Politik

Ellen Amman hat maßgeblich den Hitlerputsch verhindert. (Foto: Katholischer Deutscher Frauenbund Landesverband Bayern e. V. /dpa)

30.06.2020

Frauenführerin und Hitlergegnerin

Ellen Amman hat einen Lebenslauf, der beim Aufzählen atemlos macht. Die sechsfache Mutter gründete den Katholischen Frauenbund Bayern, war Ordensfrau, Landtagsabgeordnete - und hat maßgeblich den Hitler-Putsch verhindert. Am 1. Juli wäre sie 150 Jahre alt geworden

Es gibt Menschen, bei denen man sich fragt, wo sie all die Energie hernehmen. Ellen Ammann gehört dazu. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert initiierte sie in München karitative Einrichtungen für Mädchen und Frauen, die heute noch bestehen. Die sechsfache Mutter gründete die Bahnhofsmission, eine Frauenschule, den Münchner und den Bayerischen Katholischen Frauenbund. Die zutiefst gläubige gebürtige Schwedin zog zudem 1919 als eine der ersten Frauen in den Landtag ein - und hatte 1923 maßgeblichen Anteil daran, dass der Hitler-Putsch scheiterte.

"Sie war die Schlüsselfigur, die diesen Putsch verhindert hat", urteilt Landeshistorikerin Barbara Kink. Doch Ammanns Rolle wurde in der Geschichtsschreibung über Jahrzehnte kaum beachtet. Dabei erschien schon unmittelbar nach Ammanns Tod 1932 eine erste Biografie - die die Nazis jedoch umgehend einstampfen ließen.

Geboren wurde Ellen Ammann, damals noch Sundström, am 1. Juli 1870 in Stockholm. Während sie eine Ausbildung der schwedischen Heilgymnastik - einem Vorläufer der Physiotherapie - machte, lernte sie den Münchner Orthopäden Ottmar Ammann kennen. Mit 20 Jahren folgte sie ihm als seine Ehefrau in die bayerische Landeshauptstadt, wo sie am Wechsel vom liberaleren und auch in Frauenfragen weit fortschrittlicherem Schweden nach München schwer zu knabbern hatte.

Zwar bekam sie - ganz traditionell - in rascher Folge sechs Kinder. Doch statt als "Frau Hofrat" nur den Salon zu führen, engagierte sie sich in karitativen Ehrenämtern. Zunächst gründete sie 1895 den Marianischen Mädchenschutzverein mit, der die vom Land in die Stadt strömenden, verarmten jungen Frauen vor den lauernden Fängen der Mädchenhändler und Zuhälter schützen wollte. Weil viele schon direkt am Bahnsteig in die falschen Hände gerieten, gründete Ammann bald darauf die erste katholische Bahnhofsmission in Deutschland mit.

Sie reiste zur Gründung des Deutschen Katholischen Frauenbundes nach Köln und gründete 1904 einen Münchner Zweigverein, "um zu verhindern, dass man die katholischen Frauen an protestantische und radikale Frauenrechtlerinnen verlieren könnte", wie ihre Biografin Adelheid Schmidt-Thomé berichtet. 1911 folgte die Gründung und der Vorsitz des Katholischen Frauenbundes in Bayern. 1914 erhielt sie für ihre tätige Nächstenliebe den Päpstlichen Orden Pro Ecclesia et Pontifice.

Ammann zog als eine der ersten Frauen ins Maximilianeum ein

Ammann war tief gläubig, und als Konvertitin tief katholisch. Obwohl den kirchlichen Werten ihrer Zeit durchaus verhaftet, kämpfte Ammann mit Nachdruck für bessere Lebensbedingungen von Frauen. Als Knackpunkt betrachtete sie die Bildung und das Recht auf bezahlte Arbeit. Deshalb baute sie eine "Soziale und caritative Frauenschule" auf, den Vorläufer der heutigen Katholischen Stiftungsfachhochschule München. "Das war ein großer Schritt", urteilt Biografin Schmidt-Thomé. Zwar sei Ammann "nicht die erste und nicht die einzige", die die Frauenbewegung vorangebracht habe. In Bayern aber nahm sie eine Vorreiterrolle ein. Den Historikern der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gilt sie daher als eine der bedeutendsten Frauenführerinnen ihrer Zeit.

"Sie hat extrem professionell ihre Arbeit gemacht. Sie war eine unglaublich fleißige Frau, und sie hatte einfach Power", lobt Kink. Im Januar 1919 - Frauen hatten erstmals das aktive wie passive Wahlrecht erhalten - zog Ammann als eine der ersten Frauen ins Maximilianeum ein. Anfang 1923 versuchte sie, beim Innenminister die Ausweisung Adolph Hitlers als "kriminellem Ausländer" zu erreichen, scheiterte aber. "Sie hat in ihren Schriften auch immer wieder gewarnt vor dem, was da kommt", schildert Historikerin Schmidt-Thomé.

Erfolgreich war Ammann, als sie am Abend des 8. November 1923 vom unmittelbar bevorstehenden Putsch Hitlers erfuhr: Sie alarmierte alle nicht involvierten Minister, versammelte sie in ihrer Frauenschule und verfrachtete sie nach Bamberg, von wo aus dann die Niederschlagung des Aufstands organisiert wurde. Der stellvertretende Ministerpräsident Franz Matt lobte die Abgeordnete der Bayerischen Volkspartei später in höchsten Tönen: "Die Kollegin Ammann hat damals mehr Mut bewiesen als manche Herren in Männerhosen."

Auch Hitler selbst hatte Ammanns Einsatz nicht vergessen. "Wenn sie nicht rechtzeitig gestorben wäre, wäre sie sicher dran gewesen", ist Schmidt-Thomé überzeugt. Am 23. November 1932, einige Wochen vor der Machtergreifung, starb Ammann an den Folgen eines Schlaganfalls, der sie wenige Minuten nach ihrer letzten Landtagsrede traf.

Selbst nach ihrem Tod setzte Ammann noch ein Ausrufezeichen. Ihr Mann, der sie in ihrem Engagement stark unterstützt hatte, fiel aus allen Wolken, als er seine Frau in Ordenstracht aufgebahrt sah. In aller Heimlichkeit hatte Ellen Ammann auch noch einen säkularen Orden gegründet, die Vereinigung Katholischer Diakoninnen. Auch er besteht bis heute fort: Als Säkularinstitut Ancillae Sanctae Ecclesiae.
(Elke Richter, dpa)

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