Leben in Bayern

Gefährlicher Trend: Nur noch 40 Prozent der Kinder können am Ende der Grundschule sicher schwimmen. (Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)

05.06.2019

Planschen statt Schwimmen

Eigentlich soll jedes Kind in Bayern nach der Grundschule sicher schwimmen können. Doch dieses Ziel ist weit entfernt - mit gravierenden Folgen

Wie wichtig solide Schwimmkenntnisse sind, hat das vergangene Wochenende gezeigt: An den ersten richtig heißen Sommertagen sind im Freistaat gleich fünf Menschen in Flüssen und Seen ums Leben gekommen. Sie werden nicht die letzten bleiben, wie die traurige Erfahrung zeigt: Im vergangenen Jahr starben in Bayern 89 Menschen bei Badeunfällen - eine im langjährigen Durchschnitt sogar eher niedrige Zahl.

Experten sehen einen Hauptgrund für die regelmäßigen Todesnachrichten in der sinkenden Schwimmfähigkeit von Kindern. So zeigt eine Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) aus dem Jahr 2017, dass nur noch 40 Prozent der Kinder am Ende der Grundschule sicher schwimmen können. Als sicherer Schwimmer gilt, wer das Jugendschwimmabzeichen Bronze ("Freischwimmer") hat, für das man 200 Meter am Stück schwimmen können muss. Beim "Seepferdchen" sind es nur 25 Meter.

DLRG und Wasserwacht in Bayern nennen mehrere Gründe für den Rückgang der Schwimmfähigkeit:

- Bäderschließungen: Nach dem Bauboom der 1970er Jahre geht die Zahl der Schwimmbäder inzwischen beständig zurück. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben des Bauministeriums noch rund 860 Frei- und Hallenbäder in kommunaler Hand. "Etwa ein Drittel davon ist stark sanierungsbedürftig und über kurz oder lang von der Schließung betroffen", erläutert Madita Lang, stellvertretende Vorsitzende der bayerischen Wasserwacht. Hinzu kommt, dass gerade in der Sommersaison oft Mangel an Bademeistern und Rettungsschwimmern herrscht und auch deshalb schon Bäder geschlossen blieben.

- Ausfallender Unterricht: Wenn kein Schwimmbad erreichbar ist oder die Fahrtzeit unverhältnismäßig lang wäre, fällt der eigentlich im Lehrplan der Schulen vorgesehene Schwimmunterricht häufig aus. Manche Schulen verfügen auch nicht über genügend Lehrer mit der Berechtigung, Schwimmen zu unterrichten, wie der Bayerische Sportlehrerverband beklagt.

- Planschen statt schwimmen: Auch der Trend zu Spaßbädern hat negative Auswirkungen auf die Schwimmfähigkeit. "Früher gab es im Hallenbad nur ein 25-Meter-Becken, da ist man zwangsläufig geschwommen, denn es war auch 2 Meter tief", erzählt Lang. In den Spaßbädern hingegen geht es stattdessen um Attraktionen wie spektakuläre Rutschen. Auch zum Badesee gehen viele Menschen inzwischen zum Planschen und Abkühlen, aber nicht mehr zum Schwimmen.

- Nachlassendes Engagement der Eltern: "Die Eltern sind zunehmend überfordert, die Kinder zum Schwimmunterricht zu bringen - durch berufliche Anforderungen und einen immer höheren Anteil Alleinerziehender", sagt Michael Förster von der DLRG. Zumal es mit einem Kurs alleine nicht getan ist - das Schwimmen muss auch danach regelmäßig geübt werden.

- Migration: Durch den Zuzug aus Ländern, in denen Schwimmen lernen unüblich ist, steigt der Anteil der Nichtschwimmer. Dies betrifft nicht nur Flüchtlinge. Auch in Osteuropa ist die Schwimmerquote laut DLRG problematisch niedrig. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede, die sich beispielsweise im Schwimmunterricht für muslimische Mädchen niederschlagen.

Flüchtlinge waren in den vergangenen drei Jahren überdurchschnittlich häufig unter den Opfern. Daneben sind Kinder, die noch nicht sicher schwimmen können, und Senioren gefährdet. "Über 65 Jahren ist die Gefahr, dass Vorerkrankungen vorliegen, die vielleicht auch gar nicht erkannt sind, wie ein kleiner Herzinfarkt. Dann kann es - zufällig - im Wasser zu einer Kreislaufschwäche kommen, wobei die Gefahr ist, dass der Mensch bewusstlos wird und ertrinkt", sagt Förster.

Junge Männer überschätzen sich mitunter und unterschätzen die Gefahr. Dies wird verstärkt durch den gesellschaftlichen Trend, seine Freizeit zunehmend in der Natur - also auch an Seen und Flüssen - zu verbringen. "Aber wenn man nicht so gut schwimmen kann oder sich überschätzt oder gar noch Alkohol im Spiel ist, ist da viel schneller was passiert als in einem Freibad", betont Lang. Gerade in Flüssen drohe nicht nur eine mitunter lebensgefährliche Strömung. Gefährlich seien auch Wirbel, unter Wasser treibende Baumstämme oder schlicht die Temperatur des Flusses, der auch bei strahlendem Sonnenschein zapfig kalt sein kann.

Trotz aller Warnungen: In manchen Punkten ist auch Abhilfe in Sicht. Mit der Aktion "Bayern schwimmt" will die Wasserwacht Viertklässler im Freistaat trainieren. Vom 15. bis 19. Juli sollen sie täglich Unterricht bekommen und das Jugendschwimmabzeichen Bronze machen. "Uns ist es ein großes Anliegen, die Kinder frühzeitig fit fürs Wasser zu machen und ihnen Sicherheit zu vermitteln", sagte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Zudem kündigte Bauminister Hans Reichhart (CSU) an, die Kommunen bei der Sanierung maroder Freibäder mit 120 Millionen Euro in den kommenden sechs Jahren zu unterstützen.
(dpa)

Freistaat fördert Sanierung von Freibädern 
Der Freistaat will die Kommunen bei der Sanierung maroder Freibäder unterstützen. 120 Millionen Euro stehen dazu in den kommenden sechs Jahren zur Verfügung. "Die Schwimmfähigkeit unserer Kinder ist uns besonders wichtig", sagte Bauminister Hans Reichhart (CSU) am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in München. Damit der Nachwuchs weiter Schwimmen lernen könne und die Bäder nicht geschlossen werden müssten, übernehme der Freistaat bis zu 55 Prozent der Sanierungskosten von Schwimmbecken, Umkleiden und Technikbereichen. Sauna- und Gastronomiebereiche hingegen werden ebenso wie reine Sprung- und Wellenbecken nicht gefördert.

Nach den jüngsten Daten von 2018 gibt es rund 860 Hallen- und Freibäder in Bayern. Das Bauministerium sieht einen Sanierungsbedarf von rund 480 Millionen Euro allein für die Freibäder. Die Kommunen sollen deshalb je nach ihrer Leistungsfähigkeit finanziell unterstützt werden - im Schnitt dürfte etwa ein Viertel der Kosten übernommen werden. Auch Rückbauten und Flächenreduzierungen, die die Unterhaltskosten senken, werden gefördert.
(dpa)

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