Politik

In Bayern arbeiten 36 700 Menschen in Werkstätten für Behinderte – nur wenigen gelingt der Sprung ins reguläre Arbeitsleben. (Foto: dpa/Arno Burgi)

17.01.2020

Arbeit ohne Lohn

Bislang sind Behinderte, die in Werkstätten arbeiten, laut Gesetz keine echten Arbeitnehmer – und das hat Folgen

Zehntausende Menschen in Bayern arbeiten in Werkstätten für Behinderte. Ein Mindestlohn gilt für sie nicht. Die Betroffenen arbeiten für durchschnittlich 250 Euro im Monat. Inklusionsaktivisten und Teile der SPD würden das gerne ändern. Dem Bundestag liegt bereits eine Petition vor. Denn zuständig ist der Bundesgesetzgeber.

Sie frankieren Briefe, waschen Polizeiautos, reinigen Kleidung oder montieren Leuchten zusammen. Über 300 000 Menschen mit Handicap arbeiten bundesweit in Werkstätten für Behinderte – oft außer Sichtweite der Mehrheitsgesellschaft. Die Werkstätten erwirtschaften einen Umsatz von rund acht Milliarden Euro.

Im Freistaat sind laut Sozialministerium rund 36 700 Menschen in solchen Einrichtungen beschäftigt. Dort werden sie je nach Träger ganz unterschiedlich behandelt. Doch eines haben fast alle Werkstätten gemeinsam. Der überwiegende Großteil der Behinderten arbeitet dort für nicht viel mehr als ein Taschengeld. Im Freistaat betrug das durchschnittliche monatliche Arbeitsentgelt eines Werkstattbeschäftigten im Jahr 2017 laut bayerischem Sozialministerium im Durchschnitt rund 250 Euro. Zu einem Grundbetrag von 89 Euro monatlich kommt den Angaben zufolge noch einmal ein Arbeitsförderungsgeld von bis zu 52 Euro „sowie ein individueller Steigerungsbetrag“ hinzu.

Die schlechte Bezahlung ist leider legal – noch

Das von den Vereinten Nationen (Uno) finanzierte Institut für Menschenrechte, das die Umsetzung der Uno-Behindertenrechtskonvention überwacht, spricht auch aufgrund der miesen Gehälter von einer „Ausgrenzung“ der Behinderten hierzulande. Ginge es nach der Uno, dürfte es die Werkstätten ohnehin längst nicht mehr geben. Bereits 2009 hat sich die Bundesrepublik mit der Uno-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, Menschen mit Handicap auf dem regulären Arbeitsmarkt zu integrieren. Doch Deutschland hält unbeirrt an den Werkstätten fest, und auch an den dort herrschenden Dumpinglöhnen wollte die Regierung in der Vergangenheit nicht rütteln.

Geht es nach zahlreichen prominenten SPD-Politikern wie dem stellvertretenden Parteichef Kevin Kühnert und dem Berliner Verein Sozialhelden, soll mit dem Lohndumping allerdings bald Schluss sein. In einer Petition fordern sie und mehrere Tausend Unterzeichner die Bundesregierung auf, Behinderte nicht länger wie Angestellte zweiter Klasse zu behandeln. Viele Behinderte würden nicht freiwillig in den Werkstätten arbeiten, argumentieren die Unterstützer der Petition. Sie seien nach der Schule schlicht in die Behindertenwerkstätten abgeschoben worden. „Dort verbringen sie notgedrungen ihr ganzes Arbeitsleben mit einer Aufwandsentschädigung von weniger als zwei Euro pro Stunde“, heißt es in der Petition.

Fakt ist: Der massenhafte Verstoß gegen den Mindestlohn in den Werkstätten ist völlig legal. Denn die dortigen Beschäftigten sind nach derzeitiger Gesetzeslage keine regulären Arbeitnehmer. Vielmehr sind sie aus Sicht des Bundessozialministeriums nur in einem arbeitnehmerähnlichen Verhältnis tätig. Ergo greift – so wie etwa auch bei Selbstständigen – das Mindestlohngesetz schlicht nicht. Aus Sicht vieler Werkstattbetreiber wäre ein höheres Gehalt jedoch schlicht nicht bezahlbar. Grund: Die Erträge seien zu niedrig.

