Leben in Bayern

Johannes Follmer betreibt die Mühle seit 1997. (Foto: Pat Christ)

14.01.2022

Reise in die gute alte Zeit

Der Unterfranke Johannes Follmer stellt wie einst von Hand feines Büttenpapier her – in einer der letzten historischen Mühlen des Landes

Es ist nicht nur sein Job, sich um ein sehr besonderes Museum zu kümmern: Johannes Follmer aus Homburg im Kreis Main-Spessart, der eine museale Papiermühle leitet, stellt zugleich noch selbst Büttenpapier her. Das sowie der gute Erhaltungszustand machen seine Mühle deutschlandweit einmalig. So einmalig, dass sich Follmer um eine Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe bemüht – gemeinsam mit Papiermühlen aus vier weiteren europäischen Ländern.

Papier ist keineswegs gleich Papier. Das weiß man spätestens nach einem Besuch in der Papiermanufaktur von Johannes Follmer. „Die Palette reicht von Etiketten über Toilettenpapier bis hin zu feinem Büttenpapier sowie Spezialpapieren, wie sie zum Beispiel für Umschläge bei der Oscar-Preisverleihung verwendet werden“, erklärt der gelernte Schreiner. Follmer fertigt Büttenpapier vor allem für Künstler*innen an. Georg Baselitz war zum Beispiel schon sein Kunde. Auch Donatus Prinz von Hohenzollern bestellte bereits bei ihm. Aktuell stellt Follmer Papier in einem irisch-grünen Farbton für ein Vinylplattencover her, ein Projekt eines Künstlers.

Welterbe-Bewerbung: Papier hat auch im Digitalzeitalter Bedeutung

Als Follmer als Bub im Klassenzimmer saß und über seine Zukunft brütete, gab es noch keinen Gedanken daran, dass er einmal Papierschöpfer werden könnte. Obwohl er auf dem Gelände genau jener Mühle aufgewachsen ist, die er nun betreut. „Als Jugendlicher war mir lediglich klar, dass ich etwas mit meinen Händen machen wollte“, erzählt der heute 50-Jährige. Schließlich erlernte er den Schreinerberuf. „Darauf wollte ich aufsatteln, mir schwebte vor, Instrumentenbauer zu werden.“

Mit etwa 19 Jahren aber sei er beim Spaziergang mit seinem Hund dann doch auf die Idee gekommen, das Handwerk des Papiermachers zu erlernen. Dass Follmer heute weit über seinen Heimatort hinaus dafür bekannt ist, liegt auch an seiner speziellen Kunstfertigkeit. Europaweit ist er mit Menschen vernetzt, die sich für das aussterbende Handwerk der Papierherstellung und Papiermühlen einsetzen. Öfter schon war der Mann aus dem Spessart in Polen, von wo die Initiative um die Bewerbung von Papiermühlen als Weltkulturerbe-Stätten ausging. Inzwischen sind neben Polen und Deutschland auch Frankreich, Tschechien und Italien an dem Projekt beteiligt. „Möglicherweise kommen weitere Mühlen aus Spanien und Holland hinzu.“

Follmer geht es bei dieser Initiative in erster Linie darum, auf die bleibende Bedeutung des Papiers im digitalen Zeitalter aufmerksam zu machen. „Heute ist noch nachzulesen, was Menschen vor 600 Jahren auf Papier festhielten“, betont der Papiermacher, der vor einigen Jahren bei einem Kooperationsprojekt mit der Anna Amalia Bibliothek in Weimar Bücher aus dem 14. Jahrhundert restaurierte. Digitale Datenträger haben eine sehr viel kürzere Halbwertszeit. Außerdem ändern sich Trägermedien und EDV-Programme ständig. Was Archive vor Herausforderungen stellt. „Für mich bleibt Papier das beste Medium, um Daten zu speichern“, betont der Homburger.

