Leben in Bayern

Fatmata Sesay (rechts) mit ihrer Mitstreiterin Hawa Cramm vor dem Protestcamp auf dem Münchner Königsplatz. (Foto: Dominik Baur)

26.11.2021

Rückführungen in ein Leben in der Hölle

Auch in Bayern fürchten viele Menschen aus Sierra Leone die Abschiebung – das Land ist vor allem für Frauen lebensgefährlich

Genitalverstümmelungen, Zwangsheiraten, Morde unter den Augen der Polizei: Es gibt viele Gründe, warum Menschen aus Sierra Leone fliehen. Doch Asyl wird ihnen in Deutschland nur selten gewährt. In Bayern fürchten nun Hunderte der abgelehnten Flüchtlinge eine baldige Abschiebung – und gehen auf die Straße. Unterstützung kommt auch von einigen Münchner Politiker*innen.

München. Königsplatz. Direkt auf der Verkehrsinsel vor den Propyläen haben sie ein paar Zeltpavillons aufgestellt. Protestcamp nennen sie es. Ein paar Dutzend Flüchtlinge aus Sierra Leone haben sich hier niedergelassen, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Viele von ihnen verbringen sogar die Nächte hier.

„Give us freedom“ steht auf einem Transparent und „Please help us“. Auf einem anderen: „Refugees Lives Matter“. Über Lautsprecher rufen sie: „Stop! Stop! Stop!“ Gemeint sind die Abschiebungen. Doch die Aufmerksamkeit gering. Autos fahren um die Insel herum, Leute kommen kaum rüber. Ohnehin haben sie es meist eilig. Die Kälte ist durchdringend.

Nicht dass derzeit sonderlich viele Menschen aus Sierra Leone abgeschoben würden. In den vergangenen fünf Jahren wurden nach Angaben des Landesamts für Asyl und Rückführungen insgesamt 118 Menschen aus dem westafrikanischen Land aus Bayern abgeschoben, darunter nur 15 nach Sierra Leone. Doch die Befürchtung, dass die Zahl sehr schnell in die Höhe schießen könnte, ist gerade besonders groß. Denn 524 der 936 abgelehnten Asylbewerber*innen aus Sierra Leone in Bayern haben vor wenigen Wochen ein Schreiben bekommen, in dem sie aufgefordert wurden, sich zu einer Anhörung in der Ausländerbehörde einzufinden. Die Botschaft in den Augen der Flüchtlinge war klar. Sie lautete: Abschiebung.

Auftragskiller töten für 5000 Leones: 2,50 Euro

Abschiebung in ein Land, aus dem die meisten von ihnen unter Lebensgefahr geflohen waren, das sie größtenteils seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Viele von ihnen leben gut integriert in Bayern, meist in München oder Niederbayern, arbeiten oder machen eine Ausbildung. Viele der Kinder sind hier auf die Welt gekommen. „In Sierra Leone“, heißt es in einer Pressemitteilung des Camps, „gibt es keine Zukunft für uns, dort gibt es keine gute medizinische Versorgung, die Bildung ist schlecht. Die Menschen hier sind junge Leute, sie wollen lernen, sie wollen arbeiten. Lasst sie etwas zu der Gesellschaft hier beitragen.“

Sierra Leone gehört zu den ärmsten Ländern der Welt – trotz seines Diamantenreichtums, von dem nur eine kleine korrupte Elite profitiert. Nun sind Armut, schlechte medizinische Versorgung und ein miserables Schulsystem nach deutschem Recht noch keine Asylgründe. Auch Hunger oder die Bedrohung durch Ebola nicht. Und der Bürgerkrieg in Sierra Leone liegt fast 20 Jahre zurück. „Die politische Lage in Sierra Leone“, schreibt das Auswärtige Amt auf seiner Homepage, „ist relativ stabil.“

So harmlos die Lage für deutsche Besucherinnen und Besucher zu sein scheint: Für einen großen Teil der Einheimischen ist das Leben in Sierra Leone nicht weniger als die Hölle. Zumindest wenn man Fatmata Sesay und Hawa Cramm Glauben schenkt. Die beiden Frauen haben im Café der Glyptothek gleich neben dem Königsplatz Zuflucht vor der Kälte gesucht. Sesay ist eine der Demonstrantinnen, sie hat sich ein weißes T-Shirt über ihren Pullover gezogen. Darauf steht: „Sierra Leone Refugees Fighting Against Deportation“.

