Politik

„Man muss sich weiterentwickeln“: Fridays for Future setzt statt auf große Streiks zunehmend auf dezentrale Arbeit. (Foto: dpa/Monika Skolimowska)

14.01.2022

Aktivismus in Zeiten von Corona

Das Gesicht der Proteste von Fridays for Future hat sich verändert – leiser ist die Kritik aber nicht geworden

Jeden Freitag demonstrieren: Das war einmal. Nicht, dass es um die Fridays-for-Future (FFF)-Aktivist*innen in Bayern still geworden wäre. Aber das Gesicht der Proteste hat sich verändert. So hat etwa im vergangenen Jahr die Bad Tölzer Ortsgruppe, wie die Aktivistin Katharina Brandhofer erzählt, von wöchentlichen auf monatliche Demos umgestellt. Zeitlich sei es für viele Ältere, die in der Schule angefangen hätten zu demonstrieren, nicht mehr gut zu schaffen, jede Woche auf die Straße zu gehen.
Auch die Münchner Ortsgruppe, die aktivste im Freistaat, hat im Dezember auf einen monatlichen Rhythmus umgeschwenkt. Zeichen der Erschöpfung sieht die bayerische Aktivistin Anja Paolucci trotzdem nicht. „Wöchentliche Streiks waren ein sehr großes Ding und das, was unsere Bewegung geprägt hat. Aber man muss sich weiterentwickeln.“ Immer noch organisierten sich viele Tausend Menschen in bayerischen „Orgateams“, mehrere Zehntausend gingen auf die Straße. Sie räumt allerdings ein: „Es gibt immer wieder Auf und Abs in der Arbeit.“

In Bayern stützt sich die Bewegung stark auf dezentrale Arbeit. Die jungen Leute organisieren sich in ihrer Kommune „ohne Anreize durch überregionale Strukturen“, wie Anja Paolucci erklärt. Besonders aktiv seien die Ortsgruppen in München, Erlangen Regensburg und Bamberg.

Für die Münchner fand der erste organisierte Streik des Jahres 2022 am vergangenen Freitag statt. Einen „hybriden Aktionstag“ hatte FFF deutschlandweit angekündigt. Die Anhänger von FFF streikten vor Ort, dezentral und via Netz für den Erhalt von Lützerath, liebevoll Lützi genannt, ein kleines Dorf, das dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen soll. Nun ist Lützi nicht um die Ecke. Aber gerade darum, sagt die Münchnerin Lea Voigt, sei es so wichtig, für die Problematik „einen Blick zu schaffen“. Mehr als 200 Teilnehmer*innen fanden sich allerdings nicht auf dem Marienplatz ein.

Die Greenwashing-Pläne der EU sorgen für Wut

Kurz vor der Bundestagswahl hatten die Proteste naturgemäß eine völlig andere Größenordnung. Für effektiveren Klimaschutz ging FFF überall in Bayern auf die Straße. Auf Twitter wurde das Event schon vorab mit Enthusiasmus gefeiert, etwa von FFF Regensburg: „Leuteeee, es wird krass!“, hieß es dort. „Laufdemo durch die Innenstadt, super Redebeiträge, Theater und geile Musik.“ Anderswo klopften sich die Mitglieder hinterher auf die Schulter: „Starke Demo heute in Erlangen! Zusammen mit 2500 Menschen heute wieder ein Zeichen für Klimagerechtigkeit gesetzt.“

Und doch, findet Lea Voigt: „Es war ein guter Streik. Er sollte ein Bild davon geben, was in Zukunft los ist.“ Seit einem Jahr ist die Studentin der Geowissenschaften bei den Protesten dabei. „Ich finde es unglaublich wichtig, dass die Klimakrise eine starke Stimme hat und Leute darauf aufmerksam werden. Und ich habe große Angst davor, wie es in der Zukunft aussieht. Überflutungen, Dürren, Extremwetterlagen: All das hat schon begonnen und könnte noch extremer werden.“

Gebetsmühlenartig wiederholen junge Leute wie Lea Voigt darum ihre Forderungen – trotz der Corona-Krise, die nicht nur viel Aufmerksamkeit von anderen politischen Themen abzieht, sondern das Versammeln selbst erschwert.

Dass die Grünen, als genuin klimabewusste Partei an sich ein Hoffnungsträger der Bewegung, inzwischen Teil der Bundesregierung sind, beruhigt die Gemüter keineswegs. Schon im Wahlkampf war ihr klar, sagt Lea Voigt, dass auch die neue Regierung die nötigen Veränderungen nicht mit aller Kraft anschieben würde.

Fridays for Future kritisiert, der Vertrag von SPD, Grünen und FDP verfehle das eigene Versprechen zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze. Den für 2030 geplanten Kohleausstieg heftet sich die Bewegung zwar auch als eigenen Erfolg an die Brust. Aber insgesamt, so die Kritik, entschieden sich die Ampel-Parteien „bewusst für eine weitere Eskalation der Klimakrise“. „Es ist ein Skandal“, heißt es auf der FFF-Homepage, „dass die Ampel den CO2-Preis nicht erhöhen will, die Erdgasinfrastruktur ausbauen möchte und nicht alle Dörfer an der Kohlegrube Garzweiler vor der Zerstörung schützt.“

Stattdessen wird eine „echte Transformation der Gesellschaft“ gefordert. Und angekündigt, man werde die „1,5-Grad-Politik der Ampel-Koalition erkämpfen“. Gerade laufen die sogenannten Hunderttageforderungen an die neue Bundesregierung. FFF verlangt darin von der Politik, ein 1,5-Grad-konformes CO2-Budget zu verabschieden, sofort alle Erdgasinfrastrukturprojekte zu beenden und bis 2035 aus dem Erdgas auszusteigen. Außerdem tritt FFF für eine Versiebenfachung des Ausbaus von Sonnen- und Windenergie, für eine radikale, sozial gerechte Mobilitätswende und die Übernahme globaler Verantwortung ein.

Das aktuellste Ärgernis: die EU-Taxonomie. Weder Erdgas noch Atomkraft seien in irgendeiner Weise nachhaltig, betont Anja Paolucci: „Das ist ein Greenwa-shingprozess, der nicht nur leugnet, was getan werden muss, sondern die EU-Taxonomie als Instrument diskreditiert.“ Auch auf Landesebene wollen sich die bayerischen Aktivist*innen 2022 wieder starkmachen.
„Vorletztes Jahr haben wir sehr explizit im Vorfeld der Kommunalwahlen gearbeitet, auf die Staatsregierung Druck ausgeübt und gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe gegen das Bayerische Klimaschutzgesetz geklagt“, erklärt Anja Paolucci.

Mit der Novelle, die jetzt in die erste Lesung geht, sind die jungen Leute nur „begrenzt zufrieden“. Sie kündigt an: „Wir werden auf jeden Fall mit Aktionen Stellung zur Novelle des neuen Klimaschutzgesetzes beziehen und heftig Einfluss nehmen auf die Entwicklung des Landesentwicklungsplans.“ Paolucci verspricht: „Die Mobilisationskraft ist da!“
(Monika Goetsch)

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