Leben in Bayern

Wenn die einzige Apotheke vor Ort schließt, ist das vor allem für viele Ältere ein großes Problem. (Foto: dpa/Fredrik von Erichson)

03.06.2022

Mit Risiken und Nebenwirkungen

Die Zahl der Apotheken in Bayern nimmt kontinuierlich ab – allein in Oberbayern schlossen in den vergangenen fünf Jahren rund 100 Betriebe

Anlässlich des Tages der Apotheken am 7. Juni schlagen bayerische Pharmazeut*innen Alarm: Immer mehr Apotheken machen im Freistaat dicht. Mit ihnen brechen versorgungsrelevante Strukturen weg, die der Internethandel oft nicht kompensieren kann. Und nicht nur die Online-Konkurrenz macht den Apotheken schwer zu schaffen. Die Staatszeitung hat sich umgehört.

Allein in Miesbach machten in den vergangenen Jahren zwei Apotheken dicht. Und jede weitere Schließung tut weh. Jetzt gibt es nur mehr vier in dem oberbayerischen Ort. „Mit den Vor-Ort-Apotheken brechen versorgungsrelevante Strukturen weg“, warnt Fritz Grasberger von der Alten Stadtapotheke in Miesbach. Wer zum Beispiel nachts die „Pille danach“ braucht, ist auf den Notdienst einer örtlichen Apotheke angewiesen.

Und Miesbach ist kein Einzelfall. Anlässlich des Tages der Apotheken am 7. Juni schlagen bayerische Pharmazeut*innen Alarm. Denn das Apothekensterben gefährdet allmählich die bisher qualitativ hochwertige Versorgung. „Ende des ersten Quartals 2022 lagen wir in Bayern bei insgesamt 2952 Apotheken, das ist der niedrigste Wert seit 1983“, sagt Thomas Metz vom Bayerischen Apothekerverband. Vor fünf Jahren habe es im Freistaat noch 3204 öffentliche Apotheken gegeben. Allein in Oberbayern gab es seither einen Schwund um fast 100 Apotheken. In Ober- und Mittelfranken reduzierte sich deren Zahl um jeweils etwa 30.

Per Bote: Nach Eslarn in der Oberpfalz liefern Apotheken aus der Umgebung Arzneien

Natürlich lassen sich Medikamente auch im Internet bestellen. Doch eine Beratung gibt es dort nicht. Laut Christine Waibel von der Rosen Apotheke in Augsburg wird die Beratung ohnehin immer unpersönlicher, je weniger Apotheken es gibt. Und das betreffe dann nicht nur das flache Land, sondern auch die Großstadt. Für Waibel sind der Mangel an Personal sowie eine schlechte gesetzliche Vergütung für verschreibungspflichtige Arzneimittel Hauptgründe dafür, dass es immer weniger Apotheken gibt. „Kein Apotheker schließt, weil er nicht mehr will, sondern immer nur deshalb, weil er nicht mehr kann“, betont sie. So habe auch die Augsburger Storchen-Apotheke schließen müssen, weil der Inhaber, der in Rente ging, keine Nachfolge fand. Viele junge Pharmazeut*innen gingen laut Waibel heute lieber in die Industrie, da sie dort deutlich mehr verdienen. „Auch, wenn die Arztpraxis in der Nähe schließt, kann es sein, dass es wirtschaftlich einfach nicht mehr geht“, so die Pharmazeutin. Rund um ihre eigene Apotheke hat Waibel in den letzten Jahren gleich drei Schließungen miterlebt. Über den Wegfall der Konkurrenz freut sie sich nicht. Denn „konkurrenzlose Apotheken können zum Beispiel ihr Angebot im Bereich Hilfsmittel einschränken“, so Waibel. Die Pharmazeutin weiß von Inkontinenzpatienten, die ihre Einlagen und Windelhosen nicht mehr ortsnah beziehen können.

