Politik

Sie sind die vergessenen Opfer der Nazi-Barbarei. Foto: dpa

09.10.2019

Ermordete Behinderte: Opfer zweiter Klasse

Vor 80 Jahren begannen die Nazis mit der Ermordung von mehreren Hunderttausend Behinderten. Die Liste der Opfer reicht von missbildeten Babys, über Kinder mit Down Syndrom bis vom Krieg traumatisierten Front-Soldaten. Das Gas stammte von einem heutigen Weltkonzern. Viele Menschen wurden sterilisiert – die Regierung erkennt sie nicht als NS-Verfolgte an

Das Schreiben, das im Frühjahr 1939 in der Reichskanzlei des Führers einging, klang als schriebe da jemand über seine unheilbar kranke Katze. Doch der sächsische Vater forderte in dem Brief an den Führer nicht weniger, als sein behindertes Kind „einschläfern zu lassen“. Adolf Hitler kam die Bitte sehr gelegen. Für die Nazis waren Menschen mit Behinderung lebensunwerte „Mitesser“, die dem Volk auf der Tasche lagen. Der Diktator ermächtigte zu diesem Anlass den Leiter der Führerkanzlei, Philipp Bouhler, und seinen Leibarzt, Karl Brandt, das Kind zu töten und in ähnlichen Fällen genauso zu verfahren.

Dem Tod dieses Kindes sollten viele Morde folgen – erst brachten die Nazis Babys und Kleinkinder um, am Ende fielen dem im September und Oktober 1939 begonnenen Massenmord Hunderttausende Behinderte zum Opfer. Die Nazis nannten diese bis heute von weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit ignorierte Barbarei zynisch „Euthanasie“, was auf Altgriechisch „Sterbehilfe“ heißt.

Schreiben Hitlers vom Oktober wurde rückdatiert

Im katholischen Bayern gab es zwar in vielen kirchlichen Kliniken und Heimen Unmut über das Töten. Doch auch hier mordeten die Nazis ungestört – allein aus dem Raum Landshut wurden 118 Behinderte umgebracht. Leitende Mitarbeiter des Führers und der Gesundheitsabteilung des Innenministeriums planten zunächst die „Kindereuthanasie“, die mit einem streng vertraulichen Runderlass des Reichsinnenministeriums am 18. August 1939 begann. Die Landesregierungen wurden darin angewiesen, dass Hebammen und Ärzte missgebildete und behinderte Neugeborene den Amtsärzten melden müssten, die wiederum die Meldungen zu prüfen und an einen sogenannten Reichsausschuss weiterzuleiten hätten. Dieser hatte seinen Sitz in Berlin, Tiergarten 4. Deshalb wurden die „Euthanasie“-Tötungen unter dem Decknamen „T4“ geplant.

Im Oktober 1939 ermächtigte Hitler sie in einem Schreiben, "die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann". Das Schreiben wurde auf den 1. September 1939 rückdatiert und der Krieg somit als zusätzliche Begründung herangezogen.
Kurz darauf begann das Morden im Reichsgebiet. Nach und nach entstanden über 30 Kinderfachabteilungen an Heil- und Pflegeanstalten, in denen bis 1945 mehrere Tausend Kinder und Jugendliche von willfährigen Schergen des NS-Regimes – mit und ohne weißen Kittel – getötet wurden. Es dauerte nicht lange, bis die Kliniken aufgefordert wurden, auch erwachsene Behinderte zu melden.

Auch Autisten oder Traumatisierte getötet

Im Auftrag des Regimes erfassten Ärzte und Schwestern in Fragebögen etwa die Krankengeschichte, die Arbeitsfähigkeit und die Heilungsaussichten des Patienten. Ein Gutachter in Berlin prüfte die Bögen. Diejenigen Behinderten, die ermordet werden sollten, erhielten ein „+“-Zeichen auf dem Bogen eingetragen. Sie wurden dann in als Krankenanstalten deklarierte Tötungseinrichtungen verlegt, etwa nach Bernburg an der Saale. Dort wurden Kinder häufig per Giftspritze ermordet, die Erwachsenen in der Regel vergast.

