Politik

Kaffee und Tee aus fairem Handel: Kommunen würden das gern öfter anbieten. Doch rechtliche Vorgaben schrecken ab. (Foto: getty/Bernine)

27.09.2019

Die Welt fairändern

Viele Kommunen setzen auf Nachhaltigkeit – doch das ist oft gar nicht einfach

Nachhaltiger Konsum liegt im Trend. Fair-Trade-Kaffee und -Schokolade: Wer solche Produkte kauft, hilft der Umwelt und den Produzenten vor Ort. Doch obwohl der Marktanteil fair gehandelter Waren in Deutschland wächst, ist er mit gerade mal einem Prozent noch immer erschreckend niedrig. Vor allem den öffentlichen Auftraggebern könnte hier eine Schlüsselrolle zukommen. Weil sie Vorbildcharakter besitzen. Und weil sie eine gewichtige Marktstellung haben: Ihr Beschaffungsvolumen macht etwa 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Etwa die Hälfte davon geht auf das Konto der Kommunen.

Erfreulich: In Bayern besinnen sich besonders viele Städte auf ihre ökosoziale Verantwortung. 166 sogenannte Fair-Trade-Towns gibt es hier – so viele wie in keinem anderen Bundesland. Die Organisation TransFair e.V., die auch für das blau-grün-schwarze Siegel zuständig ist, hat diesen Titel bislang an knapp 650 Kommunen in Deutschland vergeben. Mit dabei sind München, Nürnberg und Augsburg, aber auch kleinere Städte wie Neumarkt in der Oberpfalz.

Eine der Voraussetzungen für den Titel: Bei Stadtratssitzungen und im Bürgermeisterbüro werden fair gehandelter Kaffee, oft auch Tee oder Säfte ausgeschenkt. Ebenfalls in den Büros und Kantinen vieler bayerischer Fair-Trade-Towns angekommen: Zucker, Schokolade, Gebäck und Obst aus fairem Handel. Auch beliebt: fair hergestellte Bälle in Schulen und Natursteine im Bau.

Der Einkauf technischer Geräte und Textilien aber bereitet vielen Städten noch große Schwierigkeiten. Grund: Es mangelt oftmals an Angeboten und Nachweisen. Komplexe Herstellungsketten verhinderten Transparenz, heißt es etwa aus München. Fair gehandelte Arbeitskleidung gibt es dort deshalb noch nicht – trotz mehrmaliger Versuche, wie eine Sprecherin betont.

Kompliziertes Vergaberecht

Ein weiteres Problem in vielen Städten: die oftmals höheren Kosten für fair gehandelte Produkte. „In vielen Bereichen fehlt es noch an der notwendigen Sensibilität“, sagt Reiner Erben (Grüne), Umweltreferent der Stadt Augsburg. „Die versteckten Kosten eines vermeintlich geringeren Preises, die zulasten der Beschäftigten in den produzierenden Schwellenländern, der Umwelt oder des Klimas gehen, werden oft ignoriert.“ Auch von den Verbrauchern: In der Kantine des Regensburger Rathauses etwa wurden Fair-Trade-Produkte wieder aus dem Sortiment genommen – die Absatzzahlen waren zu gering.

Was auch abschreckt: Das komplizierte Vergaberecht. Neben dem Preis auch Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen sei so aufwendig, dass es für die Vergabestellen in den Kommunen schwer sei, Ausschreibungen selbst zu machen, erklärt das Vergabeamt Regensburg. Andere Behörden zögern, weil sie befürchten, sich rechtlich angreifbar zu machen, wenn sie von Bietern auch den Nachweis sozialer Standards verlangen.

„Die Angst ist groß“, bestätigt Frank Griesel, Sprecher von TransFair, einem gemeinnützigen Verein zur Förderung des fairen Handels. Mittlerweile gibt es einige Schulungsmöglichkeiten, auch TransFair bietet sie an. Tatsächlich ist der Einsatz von fair gehandelten Produkten kein rechtlich geregeltes Vergabekriterium. Wie ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums erklärt, könnten aber in allen Phasen eines Vergabeverfahrens „soziale und umweltbezogene Merkmale“ gefordert werden.

Dass der nachhaltige Einkauf mitunter viel Arbeit bedeutet, bestreitet auch Griesel von TransFair nicht. Als das Nürnberg-Stift, ein Eigenbetrieb der Stadt, 2016 seine 400 Angestellten in der Pflege mit fairer Arbeitskleidung ausstattete, war das ein langwieriger Prozess. „Durchhalten. Nachfragen. Notfalls noch einmal von vorne anfangen“, rät die damalige Nürnberger Projektleiterin deshalb.

Dass dies selbst für kleinere Städte möglich ist, zeigt die 40 000-Einwohner-Stadt Neumarkt in der Oberpfalz. Dort tragen nicht nur die Mitarbeiter des Bauhofs fair hergestellte Warnschutzkleidung. Die Stadt hat sogar ein eigenes Amt für Nachhaltigkeitsförderung. Acht Mitarbeiter kümmern sich dort um Themen wie Klimaschutz und fairen Einkauf. In einem Wettbewerb des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit wurde Neumarkt gerade der Titel „Hauptstadt des fairen Handels“ verliehen.

Neumarkts Oberbürgermeister Thomas Thumann (FW) hofft, mit seinem Engagement noch viele weitere Kommunen in Bayern zu mehr Nachhaltigkeit im Einkauf bewegen zu können. Schöner Nebeneffekt: Werden von Städten mehr faire Produkte nachgefragt, erhöht das aufgrund ihrer Marktstellung den Druck auf die Hersteller. Thumann ist überzeugt: „Gerade die Kommunen können zu einer besseren nachhaltigen Welt beitragen.“
(Angelika Kahl)

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