Politik

Einschulung: ein großer Tag für Kinder und Eltern. Nur – wann ist der richtige Zeitpunkt? (Foto: dpa/Jens Kalaene)

31.05.2019

Früher in die Grundschule – oder lieber später?

Bayerns Kultusministerium ermöglicht Eltern flexiblere Einschulungsmöglichkeiten für ihre Kinder – was bringt das wirklich?

Die Schultüte mag randvoll gefüllt sein mit Süßigkeiten: Der Übergang vom Kindergarten in die Schule ist dennoch keine Schleckerei, sondern ein Einschnitt, den zu bewältigen Kinder und Eltern einiges an Kraft kostet. So wächst man, gewinnt Selbstvertrauen – allerdings nur, wenn der Neuanfang gelingt.

Die neue Korridorlösung des Bayerischen Kultusministeriums ermöglicht es Eltern, ihre Kinder, die zwischen dem 1. Juli und dem 30. September sechs Jahre alt werden, auf unkompliziertem Weg zurückzustellen. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) erklärte, so den individuellen Entwicklungsstand jedes einzelnen Kindes bestmöglich zu berücksichtigen. Zudem werde die Entscheidungsfreiheit der Eltern gestärkt.

Wird die Reform zu hurtig umgesetzt?

Ein Mehr an Flexibilität und Freiheit – dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Was Kinder bereits können, wie weit sie entwickelt sind: Das unterscheidet sich in den frühen Jahren erheblich. Die große Zahl an Kindern, die keine deutschen Muttersprachler sind und die angestrebte Inklusion macht eine Klasse nicht homogener. Darauf muss reagiert werden – mit individualisierten Angeboten.

Und so kritisierte etwa der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband nicht die Einführung des Korridors, sondern lediglich das hohe Tempo der Umsetzung. Dass sich die Eltern bayerischer Korridorkinder in rund der Hälfte der Fälle dafür entschieden, ihre Kinder in der Kita zu lassen, nimmt nun allerdings die SPD zum Anlass, ein größeres Fass zu öffnen. Simone Strohmayr, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, macht den Leistungsdruck in der Grundschule und den Mangel an Hortplätzen für die Elternentscheidung verantwortlich.

Auch Sanna Pohlmann-Rother, Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität Würzburg, weiß: Beide Argumente fließen durchaus in die Entscheidung von Eltern ein. In ihren Studien hat Pohlmann-Rother allerdings noch andere und bedeutsamere Kriterien herausgefunden, die für Eltern an der Schwelle zur Einschulung ihres Kindes ausschlaggebend sind. Klar ist: Ganz leicht macht es der Korridor den Eltern nicht.

„Die Entscheidung für oder gegen die Einschulung eines Kindes ist von einer grundsätzlichen Unsicherheit begleitet“, sagt Pohlmann-Rother. Denn egal, wie gut man sein Kind kennt: Zu prognostizieren, wie es sich als Erstklässler verhält, ist schwierig. Wird es Interesse haben am Lernen? Kann es schon allein Bus fahren? Ist es selbstständig und durchsetzungsfähig genug, um auf dem Schulhof zu bestehen? Wie geht es mit Widerständen um, wie mit Frustrationen?

Dass mit den Kindern auch die Eltern (wieder) in die Schule kommen, ist ein gern zitierter Spruch. Tatsächlich krempelt die Einschulung den Familienalltag gehörig um. Wann man aufsteht, wie lange die Kinder betreut sind, ob zusätzliche Unterstützung beim Lernen nötig ist, wie Ferien überbrückt werden können: All das fordert die Organisationsfähigkeit einer Familie heraus. Während manche Eltern froh sind, dass die Schule nichts kostet, verzweifeln andere an schlechteren Betreuungszeiten.

Hinzu kommen Zukunftssorgen: Wurde im Kindergarten noch quasi nebenbei gelernt, soll dies in der Grundschule systematisiert geschehen. Nach und nach wird dort auch die Leistung bewertet. Mit den ersten Noten rückt die künftige Schulkarriere in den Blick. Und das ruft – gerade bei leistungsorientierten Eltern – Ängste hervor.

Dennoch: Solche Überlegungen sind für die meisten Eltern eher nebensächlich. Im Mittelpunkt steht, so die Studienergebnisse Pohlmann-Rothers, die Frage nach der Konzentrationsfähigkeit und den sozialen Fähigkeiten der Kinder. „Hinzu kommt das Interesse des Kindes an der Schule, seine Lernbereitschaft und Neugier auf schulbezogene Themen. Schulnahe Lernvoraussetzungen wie Buchstaben- und Zahlenkenntnisse werden dagegen von den Eltern als weniger wichtig angesehen.“'

Besonderes Gewicht haben für Eltern im Entscheidungsprozess die Aussagen der Erzieherinnen, weil diese das Kind in seinem Gruppenverhalten am besten kennen. Die künftigen Lehrer wiederum wissen zwar, was ihre Schüler können müssen, erhalten aber während der kurzen Einschulungsspiele nur einen groben Eindruck von deren Fähigkeiten. Pohlmann-Rother plädiert darum für eine intensivere Kooperation von Kita und Schule. „Leider geschieht dies noch nicht flächendeckend. Die Rahmenbedingungen fehlen.“ Noch dazu erschwert der Datenschutz den Lehrkräften, auf das Wissen von Erzieherinnen zurückzugreifen. „Dabei verfügen diese über wertvolle Informationen, die helfen können, Kinder entsprechend ihrer Lernvoraussetzungen zu fördern.“

Wunschtraum flexible Grundschule

Dass hierzulande Kindergarten und Grundschule verschiedenen Ministerien zugeordnet sind, spricht Bände. Im Ausland sind Vorschul- und Grundschulbereich viel enger verbunden. Das nimmt Druck aus der Einschulung. Und sorgt dafür, dass der Übergang zwischen beiden Institutionen weicher und damit kindgerechter verläuft.

Wenig aussagekräftig ist darum, ob Kinder als Siebenjährige (wie etwa in Schweden oder der Schweiz), Sechsjährige (wie in Dänemark und Frankreich) oder Fünfjährige (wie in Großbritannien und Irland) eingeschult werden. Entscheidend ist vielmehr, wie der Übergang gestaltet wird. Wichtig wäre ein Bildungskontinuum aus Kita und Schule. Und eine Schule, die der Verschiedenheit ihrer Schüler so weit wie möglich entgegenkommt.

Für Pohlmann-Rother gelingt dies am besten in der sogenannten flexiblen Grundschule. Dort können Kinder die ersten beiden Klassen in ein bis drei Jahren durchlaufen, ohne eine Klasse zu wiederholen oder – bei einer Verweildauer von nur einem Jahr – zu überspringen. Bereits 268 Schulen verwirklichen die flexible Grundschule in Bayern. Tendenz: steigend.
(Monika Goetsch)

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