Die T4-Verantwortlichen kannten keine Skrupel. Bei einem Versuch mit Menschen im Dezember 1939 oder Januar 1940 in Brandenburg verfolgten diverse Nazi-Funktionäre und Ärzte durch ein Guckloch in der Tür, wie die Opfer qualvoll erstickten. Das für die Morde notwendige Kohlenmonoxidgas lieferte die IG Farben, aus dem Krieg unter anderem der Weltkonzern BASF hervorging. Manchen Historikern gilt die Euthanasie als Testlauf für den späteren millionenfachen Judenmord. Innerhalb eines Jahres wurden im Rahmen des T4-Programms mindestens 70.000 Kranke und Menschen mit Behinderung umgebracht – Kinder mit Down Syndrom, Schizophrene oder Autisten waren unter den Opfern – aber auch psychisch traumatisierte Soldaten. Die Verbrechen sollten geheim bleiben. Die Nazis äscherten die Leichen ein, um Obduktionen zu verhindern.

Fehlende Anerkennung durch die Bundesregierung

Das Geheimhalten der Morde funktionierte jedoch nicht. So sprachen etwa die ständigen Fahrten von besetzten Bussen mit kaum einsehbaren Fenstern und der Rauch der Krematorien über den Anstalten für sich. Viele Menschen, die davon erfuhren, waren empört. Im August 1941 wurde das T4-Programm nach zunehmenden Protesten offiziell gestoppt. Kurz zuvor hatte ein Bischof an der Kanzel über das Verschwinden von immer mehr Deutschen gesprochen.

Die Morde hörten jedoch nicht auf. In einigen deutschen Anstalten starben Patienten an absichtlich herbeigeführtem Hunger und bewusster Überdosierung von Medikamenten. Zudem brachte die SS auch in den Konzentrationslagern psychisch Kranke und Schwerbehinderte um. Insgesamt töteten die Nazis nach Schätzungen 200.000 bis 300.000 Behinderte in Deutschland und den besetzten Gebieten – Opfervertreter gehen sogar von einer noch größeren Zahl aus.

Doch während an die Opfer des Holocaust zu Recht jedes Jahr ausführlich gedacht wird, wird der Massenmord an den Behinderten noch immer verdrängt. Am 80. Jahrestag des Mordbeschlusses vor zwei Wochen war fast nichts über das Thema zu lesen.

Dass der Bundestag die Euthanasiemorde unfassbar spät – nämlich erst vor zwei Jahren – in den Mittelpunkt einer Gedenkstunde stellte, sei unwürdig und peinlich, kritisiert Corinna Rüffer, behindertenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion: „Das zeigt deutlich, wie es um den Stellenwert dieser Opfergruppe im öffentlichen Gedenken bestellt ist.“

Die im Laufe des Euthanasieprogramms ermordeten oder misshandelten Behinderten wurden wie die Hunderttausenden ab 1933 von den Nazis sterilisierten Frauen bislang nicht förmlich als NS-Verfolgte anerkannt - ebenso wie die unfruchtbar gemachten Männer. „Dass so viele Menschen ohne staatliche Anerkennung gestorben sind, ist ein Skandal“, sagt Rüffer. Dieses jetzt nachzuholen, müsse „auch um deren Würde willen als Chance genutzt werden, die Gesellschaft inklusiver zu machen“. (Tobias Lill)

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Kommentare (2)

  1. Amy_Valens vor 6 Tagen
    Schlimm.... nicht zu fassen, dass Menschen mit Behinderung beim jährlichen Gefenken vergessen werden. Das muss sich ändern, es ist traurig, dass die Regierung das bewusst ignoriert. Behinderte sind doch keine Menschen 2. Klasse!
  2. SakulTalks vor 1 Woche
    Hallo ich bin Lukas Krämer und selber behindert ein sehr guter Artikel wir alle müssen uns noch mehr dafür einsetzen dass der unwürdige Zustand für Menschen mit Behinderung aufhört und das endlich Teilhabe möglich ist zum Beispiel Bildung auf eine normale Schule auch also geistiger behinderter ein normaler Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt und noch so viele Bereich wo wir etwas verändern müssen weil ich selber behindert bin mache ich selber auf YouTube darüber aufmerksam YouTube Name ist Sakultalks

    Was für Vorschläge habt ihr noch so oder Wünsche für die Inklusion der Wunsch sollte klar sein endlich Teilhabe alle Menschen mit Behinderung das sollte unser Ziel sein

    Mit freundliche Grüße Lukas Krämer

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