Leben in Bayern

Tim Yilmaz ist mit Spaß und Leidenschaft bei der Sache: im Ring – und an der Uni. (Foto: Lohmann)

04.01.2019

Mit Boxhandschuhen zum Doktortitel

Boxer sind Hohlköpfe und Wissenschaftler Spießer? Der Münchner Tim Yilmaz kämpft gegen derlei Klischees an

Ohne sein regelmäßiges Training hätte er seine Promotion nie geschafft, sagt Tim Yilmaz. Gleichzeitig aber hilft dem 39-jährigen Mineralogen das wissenschaftliche Arbeiten, um in seinem Sport fokussiert zu bleiben. Im Boxstudio des ehemaligen Amateurboxers sind alle Menschen willkommen – egal ob Wissenschaftler, Flüchtling, Sozialhilfeempfänger oder Anwalt.

Eins, zwei, drei, vier. Immer wieder schwingt Tim Yilmaz im Boxring eine Schwimmnudel über die Köpfe der Kursteilnehmer. Die ducken sich jedes Mal rechtzeitig, sodass ihnen die Schaumstoffrolle nicht gegen den Schädel knallt. Hopp, hopp, hopp, sagt Yilmaz, der seine Locken unter einer schwarzen Wollmütze gezähmt hat. Dann erhöht er passend zum Beat aus den Boxen die Rotation.

In dem Gebäude in einem Hinterhof im Münchener Süden riecht es nach Turnhalle, Gummi und Schweiß. Überall hängen Boxsäcke, als Tische dienen ausgemusterte Monster-Truck-Reifen, und an den Wänden erinnern Fotos an vergangene Erfolge. Den Teilnehmern tropft der Schweiß von der Nase. „Ihr müsst Spannung im Bein aufbauen und sie im richtigen Moment zum Schlagen entladen“, erklärt er nach dem Sparring. Und: „Wenn ihr nicht wisst, wo euer Gewicht ist, macht ihr den falschen Move.“

Yilmaz holte sein Abitur nach und studierte Geologie

Wer an Boxen denkt, assoziiert das oft mit Alkohol, Rotlicht und Männern, deren Gehirne den einen oder anderen Schlag zu viel abbekommen haben. Yilmaz kann mit alledem nichts anfangen. „Viele Boxer und Trainer leben den falschen Lifestyle vor“, erklärt er. Der 39-Jährige will Botschafter für einen modernen Boxsport sein. Deshalb hat er mit seinem Freund und Mentor Kai Melder den Mariposa Boxing Club in Sendling gegründet. Dem Duo geht es um Finesse statt nur um Schlagkraft.

„Zu uns kann jeder kommen, vom Anwalt über den Sozialhilfeempfänger bis hin zum Flüchtling“, betont Yilmaz. Sie alle sollen ohne Verbissenheit, Leistungsdruck und schlechte Stimmung den Spaß am Sport vermittelt bekommen. „Wir wollen zeigen, dass es beim Boxen nicht nur harte Hohlköpfe, sondern auch smarte, weltoffene Typen gibt“, sagt der Vegetarier und lacht.

Diese Botschaft kommt spätestens an, wenn die Kursteilnehmer zum Abschied halb spöttisch, halb respektvoll „Tschüss Dr. Yilmaz“ rufen. Tatsächlich hat der ehemalige Amateurboxer am Department für Geo- und Umweltwissenschaften der Uni München promoviert. Aktuell befasst er sich mit der Umwandlung von Mineralen in einem Gestein in Sekundärminerale, aktuell beim Vulkan Unzen in Japan. „Den meisten Kursteilnehmern fällt die Kinnlade runter, wenn sie davon erfahren“, sagt Yilmaz und lacht. Auf der anderen Seite waren auch die Uni-Kollegen am Anfang überrascht bis distanziert, als sie von Yilmaz’ zweiter Leidenschaft neben der Wissenschaft erfuhren. „Inzwischen haben durch mich aber auch schon manche selbst zu boxen angefangen“, freut er sich.