Tatsächlich haben Werkstätten in der Regel eine geringere Produktivität als eine normale Firma. Zwar bekommen sie Spenden und staatliche Unterstützung – doch bundesweit beschäftigten sie laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) im Jahr 2016 rund 70 000 Fachkräfte, die die Beschäftigten anleiteten. Das kostet. Und die Preise für die Produkte können nicht beliebig gesteigert werden. Schließlich müssen viele Behindertenbetriebe mit Billigkonkurrenz aus dem Ausland mithalten.

Zwar arbeiten in den Werkstätten auch viele Menschen, die mit mehr Bemühungen seitens des Staats, der Wirtschaft und der Werkstattbetreiber auch auf dem regulären Arbeitsmarkt unterkommen würden – darunter viele psychisch Kranke. Doch es gibt auch Tausende Schwerst- und Mehrfachbehinderte, die rund um die Uhr Betreuung und Anleitung brauchen. „Die Werkstätten als Einrichtungen der Eingliederungshilfe können das selbst nicht erwirtschaften“, sagt eine Sprecherin der Lebenshilfe Bayern, in deren 39 Werkstätten mit teils mehreren Standorten im Freistaat derzeit rund 18 600 Menschen mit Behinderungen arbeiten. Eine Aufgabe der Werkstätten sei es auch, Menschen mit Behinderungen so fortzubilden und zu fördern, dass sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten können, heißt es bei der Lebenshilfe. Andere Träger argumentieren ebenfalls, dass die Vermittlung Behinderter in den regulären Arbeitsmarkt – etwa durch Integrationsfirmen – viel Geld koste.

Befürworter der Petition halten dieses Argument jedoch für vorgeschoben. „Die Gesellschaft sperrt hier einfach nur Menschen aus“, sagt ein Sprecher der Sozialhelden. Nur gerade einmal jeder Fünftausendste würde aus einer Werkstatt heraus in den Arbeitsmarkt vermittelt, argumentieren die Kritiker.

Die Bundesregierung wollte die niedrige Quote ab Januar 2018 mit dem sogenannten Budget für Arbeit zwar deutlich erhöhen. Doch Recherchen der Staatszeitung hatten im vergangenen Jahr aufgezeigt, dass mithilfe des Budgets nur einer extrem kleinen Zahl an Behinderten der Sprung in das reguläre Arbeitsleben gelingt. Da wohl auch künftig Tausende Behinderte in Werkstätten arbeiten werden, sind die dortigen Arbeitsbedingungen weiterhin von Bedeutung.

Tatsächlich sind manche Betreiber durchaus offen für einen Mindestlohn in ihren Einrichtungen. „Grundsätzlich findet die Lebenshilfe in Bayern ein höheres Arbeitsentgelt für Menschen mit Behinderungen in Werkstätten, zum Beispiel entsprechend dem gesetzlichen Mindestlohn, immer begrüßenswert“, sagt eine Sprecherin der Lebenshilfe. Die damit verbundenen höheren Ausgaben müssten jedoch über die öffentliche Hand refinanziert werden.

Offen ist, wer für die höheren Gehälter aufkäme

Doch dass der Bund die volle Differenz zum bisherigen Verdienst übernimmt, gilt als unwahrscheinlich. Dabei wäre es aus gesamtstaatlicher Sicht ohnehin lediglich ein Verschieben von einem staatlichen Topf in den anderen. Denn damit sie über die Runden kommen, erhalten die schlecht entlohnten Werkstättenmitarbeiter in der Regel Sozialhilfe. Und mitunter zahlen auch die Betreiber die Unterkunft und die Verpflegung der Beschäftigten.

Allerdings: Würde der Bund den Werkstätten aus Steuermitteln Geld zuschießen, könnte dies die Kommunen bei der Sozialhilfe entlasten. Und ein eigenes vernünftiges Salär würde Behinderten zeigen, dass sie produktive Mitglieder der Gesellschaft sind. So sehen das jedenfalls die Befürworter des Mindestlohns. „Sie arbeiten, also sollen sie auch einen Lohn und keine Almosen bekommen“, fordern die Sozialhelden.

