Politik

Michael Weichenrieder und Gudrun Lemle von der Bürgerinitiative PFC Flugplatz Manching. (Foto: Nadja Tausche/dpa)

13.05.2019

Chemikalien in Grundwasser, Obst und Blut

Zahlreiche Liegenschaften der Bundeswehr sind mit giftigen Chemikalien verunreinigt. Anwohner sorgen sich um ihre Gesundheit und ums Grundwasser. Eine kleine Gemeinde in Oberbayern hat den Kampf aufgenommen und ist gegen die Bundesregierung vor Gericht gezogen

Es ist friedlich im Manchinger Ortsteil Westenhausen. Die Sonne scheint auf die breite Hauptstraße, kaum ein Auto ist an diesem Nachmittag unterwegs. Ein paar Hundert Meter weiter plätschert ein Bach unter einer Brücke, sein Wasser ist klar.

Nicht mehr ganz so friedlich wirkt es, wenn man weiß, dass eben dieser Bach Chemikalien in den Ort schwemmt. Die Westenhauser Ach fließt durch das Gelände eines Militärflugplatzes und nimmt dort sogenannte per- und polyfluorierte Chemikalien auf, kurz: PFC. Diese verteilen sich so tagein, tagaus in der Region nahe Ingolstadt.

Die Stoffe stammen aus Feuerlöschschaum, den die Bundeswehr nutzte. Früher war PFC-haltiger Löschschaum gang und gäbe. Seit 2011 hat die EU für den Einsatz von Löschschaum mit Perfluoroctansulfonsäure so strenge Vorgaben, das er quasi verboten ist. Die Natur kann die Chemikalien aber kaum abbauen - sie bleiben im Boden.

Für die Anwohner heißt das: Zum Gießen ihrer Gärten dürfen sie bis zum 30. April 2032 kein Grundwasser benutzen. Das hat das Landratsamt Pfaffenhofen an der Ilm im Mai 2018 per Allgemeinverfügung bestimmt. Wer ein Haus mit Keller bauen will, muss den Aushub "ordnungsgemäß" entsorgen - ein teures Verfahren. Sie selbst trinke außerdem kein Wasser mehr aus der Leitung, erzählt Gudrun Lemle, Schriftführerin der Bürgerinitiative PFC Flugplatz Manching: Das Trinkwasser sei zwar noch nicht verseucht - aber wer wisse, ob die Schadstoffe aus dem Grundwasser nicht irgendwann in die Rohre gelangen.

Kein Einzelfall

Manching ist kein Einzelfall: Auf mehreren Liegenschaften der Bundeswehr in ganz Deutschland wurde PFC-Kontamination nachgewiesen, so etwa auch in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Die SPD-Landtagsfraktion berichtete jüngst für Bayern von chemischen Verseuchungen in Boden und Grundwasser an 20 aktuellen und 27 ehemaligen Bundeswehrstandorten - nicht nur mit PFC.

Als erste Kommune Deutschlands klagt der Markt Manching deshalb gegen die Bundesregierung. Das habe im Hinblick auf PFC-Belastung noch keine Gemeinde getan, bestätigt eine Sprecherin des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr. Rainer Hofer, in der 13 500-Einwohner-Gemeinde zuständig für die Klage, sagt: "Unser Hauptwunsch ist, dass wir nicht auf den Schäden sitzen bleiben." Die Klage könne Vorbildwirkung haben.

Für die Flugplatzsanierung ist die Bundeswehr zuständig. Sie muss auch dafür sorgen, dass sich verseuchtes Wasser nicht ausbreitet. Die Bürgerinitiative kritisiert, dass es dabei viel zu langsam vorangehe: Die rund 270 Mitglieder fordern, dass die Verbreitung von verseuchtem Wasser sofort gestoppt wird, für die Sanierung wollen sie einen konkreten Terminplan. "Unser Eindruck ist, es plätschert so dahin", sagt der Vorsitzende Michael Weichenrieder. Ungeschehen machen könne man sowieso nichts mehr - aber man müsse jetzt endlich reagieren. Darum organisiert die Bürgerinitiative Demonstrationen und Mahnwachen, sucht Kontakt zu Politikern, fragt bei Behörden nach. Lemle beklagt: "Transparenz ist überhaupt keine vorhanden."

Grenzwerte gibt es nicht

Die Bundeswehr hält dagegen. Man engagiere sich aktiv gegen PFC, heißt es von der Sprecherin des Bundesamtes: Die Bundeswehr halte die gesetzlichen Auflagen nicht nur ein, sie übererfülle sie. Konkret habe die Bundeswehr im Januar in Abstimmung mit dem Landratsamt eine Sanierungsplanung für die drei am meisten belasteten Stellen auf dem Flugplatz in Auftrag gegeben. Außerdem werde geprüft, ob an einem der Kontaminationsschwerpunkte - der sogenannten "Alten Feuerwache" - verseuchtes Grundwasser an die Oberfläche gepumpt, dort gereinigt und dann zurück in den Boden geleitet werden könne.

Ab welcher Konzentration PFC Auswirkungen auf die Gesundheit hat, ist unklar. Es gibt keine Grenzwerte. Laut Umweltbundesamt reichern sich einige PFC in Organismen an und wirken gesundheitsschädlich auf den Menschen. Besonders kritisch zu bewerten sei etwa die Weitergabe der PFC von Mutter zum Kind während der Schwangerschaft und Stillzeit. Neben der gesundheitlichen Belastung und der Umweltverschmutzung befürchtet die Gemeinde, dass die Grundstücke durch die PFC-Belastung an Wert verlieren. Gerade deswegen hat sie die Klage eingereicht.

Ob die Bürger tatsächlich Entschädigung erhalten, ist aber fraglich. Vom Bundesamt heißt es dazu: "Die Bundesrepublik Deutschland (leistet) Entschädigungszahlungen, soweit sie wegen schuldhafter Amtspflichtsverletzungen oder im Rahmen der Gefährdungshaftung für entstandene Schäden einzustehen hat." Jeder Fall werde einzeln geprüft. Nur: Der PFC-haltige Löschschaum war erlaubt, als ihn die Bundeswehr in Manching eingesetzt hat.

Derweil sind die Chemikalien wohl bis in die Körper der Menschen vorgedrungen. Doris Schmidt, Mitglied der Bürgerinitiative, hat ihr Blut auf PFC untersuchen lassen. Ergebnis: "Die Werte sind nicht lebensgefährlich, aber sie sind erhöht", so Schmidt. Sich den PFC zu entziehen, dürfte für die Bürger schwierig sein.

Karl Huber vom Landratsamt gibt für Gewässer zwar Entwarnung: "Das Baden in den Seen der Gegend ist unbedenklich - auch für Risikogruppen." In Gartenfrüchten wurden die Chemikalien aber nachgewiesen. Zwei Gärten habe die Bundeswehr untersuchen lassen, so Huber: "In einem waren alle Proben unauffällig, im anderen waren 5 von 6 Proben auffällig, jedoch nicht gesundheitsschädlich." Jedoch seien in Obst und Gemüse aus der Region keine PFC gefunden worden. Deshalb hat das Amt die Landwirtschaft von der Allgemeinverfügung ausgenommen - Bauern dürfen Felder weiter mit Grundwasser bewässern.
(Nadja Tausche, dpa)

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