Leben in Bayern

Die Fußball-WM im Wüstenstaat Katar erhitzt die Gemüter. (Foto: dpa/Robert Michael)

24.11.2022

WM in Katar: „Es fällt mir schwer, den Blick aufs Sportliche zu richten“

Bayerns Polit-Prominenz blickt überwiegend kritisch auf das umstrittene Turnier, das am vergangenen Sonntag begonnen hat

Seit vergangenem Wochenende rollt der Ball bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Doch nicht der Sport dominiert die Wahrnehmung, sondern die Diskussion um Menschenrechte, das Vorgehen des Fußballweltverbands FIFA, Protestaktionen und schweigende Iraner. So tut sich auch ein großer Teil der bayerischen Politikprominenz schwer, das Turnier und die Auftritte der deutschen Mannschaft unbeschwert zu verfolgen.

Die Spitzen von Landtag beziehungsweise Freistaat wollten sich nicht dazu äußern, ob sie die Weltmeisterschaft im Wüstenstaat verfolgen: Ministerpräsident Markus Söder und Landtagspräsidentin Ilse Aigner (beide CSU) hüllten sich auf Anfrage in Schweigen. Aigner ließ ausrichten, sie sei generell kein großer Fußballfan. Und der Ministerpräsident hatte wohl aus seiner Sicht schon vor Turnierstart in den sozialen Netzwerken alles zu dem Thema gesagt: „Die Vergabe der Weltmeisterschaft nach Katar war ein großer Fehler“, teilte er dort mit. Doch den Spielern sei kein Vorwurf zu machen, weswegen er auch als großer Fußballfan der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drücke. Unterstützung kann die deutsche Nationalmannschaft nach der Auftaktniederlage in den verbleibenden zwei Vorrundenspielen sicher gebrauchen.

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Söders Stellvertreter, Vizeministerpräsident und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), würde man auch bei einer völlig unumstrittenen Weltmeisterschaft kaum im Deutschlandtrikot und mit einer Flasche Bier in der Hand vor dem Bildschirm vermuten. „Ich bin nicht der große Fernseh-Fußballfan und werde wahrscheinlich kaum ein Fußballspiel mitverfolgen“, erklärt er wenig überraschend zur aktuellen Weltmeisterschaft.

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Auch Innen- und Sportminister Joachim Herrmann (CSU) lässt wie Aiwanger die Politik bei seinem Statement aus dem Spiel: „Selbstverständlich drücke ich der deutschen Mannschaft die Daumen.“ Und er werde auch gerne deren Spiele im Fernsehen anschauen – „soweit es mein Terminplan erlaubt“.

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Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) will sich auch Spiele der deutschen Mannschaft anschauen. Sie wünscht den Fußballern Erfolg. „Die sportliche Leistung steht im Mittelpunkt“, betont sie. Aber sie sagt auch ganz deutlich: „Ich bin davon überzeugt, dass die Vergabe der WM nach Katar ein Fehler war. Als Frau kann ich nicht darüber hinwegsehen, dass insbesondere Frauenrechte dort nicht respektiert werden.“

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Auch Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) will das eine oder andere Spiel vor dem Bildschirm verfolgen und sehen, ob das deutsche Team schon wieder zur Weltspitze gehört. Doch er sagt auch: „Es fällt mir als Fußballfan schwer, den Blick aufs Sportliche zu richten.“ Die Entscheidung der FIFA, die WM in ein Land zu vergeben, das eine fragwürdige Einstellung zu Menschenrechten und Arbeitsbedingungen habe, hält er für grundlegend falsch. „Hinzu kommt der unglaubliche Ressourcenverbrauch, den diese Weltmeisterschaft jetzt und bereits im Vorfeld verursacht hat.“