Apotheker gehören zu den sogenannten Freien Berufen. Allerdings stößt die Freiheit sehr schnell an Grenzen. Seit mehr als zehn Jahren klagen Apotheker*innen über wachsende Fremdbestimmung. Etwa durch Krankenkassen. Ralf Schabik, ehemaliger Inhaber der Wallenstein-Apotheke im mittelfränkischen Altdorf bei Nürnberg, kritisierte vor vier Jahren anlässlich des Tages der Apotheke, dass manche Kasse sogar versuche, sich um die Bezahlung von Rezepten zu drücken. „Damit prellen sie uns Apotheken um viel Geld.“ Schabik gelang es im Übrigen, seine Apotheke im Februar an einen Nachfolger zu übergeben. Er musste nicht schließen.

Engagierte Apotheker*innen händigen nicht nur Arzneien aus. Sie beraten auch. Zum Beispiel, ob das eine Medikament zu einem anderen passt. Oder welche Dosierung ratsam wäre. Diesen Service gibt es vielerorts nicht mehr in Bayern. In Eslarn zum Beispiel, einer Gemeinde mit knapp 2700 Einwohner*innen im oberpfälzischer Landkreis Neustadt an der Waldnaab, schloss die einzige Apotheke bereits im Juli 2011.

Die persönliche Bindung fällt weg: Beratung gibt es im Internet meist nicht

Wer nicht im Internet einkaufen will, kann Rezepte zwar an einer Rezeptsammelstelle abgeben, die drei Apotheken aus den benachbarten Orten im Wechsel betreiben. Zweimal am Tag wird der Briefkasten neben dem Eingang einer Arztpraxis geleert und die Arznei dann zeitnah kostenlos nach Hause geliefert. Ist keiner daheim, wird die Tüte mit den Medikamenten einfach an die Haustüre gehängt. Das aber hält Rosmarie Frischmann aus Eslarn für problematisch. Denn was, wenn man Zuzahlungen zu leisten hat? Dann muss man eben doch zur Apotheke fahren, um dort die Rechnung zu begleichen. Oder am nächsten Tag den Fahrer des Lieferdiensts im Ort abpassen. Und manchmal möchte man sich ja auch absichern. „Zum Beispiel wissen, ob man ein Medikament am besten vor dem Frühstück nimmt, mittags oder abends“, so Frischmann. Dem Lieferdienst aber könne man solche Fragen nicht stellen.

 Warum also nicht gleich online bei einer der großen Versandapotheken bestellen? Auch sie selbst, gibt Frischmann zu, ordert Cremes oder rezeptfreie Arzneimittel öfter im Internet. Sie ist in den 50ern. Für Ältere aber sei das keine Option, gibt die Eslarnerin zu bedenken. Umso problematischer sei es, dass es die örtliche Apotheke nicht mehr gibt.

Der Internethandel macht allerdings auch den verbliebenen Apotheken sehr zu schaffen. Einer Bitkom-Umfrage von 2021 zufolge kaufen inzwischen 62 Prozent aller Bundesbürger*innen regelmäßig Medikamente bei Versendern. Und der Preisdruck könnte sich verschärfen. So trat Ende 2020 Amazon Pharmacy in den USA in den Markt ein – eine Ausweitung Richtung Europa wird befürchtet.

Im besten Fall aber haben Apotheker*innen vor Ort eine langjährige und vertrauensvolle Beziehung zu ihrer Kundschaft. Sie wissen zum Beispiel, wenn jemand eine Disposition für Erkrankungen im Bereich der Atemwege hat. Oder auf den Kreislauf achten muss. Einer Apothekerin, die ihre Patienten gut kennt, falle es darum auch auf, wenn sich deren Zustand plötzlich verschlechtert, sagt die Augsburgerin Christine Waibel. Wenn wegen der Schließungen aber immer weniger Apotheker*innen immer mehr Kundschaft bedienen müssten, drohe auch diese persönliche Bindung wegzubrechen.
(Pat Christ)

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