Politik

12.03.2020

Ist ein staatliches CO2-Label für Lebensmittel sinnvoll?

Warum ein Klimalabel? Knapp ein Fünftel der Klimabelastung eines Bürgers wird durchs Essen verursacht, sagt Uni-Professor Achim Spiller. Ein zusätzliches CO2-Siegel auf den Lebensmitteln stiftet nur Verwirrung, meint hingegen Benno Zierer (Freie Wähler).

JA

Von Achim Spiller, Professor für Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte an der Uni Göttingen

Warum ein Klimalabel? Knapp ein Fünftel der Klimabelastung eines Bürgers wird durchs Essen verursacht. Befragungen zeigen: Die Menschen haben kaum eine Vorstellung davon, welche Lebensmittel besonders klimaschädlich sind. Wir wissen aus Forschungsergebnissen, dass die Verbraucher häufig danebenliegen und zum Beispiel denken, dass die Plastikverpackung das Klimarelevanteste beim Essen wäre.

Aus Verbraucherstudien wissen wir, dass die meisten Menschen mit CO2-Äquivalenten in Kilogramm nicht viel anfangen können, der Wert ist zu abstrakt. Besser verständlich wäre ein mehrstufiges, farbliches Label ähnlich der Energiekennzeichnung bei Haushaltsgeräten.

Es könnten eigentlich alle Lebensmittel und auch ganze Gerichte in der Gastronomie gelabelt werden. Besonders einfach ist es bei verpackten Lebensmitteln, Fast Food und größeren Kantinen.

Die früheren Versuche in Frankreich und England waren daran gescheitert, dass man zu ambitioniert gestartet war. Man wollte die exakten Treibhausgasemissionen der verschiedenen Marken messen. Das ist aufwendig. Besser wäre es, mit Standardwerten zu beginnen, also die Durchschnittswerte von Milch, Nudeln, Reis und so fort auszuweisen. Diese Werte liegen vor. Später könnten dann engagierte Hersteller die Treibhausgasemissionen für ihre Marken messen und, wenn diese deutlich besser als der Durchschnitt sind, damit werben.

Erfahrungen mit Labels zeigen: Erstens wirken schlechte Bewertungen stärker beim Verbraucher als gute. Zweitens wird fast kein Hersteller seine problematischen Produkte freiwillig kennzeichnen. Daher führt mittelfristig kein Weg an einem verpflichtenden staatlichen Label vorbei.

Ein Label allein bringt nur einen begrenzten Beitrag. Nicht jeder Fleischfan wird sein Essverhalten verändern, nur weil die hohen Treibhausgasemissionen deutlich werden. Aber jeder Beitrag zählt, erst recht, weil die Kosten eines solchen Labels vergleichsweise niedrig sind.

 

NEIN

Von Benno Zierer, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler

Wir Freie Wähler sind der Auffassung, dass es schon jetzt eine hohe Anzahl sinnvoller Kennzeichnungen auf Lebensmitteln gibt – vielleicht zu viele. Denn schon vor vier Jahren empfanden drei Viertel der Befragten einer einschlägigen Studie des Bundesverbands Die Verbraucher Initiative e.V. die Vielzahl solcher Labels und Siegel als „verwirrend“. Demgegenüber erachtete nicht einmal die Hälfte der Befragten Produktsiegel als wichtig oder gar kaufentscheidend.

Unabhängig von der Relevanz würde ein zusätzliches CO2-Siegel nur Verwirrung stiften. Kennzeichnungen sollten generell so gestaltet sein, dass der Kunde einen Mehrwert erhält: in Form einer transparenten Kaufentscheidungshilfe. Das wäre beim CO2-Label nicht der Fall, zumal es äußerst aufwendig ist, den CO2-Fußabdruck eines Lebensmittels überhaupt zu errechnen.

Viel wichtiger sind uns Freien Wählern aufgeklärte Verbraucher. Als mündige Konsumenten sollten wir uns alle über Herstellung, Transport, Verarbeitung, Konsum und Entsorgung von Nahrungsmitteln genauestens informieren. Nur so lässt sich die Beeinflussung von Klima und Umwelt sicher abschätzen. Deshalb haben wir uns in der Koalition erfolgreich dafür eingesetzt, dass Alltagskompetenz in Form von Projektwochen Teil des Schulunterrichts wird. Hier lernen Kinder und Jugendliche bereits in der Schule, sinnvoll mit Lebensmitteln umzugehen. So können sie über ihr Kaufverhalten später als erwachsene Konsumenten gezielt Einfluss auf ihren eigenen CO2-Fußabdruck nehmen.

Die Erfahrung lehrt auch: Gut informierte Verbraucher greifen eher auf gesunde, regionale und nachhaltige Produkte zurück. Daher sehen wir es als überaus kritisch, dass die aktuelle Debatte über ein CO2-Label durch einen schwedischen Getränkehersteller mittels Petition hochgezogen wurde. Denn weder Klimawandel noch das Mittel der Petition sollten als Werbegag für Unternehmen herhalten müssen.

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Kommentare (1)

  1. So What am 16.03.2020
    Ich hätte gerne ein CO2-Label für Elektroautos, Windräder, Sonnenkollektoren, Wärmedämmverbundsystem und dgl. mehr.

    Vielleicht wird dann mal wieder weiter als vom Zwölfuhrläuten bis zur Mittagspause gedacht.

    Ich lasse mir doch nicht von irgendeinem Miesepeter auch noch mein Essen madig machen. Soll der doch Gras fressen aber obacht könnte Hundekacke drin sein!

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