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Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) stellt eine medizinische Diagnose: „Das System FIFA ist krank, und die WM-Vergabe an Katar ist symptomatisch dafür.“ Für ihn ist es wichtig, dass die Situation in Katar in Bezug auf Menschenrechte, Homophobie und Skandale beim Stadionbau öffentlich so massiv thematisiert wurde. „Ich sage ganz klar: Wenn Menschen sterben müssen, um eine WM auszurichten, dann müsste die FIFA eigentlich eine Notbremse ziehen“, erklärt Holetschek. Doch von einem Boykott der Zuschauenden hält er nichts. „Das würde nur die Spieler bestrafen, die in Katar das machen, wofür wir sie alle lieben: Fußball spielen.“ Einen Boykott hätten andere beschließen müssen, und früher.

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Für Bau- und Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) sind Zeitpunkt und Austragungsort „sehr unglücklich gewählt“. Er hofft darauf, dass der Fußballweltverband bei seinen Entscheidungen in Zukunft mehr Fingerspitzengefühl an den Tag legt. Trotzdem will er das eine oder andere WM-Spiel ansehen – „wenn es meine Zeit erlaubt“.

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„Diese WM hat einen sehr bitteren Beigeschmack und ich bin der Meinung, dass sie niemals hätte nach Katar vergeben werden dürfen“, sagt Digitalministerin Judith Gerlach (CSU). Bei der Vergabe müssten aus ihrer Sicht auch die politische und die gesellschaftliche Komponente des Austragungsorts beachtet und diskutiert werden. „Diese Gegebenheiten schließen aber nicht aus, dass ich der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drücke“, erklärt Gerlach. Viel wichtiger als ein WM-Titel ist ihr aber, „dass wir den kritischen Blick auf Menschenrechtsverletzungen auch nach dem Schlusspfiff am 18. Dezember beibehalten“.

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Zwei Herzen schlagen auch in der Brust von Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler): „Ich bin leidenschaftlicher Fußballer und auch leidenschaftlicher Fußballfan. Ich bin gerne im Stadion, genieße das Spiel auf dem grünen Rasen und die Stimmung“, sagt er. Von seiner Kindheit an hat er bei jedem Spiel der Nationalmannschaft mitgefiebert. „Doch die WM nach Katar zu vergeben war ein Fehler. Wer solche Entscheidungen trifft, zeigt, wie weit er vom Sport entfernt ist.“ Die Vergabe großer Sportveranstaltungen soll, wenn es nach ihm ginge, künftig transparenter ablaufen und Länder ausschließen, die Menschenrechte nicht wahren. Dazu müssten Nachhaltigkeit und Umweltschutz als Kriterien eine größere Rolle spielen.

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Ähnlich ambivalent sieht das Markus Blume (CSU), der Staatsminister für Wissenschaft und Kunst: „Diese WM hätte nie an Katar gehen dürfen“, erklärt er. „Aber die Fußball-WM bleibt trotzdem ein sportliches Highlight für Athleten und Fans aus aller Welt, dem nicht ein völliger Zuschauer-Boykott das Licht ausknipsen sollte. Deshalb werde ich die WM auch verfolgen – wenngleich weniger unbeschwert, als ich es gerne würde.“

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„Um ehrlich zu sein, bin ich noch nicht in WM-Stimmung“, betont Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Das liege zum einen am Gastgeberland und beispielsweise den homophoben Äußerungen des WM-Botschafters. Zum anderen sei eine WM im Winter schon gewöhnungsbedürftig. „Aber ich werde mir sicher das ein oder andere Spiel der deutschen Mannschaft anschauen“, erklärt der OB.

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Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, wird vermutlich kein Spiel der WM verfolgen. „Als leidenschaftliche Handballerin ist Fußball auch bisher schon nicht mein favorisierter Sport. Die ganzen hässlichen Begleiterscheinungen dieser WM – von Vergabe über Menschenrechtsverletzungen zu Sanktionen gegen One-Love-Kapitänsbinden – haben mich jetzt nicht überzeugt, diesem FIFA-Turnier eine Chance zu geben“, sagt sie. Grundsätzlich sei sie aber sportbegeistert und glaube an die vielen positiven Dinge, die der Sport auch erreichen kann, etwa bei der Integration und Inklusion.

