Leben in Bayern

Endlich wieder vor Publikum spielen: Benjamin David (mit Sicherheitsweste) mit der Bluesband Muddy What?. (Fotos: Vica Halt)

20.11.2020

Live-Konzerte im Lockdown

Der Münchner Benjamin David hat den Kulturlieferdienst erfunden – und gibt damit Profi-Musiker*innen auf der Straße eine Bühne

Als im Mai zwar noch Kulturveranstaltungen verboten waren, aber Versammlungen wieder erlaubt, hatte Benjamin David die Idee, Live-Musik in die Stadtviertel Münchens zu bringen. Der Kniff: Durch Redebeiträge werden sie zu politischen Veranstaltungen. Das funktioniert auch im Lockdown light. Und soll sogar im Winter weitergehen.

Auf so viel gute Stimmung auf einmal trifft man selten derzeit: Bei fast spätsommerlichen Temperaturen haben sich junge Familien, Frauen und Männer jeweils einen Kreidekreis gesucht. Auf der Willibaldstraße in München-Laim sind sie aufgemalt. „Ja, das Wetter ist super“, freut sich Benjamin David an diesem Samstag Mitte November. Der 44-Jährige ist Gründer des „Kulturlieferdienstes“, der Musik auf die Straße bringt. Gerade noch war er mit seiner Familie bei der Trommler*innengruppe Drumadama, die in der Nähe am Hönigschmidplatz gespielt hat. Jetzt spielen in der Willibaldstraße zur bereits 70. Veranstaltung, als Versammlung getarnt, Pakobeatz und DJ Venus auf – mit farbenfroher Tanz-Verstärkung vom Zebra-Stelzentheater. Die Polizei hat dafür eine Stunde lang die Straße abgesperrt.

David hat das Format in der Corona-Krise erfunden, als Kulturveranstaltungen verboten waren, man aber demonstrieren durfte. „Wir machen das jetzt seit dem 5. Mai.“ Damals wurden Versammlungen mit bis zu 50 Personen wieder erlaubt und David kam Idee, eine Stunde Live-Musik in die Stadtviertel zu bringen – mit kulturpolitischem Redeteil und als angemeldete Versammlung. David holte den Münchner Bassisten und Komponisten Juergen Reiter mit ins Boot und bekam für seinen Kulturlieferdienst grünes Licht vom Kreisverwaltungsreferat. David ist als Vorsitzender des Vereins Isarlust und Veranstalter des Kulturstrands mit Live-Musik auf der Corneliusbrücke auch den Behörden bekannt. Und so bekommt der Kulturlieferdienst Unterstützung von der Politik. 23 von 25 Bezirksausschüssen bezuschussen den Verein mittlerweile.

Und es lief gut, so gut, dass das Team im Sommer weitermachte. Und auch jetzt im sogenannten Lockdown light. „Dieser spezielle rechtliche Kniff mit dem Kulturlieferdienst ist unsere eigene Idee“, sagt David. „Wir sind politische Veranstalter“, erklärt der 44-Jährige, der auch den Verein Urbanauten gründete und bei der Münchner Umweltorganisation Green City aktiv war, wo er zum Beispiel das autofreie StreetlifeFestival mitaufbaute. „Das waren immer Projekte im Grenzbereich zwischen politischer Demonstration, kulturellem Ereignis, aber auch einer Veranstaltung mit einem gemütlichen Bier in der Hand“, erklärt David. „Und diese Kultur, die leben wir jetzt aus – in einem ganz kleinen, sehr mobilen Format.“

Für die Musiker sind die Spenden überlebenswichtig

Musikprofi Reiter kümmert sich bei dem Projekt vor allem um die Auswahl der Gruppen, tritt aber auch selbst mit der Band Dr. Will & The Wizards und dem Trio Hello Gipsy auf. Inzwischen hat Reiter an diesem Samstag den Anwesenden erklärt, wie das mit den Abständen funktioniert: In jedem Kreis darf eine Einzelperson oder eine Hausgemeinschaft stehen. Er appelliert auch an die Eigenverantwortung der Anwesenden. Die Band spielt Gute-Laune-Musik, Electrosound, und die Ersten wippen bereits mit. Als das Zebra-Stelzentheater durch die Straße tanzt, sind auch die Kinder fasziniert. Und Kund*innen des Unverpackt-Ladens nebenan, der den Strom spendiert, aber auch Passanten bleiben stehen.

David nimmt Felix, seinen jüngsten Sohn, auf die Schultern und genießt die Musik. Dass seine Familie ebenfalls großen Spaß an der Idee hat, sei ihm wichtig, sagt er. „Meine Söhne Xaver und Valentin helfen auch mit, kennen die Künstler und wissen inzwischen sogar, wie man die Technik bedient.“ Und als die Kinder, natürlich mit Mundschutz, Spenden einsammeln, türmen sich die Scheine in den Körbchen. Schließlich hat Reiter gebeten, lieber Raschelndes als Klimperndes zu geben und so die lokalen Künstler*innen zu unterstützen.