Das CSU-geführte bayerische Sozialministerium verweist bei der Frage, ob ein Mindestlohn eingeführt werden soll, auf die dafür zuständige Bundesregierung. Ein Sprecher von Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer hebt jedoch hervor, dass der Staat Behinderten in Werkstätten bereits heute die Rentenbeiträge aufstocke, sodass diese bei den Rentenanansprüchen auf etwa 80 Prozent einer Durchschnittsrente kommen.

Die Bundesregierung will bis spätestens 2023 prüfen, „wie ein transparentes, nachhaltiges und zukunftsfähiges Entgeltsystem entwickelt werden kann“. Es werde „eine umfassende Betrachtung der Entgeltstrukturen in den Werkstätten für behinderte Menschen vorzunehmen sein“, versprach das SPD-geführte Bundessozialministerium bereits im vergangenen Sommer. Dass tatsächlich ein Mindestlohn für die Werkstätten kommt, gilt jedoch als äußerst unwahrscheinlich – daher die Petition.

Bereits heute oft ordentlich bezahlt werden übrigens die nicht behinderten Angestellten in den Werkstätten. Im Einzelfall auch mal zu gut. Eine Werkstätte geriet deshalb 2018 in die Kritik. Deren damalige Chefin soll ein Jahresgehalt von 376 000 Euro kassiert haben. Selbst die Bundeskanzlerin verdient nicht so viel. Auch gönnten sich Führungskräfte einer Einrichtung in Nordrhein-Westfalen einem Medienbericht zufolge bei einer Strategietagung eine Champagner-Sause auf Kosten der Werkstatt. Eine Anfrage der Staatszeitung dazu ließ die Einrichtung unbeantwortet. Die meisten Werkstätten jedoch arbeiten tadellos.

Sollte die Petition Erfolg haben und der Bund nicht für die Mehrkosten aufkommen, könnten viele Betriebe vor dem Aus stehen. Und: Vielen Behinderten würde angesichts fehlender Inklusionsmöglichkeiten die Arbeitslosigkeit drohen.

Die SPD muss nun zeigen, wie ernst sie es mit ihrem Versprechen der Gleichstellung Behinderter meint. Leicht dürfte dies angesichts des strikten Sparversprechens des konservativen Koalitionspartners allerdings nicht werden. Die Sozialhelden geben sich derweil streitlustig: „Wir geben nicht auf!“ (Tobias Lill)

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Kommentare (8)

  1. Herr Makki72 am 28.01.2020
    Leute demonstriert! Macht was! Denn ohne die Arbeit der Behinderten in den Werkstätten sehe die deutsche Wirtschaft alt wie ein Baum aus!
    die größte Sauerei war bei mir von einem relativ gutem Übergangsgeld im BBB fiel ich dann auf den Werkstattlohn runter
  2. Markus Fürstenberg am 24.01.2020
    Im Radio läuft gerade „The logical song“ von Supertramp. Ich zitiere:

    „Als ich klein war, kam mir das Leben noch schön vor –
    ein richtiges Wunder, alles ganz zauberhaft und magisch.
    Die Vögel in den Bäumen zwitscherten lustig vor sich hin,
    betrachteten mich fröhlich und verspielt.
    Aber dann schickte man mich fort und lehrte mich,
    vernünftig, logisch, verantwortungsbewusst und praktisch zu sein.
    Und man zeigte mir eine Welt, in der ich mich berechenbar, klinisch, sachlich, intellektuell und zynisch verhalten sollte […].
    Könnt Ihr mir bitte sagen, was wir da gelernt haben?
    Ich weiß, es klingt absurd – bitte sagt mir, wer ich bin.
    Pass gut auf, was du sagst, sonst nennen sie dich einen Radikalen, einen Liberalen, einen Fanatiker, einen Kriminellen.
    Wir sollten uns lieber akzeptiert, respektiert, vorzeigbar und natürlich fühlen.
    Nachts, wenn alles schläft, kommen sogar bei einem einfachen Menschen wie mir die bohrenden Fragen auf […].“

    Wir leben in einer LEISTUNGSGESELLSCHAFT! Es wird gewogen, gemessen und bewertet. Bereits in der Grundschule erfahren die Kinder, wo sie in der Leistungsrangliste stehen. Wie wird heute Personal ausgesucht? Es sind ausschließlich Leistungsstandards. Alle wollen die Besten, und das zu den besten Konditionen. Warum? Weil wir die besten Produkte, zu den besten Bedingungen anbieten wollen. Das sind die Voraussetzungen, um überhaupt am Marktgeschehen teilnehmen zu können. Ausnahme sind exklusive oder innovative Produkte, die es von nur einem bzw. sehr wenigen Anbietern gibt. Konkurrenzlos, weil Monopol, sind aber die wenigsten Produkte. Also finden wir uns in einem breiten Produktangebot wieder, das es in unzähligen Varianten und Ausprägungen gibt. Das nennt man dann Wettbewerb. Innerhalb diese Wettbewerbs wird dann wieder gemessen, gewogen und verglichen.

