Politik

Spielkonsole, Tablet, Handy: 2,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind online-süchtig. (Foto: dpa/Ulrich Perrey)

07.08.2020

Daddeln bis zum Umfallen

Gefährliche Corona-Auszeit: Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit mit Social Media und Online-Spielen

Die Nächte werden durchgezockt. Die Wohnung ist vermüllt. Sich waschen, Zähneputzen, frische Klamotten anziehen: Das fällt immer schwerer. Die Freundin droht mit Trennung. Für Ausbildung und Job fehlt die Konzentration. Ein Freundeskreis existiert schon lange nicht mehr. Alles läuft mehr und mehr aus dem Ruder. Das ist, erzählt Niels Pruin, Suchttherapeut beim Caritasverband Augsburg, das Gesicht der Computerspielsucht.

Fast immer hat die Krankheit eine lange Vorgeschichte. Insofern muss alarmieren, was an sich erwartbar war: Dass Kinder und Jugendliche in Corona-Zeiten noch länger an Computer, Spielkonsole und Handy gesessen haben als schon in den Monaten zuvor. Suchtexpert*innen berichten in einer Studie des Krankenversicherers DAK, die Zeit, die mit Spielen verbracht wurde, habe an Werktagen im Vergleich zum vergangenen September um 75 Prozent zugenommen. Durchschnittlich fast drei Stunden verbrachten Mädchen und Jungen zwischen zwölf und 17 Jahren mit sozialen Medien.

Durch die intensive Nutzung, so die Fachleute, entstünden gesundheitliche Probleme. Ein enger Zusammenhang bestehe zwischen Depression und Sucht. Auch die sozialen Probleme seien vielfältig: zu wenig Schlaf, Realitätsflucht und Streit mit den Eltern.

Laut der Studie erfüllen 2,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland die Kriterien für eine Online-Abhängigkeit. Hinzu kommt eine zweite Beobachtung: Über 70 Prozent von 1000 befragten Kindern und Jugendlichen fühlen sich durch die Pandemie psychisch belastet, 30 Prozent zeigen psychische Auffälligkeiten, so das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Und die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität in München stellt fest, dass gerade deutlich mehr Jugendliche mit psychischen Problemen in die Ambulanz kommen.

Unabhängig von Corona schlagen auch bei Pruin schon seit Jahren hoch pathologische Fälle auf, junge Leute im Alter von 20 Jahren aufwärts, deren Leben an der Spielsucht zu zerbrechen droht. Schon im Kindesalter zogen sich viele seiner späteren Klienten in eine Spielewelt zurück, zum Beispiel, weil es Stress gab in der Familie.

Hinzu kommt: Computerspiele enthalten süchtig machende „Bindungsfaktoren“, die dafür sorgen, dass der Spieler bei der Stange bleibt. Das im Alltag gemobbte Kind, der übersehene Jugendliche kann sich darin eine eigene Persönlichkeit aufbauen, die sehr viel selbstsicherer ist als die wirkliche. Als siegreicher Ego-Shooter steigt man auf, Level um Level, eine schier endlose Leiter des Erfolgs. Verführerisch, wenn das Selbstbewusstsein gerade im Keller ist.

Meistens geht die Sache dann allerdings doch gut aus. „Mit der ersten Freundin oder einem Job verschieben sich die Prioritäten“, sagt Pruin. Aber immer ist das nicht der Fall. Denn einige Menschen sind vulnerabler als andere. Und manchmal verlagert sich die Sucht: „Ich frage Jugendliche, die wegen Drogenkonsums zu mir kommen, ob sie als Kind viel gezockt haben,“, erzählt der Therapeut. Die Antwort: sie haben.

Für den bildungspolitischen Sprecher der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag, Matthias Fischbach, ist die DAK-Studie ein Grund, neben einer „ernstzunehmenden Fortbildungsoffensive“ in Sachen digitale Medien zu fordern, dass die Zahl von Schulpsychologen und Sozialpädagogen gesteigert werden müsse. Katrin Ebner-Steiner, Vorsitzende der AfD-Fraktion, beklagt, die Suchtgefahr im Bereich digitale Medien sei von der Politik unterschätzt worden. Erforderlich sei die Rückkehr zum Regelunterricht.

Langeweile auszuhalten, haben viele nicht gelernt

Eva Lettenbauer, jugendpolitische Sprecherin der Grünen, plädiert dafür, die digitale Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu stärken und beim Jugendschutz im Gaming-Bereich nachzubessern. FW-Fraktionschef Florian Streibl dagegen weist darauf hin, dass die Novelle des Jugendmedienschutzgesetzes künftig erlaubt, Medien danach zu bewerten, „ob sie eine exzessive Nutzungsweise fördern“, also zur Sucht einladen, und die Altersbewertung entsprechend anzupassen. Ein wichtiger Schritt. Außerdem fördert die Staatsregierung das Projekt „Game Life!“, das über exzessives Spielen aufklärt.

Für die Jugendlichen selbst ist gerade ein neues Infoportal entstanden: corona-und-du.de, ein Projekt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU-Klinikums in München. Die Nutzer erfahren auf der Seite, dass Smartphone und Computer zwar als Tor zur Welt dabei helfen, soziale Kontakte zu erhalten. „Aber: Zu viel Screen-Time kann Stress verursachen und zu psychischer Belastung beitragen.“ Deshalb die Empfehlung: Öfter mal Pause machen vom Bildschirm und an die frische Luft gehen. Positive Beispiele und Ideen sollen auch dabei helfen, mit Corona umzugehen.

Mit den Jugendlichen besprechen, warum das legendäre Spiel World auf Warcraft so suchtauslösend ist; oder was es so schwer macht, ein Spiel zu beenden: Das findet auch der Suchttherapeut Pruin wichtig, um Spiel- und Online-Sucht vorzubeugen. Aber eigentlich geht es ihm um viel mehr. Nämlich um die Fähigkeit, „Langeweile auszuhalten.“

Junge Menschen hätten nicht gelernt, unangenehme Gefühle zu ertragen. Stress, Verdruss, Druck: Immer würde sofort nach dem Handy gegriffen. Role Models sind hier leider häufig die eigenen Eltern. „In meinen Beratungsgesprächen stelle ich fest, dass die Eltern noch mehr am Handy rumdaddeln als ihre Kinder.“ Er plädiert dafür, das Handy wegzunehmen. Gemeinsam einen Mediennutzungsvertrag aufsetzen – und sich daran halten.

Besondere Sorgen bereiten ihm übrigens gerade besonders die Süchtigen, die bereits auf einem guten Weg waren, seit Ausbruch der Pandemie allerdings wieder abgetaucht sind. Ob er sie nochmal gewinnen kann zu einer Therapie? Pruin ist skeptisch. „Die Motivation bei einem Suchtkranken ist immer ganz auf Messers Schneide.“
(Monika Goetsch)

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