Ein wunderschönes Land sei Sierra Leone, erzählt die 25-Jährige, die vor über sieben Jahren nach Deutschland kam. Die Natur – einmalig. Auch die Küche – vorzüglich. „Und wir haben den schönsten Strand.“ Aber: „Man ist sich seines Lebens nicht sicher.“ Und dann erzählt sie die Geschichte eines Volkes von Analphabeten, das von einer skrupellosen Elite ausgebeutet wird, in dem ein Menschenleben nichts zählt. Von kleinen Jungen, die 5000 Leones dafür bekämen, jemanden zu töten. Verbrechen, für die sich die Polizei nicht interessiere. „Und wissen Sie, wie viel 5000 Leones sind?“, fragt Sesay. „2,50 Euro.“

Und Frauen hätten in Sierra Leone ohnehin keine Stimme. Anstatt sie in die Schule zu schicken, würden Eltern ihre jungen Töchter mit Männern zwangsverheiraten, die vom Alter her ihr Vater oder Großvater sein könnten. Nicht selten würden elf- oder zwölfjährige Mädchen dann geschwängert. Abtreibung sei ohne Ausnahme verboten, viele stürben bei der Geburt ihrer Kinder. Und was man hier in Deutschland häusliche Gewalt nenne, sei in Sierra Leone schlicht der Alltag der Frauen.

Die meisten Frauen würden zudem Opfer von Genitalverstümmelungen – teils noch als Kinder, teils als Initiationsritus beim Eintritt ins Erwachsenenalter. Eine Aussage, die sich mit Zahlen der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes von 2014 deckt. Danach werden 86 Prozent der Sierra Leonerinnen im Namen von Tradition und Aberglauben Opfer von Genitalverstümmelungen. „Ich liebe dieses Land“, sagt Sesay. „Aber gleichzeitig schäme ich mich für dieses Land. Was passiert da? Warum ist es lebensgefährlich, dort zu leben?“

Mit einem „Nein“ brachte sich Sesay in Lebensgefahr

Fatmata Sesay wuchs in Sierra Leones Hauptstadt Freetown mit Mutter, Stiefvater, und zwei jüngeren Geschwistern auf. Ihre Großmutter war Sowei, Beschneiderin, zuständig für die Genitalverstümmelung der Mädchen in ihrer Gemeinschaft. Als sie starb, erzählt Sesay, hätte sie an ihre Stelle rücken und dafür erst einmal selbst beschnitten werden sollen. 17 war Sesay damals, sie sagte: Nein. Ein einziges Wort, mit dem sie sich und ihre Familie in Lebensgefahr brachte. Es war Mitternacht, als ihre Tante die Tür öffnete und sagte: Du musst gehen.

Das Mädchen rannte durch die Dunkelheit, kam schließlich am Hafen an, am Queen Elizabeth II Quai. Als ein Arbeiter sie fragte, was sie hier mitten in der Nacht mache, vertraute sie sich ihm an. Der Mann habe sie ohne weitere Erklärungen auf ein Schiff gebracht, in eine Kammer, in der schon eine andere Frau saß. Es war ein finsteres Loch. Und es gab Brot, sonst nichts. „17 Tage blieben wir da drin. Und als sie mich rausgelassen haben, war ich in Hamburg. Ich wusste damals nicht einmal, was Europa ist oder Deutschland.“

Über eine Zwischenstation in Berlin landete sie schließlich in München, lernte Lesen und Schreiben, machte einen Deutschkurs und eine Ausbildungsvorbereitung für Gesundheits- und Krankenpflege samt viermonatigem Praktikum im Krankenhaus. Demnächst will sie ihren Mittelschulabschluss machen. Kontakt zu ihrer Familie hat sie nicht mehr. „Ich weiß nicht, ob sie noch leben.“

Hawa Cramm sitzt neben Fatmata Sesay. Sie ist bereits seit 1996 in Deutschland. Beider Asylantrag wurde anerkannt, doch damit gehören sie zu einer Minderheit. Die Anerkennungsquote von Flüchtlingen aus Sierra Leone in Bayern schwankte in den letzten fünf Jahren zwischen gerade mal 10 und 17 Prozent. Jetzt solidarisieren sich die beiden Frauen mit den Menschen aus ihrer Heimat, denen die Abschiebung droht. Hawa Cramm greift zu ihrem Handy, ruft Fotos und Videos auf, auf denen Grausamkeiten zu sehen sind, die man nicht sehen will: ein Gefolterter mit klaffenden Wunden; ein Festgenommener, dem ein Polizist immer wieder voller Wucht mit einer Flasche auf den Kopf schlägt; ein junges Mädchen, dem die Klitoris herausgeschnitten wird; Männer, die an den Bäumen eines Dorfplatzes erhängt wurden. Alle Bilder, so sagt Cramm, stammten aus Sierra Leone. Verifizieren lassen sich Echtheit und Herkunft des Materials freilich nicht.

