Politik

Markus Söder (links) mit Staatsrätin Karolina Gernbauer Staatskanzleichef Florian Herrmann sowie zwei weiteren Beamte bei der Videokonferenz des Katastrophenstab der Staatsregierung. (Foto: Peter Kneffel/dpa=

06.04.2020

Im Katastrophenmodus

Ein paar wenige Tische und eine große Videowand, mehr nicht: Ein schmuckloser Besprechungsraum im ersten Stock der Staatskanzlei ist derzeit die Zentrale des bayerischen Kampfs gegen das Coronavirus

Markus Söder und Florian Herrmann haben sie alle vor sich. Manche Köpfe etwas weiter weg und nur klein zu sehen, manche größer, in 16 Kacheln auf einer großen Videowand. Sämtliche Minister sind an diesem Nachmittag zur Videokonferenz zusammen geschaltet, wie so oft in diesen Wochen. Dazu alle Amtschefs der Ministerien. Die Spitze der gesamten Staatsverwaltung also ist hier virtuell versammelt, manche passen nicht mal mehr auf die Videowand. Und es geht nur um ein Thema: den Kampf gegen das Coronavirus.

Hier in diesem schmucklosen Besprechungsraum im ersten Stock der Staatskanzlei, drei Etagen unter dem Ministerpräsidenten-Büro, laufen inzwischen regelmäßig alle Fäden zusammen. Jeden Tag um 14.00 Uhr, wenn nötig auch sonntags, schaltet sich hier der Katastrophenstab der Staatsregierung zur Corona-Krise zur virtuellen Sitzung zusammen, unter Leitung von Staatskanzleichef Herrmann. Immer mit dabei ist auch Staatsrätin Karolina Gernbauer, Bayerns oberste Beamtin. Und zwar nicht immer, aber regelmäßig, kommt auch Söder selbst dazu. Mindestens immer dann, wenn wieder wichtige Entscheidungen anstehen.

"Wir sind ein Entscheidungsgremium", sagt Herrmann. Hier zeige sich, dass die gesamte Staatsregierung und -verwaltung nun mit vereinten Kräften zusammenarbeite. Sich auf kurzem Weg über die aktuelle Lage und alle relevanten Entwicklungen auf dem Laufenden halten und sofort alle nötigen Entscheidungen treffen - das sei Sinn und Zweck des Katastrophenstabs. "Das funktioniert alles sehr, sehr effizient", berichtet Herrmann. "Und im Katastrophenmodus muss ja auch alles nochmals deutlich schneller und zügiger funktionieren als sonst."

Der Herr der Zahlen: Andreas Zapf

Drei Wochen waren nun alle Schulen zu, jetzt sind Osterferien. Und seit dem 21. März gelten umfangreiche Ausgangsbeschränkungen. Läden abseits der Grundversorgung, Gaststätten, Theater, Kinos, Biergärten - alles ist dicht. Das öffentliche Leben im Freistaat ist, so hat es Söder immer wieder gesagt, "heruntergefahren" worden. Wann und wie es wieder "hochgefahren" werden kann, das weiß im Moment noch keiner.

Entscheidend dafür ist vor allem das, was der Herr der Zahlen, Andreas Zapf, mitzuteilen hat. Der Präsident des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit muss zu Beginn jeder Konferenz des Katastrophenstabs berichten, ob und wie sich die Situation in den zurückliegenden 24 Stunden verändert hat: Wie viele Neuinfektionen sind registriert worden - und wie viele Tote? Wie viele Genesene gibt es, die das Virus besiegt haben? Und vor allem natürlich: Wie schnell wächst die Zahl der Infektionen? Wird die Kurve flacher, wie alle hoffen? Verlängert sich die sogenannte Verdopplungszeit, in der sich die Zahl der Infizierten verdoppelt? Unter anderem daran lässt sich ablesen, ob all die Beschränkungen, Verbote und Auflagen Sinn machen.

Und ja, inzwischen wird die Verdopplungszeit größer. Vor den Schulschließungen am 16. März lag sie bei 2,5 Tagen, am Freitag waren es schon etwas mehr als sechs Tage. Das Virus breitet sich also nun langsamer aus. "Ermutigend", sagt Söder in der Videokonferenz des Katastrophenstabs - mahnt aber sogleich: "Jetzt nicht nachlassen!"

Und dann geht es auch schon in die Details. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) muss berichten, ob sich die Menschen in Bayern an die Ausgangsbeschränkungen halten. Dann sind Gesundheitsministerin Melanie Huml und Sozialministerin Carolina Trautner dran: Wie ist die Lage in den Krankenhäusern? Welche Maßnahmen müssen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen zusätzlich ergriffen werden, um das Ansteckungsrisiko dort zu minimieren? Und dann geht es, so berichtet Florian Herrmann, eigentlich in jeder Schalte ums Material: Wie viele neue Schutzmasken sind angekommen, wie werden diese verteilt? Wo gibt es Engpässe oder Probleme, die man lösen muss? Gernbauer berichtet zudem noch über die jüngste Schalte mit den anderen Bundesländern.

Plötzlich ist Aiwanger verschwunden

Söder hört sich alles sehr genau an - und verteilt dann direkt Arbeitsaufträge: Minister X soll umgehend dies vorbereiten, Minister Y bitte möglichst bald mit jenen Organisationen sprechen. Unzählige solcher Gespräche und Schalten macht der Ministerpräsident im Übrigen selbst, andere Florian Herrmann, andere die zuständigen Fachminister.

Sehr sachlich, sehr nüchtern und sehr konzentriert - so läuft jedenfalls auch diese Schalte des Katastrophenstabs. Aber natürlich gibt es auch Pannen, wie in vielen anderen Videokonferenzen irgendwo sonst in diesen Tagen auch. Melanie Huml beispielsweise kann zwar in die Kamera winken, zu hören ist sie in der Staatskanzlei aber nicht. Nach kurzer Zeit ist dann auch dieses kleine Problem gelöst.

Und dann ist da noch die Sache mit Hubert Aiwangers Kamera. Eben hat Söder seinen Wirtschaftsminister ausdrücklich für dessen Einsatz im Kampf für mehr Schutzmasken und anderes Material gelobt. Doch Aiwanger ist verschwunden. "Hubert, wie stellst du denn deine Kamera ein?", fragt Söder. "Hören tu ich dich immer, aber sehen will ich dich auch." Aiwanger, offenbar aus dem Auto zugeschaltet, hantiert etwas herum, bringt die Kamera in Position - und ist in seiner Kachel auf der Videowand für den Rest der Schalte formatfüllend zu sehen.

Doch nach diesem kurzen heiteren Moment geht es im Katastrophenstab wieder zur Sache. Ein Ende des Anti-Corona-Kampfs ist auch noch lange nicht in Sicht. "Das ist ein Marathon, den wir durchhalten müssen", sagt Herrmann. "Wir sind in einer dynamischen Lage, deren Ende aktuell nicht absehbar ist. Es kann niemand seriös sagen, wann das alles zu Ende sein wird." Man müsse die Situation ständig neu bewerten und die Maßnahmen anpassen. Das Ziel beschreibt er sehr klar: "Wir müssen unbedingt vermeiden, dass unser Gesundheitssystem das nicht mehr packt." Natürlich müssten die Einschränkungen für die Menschen verhältnismäßig sein, betont er. "Aber sie müssen so lange weitergehen, wie es aus wissenschaftlicher Sicht notwendig ist."
(Christoph Trost, dpa)

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