Politik

21.09.2023

Braucht es für die Klimawende auch die unterirdische CO2-Speicherung?

Die Grünen wollen sich für die innerparteilich lange umstrittene unterirdische Speicherung von Kohlendioxid öffnen. So steht es im Entwurf für das Programm zur Europawahl im Juni 2024. Thomas von Sarnowski, der Vorsitzende der bayerischen Grünen, erklärt und befürwortet den Richtungswechsel der Partei – während Richard Mergner, Vorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern, den Vorschlag ablehnt

JA

Thomas von Sarnowski, Vorsitzender der bayerischen Grünen

Ein grüner Beitrag pro CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS)? Das wird alle wundern, die die langjährige Ablehnung des Abscheidens und unterirdischen Speicherns von CO2 kennen. Die hatte einen guten Grund: Die lautstärksten CCS-Befürworter waren lange die fossilen Energiekonzerne und ihre Lobby. Ihnen ging es nie um Klimaschutz. Sondern darum, ihr dreckiges Geschäftsmodell zu verlängern. CCS war nur ein Vorwand, um so lange Kohle, Gas und Öl zu verbrennen wie möglich. Und um die Konkurrenz aus sauberem, billigem Strom aus Wind und Sonne auszubremsen. Die Situation ist heute eine andere.

Erstmals sind 50 Prozent des Stromes erneuerbar. Der Kohleausstieg 2030 im Westen ist besiegelt. Jeden Monat gehen Solaranlagen mit der Leistung eines Atomkraftwerks ans Netz. Bundesweit wurden 600 Windräder allein im ersten Halbjahr genehmigt – nur Bayern bremst mit nur vier Genehmigungen. Doch je schneller wir uns 100 Prozent Erneuerbaren nähern, desto stärker müssen wir dahin schauen, wo der CO2-Ausstoß kaum vermeidbar ist.

Dazu zählt die Grundstoffproduktion wie Zement. Die CO2-Emissionen bei der Entsäuerung des Kalksteins sind unvermeidbar. Gewiss lässt sich Beton oft ersetzen, aber Tunnel und Brücken ohne Beton? Um gemäß dem Pariser Klimaabkommen die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, müssen wir zwingend auch diese Restemissionen regeln. Auch der wissenschaftliche Klimabeirat der Vereinten Nationen sagt klar: Ohne CCS geht es nicht.

Damit CCS dem Klima wirklich hilft, müssen noch Fragen geklärt werden: Welche Restemissionen sind tatsächlich unvermeidbar und wo schaffen Innovationen schon morgen Alternativen? Wie verhindern wir einen fossilen Lock-in zum Beispiel durch blauen Wasserstoff aus Erdgas? Wie etablieren wir einen echten Kohlenstoff-Kreislauf? Entscheidend ist ein verbindlich sinkender Pfad für das zu speichernde CO2. So erhalten wir den langfristigen Druck zur vollständigen Dekarbonisierung.
 

NEIN

Richard Mergner, Vorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern

Wir vom Bund Naturschutz lehnen die unterirdische CO2-Speicherung ab und kritisieren in diesem Zusammenhang auch den entsprechenden ersten Programmentwurf der Grünen. Energiewende heißt nicht, weiter CO2 zu produzieren, selbst wenn das CO2 nicht in die Atmosphäre entweicht. Wir sehen bei dieser Technik vor allen Dingen die Gefahr, dass sie von der Industrie als Rettungsanker missbraucht wird, um einfach weiterzumachen wie bisher, anstatt tatsächlich Treibhausgase einzusparen.

Ein umweltpolitisch glaubwürdiger Ansatz wäre es, alle politische Kraft auf den Reduktionspfad von CO2 zu konzentrieren, Energie einzusparen und natürlichem Klimaschutz Priorität zu geben. Leider lässt dies die bayerische Staatsregierung bislang vermissen. Wir brauchen im Freistaat einen massiven Ausbau der Windkraft, mehr Schutz für Moore und Wälder, ein wirksames, gesetzlich verankertem Flächensparprogramm, und wir brauchen ein Energiesparprogramm. Was wir nicht brauchen, sind Scheinlösungen, die zudem nicht ausgereift sind. Die Datenlage ist hier eindeutig: Die Technik ist energieaufwendig und konnte in den letzten Jahrzehnten nicht erfolgreich skaliert werden.