    Und dieser Vergleich geschieht heute leider fast ausschließlich auf Kosten von Mensch und Natur. Die Unterhaltungselektronik mit ihren großen Marktteilnehmern hat uns doch gelehrt, wie „geil Geiz ist“ oder „wie blöd ich bin“, wenn ich zu viel bezahle. In diesen Slogans finden sich weder Sozial- noch Ökostandards wieder. Solange es dem Konsumenten (und das sind wir alle) egal ist, wer sein Produkt herstellt, wo sein Produkt herkommt und was das Produkt von der Geburt bis zum Tod für einen ökologischen Fußabdruck hat, wird sich nicht viel ändern. Wer von uns ist bereit, für ökologisch nachhaltige und sozial faire Produkte mehr Geld auszugeben bzw. das eigene Konsumverhalten überhaupt erst einmal kritisch zu hinterfragen? Meines Wissens liegt die Bereitschaft für vergleichbare Produkte, von denen aber eines fair (ökologisch und sozial) ist, bei max. 15%. D.h. ab einem Preisunterschied von 15,1 % machen wir Augen und Ohren zu und greifen zum Billigen. Billig, weil kaum Öko- oder Sozialstandards eingehalten werden.

    Was heißt das nun für unsere Mitmenschen mit Handicap?
    Ein Unternehmer sucht einen Mitarbeiter. Er will den besten, der ihm zur Verfügung steht. Einen, der die geforderte Arbeit hochwertig, schnell, effektiv und möglichst preiswert erledigt. Denn desto wettbewerbsfähiger kann er seine Produkte anbieten bzw. seinen Gewinn maximieren. Jeder, der in der freien Wirtschaft arbeitet, kennt diesen Druck. Und da die Anforderungen ständig wachsen, wachsen auch die Anforderung an die Qualifikation der Mitarbeiter. Warum steigen wohl die Burnout-Zahlen in den letzten Jahren so dramatisch an? Besteht da vielleicht einen Zusammenhang?
    Hinzu kommt die Digitalisierung. Die Märkte werden immer transparenter. Und dadurch werden auch die Wege immer direkter, aber nicht unbedingt kürzer. Es ist heute kein Problem, ein spezielles Produkt direkt in China ab Fabrik zu kaufen. Der komplette Zwischenhandel wird ausgeschaltet. Die Sozial- und Ökostandards dieser Fabrik sind uns egal. Hauptsache unkompliziert, billig und schnell.

    Ich arbeite seit 20 Jahren in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM). Dort verantworte ich die Bereiche Produktentwicklung, Konstruktion, Marketing und Vertrieb. Ich kenne diese Themen bestens. Wir nehmen sehr erfolgreich mit unseren Eigenprodukten am Marktgeschehen teil. Dies ist aber nur möglich, weil wir Spezialisten haben, die ermitteln, was den Mitarbeitern Spaß (ohne Motivation geht hier wenig) macht, was der Mitarbeiter kann und was er ggf. für Unterstützung braucht – immer im Hinblick auf die persönliche Entwicklung. Das geht soweit, das wir spezielle Maschinen oder Vorrichtungen herstellen, die es den Menschen überhaupt erst ermöglichen, bestimmte Dinge zu tun. Wir könnten dabei ohne Probleme sehr viele Dinge vollautomatisieren und somit kostengünstiger herstellen. Auf dem Ersten Arbeitsmarkt nennt man das wegrationalisieren und das wiederum nennt man Fortschritt. Der Arbeitsplatz fällt weg, es macht jetzt eine Maschine. Bei uns in der WfbM läuft das genau andersherum. Haben wir einen Mitarbeiter, der nur eingeschränkt Arbeit erledigen kann, dann hat dies absoluten Vorrang vor der Automatisierung. Unter Umständen werden dabei Arbeiten so kleinteilig zerspant, dass quasi jeder einzelne Handgriff ermittelt wird. Es gibt Mitarbeiter, die schaffen z. B. sechs Handgriffe oder Tätigkeiten zusammenhängend. Andere aber nur zwei. Sitzt auf der einen Seite der Produktion ein Mitarbeiter, dann sitzen auf der anderen drei in einer Reihe. Beide „Produktionslinien“ verrichten im Ergebnis die gleiche Arbeit, aber in völlig unterschiedlicher Zeit. Kalkuliert man nun die beiden Produkte, kommen völlig unterschiedliche Preise dabei heraus. Wer ist nun bereit, das deutlich teurere Produkt der „Produktionslinie B“ zu kaufen? Niemand! Was heißt das in der Konsequenz? Produkt B ist nicht wettbewerbsfähig, weil baugleich, aber dreimal so teuer. Für die Mitarbeiter fällt die Arbeit weg, zu der sie überhaupt nur imstande sind. Wir installieren die Produktionslinie B trotzdem und kompensieren dies durch unsere gesamte Kostensituation.

