Leben in Bayern

Ein Schlüssel fürs stressfreie Arbeiten. Für Online-Meetings braucht es einen ruhigen Platz – Hotels haben ihn. (Foto: dpa/Sebastian Willnow)

05.02.2021

Homeoffice mit Zimmerservice

Die Zimmer in Hotels und Pensionen stehen leer – wie diese mit kreativen Ideen auf den Lockdown reagieren

Die Pandemie trifft die Tourismusbranche hart. Hotels dürfen außer Geschäftsreisenden keine Gäste beherbergen. Doch die Krise macht auch erfinderisch. Dank der Idee eines Münchner Start-ups bieten immer mehr
Betriebe Platz für gestresste Corona-Homeworker an. Andere kreieren Valentinsboxen mit Leckereien to go. Oder quartierten in Einzelzimmern Altenheimbewohner ein.

Manchmal scheint alles zu passen – und kurz darauf ist das Gegenteil richtig, weil sich alles geändert hat. Die Idee von Christopher Bieri, 25, zum Beispiel: 2019 noch vielversprechend. Sie entstand in Amsterdam, Bieri saß im Büro, seine Wohnung stand leer. Und Bieri dachte an all die anderen Wohnungen, die tagsüber ebenfalls leer stehen, weil Angestellte acht Stunden und mehr außer Haus verbringen. Er überlegte, wie man diesen Leerstand vermarkten könnte. Dann entdeckte er das Start-up-Programm der Technischen Universität München, nahm daran teil, erhielt ein Stipendium und machte zusammen mit ein paar anderen jungen Gründern aus seiner eher beiläufigen, noch gar nicht spezifizierten Idee ein echtes Geschäftsmodell. Ein neues Business entstand: Eine Plattform, auf der Arbeitsplätze in Privatwohnungen tageweise gebucht werden konnten. Erste Anfragen trudelten ein. Dann schlug der Lockdown zu und Bieri begriff: „Die Wohnzimmeridee wird nicht laufen.“

Die Gründer dachten nach, „ganz systematisch“. Ungenutzte Räume nutzen: Das sollte als zentrale Idee bleiben. Klar, dass sofort die Hotels in den Blick kamen. Wenn das Beherbergungsverbot für leere Hotelzimmer sorgte, das Homeoffice Angestellte wiederum in die eigenen überfüllten vier Wände zwang: Ergaben sich daraus nicht neue, spannende Perspektiven?

Die Gründer schwenkten um, es war nicht schwer. Die technische Infrastruktur blieb ja dieselbe. Rasch stellten sie ihre Website online, auf der Hotels für einzelne Tage „Workspaces“ anbieten können. Ein gut ausgestattetes Zimmer, der hotelübliche Komfort. Das Bett wie immer einladend, aber auch ein Schreibtisch, der groß genug ist, um darauf den Laptop auszuklappen, Kaffee zu trinken und einem Meeting zu folgen. Mit einem Stuhl, auf dem es sich ein paar Stunden lang sitzen lässt. Und einem heißen Draht zu Cappuccino, Orangensaft und Snacks, die bei der Arbeit über die Runden helfen.

Sehnsucht nach einem eigenen Arbeitszimmer

Inzwischen bieten 500 Hotels auf seatti.co deutschlandweit Zimmer an, 200 davon in Bayern. Mehrere Tausend Nutzer sind registriert. Auf der Plattform finden sich vor allem Hotels der Drei- bis Viersterneklasse. Einzige Voraussetzung: Ein passender Schreibtisch. Die meisten Hotels bieten ihre Zimmer für unter 50 Euro pro Tag an, eine Übernachtung nicht inbegriffen. In München besonders beliebt sind das 25 Hours Hotel, das Melia und ein modernes Businesshotel in Schwabing. „Unsere Nutzer machen das ein bisschen für das Erlebnis, für die Abwechslung“, sagt Christopher Bieri. „Man fühlt sich wie auf einer Mikroholiday. Wird superfreundlich begrüßt, bestellt Kaffee aufs Zimmer und kann viel produktiver arbeiten.“

Bieri erzählt von einem Paar, das sich eine Studiowohnung teilt. Und wegen fehlender Wände nicht gleichzeitig in Online-Meetings sitzen kann. Und von der Freundin in der WG, die ihrer Mitbewohnerin einen Hotelzimmeraufenthalt schenkt, damit die „mal runterkommt“.

Seatti ist nicht der einzige Anbieter von Zimmern, auch andere Internetseiten versuchen, das Beste aus dem Beherbergungsverbot zu machen. Was sich für den Einzelnen wie eine kleine, luxuriöse Eskapade anfühlen mag, ist für die Hotels insgesamt eher „ein Tropfen auf den heißen Stein“, erklärt Thomas Geppert, Landesgeschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. Letztlich müsse jeder Hotelier selbst durchkalkulieren, ob sich das Geschäft mit Tagesgästen für ihn lohnt. Denn auch wenn nur ein einziger Gast ein paar Stunden auf dem Zimmer skypen und sich zwischendurch ein Sandwich bringen lassen will: „Ein Grundrauschen“, so Geppert, ist nötig, damit der Laden läuft.

