Politik

Feiern wie 2019: Ob das nächstes Jahr auf dem Summerbreeze-Festival in Dinkelsbühl wieder möglich sein wird, steht noch in den Sternen. (Foto: Silverdust)

22.10.2021

Angst um den Festivalsommer 2022

Zu niedrige Einnahmen, mangelnde Planungssicherheit, wenig Unterstützung aus der Politik

Heavy Metal, Matsch und wilde Mähnen: Seit 2006 lockt das Summer Breeze Open Air in Dinkelsbühl jedes Jahr 60 000 Gäste an und ist damit eines der größten Festivals in Deutschland. Nach der Corona-Zwangspause wollten die Veranstalter 2022 wieder durchstarten – doch sie haben die Rechnung ohne die Staatsregierung gemacht. Obwohl der Summer-Breeze-Veranstalter Jonas Medinger von Silverdust ständig den Kontakt zur Politik gesucht hat, seien sie nicht gehört worden. „Teilweise ging das stetige Weiterverweisen auf andere Zuständigkeiten so weit, dass man nach sechsmaligem Weiterleiten wieder dort landete, wo das ursprüngliche Anschreiben eingegangen ist.“ Silverdust drohte öffentlich, den bayerischen Standort zu verlassen, da die Landesregierung im nahe gelegenen Baden-Württemberg regelmäßig das Gespräch gesucht hat.

Sanne Kurz (Grüne) kann nicht nachvollziehen, warum sich die Staatsregierung bei einem Jahresumsatz des Summer-Breeze-Festivals von sieben Millionen Euro nicht mehr ins Zeug legt. Möglicherweise, weil die Firma ihren Sitz in Baden-Württemberg hat, argwöhnt sie. Es setzt sich in ihren Augen das fort, was bereits in den letzten eineinhalb Jahren schiefgelaufen ist: keine Antworten auf Anschreiben, keine Zusammenarbeit und die Richtlinien immer erst wenige Tage vor Öffnungsschritten. „Das zeugt von tiefer Missachtung der gesamten Szene“, klagt Kurz. Sie fordert eine Garantie, dass Festivals im Sommer zumindest unter 2G stattfinden können.

Klare Ansagen von der Politik wünscht sich auch der Geschäftsführer von MünchenMusik, Andreas Schessl. „Die jeweils gültigen Bestimmungen wurden in den letzten Monaten immer nur kurzfristig erlassen, sodass eine wirklich verlässliche Planungssicherheit nicht gegeben ist“, klagt er. Die Politik habe sich zwar bemüht, sei jedoch regelmäßig an der Praktikabilität gescheitert. Planung, Vertragsabschlüsse, Ticketanlage und Vorverkauf brauchen nun mal eine gewisse Vorlaufzeit. Schessl ist allerdings optimistisch und glaubt, dass alle Veranstaltungen im Sommer 2022 ohne jegliche Einschränkungen stattfinden können. Allerdings spürt er bei Teilen des Publikums noch eine Zurückhaltung bei den Ticketkäufen.

„Die Branche ist stark mitgenommen“, meint Ex-Kunstminister und Kunstausschuss-Vize Wolfgang Heubisch (FDP). Das anstehende Weihnachtsgeschäft für den Konzert- und Festivalsommer 2022 dürfe daher als zentrale Einnahmequelle nicht noch mal verloren gehen. „Das kann aber nicht funktionieren, wenn die Staatsregierung alle vier Wochen neue Corona-Verordnungen veröffentlicht, die in anderen Bundesländern wiederum ganz anders ausgestaltet sind“, kritisiert er. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob die Besucherinnen und Besucher ihre Tickets überhaupt behalten oder vorher zurückgeben.

 Ein weiteres Problem der Branche: „Es wurden bereits viele Tickets verkauft, die auf den Kalkulationen von 2020 fußten und somit zu günstig verkauft wurden“, verdeutlicht der Geschäftsführer des Concertbüro Franken, Axel Ballreich. Zusätzlich sei durch die kurzfristigen Entscheidungen der Staatsregierung vieles zunichte gemacht worden. „Es besteht generell weiterhin eine unzureichende Idee in der Politik, wie die Branche funktioniert“, klagt Ballreich. Zudem sei die freie Musikwirtschaft zwischen den Ministerien für Kunst und Wirtschaft angesiedelt worden, weshalb sie oft bei beiden herunterfalle. Ballreich wünscht sich im Landtag so wie im Bundestag ein parlamentarisches Forum zum besseren Austausch über die Themen Veranstaltungen und Live-Kultur.

Schleppende Ticketverkäufe

Die Freien Wähler beklagen ebenfalls, dass durch die Infektionsschutzverordnung kaum verbindliche Aussagen für das Veranstaltungsjahr 2022 möglich sind. Der CSU-Koalitionspartner würde diese daher gern abschaffen. Die Branche leide schon genug unter auslaufenden Bundessubventionen und den um 30 Prozent gestiegenen Kosten, erläutert Manfred Eibl (FW). „Wir müssen daher den eingeschlagenen Kurs der schrittweisen Abschaffung von Einschränkungen für Veranstaltungen konsequent fortsetzen.“ Seine Fraktion setzt sich zudem für eine 2G/3Gplus-Garantie und einen Festivalfonds ein, um die Branche beim Restart zu unterstützen.

 Patrick Oginski von Südpolmusic aus München beklagt, dass bei den Cluböffnungen Anfang Oktober die Konzertbühnen bei der 3Gplus-Regelung erneut vergessen worden sind. Inzwischen konnten die daraufhin erneut verlegten Shows zwar unter 3Gplus nachgeholt werden. „Dennoch wünschen wir uns nach wie vor, dass man uns als Experten aus der Veranstaltungsbranche vor entsprechenden Entscheidungen einbindet“, sagt Oginski. Da er noch länger mit einem schleppenden Ticketverkauf rechnet, fordert er eine flexible Kurzarbeitsregelung und weitere Überbrückungshilfen.

Das Kunstministerium kann die Aufregung nicht nachvollziehen. Selbstverständlich habe die Staatsregierung auch die Bedürfnisse der großen Open-Air-Veranstalter im Blick, betont eine Sprecherin. „Mit der 2G- beziehungsweise 3Gplus-Regelung und dem Ausfallfonds des Bundes steht ein verlässlicher Werkzeugkasten zur Verfügung.“ Der Sonderfonds übernimmt bei coronabedingten Absagen oder Verschiebungen einen Großteil der Ausfallkosten. Kunstminister Bernd Sibler (CSU) sei aber „zuversichtlich“, dass durch den Impffortschritt 2022 wieder ein kulturreiches Leben im Freistaat möglich ist. Eine 2G/3Gplus-Konzertgarantie will er jedoch nicht abgeben.

Immerhin: Fast ein Jahr nachdem die Summer-Breeze-Veranstalter mit den Arbeiten an ihrem 140-seitigen Infektionsschutzkonzept begonnen haben, läuft die Zusammenarbeit mit der Politik langsam an. Es sei zwar noch viel Luft nach oben – „aber es wird uns Gehör geschenkt“, sagt Summer-Breeze-Veranstalter Medinger. Das nächste Festival soll wieder in Dinkelsbühl stattfinden. Finanziell werde das zwar durch Corona ein Verlustgeschäft. „Für uns ist es aber schon ein Erfolg, wenn unser Festival im Jahr 2022 stattfinden kann, etliche Fans nach Dinkelsbühl pilgern und 130 internationale Bands ihre Kunst präsentieren können.“
(David Lohmann)

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