Leben in Bayern

Megumi Lang engagiert sich in ihrer neuen Heimat Würzburg. (Foto: Pat Christ)

18.06.2021

Nächstenliebe aus Fernost

Die Kirchen in Bayern leiden unter einem Pfarrer*innen-Mangel: In Würzburg hält die Japanerin Megumi Lang deshalb evangelische Gemeinden ehrenamtlich am Laufen

Beim Wort Pfarrermangel denkt man ja gern an die katholische Kirche. An das Zölibat zum Beispiel, das sicher auch viel damit zu tun hat, dass junge Männer sich gegen den Beruf entscheiden. Aber nicht nur die katholische, auch die evangelische Kirche kämpft zunehmend gegen Nachwuchsprobleme. Mit mäßigem Erfolg. Vielerorts, wo die Pfarrstellen bereits vakant sind, wird das Gemeindeleben deshalb mit ehrenamtlichem Engagement aufrechterhalten. Sogenannte Prädikant*innen halten zum Beispiel Gottesdienste. Eine davon ist die 44-jährige Megumi Lang aus Würzburg. Sie stammt aus Japan.

Lang hält sonntags Gottesdienste. „Im Juni bin ich viermal in und um Würzburg im Einsatz“, erklärt sie. In zwei der Gemeinden, in denen sie gastiert, gibt es keine Pfarrer*innen mehr. So ist die Gerbrunner Apostelkirche derzeit verwaist. Die Pfarrstelle in Rottendorf, wo Lang regelmäßig Gottesdienste feiert, ist sogar schon seit über einem Jahr vakant.

Lang ist eine von rund 2000 Prädikant*innen bayernweit. Mit dem Nachwuchsmangel nimmt auch ihre Zahl stetig zu. Welche Aufgaben sie in den Gemeinden übernehmen dürfen, ist im Prädikantengesetz geregelt. Ende 2012 wurde es reformiert. Seitdem dürfen Prädikantinnen und Prädikanten nicht nur predigen und das Abendmahl feiern. Sie können, zumindest ausnahmsweise, auch mit Taufen, Trauungen und Beerdigungen beauftragt werden.

Eine Japanerin als Prädikantin – das ist aber ziemlich einzigartig. Auch weil die meisten Japaner dem Shintoismus oder Buddhismus anhängen. Nur ein Prozent der Bevölkerung in Japan bekennt sich zum Christentum. Lang gehört nicht nur dazu, sie ist auch tiefgläubig. Im April 2003 kam sie nach Bayern, um Theologie zu studieren, sie war erst in Bamberg an der Uni, später in Erlangen. Doch ihr Plan, Pfarrerin zu werden, zerschlug sich. Stattdessen durchlief Lang eine Ausbildung zur Klinikseelsorgerin an der Uniklinik Würzburg. „Das ist der Grund, warum ich heute hier lebe“, erklärt Lang.

Als Prädikantin darf sie sogar Trauungen und Taufen durchführen

Am Nürnberger Gottesdienst-Institut, einer Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirche, ließ sich Lang später zur Prädikantin ausbilden. Und zweifelt heute nicht mehr daran, dass der Weg, den sie gegangen ist, letztlich der richtige war. Dem geplatzten Traum, Pfarrerin zu werden, trauert sie nicht mehr hinterher. „Ich bin dankbar, dass ich als Prädikantin arbeiten kann, genieße ansonsten aber meine berufliche Freiheit“, sagt Lang, die mit einem Deutschen verheiratet ist und eine sechsjährige Tochter hat.

Ihr Geld verdient Megumi Lang als Schulbegleiterin. In diesem Schuljahr kümmert sie sich um einen Gymnasiasten mit ADHS. Ist sie nicht in der Schule und hält sie keinen Gottesdienst, übersetzt sie ins Japanische. Oder unterrichtet ihre Muttersprache. Das Ehrenamt aber ist für Lang das Salz in der Suppe ihres tätigen Lebens.

Sie engagiert sich nicht nur als Prädikantin, sondern auch bei der Würzburger Kulturtafel. Auf diese Weise lernte sie das Kulturangebot der Stadt am Main kennen – das sie gar nicht so schlecht findet. Auch wenn Würzburg im Vergleich zu einer Metropole wie Tokio, wo Lang an der protestantisch ausgerichteten Frauenuniversität Joshi Daigaku Lehramt und Pädagogik studiert hat, zweifellos nicht mithalten kann. „Doch es gibt hier Sachen, die ich aus Japan nicht kenne“, betont Lang. Klasse fände sie zum Beispiel die Möglichkeit, in Kultureinrichtungen Kindergeburtstage zu feiern.

Die Liste der Qualifikationen, die Megumi Lang seit ihrer Ankunft in Deutschland 2003 erworben hat, ist eindrucksvoll. 2012 qualifizierte sie sich zur Notfallseelsorgerin. Ein Jahr darauf bildete sie sich in „Palliative Care für Seelsorgerinnen“ fort. Und kurz nach der Ausbildung zur Prädikantin 2013 durchlief sie einen Kurs in Ethikberatung für Menschen in der Altenhilfe beim Amt für Gemeindedienst in Nürnberg.

Lang sieht aber auch mit dem Blick der Japanerin auf die schwierigen kirchlichen Realitäten in Deutschland: Wie stark der Glaube hier bröckelt, macht ihr Sorge. Sie selbst wuchs in einer evangelisch-reformierten Gemeinde bei Yokohama auf. 200 Menschen gehören ihr an. Ihre Mutter Michiko Sato ist dort als Organistin tätig. Das Gemeindeleben in Japan sei sehr intensiv, erzählt Lang. „Oft sind wir sonntags von neun Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags zusammen.“ Das liege sicher aber auch daran, dass Protestanten in Japan zur Diaspora gehören. „Wir Christen stellen ja eine Minderheit dar“, so Lang. Während es deutschen Christen mitunter vor der Zukunft bangt, ist das evangelische Gemeindeleben in Japan äußerst lebendig. Auch und gerade, weil die Gemeinden sehr klein sind: „Manche haben nur 30, teilweise sogar nur zehn Mitglieder“, erklärt Lang.

Doch auch, wenn in Deutschland der Glaube bröckelt, gibt es jede Menge Menschen, die von jenem Geist beseelt sind, den die Bibel „Nächstenliebe“ nennt. So ist Megumi Lang begeistert, dass sich in Würzburg so viele Leute für die kulturelle Teilhabe von armen Mitbürgerinnen und Mitbürgern engagieren. Zum Beispiel, indem sie Tickets spenden. Oder die Arbeit der Kulturtafel finanziell unterstützen.
(Pat Christ)

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