Die Furcht vor Abschiebung ist nicht unbegründet. Das Landesamt für Asyl und Rückführungen macht keinen Hehl aus seinen Absichten: Vorgeladen worden seien Personen, bei denen „faktische Anhaltspunkte“ bestünden, dass sie aus Sierra Leone stammten, die aber kein Aufenthalts- oder Bleiberecht in Deutschland hätten und keine gültigen Reisepapiere besäßen. Deren Identifizierung laufe „letztendlich auf die Ausstellung eines Heimreisedokuments (Passersatzdokuments) hinaus“. Auf Nachfrage, ob dies für die Betroffenen nun eine Abschiebung nach Sierra Leone zur Folge habe, antwortet die Behörde: „Die zwangsweise Durchsetzung der Ausreisepflicht ist nach Ausstellung eines Heimreisedokuments dabei grundsätzlich möglich.“ Kurz: Mit Abschiebungen ist zu rechnen.

„Lieber hier in der Kälte sterben als in Sierra Leone“

Inzwischen wird die Unterstützung für die Demonstrierenden aus Sierra Leone breiter. „Es ist eine Utopie zu denken, dass man diese Personen alle abschieben könnte“, sagt etwa Katharina Grote vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Sie fordert eine Aufnahmeperspektive für die Flüchtlinge. Mehr Arbeitserlaubnisse, ein besseres Angebot von Sprachkursen. Ähnlich sehen es Organisationen wie Black Lives Matter oder der Münchner Migrationsbeirat.

Auch aus dem Münchner Stadtrat kommen Solidaritätsbekundungen. Die Fraktionen Die Grünen/Rosa Liste und Die Linke/Die Partei wandten sich jeweils an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) mit dem Appell, sich für die sierra-leonischen Asylbewerber*innen starkzumachen. Während die Linken einen kompletten Abschiebestopp fordern, begnügen sich die Grünen mit der Forderung, Abschiebehindernisse sorgfältig zu prüfen.

Die Menschen im Protestcamp jedenfalls wollen noch einige Zeit am Königsplatz ausharren. Bei einzelnen Aktionen, etwa einem Marsch zur SPD-Parteizentrale, wollen sie zusätzlich auf ihre Not aufmerksam machen. Eine größere Demo ist für den 18. Dezember geplant. „Wir machen so lange weiter, bis wir Hilfe bekommen“, sagt Hawa Cramm. „Wenn wir aufhören, werden sie diese Menschen abschieben. Die wollen lieber hier in der Kälte sterben als in Sierra Leone.“
(Dominik Baur)

Kommentare (1)

  1. abgelehnte Asylbewerber vor 2 Wochen
    Jeder Geflüchtete, egal ob Flüchtling oder Migrant, erzählt Greuelgeschichten aus seiner Heimat, egal ob er/sie aus Albanien, Tunesien, Serbien, Armenien oder, wie hier, aus Sierra Leone kommt. Entscheidend ist jedoch die Anerkennung des Asylgesuches bzw. die Gewährung eines anderen Schutzes. Die allermeisten aus Sierra Leone erhalten keinen Schutzstatus und müssen unser Land wieder verlassen. Die Abschiebungen scheitern jedoch daran, dass keine Identitätspapiere vorliegen, so dass man letztlich die Staatsbürgerschaft nicht nachweisen kann. Das sollte die Delegation aus Sierra Leone nun ändern und ihre eigenen Staatsbürger erkennen und entsprechende Papiere ausstellen. Und nun protestieren die abgelehnten Asylbewerber aus Sierra Leone gegen diese möglichen Abschiebungen. Ihre Begründung: in Sierra Leone gibt es ausser den vermeindlichen Greueltaten keine guten Gesundheitsversorgung, keine Bildung und keine Perspektive. Wohlgemerkt, es handelt sich hier um letztinstanzlich abgelehnte Asylbewerber mit Ausreisepflicht und es wird Zeit, dass diese Ausreisepflicht durchgesetzt wird, nicht zuletzt um dazulegen, dass fehlende Papiere nicht den Aufenthalt in Deutschland ermöglichen!
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