Politik

Allein BMW will 6000 Arbeitsplätze streichen – besonders hart wird es die Leiharbeiter*innen treffen. (Foto: dpa/Armin Weigel)

26.06.2020

Autobauer in der Krise

In der bayerischen Auto- und Zulieferindustrie stehen Zehntausende Arbeitsplätze auf dem Spiel

Die Unsicherheit ist Markus Maier (Name geändert) anzumerken. „Die Angst vor dem Kahlschlag geht um“, sagt der Mann, der seit vielen Jahren bei BMW in München arbeitet. Zwar will der Autobauer, dessen Umsätze aufgrund der Corona-Krise extrem eingebrochen sind, auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. 6000 Arbeitsplätze will er dennoch streichen – durch Fluktuation und mit satten Abfindungen flankiert. Tausende Leiharbeiter*innen aber wird es dafür umso härter treffen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass sich der Konzern von 10.000 Zeitarbeitskräften trennen wolle – viele davon in Bayern.

Tatsächlich soll etwa im Landshuter Werk die Zahl der Leiharbeiter*innen Betriebsratskreisen zufolge massiv verringert werden. In München könnten laut einem Arbeitnehmervertreter ab Juli bis zu 2000 Jobs von Zeitarbeitern gestrichen werden. In Regensburg mussten seit Beginn der Corona-Krise bereits gut 300 Leiharbeiter das Unternehmen verlassen, berichtet ein Betriebsrat.

Auch der zweite große bayerische Autobauer steckt in der Krise und baut Stellen ab. Allein im ersten Quartal brach der Umsatz bei Audi um mehr als ein Fünftel ein. „In der bayerischen Auto- und Zulieferindustrie stehen Zehntausende Arbeitsplätze auf dem Spiel“, sagt Johann Horn, Chef der IG Metall Bayern.

Besonders bedroht sind die Jobs bei Zulieferern. So will die Firma ZF bundesweit bis zu 7500 Stellen streichen. Vor dem Nürnberger Werk zeigten die Beschäftigten diese Woche mit einem Hupkonzert lautstark ihren Unmut.

Schon vor Corona in Not

Vielen Zulieferern machte bereits vor Corona der Strukturwandel weg von Dieselmodellen und Benzinern hin zu Elektroautos sowie die volatile Weltkonjunktur zu schaffen. So strichen etwa Bosch in Bamberg oder der Lichtkonzern Osram in Regensburg bereits 2019 massiv Stellen. Andere Firmen setzten schon vor Corona auf Kurzarbeit – letztere ist nun auch in den großen Konzernen der rettende Notnagel.

„Doch Kurzarbeit ist natürlich keine dauerhafte Lösung“, sagt Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen. Einer Studie des Professors zufolge sank die deutsche Pkw-Produktion bundesweit zwischen Januar und Mai um 44 Prozent. Dudenhöffer geht von gut 100.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Automobil- und Zulieferindustrie aus, die krisenbedingt wegbrechen würden. „Wenn die Politik nicht gegensteuert, könnte dies das Ende Deutschlands als Top-Standort der Automobilbranche bedeuten.“

Der Professor hält den Verzicht auf eine Kaufprämie für Autos mit Verbrennungsmotoren für einen „katastrophalen Fehler“. Von der Abwrackprämie für E-Autos würden wohl nicht einmal zehn Prozent des Marktes profitieren. Da eine Abwrackprämie für Verbrenner politisch jedoch vor allem gegen die SPD derzeit nicht durchsetzbar ist, schlägt er vor, „für alle Produkte, die mehr als 10000 Euro oder 15.000 Euro kosten, bis zum Ende des Jahres die Mehrwertsteuer zu erlassen“. Dann würden davon nach Überzeugung Dudenhöffers auch andere hochwertige, in Deutschland produzierte Produkte profitieren.

Unternehmen in der Pflicht

Metallgewerkschafter Horn sieht neben dem Staat nicht zuletzt „die Unternehmen in der Pflicht“. Sie müssten ihre Beschäftigten an Bord behalten. „Wer jetzt von Steuergeld profitiert, muss sich mit der IG Metall und den Betriebsräten zusammensetzen und gemeinsam Alternativen zu Stellenabbau finden.“

Aus Sicht mancher Fachleute ist eine Verringerung der weltweiten Produktion von Autos mit fossilen Brennstoffen angesichts des dramatisch an Fahrt gewinnenden Klimawandels durchaus wünschenswert. Aber auch ein Boom von E-Autos wirft Fragen auf. Woher soll der Strom kommen? Und will eine Gesellschaft angesichts fehlender Wohn- und Erholungsflächen in Großstädten auch weiterhin weite Teile seiner Flächen für Parkplätze und Straßen zubetonieren?

Der renommierte Verkehrsforscher Heiner Monheim hält eine echte Verkehrswende weg vom Auto hin zu mehr ÖPNV und Radwegenetze für alternativlos. Er glaubt nicht, dass so in der Summe massiv Jobs verloren gehen würden. Denn auch Straßenbahnen, Züge oder Busse müssen irgendwo produziert werden – Bayern ist hier mit Firmen wie Siemens oder MAN noch immer ein großer Player. Zudem hängen am ÖPNV noch weit mehr Jobs – etwa die Fahrer*innen. Doch für BMW-Arbeiter wie Markus Maier wäre dies wohl ein schmerzhafter Weg.
(Tobias Lill)

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