Leben in Bayern

Der Augsburger Verein „Unser Haus“hat es geschafft: Seine Mitglieder haben einen Altbau in Bestlage erworben. (Fotos: Unser Haus e. V.)

09.11.2018

Keine Angst vorm Spekulanten

Dem Netzwerk Mietshäuser Syndikat gelingt, woran die Politik oft scheitert: Es schafft langfristig günstigen Wohnraum

Das Netzwerk Mietshäuser Syndikat macht Bewohner zu Mitbestimmern, indem es ihnen hilft, ein Mietshaus im Kollektiv zu kaufen. Über 130 Syndikat-Projekte gibt es bereits deutschlandweit – vier davon in Bayern. Und bald werden weitere im Freistaat hinzukommen: Denn dort begeistern sich immer mehr Menschen für diese alternative und preiswerte Wohnform.

Frisch sanierter Altbau, gemütlicher Innenhof und nur zehn Gehminuten von der Augsburger Innenstadt entfernt: Stefanie Metzger wohnt seit Kurzem in Toplage. Die 24-Jährige und elf weitere Mitstreiter haben den Verein „Unser Haus“ gegründet und das Grundstück samt großem Vorder- und kleinem Hinterhaus am Katzenstadel gekauft und renoviert. Kostenfaktor: 1 040 000 Euro. „Wir wollten gemeinschaftlich und selbstbestimmt wohnen, ohne ständig von der Abrissbirne oder eklatanten Mieterhöhungen bedroht zu sein“, sagt die Studentin.

Doch wie kann das gehen – ohne Eigenkapital, ohne lukrative Jobs und in einer Stadt, in der die Miet- und Kaufpreise fast so schnell steigen wie in München? „Mit sozial eingestellten Privatanlegern, viel Engagement und dem Mietshäuser Syndikat“, erklärt die junge Frau. Das Mietshäuser Syndikat ist ein Netzwerk mit Hauptsitz in Freiburg im Breisgau, das bundesweit Gruppen unterstützt und berät, die Wohnhäuser kaufen und selbst verwalten wollen. Das Motto des Verbunds: „Häuser für diejenigen, die drin wohnen“. In Deutschland wurden bereits mehr als 130 Syndikatshäuser realisiert. Vier davon in Bayern: Die „Ligsalz8“ in München, die „Danz“ in Regensburg, der „Mieter Konvent“ in Altötting und jetzt gerade „Unser Haus“ in Augsburg.

Im Freistaat begeistern sich immer mehr Bürger für die alternative Wohnform. Ob in Nürnberg, Weiden, Rosenheim oder Burghausen – überall stehen neue Initiativen in den Startlöchern, um dem Mietwahnsinn entgegenzutreten. Ihr Ziel: Statt sich von Finanzinvestoren vertreiben zu lassen, kaufen sie ihr Zuhause einfach selbst.

Jedes einzelne Haus im Syndikatsverbund funktioniert wie eine Art Genossenschaft. Die Mitglieder haben dauerhaftes Wohnrecht und gleichbleibend bezahlbare Mieten. Der Unterschied: Sie müssen keine Einlage aufbringen. Finanziert werden die Immobilien unter anderem durch Direktkredite von Privatpersonen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis der Hausgemeinschaft. Die Darlehen sind essenziell, dienen sie doch als Eigenkapitalersatz. Denn nur, wenn rund ein Drittel der Verkaufs- und Investitionssumme so zusammenkommt, sind Banken bereit, ein größeres Darlehen zu geben.

Über die Mieten wird der Kredit getilgt
neue Projekte durch Solidaritätsbeitrag

Gelingt der Kauf, gehört das Haus nicht den Bewohnern, sondern einer eigens gegründeten GmbH. „Wer auszieht, hat keine Rechte, aber auch keine Verpflichtungen“, so Metzger. Gesellschafter sind der jeweilige Hausverein und das Mietshäuser Syndikat. Über die Mieten wird der Kredit getilgt und mit einem Solidaritätsbeitrag werden neue Projekte gefördert. Gewinnbringender Wiederverkauf? Ausgeschlossen. Denn das Syndikat hat ein Vetorecht. „Die Häuser sollen für immer im kollektiven Besitz bleiben“, erklärt Metzger. Wer einziehen darf, was umgebaut wird, wie hoch die Miete ist – das alles entscheiden die Bewohner jedoch selbst.

„Wir wollen erreichen, was der Politik offensichtlich nicht gelingt: Impulse geben und dauerhaft günstigen Wohnraum schaffen“, erklärt Marcel Seehuber vom Altöttinger Mieter Konvent (AMK). Seit neun Jahren lebt er in dem oberbayerischen Wallfahrtsort mit 20 Menschen im Alter von einem Jahr bis 75 Jahren. „Bei uns ist niemand einsam, aber jeder hat auch seinen Rückzugsraum“, sagt der Filmemacher. Insgesamt 17 Wohnungen gibt es – samt Töpferei, Partykeller, Gästezimmer und einem Vereinsheim für Lesungen oder Konzerte.

