Leben in Bayern

Stefan Zippel hält regelmäßig vor Schüler*innen Vorträge. (Foto: BSZ)

26.06.2020

Kämpfer gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung

Stefan Zippel, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle der Uniklinik München, betreibt seit vielen Jahren Aufklärungsarbeit in Sachen Sexualität und HIV

Hausaufgaben sind schwul, das Handy ist schwul und die Schule sowieso. Dass auch der beste Freund schwul sein könnte: geschenkt. Viele Heranwachsende machen sich keine Gedanken darüber, was sie mit ihrer Wortwahl anrichten. „Die Berührungsängste beim Thema Homosexualität sind groß“, sagt Stefan Zippel, „immer noch.“ Der studierte Psychologe und promovierte Humanbiologe ist Experte nicht nur für Homosexualität, sondern auch für HIV und Krankheiten, die sich durch Geschlechtsverkehr übertragen. Seit 1992 leitet er die Psychosoziale Beratungsstelle an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität.

Auf dem Tisch in seinem Beratungsbüro liegen drei verpackte Kondome. Qualitätskondome, davon darf man ausgehen. Gerade eben, an einem Freitag vor der Corona-Krise, hat Zippel 230 Realschüler*innen und Gymnasiast*innen eingeschärft, wie wichtig es sei, nicht irgendein, sondern ein hochwertiges Kondom zu benutzen, um sich vor Krankheiten und Schwangerschaften zu schützen. „Auf Ihren stolzen Penis gehört keine Zipfelmütze, sondern ein Sombrero!“, hat er gescherzt und viel Gelächter geerntet.

Das war gegen Ende seines dreistündigen Vortrags. Häufig hat Zippel am Nachmittag drei weitere Vortragsstunden vor sich. Sein Kalender ist seit Jahren übervoll, er unterrichtet Schüler*innen ab der zehnten Klasse im Hörsaal an der Frauenlobstraße, besucht aber auch Schulen in ganz Bayern, mehrmals die Woche, rund 130 Mal im Jahr, und das schon seit 2003. Hinzu kommen regelmäßige Lehrerseminare zum Thema „Homosexualität an Schulen“. Anfangs wurde er vom vielen Reden noch heiser, inzwischen hält die Stimme durch, eine Frage der Übung.

Sein gewaltiger Einsatz blieb übrigens nicht unbemerkt: Für sein Engagement hat er die Bayerische Staatsmedaille für Verdienste um Gesundheit und Pflege erhalten, außerdem die Medaille „München leuchtet“.

„Die Ansteckungsrisiken von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten“ – so lautet der Titel seiner Vorträge. Das Ganze ist, wie er weiß, zugleich „Bähthema“ und „Knaller“, die beste Mischung also, um selbst unausgeschlafene Schüler zu elektrisieren. Dass die Vorträge bei den Schüler*innen gut ankommen, hat sich herumgesprochen. So viele Schulen fragen an, dass Zippel häufig an die Grenzen seiner Kapazität gerät. Abgesagt hat er noch keinem, höchstens: einen Termin in den nächsten Monat geschoben. Zippel referiert ja nicht bloß. Er folgt einer Mission.

„Wissensdefizite verursachen unnötiges Leid“

Einer Mission? Zippel zögert. Etwas groß, das Wort. Andererseits: Was sonst treibt einen Mann an, Jahr für Jahr mit beneidenswerter Geduld insgesamt dreihunderttausend Schüler über Pilzerkrankungen und Chlamydien zu informieren, über Krätzmilben, Syphilis, Geschwüre am Penisschaft und offenen Herpes im Analbereich?

Vieles davon könnte einem medizinischen Lehrbuch entspringen. Anderes hat Zippel dazugenommen, weil es zur aktuellen Realität der Jugendlichen gehört. Die unter Jüngeren populäre Schamrasur zum Beispiel: leider verantwortlich für Mikroverletzungen, die „Eintrittspforten für Viren und Bakterien“ sind. Transgender: ebenfalls neu in der Debatte. Genauso: die Gefahr, sich als junger Erwachsener auf Fernreisen mit HIV anzustecken. Oder: das Mobbing Homosexueller in den sozialen Medien.

