Politik

Bis zu 70 Prozent der Nachrichten handeln von Corona – andere wichtige Themen fallen dadurch unter den Tisch. (Foto: dpa/Sascha Steinach)

06.11.2020

"Kritik an Corona-Maßnahmen muss möglich sein"

Medienwissenschaftler Michael Meyen über einseitige Berichterstattung, ausgedünnte Redaktionen und andere Probleme in Pandemiezeiten

Michael Meyen arbeitet seit 18 Jahren als Kommunikationsprofessor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Er wirft den Medien vor, mit der ständigen Berichterstattung über Corona einen politischen Handlungsdruck erzeugt zu haben und so für den zweiten Lockdown mitverantwortlich zu sein.

BSZ: Herr Meyen, sind die Medien schuld am zweiten Lockdown? Das diskutiert zum Beispiel der Bayerische Journalistenverband.
Michael Meyen: Grundsätzlich finde ich es gut, dass es diese Debatte gibt. Journalismus braucht Selbstreflexion – gerade bei so zentralen Themen. Meiner Meinung nach hat der Journalismus seinen Öffentlichkeitsauftrag beim Thema Corona nicht erfüllt. Stattdessen hat er eine Realität erschaffen, die Politiker für so real halten, dass sie die Welt komplett umgebaut haben.

BSZ: Wie meinen Sie das?
Meyen: Das Thema ist seit acht Monaten omnipräsent. Erste Studien zeigen, dass sich im März und April bis zu 70 Prozent der Nachrichten Corona gewidmet haben. Dadurch fallen andere gesellschaftliche Probleme weg. Auch andere Bedrohungen fallen weg. Andere Krankheiten, der Hunger auf der Welt, die Umwelt. Alles Dinge, die wir diskutieren müssen. Außerdem wurde nicht zwischen dem Virus und den Maßnahmen der Politik unterschieden. Es wirkt immer so, als seien Künstler, Wirte oder Sportvereine Opfer von Corona und nicht von politischen Entscheidungen. Dabei sind solche Entscheidungen nie alternativlos.

BSZ: Ihr Kollege Stephan Ruß-Mohl schrieb in einem viel beachteten Essay in der Süddeutschen Zeitung, insbesondere Leitmedien hätten mit ihrem „Corona-Overkill“ für „Angst und Schrecken“ gesorgt.
Meyen: Es war gut, diesen Text an so zentraler Stelle zu lesen. Wir wissen, dass Zahlen im Kampf um Aufmerksamkeit helfen. Jeder vierte Corona-Beitrag dreht sich um Zahlen. Ich sehe das ja an mir selbst: Morgens will ich wissen, wie viele positive PCR-Tests das RKI meldet. Das Problem: In den Nachrichten werden daraus oft „Infizierte“ oder „Corona-Fälle“. Und: Wir hören ständig absolute Zahlen, ohne jede Einordnung. Wie viele Tests gab es? Wer wurde getestet? Wie viele Menschen mit einem positiven Test werden tatsächlich krank? Viele wissen nicht, dass jeden Tag in Deutschland 2500 Menschen sterben oder jedes Jahr 20 000 an Krankenhauskeimen. Journalismus sollte das einordnen, um keine Angst zu schüren und keinen unnötigen Handlungsdruck zu erzeugen.

BSZ: Vielleicht fehlt den Kolleginnen und Kollegen dafür auch einfach die Zeit. Das Thema Corona ist komplex und gerade die Wissenschaftsressorts wurden in den letzten Jahren häufig ausgedünnt.
Meyen: Die Erfahrungen, die wir jetzt machen, sollten definitiv ein Anlass sein, über Journalismus nachzudenken. Wie wollen wir ihn haben und was wollen wir uns das kosten lassen? Viele Probleme entstehen, weil es in den Redaktionen an Ressourcen mangelt. In vielen großen Verlagen drohen Entlassungen, in öffentlich-rechtlichen Anstalten arbeiten feste Freie, die nicht wissen, ob sie morgen noch im Dienstplan stehen, und freie Printjournalisten leben oft an der Armutsgrenze. Da ist es schwer, öffentlich an offiziellen Quellen zu zweifeln. Gleichzeitig rüstet die Politik im Bereich PR auf. Wie soll der Journalismus so seiner Aufgabe als vierte Gewalt nachkommen? Durch Corona schwindet das Anzeigenaufkommen, das Zeitungssterben verstärkt sich. In Sachsen-Anhalt kommen beide Tageszeitungen mittlerweile aus einer Hand, von Bauer.