Seehuber ist begeisterter Syndikatsbewohner und erklärt: „Wir wollen noch viel mehr Leute ermutigen, diesen Weg zu gehen.“ Deshalb hat der 42-Jährige mit AMK-Mitgliedern einen weiteren Verein gegründet. „Das SauRiassl Syndikat, das ein Netzwerk aus solidarischen, ökologischen und gemeinschaftlichen Wohnprojekten hier in der Region Altötting aufbauen möchte.“ Denn auch auf dem Land sei bezahlbarer Wohnraum längst ein riesiges Thema. „Die Metropolregion München greift um sich“, erklärt er.

Das Geld ist meist nicht das Problem.
Schwieriger: ein geeignetes Haus finden

Das ehrgeizige Ziel des neuen Vereins: Jedes Jahr ein Haus zu „entprivatisieren“. Das Soll für dieses Jahr ist erfüllt. Gerade erst wurde im Landkreis Mühldorf am Inn der Kaufvertrag für ein ehemaliges Verlagshaus unterschrieben. Erfahrung mit rechtlichen Hürden und organisatorischen Problemen hat Seehuber genug: Er beriet bereits die „Danz“ in Regensburg und das Projekt „Willy*Fred“ in Linz.
Wichtig seien eine gute Gruppe, ein tragfähiges Konzept und eine solide Finanzierung, sagt Seehuber. Letzteres sei meist das geringste Problem. Wer einem Syndikats-Projekt einen Direktkredit gebe, wisse, dass er in eine gute Sache investiere. „Die Leute können selbst entscheiden, ob sie 500 oder 5000 Euro geben und für welchen Zeitraum.“ Auch die Zinshöhe zwischen null und zwei Prozent sei für jedes Projekt individuell festlegbar.

Doch diese Anlageform birgt auch Risiken. Scheitert das Projekt und wird ein Insolvenzverfahren eröffnet, kommen die Privatanleger erst an die Reihe, wenn alle Forderungen vorrangiger Gläubiger erfüllt sind. „Das kam bislang aber nur einmal vor“, sagt Seehuber. Seither prüfe das Mietshäuser Syndikat noch gründlicher die Pläne, bevor ein Projekt in den Verbund aufgenommen wird.

Aus der Exotenecke sind die Syndikatshäuser längst raus. „Früher haben uns klassische Banken für verrückt erklärt. Inzwischen haben sie ein offenes Ohr“, so Seehuber. Meist wird aber mit der sozial-ökologischen GLS Bank zusammengearbeitet. Die Augsburger Gruppe hat ihren Kredit bei der Nürnberger Umweltbank laufen. Dort war man schnell vom Projekt überzeugt: „Zum einen stehen dahinter Menschen, die mit hohem persönlichen Engagement und viel Herzblut alles dafür geben, es zu verwirklichen. Zum anderen sendet das Projekt ein positives Signal an die Immobilienszene, und zwar gegen Gewinnmaximierung und für sozialverträgliche Mieten“, sagt Matthias Winkler, Abteilungsleiter der Baufinanzierung.

Schwieriger ist dagegen, geeignete Häuser zu finden. „Wenn ein Mietshaus bereits zum Verkauf steht, ist es für die Bewohner fast unmöglich, so schnell die nötige Eigenkapitalquote zu erreichen. Da muss man das Bargeld fast schon im Koffer haben“, sagt York Runte. Der 57-Jährige lebt in der Ligsalz8 – dem ersten Syndikats-Projekt in Bayern und dem einzigen in München. Der Mietpreis für die Bewohner liegt seit zehn Jahren bei knapp acht Euro pro Quadratmeter – und das mitten im hippen Westend, dem Epizentrum der Gentrifizierung. „In München bleibt Initiativen eigentlich nur noch der Neubau übrig“, sagt Runte, der als Regionalberater sein Wissen weitergibt. Denn bei Höchstpreisen von bis zu 4000 Euro pro Quadratmeter selbst für Substandard-Häuser sei eine sozialverträgliche Miete schlicht nicht refinanzierbar. Runtes Forderung: Die Stadt könnte kleine Flächen, die für städtische Wohnbaugesellschaften nicht interessant sind, in Erbpacht an ein Syndikats-Objekt geben.
Doch während sich Städte wie Tübingen und Freiburg mit den Syndikats-Initiativen an einen Tisch setzten, passiere in München viel zu wenig, klagt er. „Die Stadt schmückt sich mit unserem Projekt, aber wagt nichts.“

In Augsburg erlebten Stefanie Metzger und ihr Verein auf der Suche nach einem passenden Objekt für ihren Wohntraum dagegen den absoluten Glücksfall. „Der Hausbesitzer ist auf uns zugekommen, weil er von unserer Idee erfahren hatte und sie toll fand“, erzählt Metzger. Es war dessen baufälliges Elternhaus, das er für 200 000 Euro an die Initiative gab. „Er hat nicht gefeilscht und die Hälfte der Kaufsumme hat er uns sogar als Kredit gegeben“, schwärmt Metzger und ergänzt: „Es gibt sie eben doch, die Eigentümer mit sozialem Verantwortungsgefühl.“

Und in der Fuggerstadt macht ihr Beispiel offensichtlich Mut. Metzger: „Ich habe gehört, dass sich bereits eine weitere Gruppe formiert.“ (Ruth van Doornik)

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