Politik

09.11.2018

Der Freistaat feiert Geburtstag

Beim Festakt zum 100. Jubiläum des Freistaats Bayern wird über die Revolution von 1918 eher wenig geredet

Der Ministerpräsident spricht im Münchner Nationaltheater über die Geburt des Freistaats Bayern. Das Protokoll verzeichnet an mehreren Stellen stürmischen Beifall. Es ist der 17. November 1918, der Ministerpräsident heißt Kurt Eisner, Mitglied der linken SPD-Abspaltung USPD; er hat den Freistaat zehn Tage zuvor ausgerufen. Hundert Jahre später spricht wieder ein bayerischer Ministerpräsident im Nationaltheater, doch als Markus Söder, erst tags zuvor vom Landtag wiedergewählt, am vergangenen Mittwoch über „100 Jahre Freistaat Bayern“ spricht, erntet er gerade mal Höflichkeitsapplaus. Da ist kein Funke, der überspringen könnte. Und Markus Söder erklärt selbst, woran das liegt: „Die Ausrufung des Freistaats Bayern war vielleicht nicht so gedacht, wie wir uns heute einen Freistaat vorstellen und präsentieren.“

Man feiert also den 100. Geburtstag des Freistaats, doch von seinen Anfängen will man nichts wissen. Söder tut gleich die ersten drei Jahrzehnte des Freistaats als unappetitliches Kuddelmuddel ab. „Der Begriff Freistaat Bayern, so, wie wir ihn heute verstehen, die Zeit war eigentlich weniger zwischen 1918 und 1945 zu finden.“

Was die Jahre 1933 bis 1945 betrifft, ist das keine Frage. Natürlich sind die Jahre der Nazidiktatur nicht mit dem Begriff Freistaat kompatibel. Aber was ist mit den Jahren 1918 bis 1933? Natascha Kohnen hat diese Stelle von Söders Rede gar nicht gefallen, ihr ist das eindeutig zu pauschal. Die Vorsitzende der Bayern-SPD sagt der Staatszeitung nach dem Staatsakt: „Was der Ministerpräsident heute geschichtlich gemacht hat, geht nicht. Er kann nicht die Zeit vor dem Nationalsozialismus als nicht demokratisch darstellen.“ Kohnen hat sich „schlichtweg darüber geärgert, dass hier geschichtliche Zeiten in einen Topf geworfen werden“. Man müsse „die NS-Zeit deutlich unterscheiden von der Zeit vor 1933, da hätte er deutlich differenzieren müssen.“ Kohnen empfiehlt Söder „einfach nochmal Geschichtslektüre“.

Katharina Schulze von den Grünen will eigentlich nicht an Söders Rede herummäkeln. Dass Kurt Eisner, der Begründer des Freistaats, darin praktisch nicht vorkam, nahm die Grünen-Fraktionschefin eher belustigt zur Kenntnis. „Hat er ihn erwähnt? Das wär ja schon mal gut!“

Deutlich besser als die Rede des Ministerpräsidenten fand Schulze die Ausführungen von Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU): „Aigner hat auf das dunkle Kapitel hingewiesen, dass wir in 100 Jahren Freistaat auch die schreckliche Nazidiktatur hatten.“ Womit sie auch schon wieder bei einem der Punkte ist, die sie bei Söder vermisst hat: „Wie man die Repräsentanz von Frauen ausbauen kann.“ Auch bei Natascha Kohnen kam Aigners Rede besser an. „Frau Aigner wurde ihrer Rolle gerecht, das war wirklich respektabel.“

Der Vergleich des von BR-Journalistin Anouschka Horn moderierten Staatsakts mit der Revolutionsfeier vom November 1918 war übrigens gewollt. Man wählte nicht nur den gleichen Veranstaltungsort, sondern auch die gleiche Musik: Das Bayerische Staatsorchester spielte, wie vor hundert Jahren, Beethovens Leonoren-Ouverture. Unter der Leitung von Joana Mallwitz flogen da eine Viertelstunde lang mit Leidenschaft die Freiheitsfunken, die an diesem Vormittag ansonsten vergeblich beschworen wurden.

Eisners Revolution brachte den Frauen das Wahlrecht

Ministerpräsident Söder hängte die Latte aber auch nicht allzu hoch. Der Freistaat beginnt für ihn eigentlich erst nach 1945, ist also untrennbar mit der CSU verknüpft. Und der Inbegriff dieses Freistaats ist für Söder – das Oktoberfest. „Ich glaube, viele Menschen kommen gern nach Bayern, gehen aufs Oktoberfest, tragen Tracht, um einmal das Privileg zu genießen, für ein paar Stunden sich als echte Bayern fühlen zu können.“

Kurt Eisner, der in der Nacht vom 7. auf den 8. November den Freistaat ausrief, dafür den Hass der Konservativen und der Antisemiten auf sich zog (Eisner war jüdischer Herkunft) und am 21. Februar 1919 auf offener Straße erschossen wurde, geisterte während des ganzen Staatsakts nur auf zwei kurz eingeblendeten, äußerst unvorteilhaften Fotografien über die Bühne. Gerade so, als ob es nicht seit 2001 die 650-seitige Kurt-Eisner-Biographie von Bernhard Grau gäbe. Seitdem ist das Bild dieses Mannes, das bis dahin propagandistisch verdunkelt war, hell und klar. Statt den Historiker Grau über Eisner reden zu lassen, sah man Grau in einem eingespielten Minifilm nur kurz in seiner Eigenschaft als Chef des Hauptstaatsarchivs die Verfassung von 1818 aufschlagen. Das Jubiläum „200 Jahre Verfassungsstaat“, das mit dem 100. Geburtstag des Freistaats zusammengepackt wurde, war überhaupt sehr praktisch, um möglichst wenig über die Revolution von 1918/19 reden zu müssen.

Auch Ferdinand Kramer riss es nicht mehr raus. Immerhin regte der Lehrstuhlinhaber für bayerische Geschichte an der Universität München an, „Orte der Demokratie in Bayern“ zu schaffen; der Freistaat sei viel zu wenig im Bewusstsein seiner Bürger verankert.

Im Gespräch mit vier Elitestudenten der Stiftung Maximilianeum kam schließlich das paradoxe Phänomen zur Sprache, dass Kurt Eisners Revolution den Frauen das Wahlrecht bescherte, die aber mehrheitlich so konservativ wählten, dass das 1918 entzündete Feuer der Frauenemanzipation in Bayern 1919 gleich wieder erlosch. Eine Studentin erlaubte sich den Hinweis, dass der neue Landtag mit nicht mal 27 Prozent Frauenanteil einen neuen Tiefstand erreicht hat. Ihr Appell, die Gleichberechtigung endlich herzustellen, erntete spontanen Beifall, genauso wie das Plädoyer für Europa und der Ruf nach einem Ende der Diskriminierung von Migranten. (Florian Sendtner)

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