BSZ: Virologe Christian Drosten und SPD-Politiker Karl Lauterbach sind omnipräsente Gesichter der Corona-Krise. Virologe Hendrik Streeck und verschiedene Ärzteverbände waren gegen einen Lockdown – über sie wurde nur wenig berichtet.
Meyen: Journalismus muss alle Perspektiven liefern, damit wir uns selbst eine Meinung bilden können. Jeder kann sehen, dass das im Moment nicht passiert. Natürlich: Es gibt immer wieder Perlen, gerade im Regionaljournalismus. Auch das Video, das Heribert Prantl diese Woche zu den „Grenzen des Erträglichen“ und zu dem „Überbietungswettbewerb“ für die SZ gemacht hat, ist wichtig in Sachen Pluralismus. Das sind aber Ausnahmen. In der Regel werden Gegenstimmen in den Leitmedien ausgeblendet oder abgewertet.

"Medien können nur über das berichten, was von legitimen Kräften in der Politik diskutiert wird. Wenn im Parlament keine Gegenstimmen da sind, dann kann man nichts zitieren"

BSZ: Denken Sie dabei an Ministerpräsident Markus Söder (CSU), als er die FDP wegen ihrer Kritik an den Corona-Maßnahmen in einen Topf mit der AfD geworfen hat?
Meyen: Auch. Wobei ich den Journalismus etwas in Schutz nehmen muss. Die Forschung zum „Indexing“ zeigt, dass Medien nur über das berichten, was von legitimen Kräften in der Politik diskutiert wird. Wenn im Parlament keine Gegenstimmen da sind, dann kann man nichts zitieren. Die Opposition hat sich zu lange zurückgehalten.

BSZ: Im September gab es eine mediale Hetzjagd auf eine angebliche Superspreaderin aus Garmisch – zum Schluss stellte sich heraus, dass sie für keine einzige Corona-Infektion verantwortlich war. Wo sehen Sie weitere Defizite in der Berichterstattung?
Meyen: Es wird zu viel skandalisiert. Die Kamera reagiert sofort, wenn im Stadion eine Maske verrutscht oder dort zehn Menschen zusammensitzen wie im September bei Bayern gegen Schalke, obwohl das damals im Biergarten erlaubt war. Medien tragen so zur Spaltung der Gesellschaft bei. Sie machen Einzelne für die Ausbreitung von Corona verantwortlich. Menschen, die feiern oder aus dem Urlaub kommen, Menschen, die keine Maske tragen dürfen. Mich stört auch der Zeigefinger. Ich möchte nicht gesagt bekommen, was ich zu tun habe, sondern abwägen können und dann selbst eine Entscheidung treffen. Bei den großen August-Demos in Berlin hätte ich gern mehr über die Motive der Teilnehmer erfahren. Stattdessen ging es nur um Reichsbürger und Rechtsextremisten.

BSZ: Ist es denn nicht bedenklich, wenn Demokraten gemeinsame Sache mit Rechtsextremisten machen?
Meyen: Meine Mitarbeiter sagen, sie würden nie mit Nazis demonstrieren. Ich bin in der DDR groß geworden. Die Demos in Leipzig 1989 hätten keinen Erfolg gehabt, wenn dort gefragt worden wäre, wogegen die Menschen abgesehen von der SED-Politik noch sind. Auch wer sonst nicht auf einer Linie ist, kann gemeinsam gegen einen Missstand kämpfen.

BSZ: Kritiker werfen Ihnen vor, sich beim Thema Corona nicht auf Medienkritik zu beschränken, sondern ins Verschwörerische abzudriften.
Meyen: Sie spielen auf den SZ-Artikel vom Mai an. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Kritiker delegitimiert werden. Man reißt Zitate aus dem Zusammenhang und verdreht sie, man schreibt etwas von „fragwürdigen Thesen“ und wirft mir vor, einem „Verschwörungstheoretiker“ Interviews gegeben zu haben. Das erinnert an die sogenannte Kontaktschuld. Ich habe auf Unterlassung geklagt und in zwei Instanzen verloren. Für meine Reputation ist das nicht gut, an meinem Standpunkt hat das aber nichts geändert. Wir dürfen niemanden ausschließen. Das Gespräch ist die Seele der Demokratie.
(Interview: David Lohmann)

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