Leben in Bayern

Der Sohn: Sebastian Buchwieser hat sich auf große Skulpturen verlegt. (Foto: privat)

07.11.2019

Überleben mit Groan-Art

Alte oberbayerische Familientradition: Karl Buchwieser und sein Sohn Sebastian sind Holzschnitzer – um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, müssen sie kreativ sein

Es gab einmal goldene Zeiten für Schnitzer. Doch heute kaufen die Leute lieber bei Ikea ein, bedauert Karl Buchwieser. Der 84-Jährige ist weit über seinen Heimatort Grainau hinaus für seine kunstvollen Masken und Figuren bekannt. Sohn Sebastian (56) hat er mit seiner Leidenschaft fürs Holz angesteckt. Und für die Berge. Um über die Runden zu kommen, ist dieser auch als Bergführer unterwegs.

In der hellen Werkstatt in Grainau duftet es nach frischem Holz. Auf dem Boden liegt ein riesiger Berg Hobelspäne. An den Wänden hängen Holzlarven, Geweihe, auf dem Tisch stehen Schalen mit ganz unterschiedlicher Maserung. Sebastian Buchwieser hat sie gedrechselt. „Hier war zum Beispiel ein Nagel im Stamm.“ Der schlanke Bildhauer tippt auf eine lilafarbene Verfärbung einer gedrechselten Schüssel. „So etwas gefällt mir“, sagt Buchwieser, der seit 40 Jahren Holzbildhauer ist und bevorzugt große Skulpturen fertigt. Der 56-jährige Grainauer teilt sich die Werkstatt mit seinem Vater, dem bekannten Holzschnitzer und Bildhauer Karl Buchwieser, der auch noch als 84-Jähriger sehr aktiv ist. Zwei Familien unter einem Dach.

Doch nur von der Bildhauerkunst allein können die Holzschnitzer nicht mehr gut leben. Neben der Vermietung von Ferienwohnungen hat Sebastian Buchwieser deshalb seine Leidenschaft für das Klettern und die Berge zum Beruf gemacht, und arbeitet seit 1996 auch als staatlich geprüfter Bergführer in seiner eigenen Bergsteigerschule Zugspitz Alpin.

„Heute kaufen die meisten eben lieber bei Ikea ein“, sagt Sebastian Buchwieser bedauernd. Sein Vater Karl Buchwieser hat das noch ganz anders erlebt. „Die jungen Leute nehmen heute in den Möbelhäusern lieber eine billige Deko mit, die sie dann zwei Jahre später wieder wegwerfen. Da ist irgendwie die Wertschätzung verloren gegangen.“

Gerade hat Buchwieser senior eine Werdenfelser Holzlarve für das Werdenfels Museum in Garmisch-Partenkirchen fertiggestellt. Diese außergewöhnlichen Masken tragen die Einheimischen heute noch in der Faschingszeit bei ihren berühmten Maschkera-Umzügen in Garmisch-Partenkirchen, Grainau oder Mittenwald, zu denen Touristen aus aller Welt strömen. „Die Werdenfelser Holzlarve ist ein fester Begriff. Das Besondere besteht darin, dass zum Beispiel bei einer Männerlarve die Haare nur gemalt sind, der Bart dagegen plastisch geschnitzt ist“, erklärt Karl Buchwieser. „Das gibt es sonst nirgendwo.“

Aufträge aus Amerika – die Zeiten sind vorbei

Noch heute geben die Einheimischen geschnitzte Holzlarven bei den Buchwiesers in Auftrag. Die meisten Touristen kaufen allerdings lieber preiswerte maschinell gefräste Masken. Als Karl Buchwieser seinen Beruf erlernte, war das noch anders. „Ich wollte schon immer Holzschnitzer werden, das war mein Traumberuf und ist es heute noch“, erzählt der 84-jährige Bildhauer, der schon als kleiner Bub beim Vater, ebenfalls Holzschnitzer, in der Werkstatt mitarbeitete. „Bei mir gab es eigentlich gar keine Alternative.“

Vier Jahre lang ging Karl Buchwieser auf die Holzfachschule. Sein Vater habe damals in Oberammergau gearbeitet, wo auch drei Südtiroler Schnitzer waren. Bei einem der besten von ihnen, der große Aufträge für Amerika hatte, arbeitete Karl Buchwieser dann. „Da habe ich damals in der Woche erst 30 Mark, dann 35 Mark verdient“, sagt der Bildhauer und lacht. „Aber das hat mir viel gebracht, auch in menschlicher Hinsicht.“

