Politik

„Zu sagen habe ich eigentlich nichts“: Franz Herzog von Bayern ist Oberhaupt der Familie, die in Bayern 738 Jahre lang den Ton angab. (Foto: Baur)

19.08.2016

"Ich bin nicht traurig, dass ich kein König bin"

Franz Herzog von Bayern über seine Rolle als Chef des Hauses Wittelsbach, mehr Transparenz seiner Familienfinanzen und seine Meinung zur Flüchtlingsfrage

Vor fast 100 Jahren wurde in Bayern die Republik ausgerufen. Seitdem hat das Königsgeschlecht der Wittelsbacher hierzulande nichts mehr zu sagen. Eigentlich. In Wirklichkeit residieren die Blaublütigen noch immer in Schlössern, werden jährlich mit Millionen versorgt und vom Volk verehrt. Fragen an Franz Herzog von Bayern, einen König ohne Thron.

BSZ: Königliche Hoheit, sind Sie eigentlich Republikaner?
Franz Herzog von Bayern Ich bin zumindest ein Verfechter der parlamentarischen Demokratie. Denn die hat unser Land über 60 Jahre in einer Weise geformt, für die wir nur dankbar sein können. Und die Staatsform ist prima so, wie sie jetzt ist. Natürlich gibt es auch Monarchien mit einer gut funktionierenden parlamentarischen Demokratie.

BSZ: Und Sie wären der König, wenn Bayern noch eine Monarchie wäre.
Herzog Franz: Das stimmt. Aber ich bin nicht traurig darüber, dass ich es nicht bin.

BSZ: In Max Frischs berühmtem Fragebogen gibt es eine Frage, die lautet: „Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.“ Was wäre Ihre Antwort?

Herzog Franz: Nein. Ich würde mich der Meinung der Mehrheit beugen – und trotzdem zu meiner Überzeugung stehen. Aber die Frage ist perfide, weil sie nicht realistisch ist. Gott sei Dank werde ich nie in diese Situation kommen.

BSZ: Sie sind 1933 geboren. Im Jahr von Hitlers Machtergreifung. Was sind Ihre ersten Kindheitserinnerungen?
Herzog Franz: Meine ersten Kindheitsjahre waren völlig friedlich. Wir haben in Wildbad Kreuth gewohnt, und da war es wunderschön. Dass es eine unruhige Zeit war, habe ich später dann zwar schon gespürt, aber Kinder erfassen Bedrohungen nicht so stark.

BSZ: Sie sind dann nach Ungarn, in die Heimat Ihrer Mutter, geflohen...
Herzog Franz: Ja, und zwar buchstäblich über Nacht. Ich hab damals aber nicht kapiert, dass das eine Flucht war. Wir sind halt weggefahren. Da hat man mehr darauf geachtet, dass der Kompass, den man geschenkt bekommen hat, mit ins Gepäck kommt. Eigentlich war das eher aufregend.

BSZ: Vor der Machtergreifung sollen die Nazis den Wittelsbachern ja durchaus Avancen gemacht haben...
Herzog Franz: Das glaube ich auch. Die Nationalsozialisten haben immer wieder versucht, die Familie einzubinden. Diese Annäherungsversuche hat aber mein Großvater, der Kronprinz Rupprecht, von Anfang an sehr schroff zurückgewiesen.

BSZ: Das heißt, Ihre Familie wurde nicht deshalb verfolgt, weil Sie die früheren Monarchen waren, sondern wegen der ablehnenden Haltung Ihres Großvaters den Nazis gegenüber?
Herzog Franz: Genau. Mein Großvater hat sicherlich früher als andere das Spiel der Nazis durchschaut. Und da er beliebt in der Bevölkerung war und als ehemaliger Generalfeldmarschall auch noch Einfluss ins Militär hinein hatte, war er eine potentielle Gefahr für die Nazis.

BSZ: 1944 wurden Sie und Ihre Familie von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager verschleppt. Insgesamt haben Sie dann noch neun Monate in Sachsenhausen, Flossenbürg und Dachau verbracht. Welche Bilder kommen da hoch, wenn Sie an diese Zeit denken?

Herzog Franz: Das war schon eine sehr bedrohliche Situation. Wir waren damals auf dem Land in Ungarn bei einem Onkel. Und da sind drei oder vier Männer aufgetaucht und haben uns gesagt, dass wir zurück nach Deutschland müssten. Sie haben uns zwölf Stunden gegeben, um einen kleinen Koffer zu packen. An dem, was die Eltern uns geraten haben einzupacken, habe ich schon gesehen, das das alles sehr ungewöhnlich war. Als wir dann ins Konzentrationslager kamen, war uns völlig klar, was das bedeutet.