Seine Passion für Papier bringt Follmer mit der ganzen Welt in Kontakt. Wie lebendig sich sein Beruf gestalten würde, hätte er vor 30 Jahren nicht gedacht. Immer wieder warten neue kleine Abenteuer auf ihn. Vor gut einem Jahr hat er eine Versuchspapiermaschine bekommen. Erbaut wurde die Anlage für die Entwicklung neuer Produkte 1956 von der noch heute existierenden Kämmerer Paper GmbH in Osnabrück, zuletzt stand sie in Ludwigshafen. „Normalerweise sind Papiermaschinen riesengroß, sie eignen sich deshalb nicht gut dafür, neue Papiere zu entwickeln oder neue Substanzen auszuprobieren“, erläutert Follmer. In seinem Museum soll die Versuchspapiermaschine nach der regulären Winterpause ab Mai 2022 zweimal im Monat laufen. „Rein didaktisch lassen sich mit ihr super gute Einblicke in die industrielle Papierherstellung vermitteln“, so der Experte.

Die Maschine steht in einem Nebengebäude des Museums direkt über Follmers Papierwerkstatt. In dieser Werkstatt verspürt man ein ganz eigenartiges Gefühl von „Mittelalter“. Es lässt sich beobachten, wie Follmer Baumwolle, Flachs, Hanf oder „Hadern“ genannte Lumpen durch Schöpfen, Gautschen, Pressen und Trocknen in feines, blütenweißes Büttenpapier verwandelt. Museumsbesucher*innen können solch ein papiernes Unikat mit Wasserzeichen auch erwerben. Im Museumsladen werden Schreibpapiere und Kuverts, Aquarell- und Druckpapiere angeboten. „Dass es das noch heute gibt!“ – Diesen Ausspruch hört Johannes Follmer immer wieder. Und er selbst engagiert sich intensiv dafür, dass noch weiter existiert, was inzwischen eine über 600-jährige Tradition in Deutschland hat.

Es war im Jahr 1390, als der Nürnberger Ratsherr Ulman Stromer die erste deutsche Papiermühle unter dem Namen Gleismühl vor den Toren Nürnbergs errichtete. Um 1440 existierten in Deutschland geschätzt zehn Papiermühlen. Hundert Jahre später, nach Erfindung des Buchdrucks, waren es bereits 60.

Es gibt keine Schulen mehr: Eine Ausbildung zum Papiermacher existiert nicht

Aktuell setzt die Corona-Krise Follmer und seinem außergewöhnlichen Museum zu. Sein Glück jedoch ist, dass dieses kommunal getragen wird, vom Landkreis Main-Spessart. „Der hat meine Stunden aufgestockt, sodass ich bisher ganz gut durch die Krise gekommen bin.“ Man ist im Landkreis aber schließlich auch stolz auf das, was sich dort erhalten hat, wo die Papiermachertradition im Jahr 1807 begann. Leonhard Leinzinger hieß der Papiermacher, der auf die Idee kam, das saubere Quellwasser des örtlichen Bischbachs für die Papierherstellung zu nutzen.

Heute liegt die alte Mühle oberhalb des Stadtkerns von Homburg, Leinzinger zog von Windheim dorthin um, weil es in Windheim, heute ein Ortsteil von Hafenlohr im Kreis Main-Spessart, nicht genug Wasser gab. Balken für Balken wurde die aus dem 17. Jahrhundert stammende Papiermühle abgebaut, um sie in Homburg neu aufzubauen.

Gute Papiermacher sind in Deutschland dünn gesät. Man kann das fast ausgestorbene Handwerk auch nicht im üblichen Sinn erlernen, denn es gibt keine Schulen mehr. Johannes Follmer eignete sich sein Wissen autodidaktisch an. Er suchte aber auch Spezialisten in Berlin oder der Eifel auf. Und so ist in Bayern dank ihm eine der letzten historischen Papiermühlen Deutschlands noch immer in Betrieb.
(Pat Christ)

Foto im Text (dpa/Daniel Karmann): Die historische Papiermühle in Homburg

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