Es waren goldene Zeiten für Schnitzer. „Damals waren die Amerikaner ganz verrückt nach Holzschnitzereien. Da begannen Leute zu schnitzen, die nichts gelernt hatten“, erinnert sich Karl Buchwieser. „In der Werkstatt, in der ich arbeitete, gab es 30 Schnitzer, das war ein echter Boom“, erzählt er. „Und jetzt haben wir wieder die Rückwärtsentwicklung. So ein Wald- und Wiesenschnitzer hat ja gar keine Chance mehr.“

Am ehesten könnten heute noch die ausgebildeten Holzschnitzer mit ihren individuellen Werken etwas verdienen, „so wie mein Sohn Sebastian und ich“. Nach seiner Lehre studierte Karl Buchwieser an der Münchner Kunstakademie und machte sich dann ab 1960 mit seiner Werkstatt in Grainau als Meister selbstständig, schnitzte erst einmal Krippenfiguren, um seine Familie zu ernähren. Zunehmend fand der Grainauer wieder zur Kunst zurück, erhielt auch größere Aufträge, wie er erzählt.

Erst vor zwei Jahren konzipierte und schnitzte Buchwieser eine ganz besondere Krippe für die Dauerausstellung im Werdenfelser Heimatmuseum, die filigran geschnitzte Figuren aus aller Welt und auch eine Unterwelt zeigt. „Meine Kirchenkrippen zeichnen sich dadurch aus, dass es bei mir keine Landschaft gibt. Die Heilige Familie ist für mich eine Erscheinung, und so stelle ich das dar. Und ich habe oben in der Gloriole die ganzen wichtigen Religionen versammelt“, erklärt der Bildhauer, der immer noch voller Ideen ist. „Nur so kann man weiterleben.“

Oft verbrachte Karl Buchwieser ganze Sommer als Hirte auf einer Alm, zeichnete dabei Bäume und schrieb Texte dazu. Seine Zeichnungen sowie seine Schnitzwerke wurden im vergangenen Jahr in einer Ausstellung im Museum Aschenbrenner in Garmisch-Partenkirchen und davor in Grainau gezeigt, außerdem ist Karl Buchwieser derzeit in dem Kino-Dokumentarfilm Alpgeister von Regisseur Walter Steffen zu sehen. Auch Sebastian schnitzte bereits als kleiner Junge zusammen mit seinem Vater Karl in der Werkstatt und ging mit ihm oft in die Berge, wie er erzählt. Beides hat ihn geprägt.

„Groan-Art“ nennt Sebastian Buchwieser seine Kunst. „Groan, vom bairischen Wort wachsen, aber auch wie Grainau, in dem das Wort grün steckt“, erklärt der 56-jährige Vater zweier Töchter. Ihm gehe es darum, die Schönheit aus dem Holz herauszuarbeiten, sichtbar zu machen, Modernes und die Tradition zu verbinden. Deshalb verwendet Buchwieser vorwiegend heimische Hölzer aus der Gegend.

Anders als sein Vater fertigt der Holzbildhauer „eher größere Skulpturen für den Garten, oft zwei Meter hoch“. Für die gerade zu Ende gegangene Ausstellung Wege im Werdenfels Museum Garmisch-Partenkirchen hat er ebenfalls ein großes Kunstwerk mit dem Titel „Seele“ geschaffen. Es wurde jetzt zum 150. Jubiläum der „Schule für Holz und Gestaltung“ in Garmisch-Partenkirchen gezeigt. Wie ein Korkenzieher schraubt sich eine Skulptur nach oben, erinnert an eine Flamme. „Ein Bild für die Seele und das Lebendige, das da aus dem Holz herauskommt“, wie Buchwieser erklärt, der selbst Schüler der Holzfachschule war.

„Groan-Art“ nennt der Sohn seine ausgefallene Kunst

Wie eng seine Kunst mit der Tradition verwachsen ist, sieht man auch an den Stankern, die er vor dem Vergessen bewahren möchte. „Stanker sind die Stangen, an denen man früher überall das Heu zum Trocknen aufgehängt hat, heute werden sie leider nicht mehr gebraucht“, erklärt Buchwieser. Für einen Freund hat er etwa eine „Stankerobe“, eine Garderobe aus den Heustangen, gefertigt, bemalt und Gesichter hineingeschnitzt.

„Bei den Schalen bin ich gerade in der Aufbauphase“, sagt Sebastian Buchwieser. Für sie verwendet er auch gerne Farben, sanfte Grün- oder Gelbtöne etwa, die gut zum Holz passen. „Ich bekomme schon immer wieder Aufträge, zum Beispiel hat jetzt ein Feriengast bei mir eine Skulptur für den Garten bestellt“, erzählt Sebastian Buchwieser. Die meisten werden aber über seine Homepage auf ihn aufmerksam. Gerade war Sebastian Buchwieser noch häufig als Bergführer unterwegs. Doch jetzt, wo es kälter wird, widmet er sich in der Werkstatt wieder ganz seiner Kunst.
(Lucia Glahn)

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