Leben in Bayern

Die 33-jährige Lech-Rangerin Patrizia Majowski klagt: Viele Kies- und Sandbänke sind verschwunden. (Foto: Lucia Glahn)

30.10.2020

Hüterin der Naturidylle

Patrizia Majowski sorgt als Rangerin im Lechtal dafür, dass der Lebensraum vieler Pflanzen und Tiere erhalten bleibt

Der Lech ist der am stärksten verbaute Fluss in Bayern. Über 30 Kraftwerke pressen den 165 Kilometer langen Abschnitt, der durch den Freistaat fließt, in ein Korsett aus Staustufen. Die Litzauer Schleife ist ein gerettetes Kleinod, in dem der Lech noch Wildfluss sein darf. Und doch ist auch dort die biologische Vielfalt bedroht. Mit Rangerin Patrizia Majowski unterwegs in der Flusslandschaft.

Burggen ist eine kleine idyllische Gemeinde in der Nähe von Schongau, durch die der Steinbach plätschert und wo die Hühner noch frei in den Gärten scharren. In der Ferne die Alpenkette. Noch lohnender aber sei der Blick von oben, erklärt Patrizia Majowski. Deshalb hat sie an diesem Tag ein zweites Fahrrad mitgebracht. „Dann können wir hinauf zu den Top Spots radeln.“

Majowski ist Rangerin. Die 33-jährige Biogeografin kümmert sich um den Schutz der nordalpinen Wildflusslandschaft zwischen Halblech und Kinsau. Besonderes Augenmerk hat sie auf die Litzauer Schleife östlich von Burggen, einer der wenigen unverbauten Flussabschnitte des Lechs. Ein Naturidyll, das als bayerisches Naturschutz- und Vogelschutzgebiet und als europäisches Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebiet ausgewiesen ist. Insgesamt sei der Wildfluss in Bayern nämlich ein „Opfer der Verbauung, ein Hybrid aus Fließgewässer und Stauseen“, erklärt Majowski. Mehr als 30 Kraftwerke pressen den 165 Kilometer langen Flussabschnitt im Freistaat in ein Korsett aus Staustufen. Unter den Folgen leidet auch die Litzauer Schleife und deren Tier- und Pflanzenwelt.

Die Rangerin vom Verein Lebensraum Lechtal, ein Zusammenschluss von Landkreisen, Gemeinden, Städten und Landschaftspflegevereinen am bayerischen Lech, achtet deshalb strikt darauf, dass sich Besucher*innen an die Regeln halten. Zwischen dem 1. März und 30. September dürfen zum Beispiel keine Kiesbänke betreten werden, um die brütenden Vögel nicht zu stören. Majowski, die ihr Büro in Schongau hat, hat sogar Kajak fahren gelernt, um Bootsfahrer*innen daran zu hindern, an Land zu gehen. Freizeit-Apps, die geschützte Sandbänke als Ausflugsziel empfehlen, hielten die Naturexpertin im Sommer ziemlich auf Trab. Jetzt, wo der Ansturm nachlässt, kann sich Majowski verstärkt auch wieder um ihre anderen Aufgaben kümmern. Die Umweltbildung gehört dazu. Sie arbeitet mit Schulen zusammen, macht Führungen und trifft sich mit Förstern und Landwirten.

Angekommen am Aussichts-Highlight des Lechwanderwegs sieht man, wie sich der Fluss um Kiesbänke herumwindet. An den Hängen wachsen Buchen, Fichten und lichte Kiefern, weiter unten auch Weiden. „Der Lech ist von allen nordalpinen Wildflüssen der artenreichste, aber er verliert diese Vielfalt“, klagt Majowski. Er transportiert Pflanzen, etwa wilde Orchideen, die dort noch wachsen. „Durch die Staustufen ging aber nicht nur der Transport der alpinen Pflanzen zurück, auch vielen Tierarten wie Vögeln und Fischen fehlt die Dynamik des Wildflusses“, so die Rangerin.

