen, die es einmal anders versuchen wollen. Und sie wollen nun durch einen Akt, der beachtet wird, ihr Anliegen deutlich machen.“ Und schließlich: „Das scheint nur dadurch zu gehen, dass man sich außerhalb der Legalität stellt, denn alles andere hört der ,Normalbürger‘ von heute kaum noch.“ Wer solche Feinde hat, braucht freilich keine Freunde mehr. Und so wurde die Aktion schließlich die einzige erfolgreiche Hausbesetzung in der Geschichte des Freistaats.

In München haben sie schon eine Hundertschaft zusammengezogen

Gut, das mit dem Erfolg ist natürlich relativ. Als erfolgreich bezeichnen die Besetzer von damals ihre Aktion, weil sie zwei Wochen durchhielten. Und das bei einer CSU-Regierung, deren Devise bis heute lautet: Keine Hausbesetzung in Bayern darf länger als 24 Stunden dauern. In München, hieß es damals, hätten sie schon eine Hundertschaft zusammengezogen, mit der sie die Besetzer aus dem Haus geknüppelt hätten, sobald ein Strafantrag gestellt worden wäre.

Wenn man freilich als Maßstab für den Erfolg das Erreichen des eigenen Zieles nimmt, sind Micha, Utz und die anderen glorios gescheitert. Das gewünschte Haus bekamen die jungen Leute nicht. Ihre Pläne seien doch viel zu unkonkret, befand der Oberbürgermeister, und sein Handlungsspielraum viel zu klein.

„Was macht ihr da mit unserem Haus?“, fragt Christoph Schieder und lacht. Vor dem alten Mesnerhaus stehen zwei ältere Herren und falten ein Bettlaken auseinander. Es sind Utz und Micha, die noch einmal mit dem Transparent von damals zum Tatort gezogen sind. Schieder ist inzwischen hier Dekan, ein Nachfolger von Hans Braun. Er ist erst vor ein paar Jahren nach Memmingen gezogen. Sie erzählen ihm, wie das damals war, wo sie die Räuberleiter gemacht haben, ins Haus eingestiegen sind. Die Tür von damals ist nicht mehr da, die Fenster sind anders.

Und in dem Moment kommen auch noch die Mieter des Hauses. Eine ideale Wohnung sei es, schwärmen sie, beste Lage. Aber abgesehen davon sei das Thema heute aktueller denn je: In Memmingen stünden jede Menge Häuser leer. Und dann lassen sie die beiden Altrevolutionäre noch einmal ins Haus. Ein paar Minuten später hängt ein Transparent aus den Dachfenstern: „Dieses Haus ist besetzt ...“ Verschtehscht?
(Dominik Baur)

Foto (Utz Benkel): Das besetzte Mesnerhaus (1981).

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