Politik

Pro Einwohner fallen in München jährlich 199 Kilogramm Restmüll an. (Foto: dpa/Markus C. Hurek)

08.11.2019

Der Traum vom müllfreien Leben

München will „Zero Waste City“ werden – damit wäre die Stadt in Süddeutschland Vorreiter

Pro Einwohner wurden 199 Kilogramm Restmüll im Jahr 2016 in München registriert. Im Vergleich zum Jahr 2007, als es noch 211 Kilogramm waren, ein Rückgang um fünf Prozent. Über diese Zahlen des Abfallwirtschaftsbetriebs München kann man in Ljubljana nur müde lächeln. In der slowenischen Hauptstadt ist es gelungen, die Restmüllmenge auf 115 Kilogramm pro Kopf zu drosseln. Und man verfolgt große Ziele: 2025 sollen es nur noch 60 Kilogramm sein. Damit begeben sich die Slowenen auf die Spuren von Treviso in Norditalien, wo im Durchschnitt 59 Kilogramm Restmüll pro Jahr und Einwohner anfallen.

Sowohl Ljubljana als auch Treviso gehören zum weltweiten Netzwerk „Zero Waste Cities“, dem allein in Europa mittlerweile rund 400 Städte und Gemeinden beigetreten sind. Auch München wolle sich hier einreihen, kündigte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) kürzlich an: „Denn wir brauchen eine gesamtstädtische Strategie, wie wir Müll, vor allem den nicht recycelbaren Müll, in der Stadt und in der Stadtverwaltung vermeiden können, wie man gemeinsam mit der Lebensmittelbranche und Einzelhändlern an der Reduzierung von Plastikmüll arbeiten und die Verbraucher zu mehr Achtsamkeit bringen kann.“ „Zero Waste“, also „null Abfall“, ist inzwischen in vielen Städten ein großes Thema.

Nur ein Wahlkampfgag?

Die Idee stammt aus den USA, wo New York, Seattle und San Francisco als Vorreiter gelten. Die kalifornische Metropole hat mittlerweile Styroporverpackungen, wie sie gerne für Fastfood benutzt werden, verboten. Nur noch 20 Prozent des Mülls von San Francisco landen auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen. Das Ziel, bis 2020 müllfrei zu werden, werde man aber wohl nicht erreichen, räumte die Stadt inzwischen ein.

Auch in Deutschland hat die Zero-Waste-Bewegung Fuß gefasst. In Augsburg beispielsweise gibt es das „Forum Plastikfreies Augsburg“, in Nürnberg die „Zero Waste Helden“. Auf kommunaler Ebene aber hat in Deutschland bisher nur Kiel diesen Weg eingeschlagen, übrigens eine Partnerstadt von San Francisco. Im September 2018 entschied die Ratsversammlung, dass sich die Ostsee-Stadt dem Netzwerk anschließen soll. Um von „Zero Waste Europe“ entsprechend zertifiziert zu werden, müsse Kiel nun ein Zero-Waste-Konzept entwickeln, das sich an den Richtlinien des Netzwerks orientiere, erklärt Vivien Braackert von der städtischen Pressestelle. Soll heißen: In Kiel will man die Abfallmengen künftig „auf allen Ebenen“ reduzieren und damit gleichzeitig die CO2-Emissionen senken. Was das konkret bedeuten wird, steht allerdings noch nicht fest. Bis zum nächsten Frühjahr erarbeite man das entsprechende Konzept unter wissenschaftlicher Begleitung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, wobei auch die Bürger einbezogen würden.
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Aber man ist bereits auch tätig geworden: Vor zwei Monaten startete in Kiel zum Beispiel unter dem Titel „Kaffee geht Mehrweg“ die größte Pfandbecher-Initiative Schleswig-Holsteins. Fast alle „Coffee to go“-Anbieter trommelte die Umweltberatung im Umweltschutzamt dafür zusammen: rund 100 Bäckerei-Filialen, dazu Hochschulmensen, Sportstätten und Cafés.