BSZ: Und zwar?
Herzog Franz: Dass wir da lebend nicht mehr rauskommen werden. Das haben wir damals alle gedacht.

BSZ: Sie haben mal gesagt, Sie seien „Sonderhäftlinge“ gewesen. Wie kann man sich das vorstellen?
Herzog Franz: Die Nazis befürchteten offensichtlich, es könnte bekannt werden, dass wir inhaftiert sind. Wir bekamen andere Namen, und es wurde uns strengstens verboten, irgendjemandem gegenüber unsere richtigen Namen zu nennen. Wir waren die meiste Zeit völlig isoliert. Aber wir durften als Familie zusammenbleiben. Das hat uns letzten Endes sicher gerettet.

BSZ: Sie selbst nennen sich „Chef des Hauses Bayern“. Was bedeutet das?
Herzog Franz: Zu sagen habe ich eigentlich nichts. Ich kann nur versuchen zu überzeugen. Ich muss schauen, dass die Familie zusammenhält, dass Frieden herrscht. Und ich muss gerade auch der jungen Generation ein bisschen klarmachen, dass ein Titel nicht Glanz bedeutet, sondern nur dann Sinn hat, wenn man eine Aufgabe damit verbindet.

BSZ: Wie politisch darf oder muss ein Wittelsbacher dabei sein?
Herzog Franz: Wir sind Staatsbürger wie alle anderen, und ich finde, kein Bürger des Staates darf völlig apolitisch sein. Aber wir Wittelsbacher sollten uns aus parteipolitischen Bindungen heraushalten.

BSZ: Wenn ich Sie jetzt zum Beispiel fragen würde, wie Sie zur Flüchtlingsproblematik stehen ...
Herzog Franz: ...würde ich Ihnen dazu nichts sagen können. Aber nur deshalb, weil ich selbst ratlos bin. Uns allen zerreißt es das Herz, was mit diesen Menschen geschieht. Natürlich überlegt man sich, was man selbst tun kann. Natürlich wissen wir aber auch, dass wir nicht unbegrenzt alle Flüchtlinge bei uns aufnehmen können, dass dann irgendwann hier im Land auch Ängste entstehen würden, die in eine Ablehnung umschlagen könnten. Und wir wissen auch, dass wir alles tun müssen, damit den Menschen da, wo sie jetzt sind, in der Türkei, im Libanon, in Jordanien, in den Lagern, geholfen wird. Dazu sind wir auch als Christen verpflichtet.

BSZ: Wie erklären Sie es sich, dass die Bayern 1918 zwar die Monarchie abgeschafft haben, aber doch sehr freundlich mit den ehemals Herrschenden umgegangen sind?
Herzog Franz: Unsere Familie hat in Bayern immer hohes Ansehen gehabt. Das war sicherlich einer der Gründe. Ich glaube, es war Kurt Eisner, der gesagt hat: Wir haben die Revolution gegen die Monarchie gemacht und nicht gegen die Wittelsbacher. Der Staat hat sich damals auch bewusst gegen Enteignungen entschieden. Das hat nicht nur die Wittelsbacher betroffen, sondern sehr viele andere private Eigentümer auch.

BSZ: Aber bei Monarchen dürfte es besonders schwierig sein, zwischen Privat- und Staatseigentum zu unterscheiden.
Herzog Franz: Schwierig wurde das erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals hat König Max I. den Großteil seines Eigentums dem Staat übereignet, aber dafür die Erträge daraus für seine Familie beansprucht. Das war die sogenannte Zivilliste. So sind die privatrechtlichen Ansprüche entstanden. Man konnte aber nicht sagen, dieses Gut oder dieser Wald oder dieses Schloss hat einmal der Familie gehört und muss nun zurückgegeben werden. Man konnte nur die ungefähre Höhe des Anspruches schätzen.

BSZ: So kam es zum Wittelsbacher Ausgleichsfonds, einer 1923 eingerichteten Stiftung, deren Erträge Ihrer Familie zugute kommen.
Herzog Franz: Genau. Es ist allerdings nicht so, dass wir in irgendeiner Art alimentiert würden oder gar Geld vom Staat bekämen.

BSZ: Aber Sie sind doch durch diese Stiftung privilegiert.
Herzog Franz: Aber dann ist doch eigentlich jeder, der ein größeres Vermögen erbt, privilegiert. Ich verstehe unter einem Privileg etwas anderes.

