Politik

03.09.2020

Ist die Einführung einer Vier-Tage-Woche eine sinnvolle Idee?

Eine Vier-Tage-Woche könnte gerade in der Krise Arbeitsplätze sichern, darin sind sich Bayerns IG-Metall-Chef Johann Horn und der Wirtschaftsexperte Oliver Stettes einig. Doch bei der Frage eines Lohnausgleichs hört diese Einigkeit schnell auf

JA

Johann Horn, Bezirksleiter der IG Metall Bayern

Arbeitszeiten sind kein Schicksal, sondern ein Ergebnis von Verhandlungen und Vernunft. Im Jahr 1900 mussten unsere Vorfahren noch 60 Stunden in der Woche schuften. Es waren die Gewerkschaftsmitglieder, die Stück für Stück und schlussendlich 1995 in der Metall- und Elektroindustrie die 35-Stunden-Woche errangen.

Entgegen den Unkenrufen der Unternehmer ging die Wirtschaft davon nicht unter. Im Gegenteil: Die Produktivität stieg. Und kürzere Arbeitszeiten sorgten nicht nur für mehr Gesundheit, sie haben Arbeitsplätze gesichert und den Menschen mehr Freizeit gebracht.

Die 35-Stunden-Woche war eine Antwort auf die damals grassierende Arbeitslosigkeit. Heute stehen Beschäftigte und Unternehmen angesichts der Folgen der Corona-Krise und der zeitgleichen Transformation bei Produkten und Dienstleistungen wieder unter Druck. Und es gilt erneut, Kahlschläge zu verhindern.

Unternehmen brauchen die Beschäftigten dauerhaft an Bord, um nach der Krise mit deren Erfahrung durchstarten zu können. Das verlängerte Kurzarbeitergeld ist dafür ein Baustein für Sicherheit und Planbarkeit. Doch neben der Politik stehen auch die Betriebe in der Verantwortung, ihren Beitrag zu leisten und Beschäftigung verbindlich zu sichern.

Deshalb haben wir die Vier-Tage-Woche als mitbestimmte Option im Tarifvertrag vorgeschlagen. Bei weniger Arbeit muss es heißen: Stunden reduzieren, nicht Stellen! Klar ist aber auch: Diese Arbeitsplatzsicherung darf finanziell nicht nur zulasten der Beschäftigten gehen.

2018 haben die IG-Metall-Mitglieder nach großem Widerstand der Arbeitgeber eine Wahloption durchgesetzt: Beschäftigte können nun zwischen einem Extra beim Entgelt oder freien Tagen wählen. Derzeit erleben wir reihenweise Unternehmen, die ihren Beschäftigten am liebsten Freizeit „auszahlen“.

Die Vier-Tage-Woche ist also nur ein konsequenter, weiterer Schritt: für große wie kleine Unternehmen – und für die Familien und die Gesundheit von Beschäftigten.

NEIN

Oliver Stettes, Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt und Arbeitswelt beim Institut der deutschen Wirtschaft

Gegen eine Vier-Tage-Woche spricht zunächst nichts. Sie kann bei einer schwachen Auftragslage Arbeitsplätze sichern. VW hat es gezeigt und viele Unternehmen haben in der Finanzkrise 2008/2009 auf eine Arbeitszeitverkürzung gesetzt. Tarifverträge sehen in vielen Branchen die Option vor, derartige Bündnisse für Arbeit auf betrieblicher Ebene zu schließen. Und wo keine Tarifverträge zur Anwendung kommen, eröffnen individuelle Absprachen zwischen den einzelnen Beschäftigten und dem Unternehmen den Weg. So weit, so gut.

Doch ein ABER folgt und es hat einen Namen: Lohnausgleich. Ein „gewisser“ soll es sein – so die Vorstellung von Jörg Hofmann von der IG Metall. Das bedeutet jedoch nichts anderes als eine Erhöhung der Lohnstückkosten und damit eine preisliche Verschlechterung auf ohnehin angespannten Wettbewerbsmärkten. Beschäftigungssichernd ist das nicht. Ein staatlicher Ausgleich darf es sein – so die Linken-Vorsitzende Katja Kipping. Das kommt einer vom Steuerzahler subventionierten Freizeit gleich. Dass man damit massiv die Arbeitsanreize senkt, ist ja gewünscht. Dass bei einem Anziehen der Wirtschaft die Fachkräfteengpässe verschärft werden, zumal wenn mehr und mehr Baby-Boomer aus dem Berufsleben ausscheiden, scheint egal – negative Folgen für Staatshaushalt, Sozialversicherungen und Standortattraktivität inbegriffen.

Bleibt das Argument, mit einer Vier-Tage-Woche würde flächendeckend ein Produktivitätsschub ausgelöst. Was wir heute in fünf Tagen leisten, wäre auch in vier Tagen möglich – so die Vision. Erklären Sie das einmal denjenigen, die bereits heute über eine hohe Arbeitsverdichtung klagen. Oder einem Ladenbesitzer; er könne ja darauf hoffen, dass die Kunden vom Freitag auch am Donnerstag kommen. Dabei beobachten wir seit Jahrzehnten einen Rückgang des Produktivitätswachstums trotz allen technischen Fortschritts. Liegt das wirklich daran, dass wir noch fünf Tage arbeiten?

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