Leben in Bayern

Zittern, Atemnot, Herzrasen: Nicole Vehring besiegt ihre Höhenangst mit Andreas Mühlberger in der virtuellen Realität. (Foto: Hans-Rudolf Schulz)

12.10.2018

Schreck, lass nach!

Riesenspinnen, schwindelerregend hohe Türme: Ein Regensburger Professor heilt Angststörungen mit Ausflügen in die virtuelle Realität

Weltweit wird mit Hochdruck über den Einsatz von Virtual- Reality-Technik in der Psychotherapie geforscht. In Deutschland wird diese sogenannte Expositionstherapie bislang nur in Bayern für die Allgemeinheit angeboten: an den Hochschulambulanzen in Regensburg und Würzburg. Doch in fünf Jahren, ist sich der Forscher Andreas Mühlberger sicher, wird sie flächendeckend in den Praxen Einzug halten – und dann Millionen Menschen helfen.

Vom Türrahmen baumelt eine Spinne. Fußballgroß. Haarig. Ekelhaft. „Schauen Sie mal zu Ihren Füßen hinunter“, fordert Psychotherapeut Andreas Mühlberger. Ahhh. Noch so ein braunes Monster. Bedrohlich hebt es die Vorderbeine, lässt sein Mundwerkzeug auf- und zuschnappen. „Gehen Sie ruhig einen Schritt auf das Tier zu“, sagt der Regensburger Professor. Für Menschen mit Spinnenphobie der reinste Horror. Auch wenn sie wissen, dass die Achtbeiner gar nicht wirklich existieren. Sie wurden am Computer entwickelt.

Andreas Mühlberger von der Universität Regensburg hilft Patienten mit Hightech ihre Phobien zu überwinden. Mit einem sogenannten Gamepad in den Händen und dem Head Mounted Display, einer Art 3-D-Brille, auf dem Kopf, schickt er sie in die virtuelle Realität, um sie dort mit ihren schlimmsten Ängsten zu konfrontieren. Das kann ein Blick in die Tiefe sein, der Start des Fliegers oder ein Vortrag vor Publikum. „Wer es schafft, in diese Situation reinzugehen und sie auszuhalten, wird feststellen, dass die Angst von selbst nachlässt und die befürchtete Katastrophe nicht eintritt“, erklärt der auf diesem Ge-biet führende Wissenschaftler. Und der Erfolg ist erstaunlich. Nach nur wenigen Sitzungen sind die meisten Patienten geheilt, erklärt Mühlberger.

Weltweit wird mit Hochdruck zum Einsatz von VR-Technik in der Psychotherapie geforscht. Bislang gibt es die sogenannte Expositionstherapie mit Virtual Reality (VR) in Deutschland aber nur in Bayern für die Allgemeinheit: an den Hochschulambulanzen in Würzburg und Regensburg. Denn die Technik ist teuer und das Angebot an spezifischer Software noch gering. Doch in fünf Jahren, ist sich Mühlberger sicher, wird sie flächendeckend in den Praxen Einzug halten – und dann Millionen Menschen helfen. Denn der Bedarf ist enorm. Phobien sind weit verbreitet, fast schon eine Volkskrankheit. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts leiden mehr als zehn Prozent der Bevölkerung an einer spezifischen Angststörung.

Hier hat man vor einer bestimmten Situation oder einem Objekt panische Angst. „Das kann so weit führen, dass Leute Räume ihres Hauses aus Angst vor einer Spinne nicht mehr nutzen oder nicht mehr in den Biergarten gehen - also massiv in ihrer Lebensführung eingeschränkt sind“, sagt Mühlberger.

Auch bei Alkoholsucht oder Schmerzen einsetzbar

Dabei lassen sich Phobien generell gut überwinden. Allerdings bedeutet das oft großen Aufwand. Bei der klassischen Expositionstherapie wird der Psychologe zum Spinnenfänger, muss mit dem Patienten enge Aufzüge besteigen oder volle Kaufhäuser besuchen. „Darum findet das im Praxisalltag schon rein aus logistischen Gründen viel zu selten statt“, erklärt Mühlberger. Die VR-Therapie sei da „deutlich effektiver und einfacher durchzuführen“. Und auch beliebig oft wiederholbar. „Im echten Leben ist es hingegen schwierig, sieben verschiedene Türme mit dem Therapeuten zu besteigen“, so der Forscher. Dazu kommt: Die Akzeptanz der VR-Therapie sei höher, erklärt Mühlberger. Denn in einem geschützten Rahmen in eine virtuelle Situation reinzugehen, sei für viele einfacher und weniger belastend.

