Politik

Wegen des Warnstreiks hatte die Lufthansa letzte Woche fast ihren kompletten Flugplan gestrichen. (Foto: dpa/Rumpenhorst)

05.08.2022

Eine Frage des Geldes

Das Chaos bei Flugreisen besteht weiter – die Gründe sind vielfältig, doch es gäbe durchaus Lösungen

Die Sonne brennt auf den Beton, vorm Bauch des Fliegers stapelt sich Gepäck, das reingewuchtet werden muss: Während rund 45 000 Reisende am vergangenen Wochenende fröhlich von Nürnberg aus in den Urlaub flogen und 346 000 in München starteten oder landeten, verrichtete das Personal in der Flugzeugabfertigung vor Ort Schwerstarbeit. Auch ihnen ist zu verdanken, dass sich das Reisechaos an bayerischen Flughäfen bislang in Grenzen hielt. Natürlich gab es Schlangen. Gelegentlich blieb auch ein Koffer liegen. „Aber ich hätte Schlimmeres erwartet“, so Ralf Krüger, Verdi-Vertrauensmann am Münchner Flughafen. Seine Leute hätten „angeschoben wie blöd“, um die Situation zu retten.

Vor allem aber profitierten die Reisenden davon, dass die Lufthansa im Sommer rund 3000 Flüge ab München und Frankfurt gestrichen hat, um das Gesamtsystem zu entlasten. Außerdem wurden an den Flughäfen Nürnberg und München Beschäftigte aus anderen Bereichen geschult, die als Summer Supporters dort aushelfen, wo es brennt.

Mehr Personal einzustellen gelang nur zum Teil. Gesucht werden händeringend noch immer Leute vor allem im Sicherheits- und Servicebereich, also Bodenstewards und -stewardessen und Check-in-Agents ebenso wie Flugzeugabfertiger*innen, Lader, Fahrer*innen und Luftsicherheitsassistent*innen. Vom Flughafen Memmingen ist zu erfahren, dass Vermittlungsangebote von der Agentur für Arbeit quasi nicht vorhanden seien. Man versuche, Arbeitskräfte von anderen Firmen abzuwerben oder im Ausland zu rekrutieren und stelle zunehmend auch Leute ohne Deutschkenntnisse ein.

Die Hoffnung, deutschlandweit eine große Zahl von Arbeitskräften aus der Türkei anzuwerben, wurde weitgehend enttäuscht. Zwar erteilte die Agentur für Arbeit eine pauschale Arbeitsgenehmigung. Statt der anvisierten 2000 werden laut Medienberichten ab Mitte August allerdings lediglich 250 neue Beschäftigte eintrudeln.

Urlaub nur noch für Wohlhabende? Gerecht ist das nicht

„Durch die rigide Befristung auf drei Monate und die realitätsferne Auflage, dass die Einreise nur erlaubt wird, wenn alle Genehmigungen, wie Visa und Zuverlässigkeitsüberprüfung, bis Ende Juli erteilt sind, reduziert sich die Zahl potenzieller Arbeitskräfte massiv“, kritisiert eine Sprecherin des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft BDL.

Der Arbeitskräftemangel besteht also weiter. Die Gründe sind komplex. Da ist zuoberst der „entfesselte Preiskampf“ der vergangenen Jahrzehnte, den der Wirtschaftssoziologe Erik Sparn-Wolf in einer Forschungsarbeit ausmacht. Die Passagierzahlen verdreifachten sich von 1991 bis 2019, ebenso das Frachtaufkommen. Es wurde privatisiert und outgesourct, der Niedriglohnsektor dehnte sich aus. 

Personal fehlte zwar schon vor der Pandemie. Aber als auf den Flughäfen nichts mehr lief, hagelte es Kündigungen, Arbeitskräfte wanderten in Scharen ab. Vor allem geringfügig Beschäftigte, die keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld hatten, kehrten dem Flughafen den Rücken. „Sie waren im Prinzip gezwungen, sich beruflich umzuorientieren“, erklärt ein Sprecher der Arbeitsagentur. „Nicht alle sind danach in ihre früheren Berufe zurückgekehrt.“ Verdi macht vor allem die schlechte Bezahlung und die widrigen Arbeitsbedingungen dafür verantwortlich, dass kaum einer noch Koffer aufladen will. Gerade konnten zwar in Tarifverhandlungen bessere Löhne durchgesetzt werden. Sie bewegen sich aber noch immer nur knapp über dem Mindestlohn.

Streiks drohen jetzt auch von den Pilot*innen. Diejenigen der Lufthansa fordern eine Gehaltserhöhung von 5,5 Prozent, so ein Sprecher der Vereinigung Cockpit. Zwar gelten Piloten und Pilotinnen als Vielverdiener. Der Realität entspricht das jedoch nur noch zum Teil. „Die Konditionen haben sich verschlechtert“, so ein Lufthansapilot. „Die Ausbildung ist teurer geworden, die Aussicht auf einen sicheren Job geringer.“ Große finanzielle Unterschiede bestehen zwischen langjährigen Pilot*innen mit gut dotierten Altverträgen und jüngeren Kolleg*innen. Übernahmen früher die Airlines die Kosten der Ausbildung, muss man heute selbst dafür aufkommen.

Hohe Ausbildungsschulden, verlängerte Dienste, verkürzte Erholungszeiten, befristete Verträge: Auch im Cockpit war früher alles besser. Vom coolen Traumberuf ist nicht mehr viel übrig. Und die Prognosen für die Zukunft sind nicht weniger düster. In der alternden Gesellschaft fehlen überall Arbeitskräfte.

Was die Situation verbessern könnte, so der BDL, wären strukturelle Reformen. Menschen aus Drittstaaten müssten leichter Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten, Zuverlässigkeits- und Sicherheitsüberprüfungen schneller werden. Biometrisch oder digital unterstützte Gesichtserkennung sollen in Zukunft Check-in, Boarding und Grenzkontrollen beschleunigen.

Klar ist: Fliegen wird teurer. Schon jetzt sind die Preise gestiegen – und das nicht nur des Krieges wegen. Die Kerosinpreise haben sich in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht, und Treibstoffkosten machen bis zu einem Drittel der Kosten einer Fluggesellschaft aus. Bis nachhaltig günstige Treibstoffe eingesetzt werden können, wird noch viel Zeit vergehen. Man könnte den Trend weg vom Billigticket gut finden. Schließlich wäre es für Umwelt und Klima insgesamt besser, es würde weniger geflogen. Aber gerecht ist es nicht, wenn nur fliegen kann, wer Geld hat. Die Schere zwischen Arm und Reich: Sie droht auch hier weiter aufzugehen. (Monika Goetsch)

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