Und über die Sicherheit der Lagerstätten haben wir dann noch gar nicht gesprochen. Leckagen könnten sich verheerend auswirken und den Klimaschutzeffekt zunichtemachen. In hohen Konzentrationen führt Kohlendioxid zum Ersticken. Zudem könnte das Grundwasser in der gesamten Region einer Lagerstätte vergiftet werden. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für solche Lager ist zudem sehr gering, Energiekonzerne würden vermutlich auf den Meeresgrund ausweichen. Um das CO2 zu den potenziellen Lagerstätten unter dem Meer zu transportieren, müssten gigantische CO2-Pipelines zum Transport des Klimakillers gebaut werden.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Technik ist gefährlich, uneffektiv und kann keinen echten Klimaschutz ersetzen! 
 

Kommentare (2)

  1. FlorianH am 14.10.2023
    Einigen fällt es schwer Größenordnungen und Zahlen einzuordnen.

    Co2 Abscheidung und Verpressung wird nötig sein, wer genaueres Wissen will braucht nur im IPCC bericht nachlesen.
    Einfach darin nach Carbon bzw. Storage suchen.
    https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg3/downloads/report/IPCC_AR6_WGIII_SummaryForPolicymakers.pdf

    Nochmal zur Einordnung, Net zero 2050 bedeutet ohnehin kompensation, abscheidung, Wiederaufforstung, Vernässung der Moore etc.

    Wer hier glaubt mit Verzicht und "eingebildeten Umweltschutz" die Welt retten zu können statt durch fortschritt, ist auf linke Propaganda der Neo Malthusianer reingefallen.

    Eine Entkoppplung der Emissionen vom BIP Zuwachs ist möglich und bewissen hat das Deutschland
    Seit 1990 40% Emissionsminderung trotz massiv steigendem BIP.

    Am Ende geht es um Balancen und Gleichgewichte die sich einpendeln, die kommen aber nicht zustand wenn wir verzichten und uns einbudeln.
  2. FredFeuerstein am 27.09.2023
    Auch die Grünen sind wie alle Parteien mit über 5% inzwischen systemkonform - für Party bis zum bitteren Ende! Keine der etablierten Parteien wagt es, dem Gesundheits- und Überlebensschutz der Menschen den gebotenen Wert beizumessen, den viele Menschen in ihrer Konsumwolke nicht erkennen (wollen). Klima- und Umweltschutz ist Menschenschutz, ist kein frommer Wunsch von Klimaklebern, sondern ein Recht, das von jeder Regierung in einem Rechtsstaat geschützt werden muss, notfalls auch gegen die Konsumsüchtigen! Jetzt konkret und verbindlich für alle geregelt den Über-Konsum auf ein vertretbares Maß zurückzufahren würde uns später deutlich härtere Maßnahmen und Milliarden Euro Fehlinvestitionen ersparen. Dank eines fehlgesteuerten Bildungssystems haben viele Menschen aber mehr Angst vor Verlust von Privilegien als vor dem Verlust ihrer Gesundheit durch extremer werdende Umwelt- und Klimabedingungen. Da würde ich mir Politiker:innen mit der Bereitschaft wünschen, tatsächlich Verantwortung zu übernehmen anstatt sich wie die Fahne im Wind nach Umfragewerten zu richten; Politiker:innen also, die sich um das wirklich Wichtige kümmern und zukunftsweisende Entscheidungen treffen statt immer noch eine neue zu hätschelnde Minigruppe zu suchen und der ganzen Welt political correctness zu verordnen.
Die Frage der Woche

Ist eine Barzahlungsobergrenze von 10.000 Euro sinnvoll?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!

Die Frage der Woche – Archiv
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2023

Nächster Erscheinungstermin:
29. November 2024

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 24.11.2023 (PDF, 19 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.