Politik

Bereits seit 2009 ist Deutschland verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Kinder mit Handicap möglichst die Regelschule besuchen können. Bayern setzt, um dieses Ziel zu erreichen, vor allem auf Schulbegleiter. (Foto: dpa)

27.09.2019

Die Kehrseite einer schönen Idee

Die Zahl der Schulbegleiter hat sich innerhalb weniger Jahre vervielfacht – die Kommunen ächzen unter den Kosten. Eltern finden immer öfter keinen Schulbegleiter mehr. Und auch die fehlende Ausbildung sowie prekäre Löhne der Helfer sorgen für Ärger an den Schulen

Stefan Meier (Name geändert) ist ein schlauer Junge. Der Siebenjährige kann schon multiplizieren und lesen. Doch weil er Asperger-Autist ist, hat er große Probleme im Umgang mit anderen Menschen. Er kann deren Gestik und Mimik oft nicht deuten. „Auch mit Veränderungen tut er sich sehr schwer“, sagt die Mutter. Kommt es zu einer Reizüberflutung, etwa weil es laut wird, droht im schlimmsten Fall ein Nervenzusammenbruch.

Bislang besuchte der Bub aus Oberbayern deshalb eine heilpädagogische Kita. Jetzt geht er auf eine normale Grundschule – das war den Eltern wichtig. Der Schulstart glückte. Auch weil Stefan ein Schulbegleiter zur Seite steht. Er hilft dem Jungen in schwierigen Situationen und kann, wenn ein Wutanfall droht, mit ihm das Klassenzimmer verlassen – damit er den Unterricht nicht stört.

Kosten für Schulbegleiter im dreistelligen Millionenbereich

Bereits seit 2009 ist Deutschland laut UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Kinder mit Handicap möglichst die Regelschule besuchen können. Bayern setzt, um dieses Ziel zu erreichen, vor allem auf Schulbegleiter. Auch in Förderschulen kommen die Integrationshelfer zum Einsatz.

Die Zahl der Schulbegleiter stieg nach BSZ-Recherchen zuletzt rapide an. Die BSZ fragte etwa bei Bayerns Bezirken, die für die Genehmigung der Schulbegleitung von geistig oder körperlich behinderten Kindern zuständig sind, nach. Laut Bayerischem Bezirketag verdreifachte sich die Zahl aller Schüler, die Anspruch auf einen Begleiter haben, von 1496 im Jahr 2009 auf 4416 im Jahr 2018. An den Regelschulen verfünffachte sie sich im gleichen Zeitraum sogar – von 364 auf 1775 im vergangenen Jahr.

Massive Anstiege verzeichnen auch die kommunalen Jugendämter. Sie müssen den Schulbegleiter bezahlen, wenn ein Kind unter einer seelischen Behinderung leidet – oder ihm diese droht. Dem Bayerischen Landkreistag zufolge stieg die von sämtlichen Landkreisen im Freistaat bewilligte Zahl an Schulbegleitern in Regelschulen allein von 2015 bis 2017 um ein Drittel von 1424 auf gut 1900. Und auch in den kreisfreien Städten explodierten die Genehmigungen.

Schulbegleiter ist kein geschützter Beruf

In Nürnberg musste das Jugendamt Ende August 108 Integrationshelfer bezahlen. In nur fünf Jahren legte die Zahl der Schulhelfer dort um 163 Prozent zu. Die meisten arbeiten an Regelschulen. In München gab es 2018 mit 362 bereits 59 Prozent Schulbegleiter mehr als 2015. Andere Großstädte berichten Ähnliches. In Erlangen gab es eine Verzehnfachung seit 2011.

Die Kehrseite: Viele Kommunen ächzen über steigende Kosten. Allein in den Landkreisen schnellten diese von 2015 bis 2017 von 27,3 auf 40,8 Millionen Euro empor. In den Bezirken, die über die Umlage letztlich von den Städten und Gemeinden finanziert werden, stieg die für Integrationshelfer bewilligte Summe von 15 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 85 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Hinzu kommen hohe Millionenkosten in den kreisfreien Städten: Nürnberg musste im vergangenen Jahr gut drei Millionen Euro berappen. Es geht bayernweit um eine dreistellige Millionensumme, auf der die Kommunen sitzen bleiben. Dem Jugendamtsleiter des Landkreises Landsberg platzte 2018 deshalb der Kragen. Angesichts verdoppelter Ausgaben im Vergleich zum Vorjahr hatte seine Behörde als ein „Opfer der Inklusion“ bezeichnet.

Doch Schuld sind nicht die Eltern, die das Recht ihrer Kinder auf Bildungsteilhabe einfordern. Auch spart die schulische Inklusion dem Staat langfristig Geld, wenn ein Teil der Behinderten so den Sprung in den Arbeitsmarkt schafft, statt zum Sozialfall zu werden. Viele Lokalpolitiker und auch Bildungsexperten halten den Freistaat für den Hauptverantwortlichen der Misere. Ilona Deckwerth von der Bildungsgewerkschaft GEW poltert: „Die Kommunen sind die Nothelfer. Die Kosten werden auf sie umgelagert, und der Freistaat kann sagen: Wir haben ja genug Lehrer.“ Sie verweist darauf, dass es in manchen Ländern für Klassen mit Inklusionskindern mehr Lehrer oder extra Sonderpädagogen gibt. Gäbe es dies auch im Freistaat, wäre die Zahl der Schulbegleiter geringer, die Kosten für den Freistaat aber wären höher.

Bescheide der Jugendämter können viele Monate dauern

In der Praxis tun sich für Kinder, Eltern und Schulen noch ganz andere Probleme auf. Denn immer öfter gibt es bis zum Schulbeginn nicht ausreichend Integrationshelfer. Auch in diesem Jahr fehlen bayernweit noch zahlreiche Schulbegleiter. Allein in den Bezirken München, Ost-Oberbayern sowie Würzburg stehen etwa beim Malteser Hilfsdienst über 100 Kinder auf der Warteliste. Vereinzelt hat der Dienst nicht einmal für bereits bestehende Klienten genug Helfer. Und viele Vereine lassen Eltern gar nicht mehr auf die Warteliste. Auch die Meiers bekamen reihenweise Absagen, bis es klappte. Ohne Bescheid des Jugendamts fangen viele kleinere Dienste oft gar nicht an zu suchen – und die Bescheid-Erstellung dauert oft Monate.Zudem ist kaum kontrollierbar, nach welchen Kriterien kleine Vereine die Schulbegleiter vergeben. „Fehlt der Begleiter, ist dies natürlich ein immenses Problem für das Kind, aber auch für die ganze Klasse“, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

Da Schulbegleiter kein geschützer Beruf ist, haben viele Schulbegleiter keinerlei pädagogische Ausbildung. Oft verdienen sie gerade mal zehn bis 13 Euro pro Stunde, was den Mangel verschärft. Selbst wenn das Amt Profis bezahlen würde, findet sich auch wegen des leergefegten Pädagogen-Markts oft kein Kandidat. Nicht selten werfen Schulbegleiter unter dem Jahr das Handtuch. Und in Förderschulen sitzen mitunter bis zu sechs Kinder in einer Klasse.

Als Lösung fordern Lehrerverbände und die Grünen mehr Sonderpädagogen und Lehrer. „Dann wären weniger Begleiter nötig“, so Münchens Behindertenbeauftragter Oswald Lutz. Das Kultusministerium will zwar mehr Sonderpädagogen einstellen – doch das kann dauern. Die Zahl der Schulbegleiter steigt derweil weiter. (Tobias Lill)

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