Leben in Bayern

Helmut Gries gebärdet in der Gebärdensprache das Wort "Kuh". Der 61-jährige ist Sohn gehörloser Eltern, zuhause kommunizierte er mit ihnen in Gebärdensprache. (Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand)

20.07.2021

Lautloses Bayerisch

Lange durften sich Gehörlose in deutschen Schulen nicht mit Gebärden verständigen. In der Freizeit taten sie es trotzdem - und entwickelten dabei auch Dialekte. Nach der offiziellen Anerkennung der Gebärdensprache könnten viele Ausdrücke aber bald verloren gehen

Seine Muttersprache war Helmut Gries in der Schule noch untersagt. Der 61 Jahre alte Kemptener ist Sohn gehörloser Eltern, zu Hause kommunizierte er mit ihnen in Gebärdensprache - im hauseigenen Dialekt. "In der Schule war das verboten", sagt Gries. Viele Kinder mussten die Hände hinter dem Rücken halten, weil sie die Lautsprache durch das Lippenlesen lernen sollten. Doch in der Freizeit galten solche Verbote nicht - weshalb unter Gehörlosen in ganz Bayern verschiedene Ausdrücke entstanden. Seit diesem Jahr gehört die Deutsche Gebärdensprache auch zum Immateriellen Kulturerbe in der Bundesrepublik.

"Es gibt rein bayerische Gebärden", sagt der Leiter des Bayerischen Instituts zur Kommunikationsförderung für Menschen mit Hörbehinderung in Nürnberg, Walter Miller. "Die Wochentage sind zum Beispiel anders als in Hamburg." Nicht nur in einzelnen Familien, sondern auch in jeder Einrichtung für Gehörlose hätten sich über Jahrzehnte spezielle Gebärden entwickelt. Wegen des Verbots im Unterricht geschah das aber lange vor allem auf Schulhöfen und bei privaten Treffen.

In Büchern festgehalten wurde die bayerische Gebärdensprache erst in den 1980er Jahren. Wegen der Vielfalt an regionalen Ausdrücken sei es bei der Sammlung oft "nicht einfach" gewesen, eine bayernweite Gebärde für ein Wort auszuwählen, schreibt die gehörlose Autorin eines Standardwerks, Margit Hillenmeyer.

So sei in Nürnberg der Monat Juni wie zwei Kirschen am Ohr und der Juli wie der Ausdruck für Sonne gebärdet worden, was sie in ihr Buch übernommen habe, schreibt Hillenmeyer. "Insbesondere Gebärdensprachdozenten aus München haben dagegen protestiert." Auch am Ausdruck für den Monat Mai - Aufstellen eines Maibaums oder Form eines Maiglöckchens - schieden sich die Geister.

Vor allem Gebärden aus Norddeutschland haben sich durchgesetzt

Doch spätestens mit der offiziellen Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache im Jahr 2002 wurden nicht nur die Ausdrücke in Bayern, sondern in ganz Deutschland weiter vereinheitlicht. Dabei hätten sich vor allem Gebärden aus Norddeutschland durchgesetzt, schreibt Hillenmeyer. Das liege unter anderem an der Bedeutung zentraler Bildungseinrichtungen wie dem Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg in Essen und an fehlenden Forschungsstellen im Süden.

Sie nutze die bayerischen Gebärden bei ihrer Tätigkeit als Dozentin an der Hochschule Landshut aber weiter "konsequent", schreibt Hillenmeyer. "Ich selbst bin für die Pflege der Dialekte." Da sich regional nur weniger als zehn Prozent der Ausdrücke in der Gebärdensprache unterschieden, könne sie sich mit Gehörlosen aus anderen Gegenden auch "wunderbar verständigen".

Welche Ausdrücke sich durchsetzen, entscheide letztlich die Gebärdensprachgemeinschaft selbst, schreibt Hillenmeyer. Bessere Überlebenschancen hätten Gebärden, welche die inhaltliche Bedeutung des Wortes treffen, zeitsparend und mit wenig Aufwand verbunden sind - zum Beispiel mit einer statt zwei Händen dargestellt werden können.

Hauseigene Dialekte wie bei Familie Gries im Allgäu haben dabei aber kaum eine Chance, schreibt Hillenmeyer. "Auf jeden Fall werden die Hausgebärden mit der Zeit verloren gehen, wenn sie von einer gehörlosen Generation zur nächsten gehörlosen Generation nicht weitergegeben werden." Da nicht mehr als zehn Prozent aller gehörlosen Kinder gehörlose Eltern hätten, sei das eher selten.

Helmut Gries im Allgäu kann ohne Einschränkungen Lautsprache hören und sprechen. Die Gebärdensprache gibt er trotzdem weiter - an der Volkshochschule Kempten. "Die Kurse sind immer ausgebucht", sagt er. "Aber die Sprache entwickelt sich auch immer weiter. Ich war 1987 der zwölfte Dolmetscher für Gebärdensprache in Bayern, heute ist das ein Studienberuf."

Dass mit der Professionalisierung Dialekt-Ausdrücke verloren gehen könnten, sieht Gries nicht als Problem. Nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bunds sind in der Bundesrepublik nur etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung gehörlos. "Und die wollen miteinander kommunizieren", sagt Gries. "Da ist es nicht sinnvoll, Barrieren aufzubauen."
(Frederick Mersi, dpa)

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