    In unsere kapitalistischen, angelsächsischen Marktwirtschaft (soziale Marktwirtschaft war gestern) ist es eine verträumte Illusion zu glauben, dass es trotzdem funktioniert, wenn wir jetzt einen Mindestlohn für alle definieren. Ein Mindestlohn wäre aufgrund des wirtschaftlichen Drucks für das Konzept „WfbM“ tödlich. Daher ist dieser Gedanke völlig abwegig und zeugt von Unwissenheit und Inkompetenz.

    Mir sind Fälle von Menschen mit Handicap bekannt, die aus der freien Wirtschaft in eine WfbM gewechselt sind.
    Für die Menschen selbst bedeutet dieses „Scheitern“ oft eine Katastrophe. Dies zeigt, dass unser gesamtes Wirtschaften zurzeit noch nicht reif und imstande ist, sich den o. g. Anforderungen anzupassen, die notwendig sind, um überhaupt Menschen mit Handicap zu beschäftigen.

    Die Voraussetzung ist, diesen Aufwand überhaupt betreiben zu können und zu wollen sowie Personal bereitzustellen, das die Arbeit so organisiert, dass sie von den Menschen mit Handicap verrichtet werden kann. Diese arbeitstherapeutische Voraussetzung kostet Geld und damit sind wir wieder in dem zuvor beschriebenen Kreislauf gefangen. Zum Glück haben wir im Lohnfertigungsbereich (Verlängerte Werkbank der Industrie) Partner, die einzelne Arbeiten aus sozialem Engagement heraus von uns erledigen lassen. Voraussetzung dafür ist, dass diese Dienstleistung wettbewerbsfähig angeboten werden kann. Einen Mehrpreis akzeptieren dabei die wenigsten. Wir haben in der Vergangenheit Aufträge verloren, weil wir im Cent-Bereich teurer waren als eine Maschine oder ein Import aus einem Billiglohn-Land. Mit unseren Eigenprodukten können wir am Markt nur erfolgreich teilnehmen, weil wir mit viel Aufwand ständig innovative Lücken suchen, in die wir vorstoßen. Den Markt interessiert dabei selten, dass die Produkte von Menschen mit Handicap hergestellt und ökologisch nachhaltig sind. Zum Glück scheint sich hier gerade ein Sinneswandel in der Bevölkerung auszubreiten (Fridays for future sei Dank). Menschen mit Handicap (ebenso wie ökologische Produkte) haben erst dann eine Chance am Marktgeschehen teilzunehmen, wenn wir bereit sind, den echten Preis zu bezahlen. Der echte Preis berücksichtigt: den Effekt auf unsere Umwelt und die faire Bezahlung der am Prozess beteiligten Menschen und nicht nur die rein betriebswirtschaftliche Kostensituation.