Dennoch ist man in anderen europäischen Städten schon deutlich weiter. Wie eben in Ljubljana, das inzwischen als die Zero-Waste-Hauptstadt Europas gilt. Dort wurden bis zum Jahr 2002 sämtliche Abfälle auf Deponien gebracht. Erst dann begann man damit, Papier, Glas und Verpackungen separat zu sammeln. Vier Jahre später nahm man die Bioabfälle hinzu. 2013 wurden sämtliche Gebäude mit Tonnen für Verpackungen und Papier ausgestattet, während die Abholtermine für den Restmüll um die Hälfte reduziert wurden. Inzwischen gibt es Repair-Workshops, Zero-Waste-Läden, Automaten, in denen Unverpacktes für den täglichen Bedarf verkauft wird, und vieles mehr, um die Einwohner für das Thema zu sensibilisieren.

Ein Erfolg, den München nun ebenfalls anstrebt. Sämtliche Referate in der Stadtverwaltung, Eigenbetriebe und städtische Gesellschaften sollen Wege zur Reduzierung des Plastikmülls entwickeln, kündigen die Münchner SPD-Stadtratsfraktion und OB Reiter an. „Meine Vorstellung ist es, eine solche Gesamtstrategie möglichst noch in dieser Legislaturperiode in den Stadtrat zu bringen und vom Stadtrat verabschieden zu lassen“, sagte der Rathauschef.

Um tatsächlich als „Zero Waste City“ anerkannt zu werden, braucht die Stadt jedoch ein entsprechendes Konzept. Dafür gebe es aber noch keine verbindlichen Vorgaben, sagt Henning Wilts vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, der die Stadt München in Sachen „Zero Waste“ berät. Derzeit sei „Zero Waste Europe“ dabei, entsprechende Kriterien zu präzisieren. Bisher sei lediglich von „konkreten, messbaren und ambitionierten Zielen“ die Rede. In München sieht Wilts vor allem beim öffentlichen Beschaffungssystem Potenziale, aber auch bei der Plastikvermeidung in öffentlichen Einrichtungen, etwa durch Mehrwegsysteme in der Schulverpflegung. „Es geht nicht nur um Recyclingquoten, sondern auch um Ziele, die sich um Abfallvermeidung drehen“, betont er.

Aussagen, bei denen Umweltschützer eigentlich jubeln müssten. Dennoch klingt Martin Hänsel, stellvertretender Geschäftsführer der Kreisgruppe München im Bund Naturschutz (BN), nur gebremst optimistisch. „Entscheidend wird sein, was von den Ankündigungen umgesetzt wird“, sagt er. Stutzig mache ihn vor allem der Zeitpunkt der SPD-Initiative – knapp fünf Monate vor der Kommunalwahl. Und die Tatsache, dass in der Erklärung viel von Freiwilligkeit die Rede sei. „Was fehlt, sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen, an die sich jeder halten muss“, findet Hänsel. Hier könnte München beispielsweise über den Städtetag versuchen, eine entsprechende Initiative zu starten, um Einfluss auf die Bundesgesetzgebung zu nehmen. Ein wichtiger Punkt seien auch Bildungsmaßnahmen, um die Bürger an ihre Verantwortung für den Zustand der Umwelt zu erinnern.

Skeptisch ist der BN-Vertreter auch im Hinblick auf das Tempo, das Reiter vorgibt. Eine Gesamtstrategie sämtlicher städtischer Referate – „das dauert nach unserer Erfahrung extrem lange“. Überhaupt sei Müllvermeidung ein komplexes Thema mit vielen Facetten, für das man einen langen Atem brauche, gibt Hänsel zu bedenken: „Es bleibt spannend, ob das Thema auch nach der Wahl aktuell bleibt oder ob es dann wieder in der Schublade verschwindet.“
(Brigitte Degelmann)

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