Für Zippel ist seine Tätigkeit logische Konsequenz aus bedrückenden Erfahrungen, die heute bereits historisch sind. Nach dem Studium der Psychologie an der LMU hatte er 1985 in der Versorgung von HIV-Infizierten und Aids-Kranken zu tun. „Sterbebegleitung“ nennt er die Arbeit von damals. Denn mit HIV infiziert zu sein: Das war Mitte der Achtzigerjahre ein Todesurteil. Inzwischen müsste, wie Zippel den Schülern erklärt, niemand mehr an Aids sterben. Und doch waren es 400 im Jahr 2018. Der Grund: Sie begaben sich zu spät in Behandlung. Dabei wäre ein Schutz in vielen Fällen, siehe Qualitätskondom, so einfach. „Wissensdefizite verursachen unnötiges Leid. Aufklärung ist das höchste Gut!“, sagt Zippel.

Tatsächlich hat jede Generation Jugendlicher mit Unsicherheiten im Umgang mit Sexualität zu kämpfen. Im Großen Vorlesungssaal wird das überdeutlich: Referiert Zippel zum Thema Homosexualität, wenden sich eine Menge Jungs betont gelangweilt ab. Schließlich will man auf keinen Fall schwul rüberkommen. Und trotz all der Pornos, die junge Leute im Netz konsumieren, lassen ganze Reihen den Kopf auf die Tischplatte sinken, als Zippel das Foto eines erkrankten Genitals an die Wand projiziert. Macht nichts. Weggucken hat er den Schüler*innen ausdrücklich erlaubt.

„Schwul“ als Schimpfwort: Reingrätschen, fordert Zippel

Was Zippel referiert, gehört zu den peinlichen Dingen, über die Eltern nicht gern mit ihren Kindern reden, und die noch weniger gern mit ihren Eltern. „Der Speichel von Menschen, die mit HIV infiziert sind, ist nicht ansteckend, Sie können Zungenküsse austauschen, aus demselben Glas trinken und von derselben Butterbrezel essen“, sagt Zippel zum Beispiel. Es ist ja Februar, sexuelle Eroberungen sind Alltag, „Social Distancing“ und Kontaktsperre liegen in weiter Ferne.

Und Zippel geht noch weiter. Er packt die Schüler*innen beim Ehrgeiz: „Sie alle sind keine guten Liebhaber! Man braucht Training, um diese Sportart zu beherrschen. Hören Sie Ihrer Partnerin zu, stellen Sie Fragen.“

Seine eigentliche Botschaft geht allerdings weit über jeden Praxistipp hinaus: „Wichtig ist ein gesellschaftliches Klima, in dem Menschen keine Angst vor Ausgrenzung haben. Die Jugendlichen sollen wissen, dass sie nicht allein sind.“ Denn wer vertraut, lässt sich helfen. „Und nur dann können wir eine Krankheit wie HIV eingrenzen und vielleicht sogar ausrotten.“

Seit einer Weile kämpft Zippel noch an anderer Front: Er möchte dafür sorgen, dass sich mehr junge Leute gegen Humane Papillomviren impfen lassen. Die Überlegung: Schüler*innen, die den Vortrag besucht haben, sind sensibilisiert für das Problem der Ansteckung mit HP-Viren. Eine HPV-Sprechstunde im Haus könnte ihnen und ihren Eltern die Impfentscheidung erleichtern. Wegen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona ruht zwar gerade auch das. Aber Zippel ist zuversichtlich, dass seine Mission nach der Krise weitergeht.

Ach ja: Was ein Schüler tun kann, wenn wieder mal jemand was „schwul“ nennt? „Reingrätschen!“, sagt Zippel. Und mutig einstehen für ein Klima des Vertrauens. 
(Monika Goetsch)

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