    Fragt man nun die Menschen mit Handicap selbst – und da muss man deutlich differenzieren. Es gibt unterschiedliche Handicaps: Körper, Geist und Seele. Dabei hat ein Mensch mit einer Körper-/Sinnbehinderung andere und oft deutlich bessere Chancen als ein Mensch mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung –, dann beantworten die Menschen mit geistiger Behinderung (die oft mit Körper- und Sinnbehinderung einhergeht) dies deutlich: „Wir sind auf dem Ersten Arbeitsmarkt leider die Außenseiter. Hier in der Werkstatt fühlen wir uns wohl, weil man sich hier mit unseren Bedürfnissen auseinandersetzt und die Arbeit so gestaltet, dass es im Einklang funktioniert. Unsere Arbeit wird wertgeschätzt. Diese Wertschätzung geschieht durch den respektvollen Umgang untereinander und durch den Erfolg im Verkauf der Produkte oder Dienstleistungen. Die Arbeiten sind genau auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten. Es wird dabei kaum wirtschaftlicher Druck ausgeübt, obwohl dieser da ist.“ Es gibt wiederum Bereiche auf dem Allgemeinen Arbeitsmarkt, in denen Menschen mit Handicap Vorteile haben. Z. B. hat ein Mensch mit Sehbehinderung oft eine höhere Sensibilität der anderen Sinne. Dies kann beispielsweise beim Stimmen von Musikinstrumenten von Vorteil sein. Dies ist jedoch ein exklusiver Nischen-Arbeitsmarkt, der nicht für alle Handicaps gilt.