Die Anwendungsbereiche der Cyber-Brillen sind bei Weitem nicht nur auf Ängste beschränkt. Suchtkranke könnten zum Beispiel in eine virtuelle Bar gehen und lernen, den Druck nach Alkohol, Drogen oder Nikotin auszuhalten. Und Menschen mit Sozialphobien könnten in Kaffeehaussituationen üben, auf andere zuzugehen. Sogar Schmerzen könnten mit VR vermindert werden. An der School of Medicine der Universität Washington werden Patienten mit Brandwunden in eine Art Schneewelt geschickt. „Das hat eine vergleichbare Wirkung wie eine Behandlung mit Morphin“, erklärt Mühlberger.

Nicole Vehring hat sich bei ihm in Regensburg behandeln lassen. Zittern, Atemnot, Herzrasen und das Gefühl, gleich in die Tiefe zu fallen: Die Höhenangst hatte die Mutter über Jahre fest im Griff. „Ich konnte nicht mal mehr die Fenster im Dachgeschoss unseres Hauses putzen“, sagt die 40-Jährige. Wenn ihr Mann und die zwei Söhne eine Aussichtsplattform bestiegen, blieb sie regelrecht panisch zurück. Bis Vehring mit Andreas Mühlberger einen virtuellen Ausflug auf den Bottroper Tetraeder nahe ihrem Zuhause machte. Nach nur knapp zwei Stunden kam sie geheilt zurück. Gondeln, Hängebrücken, gläserne Böden? „Sind heute kein Problem mehr“, sagt die Frau aus dem Ruhrgebiet.

Dabei hatte Vehring im Vorfeld große Zweifel. „Als ich die Brille auf hatte, sah es aus wie ein PC-Spiel. Ich fragte mich, ob das was bringt.“ Als sie sich jedoch dem Geländer der Aussichtsplattform näherte, setzte die Angst ein. „Das Hirn verarbeitet die Situation genauso wie in der Realität. Die Patienten zeigen Verhaltenshemmungen und physiologische Reaktionen. Selbst wenn das Szenario nicht völlig täuschend echt wirkt“, sagt Mühlberger, der seit 20 Jahren auf diesem Feld forscht. Möglich mache das der Bildschirm im abgedunkelten Headset. „Jedes Auge sieht ein anderes Bild. So wird Tiefenwahrnehmung erzeugt. Die sogenannte stereoskopische Sicht.“

Um den Test im wahren Leben kommt keiner herum

Die Sensoren der Cyberbrille reagieren auf jede Kopfbewegung, der Patient hat eine 360-Grad-Sicht und das Gefühl, sich frei im virtuellen Raum zu bewegen. Das führt manchmal auch zu Nebenwirkungen. „Wenn das Bild nicht schnell genug nachgeführt wird, kommt es zur Cybersickness – das ist wie eine Art Reisekrankheit, aber gut in den Griff zu bekommen“, so Mühlberger. Um die emotionalen Netzwerke noch besser anzustoßen, versuchen der Professor und sein Team alle Sinne anzusprechen. Durch einen Windstoß, Vogelgezwitscher, Gerüche.

Wichtig sei es, eine Situation auszuwählen, die der Patient bewältigen kann. „Meine Aufgabe ist es zu schauen, dass der Patient dabeibleibt, die Angst bewusst erlebt und merkt, wie sie wieder weggeht – ohne dass ich etwas mache.“ Die schlimmsten Befürchtungen treten nicht ein – das sei die entscheidende Erfahrung.

Doch wie kommt es überhaupt zu panischer Angst? Das versuchen Mühlberger und seine Kollegen in Vorgesprächen herauszufinden. „Es gibt verschiedene Theorien für die Ursachen“, sagt Mühlberger. Oft würden sich Phobien früh entwickeln. „Durch Modell-Lernen beispielsweise, wenn die Mutter ein Problem mit engen Räumen hat, schaut sich dies das Kind ab. Auch eine unangenehme Erfahrung mit einem Hund oder beim Zahnarzt kann Auslöser sein“, erklärt der Experte.

Bei Höhe und Wasser wird eine angeborene Angst vermutet, die es im Laufe der Entwicklung zu verlernen gilt. „Kinder, die mal vom Baum gefallen sind, haben eher keine Phobien“, sagt der 47-Jährige. Dass viele sich vor Spinnen oder Schlangen fürchten, ist übrigens evolutionsbiologisch bedingt. „Es ist noch immer in unserem Gehirn gespeichert, dass sie giftig sein könnten. Darum hat auch kaum einer Angst vor Steckdosen, obwohl man sich da einen Stromschlag holen kann.“

Auch wenn sich die Patienten in der virtuellen Realität wacker schlagen – um den Test im wahren Leben kommt keiner herum. „Die meisten sind total motiviert, das Gelernte auch umzusetzen. Sich immer wieder zu konfrontieren ist wichtig, sonst kann die Angst wieder stärker werden“, weiß Mühlberger. Nicole Vehring hatte nach ihrer Therapie jedenfalls nur einen Wunsch: „Ich wollte auf die echte Aussichtsplattform.“ Und sie hat es geschafft. „Ich hatte zwar ein Kribbeln im Bauch, aber nicht vor Angst, sondern vor Glück.“
(Ruth van Doornik)

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