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Thomas Kreuzer, der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, plädiert dafür, den Blick wieder mehr auf den Sport zu richten: „Ich sehe die Vergabe der Fußball-WM nach Katar sehr kritisch. Aber: Die Entscheidung ist erfolgt, die Weltmeisterschaft findet statt.“ Somit sollte aus seiner Sicht die weitere Entwicklung nicht auf Kosten der Sportler in Katar gehen. „Deshalb werde ich die WM-Spiele natürlich verfolgen.“

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Auch AfD-Fraktionsvorsitzender Ulrich Singer wünscht sich, dass wieder der Sport im Mittelpunkt steht – „ohne Ideologie und erst recht ohne menschenfeindlichen Islamismus“, erklärt er. Der Fußball werde zunehmend durch „linke Ideologien, Gender- und ,Diversity’-Parolen“ instrumentalisiert. „Für mich ist das scheinheilig in Anbetracht der unterdrückten Frauen in Katar und der ausgebeuteten Arbeiter auf den WM-Baustellen.“

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SPD-Fraktionschef Florian von Brunn war offenbar so mit der Vorbereitung auf seinen Auftritt in der Sendung Jetzt red i im Bayerischen Fernsehen beschäftigt, dass er gar keine Zeit hatte, gegenüber unserer Zeitung ein Statement abzugeben. Eine klare Meinung zur WM scheint er aber doch zu haben. Vor Kurzem retweetete er den Beitrag des SPD-Wahlkampfmanagers Raphael Brinkert. Dieser hatte geschrieben: „Die Infantino-WM ist eine Schande.“

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Grundsätzlich interessiert sich Florian Streibl, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, für Fußball-Weltmeisterschaften. Er fiebert dann auch mit der deutschen Mannschaft mit. „Bei der jetzigen WM in Katar kommt jedoch keine richtige Stimmung auf“, sagt er. „Denn sie hat einen fahlen Beigeschmack, die einem die Lust am Fußball vermiesen kann. Von daher glaube ich nicht, dass ich viele Spiele verfolgen werde.“ Sollte die Nationalmannschaft jedoch das Finale erreichen, kann er sich immerhin vorstellen, diese Partie zu verfolgen.

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Auch FDP-Fraktionschef Martin Hagen klingt wenig begeistert, als er zur Weltmeisterschaft befragt wird. „Anders als bei bisherigen Turnieren hat mich das WM-Fieber diesmal nicht so richtig gepackt. Ich verfolge die Spiele der deutschen Mannschaft, aber es bleibt ein schaler Beigeschmack.“ Und dabei geht es ihm nicht um die Niederlage der Nationalmannschaft im ersten Spiel gegen Japan, sondern um den Austragungsort: „Die WM nach Katar zu vergeben war ein Fehler“, findet Hagen.

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Früher saß sie für die Grünen im Landtag, seit dieser Legislaturperiode ist Tessa Ganserer Bundestagsabgeordnete. Normalerweise würde sie sich ja gar nicht mit Fußball beschäftigen, sagt die Queer-Politikerin. Doch bei dieser WM geht es ja nicht nur ums Sportliche. „Die massiven Menschenrechtsverletzungen des Gastgebers Katar bringen mich in Rage: Die vorgestrige Situation der Frauenrechte in dem Land, die Tatsache, dass es dort für Homosexualität nach wie vor drakonische Strafen gibt und dass Schwule, Lesben, Bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen stigmatisiert werden, sowie die vielen toten Gastarbeiter*innen stehen dem massiven Geldscheffeln gegenüber, um das es bei solchen Sport-Großveranstaltungen offensichtlich geht.“ (Thorsten Stark)
 

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