    Solange wir in unserem Wirtschaften nicht alle Bedürfnisse (sozial, ökologisch und ökonomisch) in einen Zusammenhang bringen, ohne dass dabei eine der drei Komponenten zu benachteiligen, ist eine Veränderung unmöglich.
  3. Miss Happy am 22.01.2020
    Auch im havelländischen Brandenburg sind diese Themen ein Brennpunkt.
    Es werden Menschen mit Behinderungen, deren Leistungen einem ersten Arbeitsmarkt entsprächen, in den Werkstätten festgehalten. Dafür werden junge Menschen, welche aus der Schule in die Werkstatt wechseln, sich anfänglichen Übergansschwierigkeiten stellen müssen, sehr schnell aussortiert und in Förder und Beschäftigungsberiche abgeschoben, mit dem Hinweis, zu einem späteren Zeitpunkt, wäre eine Berufsbildung denkbar.
    Eine positive Entwicklung wird bereits an dieser Stelle, ausgebremst. Die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung, werden überhört.
    Förder und Beschäftigungsbereiche, sollen Menschen mit schwerst und schwermehrfachbehinderten Menschen eine Teilhabe ermöglichen. Für diese, mangelt es daher an freien Plätzen, da diese anderweitig besetzt werden. Es ist eine Kette ohne Ende.
    In den Förder und Beschäftigungsbereichen, ist man dankbar über ein pflegeleichteres Klientel.
    Ich bin Mutter behinderter Kinder und bin traurig über das Leid, welches auch von anderen Betroffenen, an mich heran getragen wird. Woran wird Minderbelastbarkeit genessen? Was kann man von einem Menschen an Arbeit abverlangen, für knapp 2 Euro, am Tag?
  4. Assistenz-Praktikantin am 21.01.2020
    Ich war Praktikantin in einer Wohngruppe und habe in weiteren Einrichtungen als Bewerberin ein paar Stunden verbracht. Vorab: die WfbMs bekommen Aufträge aus der Wirtschaft, betreiben Restaurants, Cafés, Läden, Kantinen, Landwirtschaftsbetriebe etc. Ohne genug Arbeitskräfte, die entsprechende Leistungen bringen, wären solche Projekte nicht möglich. Klar gibt es Behinderte mit hohem Assistenzbedarf und stark eingeschränkten Einsatzmöglichkeiten, ähnlich wie es Schüler gibt, die auch mit Assistenz an Regelschulen überfordert wären. Wie häufig ist das so? In den Gesprächen hörte ich über WfbMs: Arbeitstage wie normale Berufstätige, Zeitdruck, durchaus anstrengende und v. a. monotone Arbeit, als Kantinenessen sowas wie "Schuhsolen mit Kartoffeln", kaum oder keine Entscheidungsmöglichkeit über Tätigkeits- oder gar Jobwechsel. Dazu wohnen viele Behinderte in Behinderten-Wohnheimen, was für Betreiber wg. Bürokratie einfacher aber auch lukrativer ist als z. B. integrative WGs. Eigene Erfahrungen als Sehbehinderte und Aussagen blinder Bekannter: auf dem "1. Arbeitsmarkt" bräuchten wir für manche Aufgaben nur etwas mehr Zeit zur Einarbeitung, vielleicht etwas andere Organisation des Arbeitsbereiches, oder technische Hilfen. Und nicht alle Behinderten werden in Folge öfter krank (AU ist sowieso eine doppelte Belastung, Lohnfortzahlung, Aushilfe suchen u. einarbeiten ...). Betriebe stehen unter Geld- und Zeitdruck oder sind nicht offen für Inklusion. Es gibt Ausnahmen. "Die Wirtschaft" müsste Druck rausnehmen, was allen gut tun würde, und Hilfen müssten unbürokratischer erreichbar sein, auch für Arbeitnehmer. Und wie viele Behinderte haben einen Job, nur weil und solange es Lohnkostenzuschüsse gibt? Welchen Sinn hat es andererseits, dass Arbeitgeber Personalentscheidungen (Kündigung) mit dem Integrationsamt besprechen müssen. Wer entlassen will, wird eben Fehlverhalten erfinden.
  5. Leila am 21.01.2020
    Ich habe 12 Jahre in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet. Am Anfang war es gut für mich, ich konnte so fürs Leben lernen. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich beruflich weiterentwickeln möchte.
    Seit April letzten Jahres arbeite ich auf dem Freien Arbeitsmarkt in einem Seniorenheim in der Betreuung. Das ist sinnbringende Arbeit für mich, ich kann meine Stärken und Fähigkeiten einbringen, meine Bedürfnisse werden berücksichtigt. Ich bin Asperger Autistin, die Einzelbeschäftigungen liegen mir weit mehr als eine ganze Gruppe, weil meine Detailwahrnehmung sehr stark ausgeprägt ist. Ich wurde über das Budget für Arbeit vermittelt.
    Doch es war ein weiter Weg, ich habe sechs Jahre für eine passende Arbeit gekämpft. Entweder Praktikumsstellen konnten oder wollten mich nicht bezahlen oder sie meinten, ich sei doch in der Werkstatt gut aufgehoben. Doch ich gab nicht auf, zu unglücklich machte mich auf Dauer die Arbeit in der Werkstatt.
    Nun kann ich mich weiterentwickeln, andere Blockaden, die mich in meinem Leben behindern, in Angriff nehmen.
  6. Gerhard am 18.01.2020
    Ich denke mal dass sich da nie was ändern wird weil einfach wir als Behinderte die letzten am Rad sind und zufrieden sein müssen etwas zu bekommen. Ich Arbeite in Werk ja auch si dass es auch nicht immer einfacher wird gut Bezahlte Aufträge zu bekommen von Firmen denn dann würde es sich besser Rentieren.- Essensverpfegung und Kosten in Werkstätten ist sehr kompliziert geworden dass sich selbst manche Sozialdienste nicht mehr auskennen. Ich bin neben bei auch im Werkstattrat (Betriebsrat) und habe dort gute einblicke bekommen. Jedes Jahr wird alles Verkompliziert auf kosten der Behinderten. Es ist traurig wie es abläüuft füer das dass dort die Menschen jeden Tag Arbeiten. Inklusion sieht anderst aus.
  7. Kunstlandschaft Spandau am 17.01.2020
    Wir schlugen der Bundesregierung vor, selbst bestimmte, aber anerkannt gemeinnützige Arbeit als Arbeit zu respektieren und mit einem Bürgergeld in Höhe des Pfändungsfreibetrages zu honorieren, u.a. für Schwerbehinderte Mitspracherechte über Arbeitsziele zu realisieren. In gemeinnütziger Arbeit herrscht Kooperation statt Konkurrenzkampf. Warum wird das Modell nicht realisiert?
  8. Backfisch1981 am 17.01.2020
    Guten Tag zusammen

    Die Werkstätten haben mit Inklusion und Teilhabe am Arbeitsleben nicht zu tun. Die Betreibern der Werkstätten wollen Geld verdienen. Deshalb sind die hohe Subventionieren vom Staat interessiert und lassen zu dem die Lebenshaltungskosten noch zusätzlich finanzieren. Mein Artikel zu dem Thema ist auch bei der Volksstimme Magdeburg zu finden. Hallenser kämpft um Behinderten-Mindestlohn.

    VG André Thiel

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