Immer wieder muss sie Ausflügler vertreiben

Im österreichischen Vorarlberg, wo der Lech entspringt, ist das noch anders. Dort ist er noch durchgängig ein Wildfluss mit kilometerbreiten Kies- und Sandbänken. „Ständig wird Kies umgelagert, es liegt Totholz im Wasser, es gibt kleine Tümpel, Seitenarme, Brut- und Rückzugsgebiete für Fische, Vögel und Pflanzen“, schwärmt Majowski. In Bayern aber stoppen die zahlreichen Staustufen diese Dynamik. Immerhin: Otto Kraus, damals Leiter der Landesstelle für Naturschutz in Bayern, bewahrte die Litzauer Schleife in den 1960er-Jahren vor der Zerstörung durch den Bau eines Wasserkraftwerks. Ein Gedenkstein am Fluss erinnert seit 2013 daran. Die Aufstauung des Forggensees flussaufwärts aber habe fatale Folgen gehabt, erklärt Majowski. Kies- und Sandbänke verschwanden und mit ihnen einige Planzenarten wie die Tamariske oder die Küchenschelle. Auch viele Vögel gibt es dort nicht mehr. Die Flussseeschwalbe oder den Großen Brachvogel etwa. Während im Jahr 1955 offene Kiesbänke an der Litzauer Schleife noch 74 Prozent der Fläche ausgemacht haben, sind es heute nur noch zehn Prozent. Gemeinsam mit dem Tourismusverband Pfaffenwinkel arbeit der Verein Lebensraum Lechtal an einigen Renaturierungsprojekten. „Die deutsche Tamariske zum Beispiel wurde hier wieder angesiedelt“, freut sich Majowski.

Auf dem Weg nach unten zum Lech winkt ein Bauer der Rangerin fröhlich zu. Majowski versteht sich gut mit den Anwohnern. Sie informieren sie zum Beispiel, wenn ein Auto auf der Kiesbank parkt oder im Wald festhängt. Unten strudelt der Fluss an im Wasser liegenden Fichten vorbei. Sie wurden zum Schutz der Fische hineingelegt. Majowski bohrt mit der Schuhspitze in den harten Boden. „Hier ist noch alles verschlammt“, erklärt sie. Schlecht für Huchen, Nasen oder Äschen, die Hauptfischarten im Lech. Sie bräuchten lockere Steine, um Mulden schlagen zu können, in denen sie laichen oder sich verstecken können. Majowski: „Auch deswegen müssen wir frischen Kies einbringen.“ Die Rangerin zeigt auf eine andere Sandbank. „Dort haben wir mit Baggern den Oberboden abgetragen, damit der Flussregenpfeifer hier wieder brüten kann.“ Der schwarz-weiße Vogel legt seine Eier in Vertiefungen im Kies. Damit er dabei nicht gestört wird, hat Majowski mit Schüler*innen aus Steingaden und Burggen Infotafeln entworfen, für die die Kinder den Flussregenpfeifer und seine Eier malten. Eine sympathische Alternative zu rigiden Verbotsschildern.

Ablaufende Konzessionen für Kraftwerke: eine Chance?

Aufmerksam mustert Majowski den Lech. „Die Strompreise scheinen gerade hoch zu sein“, sagt sie. „Heute ist hier viel Wasser.“ Wenn es sich lohne, erzeugen die Kraftwerke mehr Strom, lassen also mehr Wasser durch die Wehre. „Wird allerdings zu viel überschwemmt, trifft es laichende Fische, die sich in den Nischen dann nicht mehr halten können.“ Nach den europäischen Wasserrahmenrichtlinien müssen die Kraftwerke die Stärke des Wasserschwalls deshalb mittlerweile drosseln.

Das ursprüngliche Ziel, einen guten ökologischen und chemischen Zustand der Litzauer Schleife bis 2021 wieder zu erreichen, wird dennoch verfehlt. Das ist bereits seit Jahren klar. Nun soll im kommenden Jahr ein neuer Bewirtschaftungsplan der Litzauer Schleife bis 2027 aufgestellt werden, berichtet Majowski. Die 33-Jährige setzt sich bereits jetzt dafür ein, dass die Weichen für ein Mehr an Naturschutz gestellt werden, wenn die ersten Konzessionen für die Wasserkraftwerke in etwa 15 Jahren auslaufen. Gerne würde Patrizia Majowski Verantwortliche der Wasserwirtschaftsämter, Vereine, Landkreise und Gemeinden am Lech dafür zusammenbringen. „Das Wichtigste ist jetzt ein breiter öffentlicher Diskurs über die Zukunft des Lechs.“ (Lucia Glahn)

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