Ohne das Boxen wäre Yilmaz niemals Wissenschaftler geworden, davon ist der gelernte Schlosser fest überzeugt. Als seine Handballmannschaft auseinandergebrochen ist, schleppte ihn ein Kumpel mit zum Boxen. „Das hat mir mein Leben strukturiert“, sagt Yilmaz. Durch das Training bekamen seine Tage einen festen Rhythmus, er aß regelmäßig und lebte gesünder. Sein Trainer kümmerte sich um ihn wie ein Bruder und bereitete ihn auf die Wettkämpfe vor. „Das hat mir gezeigt: Ich muss etwas tun, wenn ich halbwegs erfolgreich sein will.“ Hard-work-dedication nennt das Yilmaz. Er holte sein Abitur nach, begann Geologie zu studieren und zu promovieren. „Auch die Doktorarbeit war Hard-work-dedication“, sagt er. „Allerdings mit zunehmender Leidenschaft.“

Boxer und Wissenschaftler haben laut Yilmaz viel gemeinsam: Beide müssen strukturiert, ganz sauber und bis ins letzte Detail arbeiten, um besser zu werden und kleine Erfolge zu feiern. „Wenn man sich nicht fokussiert, kriegt man auf die Nase“, resümiert er. Was ihn am Boxsport fasziniert, sind die schnellen Erfolge. „Als Wissenschaftler arbeitet man manchmal monatelang ohne Fortschritt.“

Andererseits schätze er bei der wissenschaftlichen Arbeit das detaillierte Befassen mit Problemen, „das nimmt mir Tempo aus dem Leben“. Yilmaz will sich daher auch künftig nicht zwischen den beiden Welten entscheiden. „Es fühlt sich bei beidem gut an, wenn man erfolgreich ist –  egal ob man etwas publiziert bekommt oder einen Boxkampf gewinnt.“

Kostenloses Training für  Frauen mit Fluchthintergrund

Um seiner Vision vom weltoffenen Boxer zu folgen, hat Yilmaz jetzt ein deutschlandweit einzigartiges Projekt gestartet. Zehn Wochen lang bietet er ein kostenloses Training für Frauen mit Fluchthintergrund an. Klar, Integrationsboxen gibt es schon lange – aber bisher eben nur für Männer. Da die meisten Trainer in der Männerdomäne Boxen Männer sind, hat man sich an weibliche Geflüchtete „nicht richtig rangetraut“, sagt Yilmaz. Viele hätten Angst, überfordert zu sein, wenn Frauen auf ihrer Flucht Opfer von Gewalt oder Vergewaltigung wurden und entsprechende Traumata mitbrächten. „Deswegen haben wir uns zusätzlich eine Sozialpädagogin ins Team geholt“, berichtet er. Ausgelegt ist das Training für 16 Frauen – oft waren es bisher über 20. Auch Yilmaz’ Frau engagiert sich für Flüchtlinge. In ihren Münchner Restaurants wie dem „Roecklplatz“ bildet Sandra Forster gleich mehrere Flüchtlinge in Küche, Service und als Veranstaltungskaufleute aus.

Und wie sieht es mit der eigenen Boxerkarriere aus? „Ich spiele mit dem Gedanken, die letzte Saison einzuleiten“, antwortet Yilmaz. Die letzten Jahre konnte er unter anderem wegen einer Knieverletzung nicht mehr in den Ring steigen. Andererseits ist Yilmaz kürzlich zum zweiten Mal Papa geworden, hinzu kommen die Boxstunden, die Arbeit an der Uni, sein kleines Modelabel und ein Hund. Es ist folglich noch nicht endgültig entschieden, ob die Zeit reicht, wirklich nochmal ins Training einzusteigen. Das Problem: Als Amateurboxer darf man mit dem vollendeten 41. Lebensjahr nicht mehr in der offenen Klasse boxen. „Wenn ich mich also nicht beeile, muss ich zum Masters Boxing“, sagt er und beißt die Zähne zusammen. „Das ist wie ‚alte Herren’ beim Fußball.“ Antreten will er wahrscheinlich trotzdem. (David Lohmann)

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