BSZ: Die Regelungen des Ausgleichsfonds sehen auch besondere Wohn- und Jagdrechte für die Wittelsbacher vor. So dürfen Sie selbst etwa mietfrei in einer Wohnung im Schloss Nymphenburg wohnen.
Herzog Franz: Das ist sicher ungewöhnlich. Und ich habe auch durchaus Verständnis, wenn das der eine oder andere unzeitgemäß findet. Aber ein Privileg klingt für mich wie etwas, was einem aus Gunst verliehen wurde. In unserem Fall waren es aber rein privatrechtliche Ansprüche. Es wurden keine Vergünstigungen gewährt. Hätte man sich damals für eine rein finanzielle Entschädigung entschieden, würde heute vermutlich kein Hahn mehr danach krähen. Dann wäre das alles nur noch eine Frage des Erbrechts – wie bei anderen reichen Familien. Aber dann wäre beispielsweise auch der enorme Kunstbesitz meines Großvaters nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich, sondern würde früher oder später irgendwelchen Erbaufteilungen zum Opfer fallen. Diese Gemälde hat mein Großvater als Schenkung aus seinem Privatvermögen in den Fonds eingebracht, damit sie der Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

BSZ: Die Grünen haben nun größere Transparenz gefordert. Konkret soll der Oberste Rechnungshof den Ausgleichsfonds wieder regelmäßig prüfen. Wäre das auch in Ihrem Sinne?
Herzog Franz: Das berührt mich nicht wirklich. Dafür ist die Staatsregierung zuständig. Ich bin aber überzeugt davon, dass der Fonds vor einer Prüfung durch den ORH keine Angst zu haben bräuchte. In jedem Fall ist es gut, wenn es eine gewisse Transparenz gibt. Wir haben da keine Geheimnisse. (Interview: Dominik Baur)

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Kommentare (3)

  1. Miiich am 25.08.2016
    Bayern hat 1946 leider die Chance verpasst in der Verfassung ein eigenes Staatsoberhaupt vorzusehen.
    Es wäre wichtig gewesen für das staatliche Selbstbewußtsein Bayerns und die Waghrnehmung Bayerns als Staat im Volk. Zwar hätten die US-Besatzungsbehörden nie eine parlamentarische Monarchie mit einem König als repräsentatives Staatsoberhaupt zugelassen. Aber ich bin mir sicher, das bayerische Volk hätte mit überwältigender Mehrheit erst Kronprinz Rupprecht, dann den Erbprinzen Herzog Albrecht und nach dessen Tod Herzog Franz zum Staatspräsidenten gewählt.
    Sollte Bayern je den Schritt wagen und den "schottischen Weg" gehen, d.h. als ein vom Bund unabhängig gewordener Staat eigenes EU-Mitglied zu werden, wünschte ich mir bei der dann notwendigen Volksabstimmung auch bei der Frage des Staatsoberhauptes die Wahl zwischen König und Präsident. Diese Chance haben die Wittelsbacher redlich verdient, zumals Eisners Revolution eher ein erfolgreicher Putsch einer verschwindend geringen aber gut organisierten Minderheit war. Das Volk wurde hierzu nie befragt.
  2. Ein Oberpfälzer am 20.08.2016
    Dass Bayern irgendein Nachteil entstünde, wenn dieser gebildete und freundliche ältere Herr das repräsentative Staatsoberhaupt wäre, vermag ich beim besten Willen nicht zu erkennen ... !
  3. Immer Royalist am 20.08.2016
    Seine Königliche Hoheit ist sehr vorsichtig in seinen Antworten. Die Redaktion hat durch die Wahl der Überschrift eine gewisse Schlagseite in sie hineingelegt. Natürlich kann man verstehen, daß der Chef des Hauses Bayern froh ist, daß die Bürde der Königswürde nicht auf ihm lastet. Heute ist kein Monarch um seine Stellung zu beneiden - immer beobachtet, immer auf dem Präsentierteller, immer in der Kritik, egal ob ein Lolli falsch gelutscht wird oder ein Kleidungsstück angeblich eine politische Präferenz ausdrückt. Wer reißt sich um solche Positionen? Aber ein Monarch ist eben wichtig für die Mehrheit einer Staatsbevölkerung, weil er Tradition und Zukunft repräsentiert. Mir ist z. B. die Ansprache des belgischen König Philipp lieber als das Geschwafel unseres Bundes-Gaucks.
    https://coronanachrichten.wordpress.com/2016/07/21/ansprache-des-koenigs-der-belgier-zum-nationalfeiertag/

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