Auch Christopher Riemensperger, Geschäftsführer des Golden Tulip Hotel Olymp in Eching, hatte mal einen Gast im Hotel, der tagsüber zum Arbeiten kam. Mehr wurden es nicht. „Die Idee kam mega an in den sozialen Medien, aber genutzt haben es wenige.“ Allerdings steht sein Hotel in der Münchner Peripherie, nicht in der Innenstadt, wo der Wohnraum knapp ist – und die Sehnsucht nach einem Zimmer für sich allein entsprechend groß.

An einer anderen kreativen Idee hat Riemensperger im vergangenen Frühjahr ebenfalls mitgemischt. Damals sollten auf Initiative des Landratsamts Freising Altenheimbewohner im Hotel untergebracht werden, um Doppelzimmer aufzulösen und so die Infektionsgefahr zu senken. Riemensperger baute seine Hotelzimmer um, schloss die nötigen Telefone an und machte den Frühstücksraum „schick“. Sieben Leute zogen ein, fast alle für eineinhalb Monate.

Rund um die Uhr wurden die Gäste von da an von ihren Pflegekräften im Hotel betreut, auch nachts war jemand da. Riemenspergers Mitarbeiter*innen aus dem Service unterhielten sich mit den älteren Menschen und spielten Spiele. Das war eine Abwechslung, man tat, was man tun konnte, eine Notsituation. Aber dann ebbte die Welle wieder ab und die Senioren kehrten ins Heim zurück. Nicht aber die Touristen ins Hotel. Im Moment ist das Hotel wie überall nur für Businessgäste geöffnet, Auslastung: 20 Prozent, „nicht übel“, findet Riemensperger, „aber natürlich nicht genug, um ohne Hilfen auszukommen.“

Gerade sind sie in der Hotelküche dabei, Valentins-Dinner-Boxen zu kreieren, gefüllt mit Zitronengrassüppchen und Ochsenbäckchen. Auch sonst gab es im vergangenen Jahr immer mal wieder etwas „to go“. „Man muss halt erfinderisch werden und bei den Leuten im Kopf bleiben“, sagt der Hotelchef. Natürlich würde er gern mehr tun, aber die Hände sind ihm nun mal gebunden. Und manches ist schlicht und einfach unklar. Darf man den Wellnessbereich exklusiv für einen Haushalt öffnen? Darf man nicht? Und wenn das eine gilt oder das andere: Wie lange ist darauf Verlass?

Gäste aus dem Altenheim– samt ihren Pflegern

„Es ist schon anstrengend im Kopf, man tritt auf der Stelle, das Feedback von den Gästen fehlt, die Mitarbeiter sind genervt“, sagt Riemensperger. In den vergangenen Monaten hat er zusammen mit seinem Team ein Konzept für die Zeit danach entwickelt. Jeder brachte seine Ideen ein, erzählt der Chef, was Neues sollte her. Das Ergebnis: Das Haus setzt künftig auf Steaks. Ein Dry Ager wurde angeschafft, ein Schrank, in dem Fleisch und Wurst reifen können. Die Preise hat Riemensperger überarbeitet. Die Karte geschrumpft. Es kann also losgehen. Fragt sich nur: wann?

Christopher Bieri und seine Kollegen wollen ihre Hotelzimmerplattform auch dann weiterlaufen lassen, wenn die Maßnahmen gegen Corona enden. Interessant finden sie es auch, mit Hotels zusammenzuarbeiten, die „Co-Livingspaces“ entwickeln: büroähnliche Strukturen für Leute, die zusammenarbeiten wollen. Darüber hinaus haben sie gerade ein Softwaretool entwickelt, das helfen könnte, die Arbeitswelt der Zukunft zu strukturieren. Denn viele Menschen, so die Vermutung, werden nicht mehr täglich in ihr Präsenzbüro zurückkehren, sondern von zu Hause aus arbeiten. Mithilfe der Software könnte bequem geklärt werden, wer eigentlich gerade wo ist und woran arbeitet. Mehr Transparenz, mehr Kollaboration: Bieri und Kollegen haben dafür nach eigener Auskunft erste Geschäftskunden gewinnen können. Zur ursprünglichen Idee wollen die drei nicht mehr zurückkehren. Im Gegenteil: Sie haben die Vorstellung, Privaträume zu vermieten, komplett verabschiedet. Zu kompliziert. „Viele suchen zwar externe Workspaces, aber die rechtlichen und bürokratischen Hürden sind zu hoch.“
(Monika Goetsch)

Foto (privat): Christopher Bieri (links) und Johannes Eppler gründeten ein Plattform-Business, das flexible Workspaces in Hotels anbietet.

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