Leben in Bayern

Genährt durch die Debatte um den umstrittenen Puffmutter-Song "Layla", wird wieder einmal diskutiert: Ist das Oktoberfest sexistisch? Und: Wie politisch korrekt ist die Wiesn? (Foto: dpa/Felix Hörhager)

28.09.2022

"Layla", Sexismus und die Wiesn

Politisch korrekt: Die Maßstäbe haben sich geändert, alles kommt auf den Prüfstand

Flirten, anbandeln, zünftige Lederhosen und Besucherinnen hübsch im Dirndl, dazu manche Derbheit und alkoholbedingte Enthemmung: Dafür ist das Oktoberfest - neben dem Bier - bekannt. Nun hat der Song "Layla" die Debatte um Sexismus und politische Korrektheit neu angeheizt. Außerdem geht es um Schaumküsse, die früher anders hießen, und allzu tiefe Dekolletés - nicht bei Besucherinnen, sondern bei aufgemalten Damen, die Buden und Maßkrüge zieren.

Vor der Wiesn wurde diskutiert, ob "Layla" verboten werden kann - wie es Würzburg für das Kiliani-Volksfest tat. Die Wiesn-Leitung kam zu dem Schluss: keine rechtliche Handhabe und Kunstfreiheit. Die Wirte kündigten an, auf das Lied verzichten zu wollen, Kapellmeister dichteten extra einen entschärften Text. Doch die Masse wollte es anders. Das Lied, das es zuvor schon auf dem ersten Platz der deutschen Charts schaffte, auf der Wiesn aber nicht gespielt werden sollte, kristallisiert sich nun als Favorit für den Wiesn-Hit heraus.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) traf beim Anstich den Nerv des Publikums, als er - unter lautstarkem Applaus - rief: "Jeder soll singen können, was er will". Er sei dafür, "dass es keine Verbote von Liedern gibt". Die Wiesn sei ein "Fest von Freude und Freiheit". Und die Polizei twitterte: "Zwischen den Liedern der Bands wird in den Zelten jedes Mal ein Frauenname skandiert. Es ist nicht Rosi."

Sexistisch und derb?

Ist speziell die Wiesn sexistisch und derb - oder ist es der Mensch an sich? Stören sich Gäste daran? "Zicke, zacke - Prost ihr Säcke", schallt es durchs Bierzelt. Neulinge stutzen: Klingt ja nicht nett. Gehört aber dazu. Das Lied "Joana" von Peter Wackel wiederum, mit dem Refrain "du geile Sau" nicht gerade eine Hommage an Frauen, löste bisher keine Debatte aus.

"Manchmal wollen die Leute im Bierzelt ein bisschen über die Stränge schlagen", sagt Wirtesprecher Peter Inselkammer. Alkohol, rasante Fahrgeschäfte, Massen-Ekstase, erotische Avancen: Die Wiesn sei grundsätzlich ein "rauschhaftes, dionysisches Fest" mit archaischen Riten und erzeuge bei den Teilnehmern eine Art Trance, erläuterte die Psychologin Brigitte Veiz schon vor Jahren in ihrer Studie "Das Oktoberfest - Masse, Rausch und Ritual".

Beim immer wieder gut besuchten "Teufelsrad" belustigen sich seit jeher die Zuschauer, wie andere Besucher von einer drehenden Scheibe rutschen, während der Moderator auch mal die Unterwäsche der mit fliegenden Röcken herumwirbelnden Damen kommentiert.
Vieles hat sich bereits geändert. Das frühere Café Mohrenkopf - eine Wiesn-Institution - nennt sich nun Café Theres'. Und über die mehrfach umgetaufte Süßigkeit: "Die Spezialität unseres Hauses heißen jetzt Theresienbussal." Ein Wiesn-Wirt, der in einer Sendung mehrfach das frühere Wort verwendete, entschuldigte sich.

Es wird genau beobachtet

Was früher anstandslos durchging, aus heutiger Sicht aber keinen Anstand hat, wird genau beobachtet. Ins Visier geriet auch der Maßkrug der Wiesn-Wirte. Das Trinkgefäß ziert die karikaturhafte Zeichnung einer vollschlanken, zufrieden wirkenden Bedienung mit Doppelkinn und gut gefülltem Dirndl-Dekolleté. Das Portal "faz.net" sah darin eine lebensfrohe Frau, "deren rosiger Gesichtsausdruck Body-Positivity durch und durch ausstrahlt". Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte die grüne Wiesn-Stadträtin Anja Berger, die sich gewünscht hätte, dass "nicht immer dieses Motiv" genommen wird. Berger hat versprochen, sich die Darstellungen auf der Wiesn genau anzusehen. "Mir liegt das Thema an Herzen. Ich finde, es gibt Darstellungen auch ohne nackte Körperteile von Frauen."

An manchen Buden und Fahrgeschäften prangen traditionell Frauen im Dirndl mit tiefem Ausschnitt, mal auch eine blanke Brust. Abgebildet sind auch andere Stereotype: Ältere Frauen als Hexen Männer mit Bierbauch - oder eine Voodoo-Gestalt mit Lendenschurz und Knochen am Kopfschmuck.

Aber es geht auch anders: Eine neue Schießbude mit Pfeil und Bogen bleibt neutral - hier werden keine Stereotype der amerikanischen Ureinwohner abgebildet. "Richtig politisch korrekt", sagt Wiesn-Chef Baumgärtner. Er meint mit Blick auf gemalte Dekolletés: Der Übergang zwischen Kunst und Pornografie sei fließend. Davon könne man sich in Museen überzeugen. Das Fest sei weder sexistisch noch homophob oder in anderer Weise ausgrenzend. Die Betriebsbestimmungen verbieten Rassismus, Antisemitismus, Nazi-Symbolik und Gewaltverherrlichung. Baumgärtner: "Wenn man die Wiesn ganz weichspült, ist es nicht mehr die Wiesn."
(Sabine Dobel, dpa)

 

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