Die Spenden seien bitter nötig, wie David und Reiter betonen. „Gerade die Künstlerschaft in München lebt in einem unglaublich prekären Zustand“, erklärt David. Die Lebenskosten in der Landeshauptstadt sind immens hoch. Die Künstler aber hätten teilweise Einkommen von nur 10 000 bis 15 000 Euro im Jahr, so David. „Die bringen die Rettungsmittel nicht weiter.“

Für sie ist die Möglichkeit, durch den Kulturlieferdienst aufzutreten, aber nicht nur aus finanzieller Sicht sehr wichtig. Sondern auch, weil schließlich jeder trotz Corona seinen Job weitermachen wolle. „Das haben wir bisher ganz gut im Griff mit diesem Format“, freut sich David, der den Infektionsschutz, wie er betont, sehr ernst nimmt. 200 Menschen erlaubt das Versammlungsrecht derzeit, in Laim etwa haben sich 150 Leute eingefunden. Und das sei in gewisser Weise auch eine pädagogische Aktion, weil die Leute merken, „je strenger wir uns an die Regeln halten, desto lockerer können wir öffentlich leben“, sagt David.

Der Kulturlieferdienst, für den man auch via Paypal spenden kann, stellt alle Live-Auftritte auf die eigene Facebook-Seite. Mit dem Spendenerlös ist David sehr zufrieden. „Das sind für die Künstlerinnen und Künstler richtig gute Gagen.“ Schließlich seien alle Profis, die normalerweise in Kulturhäusern auftreten.

Eine geheizte Bühne gegen Kälte und Schnee

Das ist auch das Hauptkriterium, nach dem die Gruppen ausgewählt werden: Alles sind Berufsmusiker*innen, denen das Einkommen akut fehlt. Nicht jeder, der anfragt, kann berücksichtigt werden. Beim Musikstil aber ist der Kulturlieferdienst offen. Ob Jazz, Pop oder Techno – es war alles schon dabei. David würde sich noch mehr Klassikanfragen wünschen. Und er könne sich auch Kabarett und Theater vorstellen.

Auch für den Kulturstrand an der Corneliusbrücke, der Ende Oktober endete, plant David mit den Urbanauten ab Ende November eine Fortsetzung: einen Kulturwinter, der zusätzlich auf einer zweiten Fläche am Westufer der Isar stattfinden soll. An der frischen Luft mit insgesamt sieben Bühnen. Dienstag diese Woche wurde der Antrag dafür im Münchner Stadtrat angesichts der Pandemie-Lage allerdings erst einmal abgelehnt. Wenn es das Infektionsgeschehen zulasse, sei so ein Projekt aber denkbar, so ein Pressesprecher der Stadt.

Mittlerweile tanzen an diesem Tag in Laim fast alle Zuschauer fröhlich in ihren Kreisen. Wie auf kleinen Inselchen. Dann gibt es wieder einen kurzen Redeteil, den Reiter dazu nutzt, den Neuankömmlingen erneut die Abstandsregeln zu erklären. Und die Situation der Künstler*innen am eigenen Beispiel zu verdeutlichen: „Letztes Jahr hatte ich 80 Auftritte, heuer nur noch drei“, erzählt der Bassist. Manche seiner Kollegen müssten mittlerweile Sozialhilfe beantragen. Kultur sei aber kein Luxus, wie die Politik oft meine, sondern auch in der Krise dringender nötig denn je, nicht nur für Kulturschaffende, sondern auch für das Publikum.

Dazu fällt David ein besonderes Erlebnis ein: „Eines unserer coolsten Konzerte war das mit der Punk-Rock-Gruppe Oakhands.“ Da seien alle Fenster aufgegangen, erzählt er. „Dann kam eine ältere Dame aus dem Haus, drückte mir 50 Euro in die Hand und sagte, sie finde super, was wir hier machen.“ Sie habe sich nach Wochen jetzt zum ersten Mal wieder herausgetraut. Und erklärte: Das sei zwar nicht ihre Musik, aber ihr sei klar, dass die Herrschaften dringend auftreten müssten, berichtet David und lacht. Auch ein Polizist, dem eine Band offenkundig gefiel, habe ihm schon einmal einen Schein spendiert. So etwas freue ihn besonders.

Von Kälte und Schnee will sich der Kulturlieferdienst nicht abschrecken lassen. David und Reiter planen, bis mindestens Ende Dezember und, wenn möglich, darüber hinaus die Stadtviertel zu bespielen. „Wir sind jetzt auf der Suche nach einer Lkw-Bühne, die wir beheizen können“, sagt David. Andernfalls bestehe das Risiko, dass die Instrumente bei zu starken Temperaturschwankungen Risse bekommen.

Und das Projekt findet womöglich Nachahmer. Nürnberg, Regensburg und Bamberg haben sich bereits nach dem Konzept des Kulturlieferdienstes erkundigt. „Ich sehe das durchaus als Modell“, betont David. Die Politik müsse sich schließlich auch überlegen, wie sie die Gesellschaft durch die nächsten Monate der Pandemie steuere. (Lucia Glahn)

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